Weg mit der Wehrpflicht

Im Großen und Ganzen bin ich mit meiner Partei ziem­lich zufrie­den und ihre Inhalte sind auch die meinen. Recht so, ansons­ten wäre ich dort ja falsch. In puncto Wehrpflicht jedoch vertrete ich eine andere Ansicht. Im Hamburger Programm, dem aktu­el­len Grundsatzprogramm der SPD, steht auf auf S. 26:

Die gesell­schaft­li­che Verankerung und die Akzeptanz der Bundeswehr müssen erhal­ten bleiben. Die Fortentwicklung der Wehrpflicht ist hierfür ein Garant. Deshalb setzen wir uns für eine Stärkung der Freiwilligkeit beim Wehrdienst ein. Jeder Mensch hat das Recht, den Kriegsdienst aus Gewissensgründen zu verwei­gern.

Meine feste Überzeugung ist, dass die Bundeswehr inter­na­tio­nal gute Arbeit leistet und einen wesent­li­chen Anteil zur Friedenssicherung leistet, beson­ders in Afghanistan. Von mir wird man keine pauscha­len „Soldaten sind Mörder”-Sprüchlein hören: ich respek­tiere die Menschen, die für ihr Land ihr Leben riskie­ren. Die west­li­che Gesellschaft, zu der auch Deutschland gehört, muss, wenn der west­li­che Wertekanon nicht zur bloßen Worthülse verkom­men soll, ihrer Verantwortung in der Welt nach­kom­men. Dazu gehört natür­lich auch die Unterstützung der demo­kra­tisch gewähl­ten Regierung in Afghanistan.

Nur: die Wehrpflicht hat nichts mit der gesell­schaft­li­chen Akzeptanz der Bundeswehr zu tun. Schon heute ist die Wehrgerechtigkeit nicht mehr gegeben, teil­weise wird nur die Hälfte eines Jahrganges über­haupt zum Wehrdienst bzw. zum Zivildienst heran­ge­zo­gen.

Das SPD-Konzept der frei­wil­li­gen Wehrpflicht ist im Prinzip schon heute umge­setzt: wer den Dienst an der Waffe aus Gewissensgründen nicht leisten kann, hat die Möglichkeit, ihn ohne großen Aufwand zu verwei­gern und Zivildienst zu leisten.

Ich glaube jedoch, wir sollten uns von dem Prinzip Wehrpflicht und Bürger in Uniform verab­schie­den. Deutschland lebt in Europa, nicht zuletzt dank der euro­päi­schen Einigung und dank der Europäischen Union, unter Freunden. Unsere Großväter und Urgroßväter kannten Frankreich nur als Erbfeind, davon kann heute keine Rede mehr sein.

Deutschland muss seiner Verantwortung in der Welt gerecht werden. Dazu gehört es auch, Soldaten in ferne Regionen auf der Welt zu entsen­den, die viele Deutsche vermut­lich auf der Landkarte nicht einord­nen können.

Die Wehrpflicht ist ein Relikt aus der Zeit des Kalten Krieges, als die Gefahr eines Massenkrieges auf deut­schem Boden, die Gefahr eines Bruderkrieges gar, tatsäch­lich bestand. Die heutige Zeit verlangt jedoch andere Antworten: eine gut ausge­bil­dete Armee, eine Parlamentsarmee, die auf Terrorismus und andere Gefahren die rich­ti­gen Antworten geben kann.

Ein weite­rer Punkt spricht gegen die Wehrpflicht. Der Staat, der ja nichts anderes ist als die Summe der Bürgerinnen und Bürger, die in diesem Staat leben, hat nicht das Recht, von nur einem Teil der Bevölkerung effek­tiv ein Jahr ihres Lebens zu bean­spru­chen und sie zu Wehrdienst zu verord­nen — es sei denn, er wäre in seiner Existenz ständig bedroht, so wie Israel.

Zivildienst ist eine unsin­nige Verschwendung von Geld und Resourcen: entwe­der, man leistet hervor­ra­gende Arbeit, wie die vielen Zivildienstleistenden in Krankenhäusern — oder man wird eigent­lich nicht gebraucht und hat keine Chance, als unnütz rumzu­sit­zen und die Zeit mit unsin­ni­gen Aktivitäten totzu­schlgen. Viele Zivildienstleistende werden ausge­beu­tet und nehmen im schlimms­ten Fall regu­lä­ren Arbeitskräften die Arbeit weg: die Altenpflege sei hier als promi­nen­tes Beispiel genannt.

Für mich ist klar: die Wehrpflicht muss endlich abge­schafft werden. Mit der Formulierung im Hamburger Programm bin ich deshalb nicht einver­stan­den, auch wenn es ein erster Schritt in die rich­tige Richtung ist. Es gilt, dieses Konzept weiter­zu­ent­wi­ckeln, die Bundeswehr in eine profes­sio­nelle Parlamentsarmee umzu­for­men, die die Fackel der Freiheit auch in entle­gene Regionen in der Welt zu tragen vermag.

Über Christian Soeder

Christian Soeder ist Herausgeber von ROTSTEHTUNSGUT und besonders an netzpolitischen Zusammenhängen interessiert.

27 Replies to “Weg mit der Wehrpflicht”

  1. Das SPD-Konzept der frei­wil­li­gen Wehrpflicht ist im Prinzip schon heute umge­setzt: wer den Dienst an der Waffe aus Gewissensgründen nicht leisten kann, hat die Möglichkeit, ihn ohne großen Aufwand zu verwei­gern und Zivildienst zu leisten.

    Das stimmt nur fast.
    Wer den Dienst an der Waffe oder den Zuvieldienst nicht leisten will, hat die Möglichkeit, sich ohne großen Aufwand ausmus­tern zu lassen. Quoten von 42% Ausgemusterte spre­chen für sich. Man darf halt nicht gleich mit Nullbock-Stimmung kommen und damit den Terrier-Instinkt im KWEA-Mitarbeiter wecken. T3 und frei.

  2. Ich habe selbst erfah­ren, wie einfach es ist, sich ausmus­tern zu lassen. Es reicht eine leichte Krümmung im Rücken oder ähnli­ches, ich wurde fast ausgmus­tert, konnte das aber zum Glück verhin­dern, da ich den Zivildienst fest einge­plant habe.

    Ich teile deine Meinung, der Dienst an der Waffe ist ein nutz­lo­ses und völlig über­hol­tes Modell, eine gigan­ti­sche Geldverschwendung.
    Ich halte es aller­dings für eine gute Sache, die Jugend zu einem Jahr (oder 9 Monten) Arbeit für die Gesellschaft zu verpflich­ten. Ich habe den Zivildienst mehr oder weniger frei­wil­lig geleis­tet (ich hätte die Möglichkeit gehabt, mich ausmus­tern zu lassen) und habe viel draus mitge­nom­men. Außerdem ist er eine gute „Pause” zwischen schu­li­scher Bildung und Berufsbildung oder Studium.

    • Ich halte es aller­dings für eine gute Sache, die Jugend zu einem Jahr (oder 9 Monaten) Arbeit für die Gesellschaft zu verpflich­ten.

      Eine gute Sache für wen? Die Jugend oder die Gesellschaft?

      Was bringt es der Gesellschaft, wenn man den Industriemechaniker direkt nach Ende seiner drei­ein­halb Jahre Ausbildung von seinem selbst gewähl­ten Beruf unter der Androhung von Freiheitsstrafe für 9 Monate in ein völlig anderes Umfeld und einen völlig anderen Beruf zwingt?

      Was bringt es dem einzel­nen Schwerstbehinderten, wenn seine Betreuung haupt­säch­lich von zwangs­re­kru­tier­ten End-Teenagern durch­ge­führt wird, die zu allem Überfluß auch noch alle 7 Monate wech­seln?

      Was bringt es der Gesellschaft, wenn die Arbeitgeber der ZDL gewinn­ori­en­tiert wirt­schaf­ten und für den ZDL zwar fast nichts bezah­len, den Krankenkassen aber trotz­dem die vollen Sätze in Rechnung stellen?

      Ich habe den Zivildienst [..]geleis­tet [..] und habe viel draus mitge­nom­men. Außerdem ist er eine gute “Pause” zwischen schu­li­scher Bildung und Berufsbildung oder Studium.

      Bei solchen Sätzen könnte ich ehrlich in die Luft gehen. Es mag sein, dass es für Dich keine Einschränkung in der persön­li­chen Lebensplanung gewesen ist, es mag sein, dass das sogar für die über­wie­gende Mehrheit der Wehrpflichtigen (GWDL und ZDL) gilt. Daraus aber in verdreh­ter Kant’scher Manier zu folgern, es müsse für alle etwas posi­ti­ves sein halte ich für ziem­lich vermes­sen.

      Nehmen wir mal so Dinge wie Auslandsstudium (geht nicht wegen Wehrpflicht, wer weiss wann man einge­zo­gen wird, Genehmigungen, die Bundesrepublik zu verlas­sen erteilt das BMVg aus Prinzip nicht),
      nehmen wir so Dinge wie Arbeitsplatzverlust (der Ausbildungsvertrag läuft aus und die Firma beschäf­tigt im Zweifelsfall die weiter, die nicht inner­halb der nächs­ten 3 Jahre irgend­wann mal für 9 Monate ausfal­len und was völlig fach­frem­des machen),
      nehmen wir mal so Dinge wie Verdrängung von regu­lä­ren Arbeitsplätzen.…

      • „Eine gute Sache für wen? Die Jugend oder die Gesellschaft?”

        Für beide. Die Gesellschaft hat Vorteile durch die ZDL, der ZDL erföhrt posi­tive Effekte auf die Persöhnlichkeitsbildung.

        „Es mag sein, dass es für Dich keine Einschränkung in der persön­li­chen Lebensplanung gewesen ist, es mag sein, dass das sogar für die über­wie­gende Mehrheit der Wehrpflichtigen (GWDL und ZDL) gilt. Daraus aber in verdreh­ter Kant’scher Manier zu folgern, es müsse für alle etwas posi­ti­ves sein halte ich für ziem­lich vermes­sen.”

        Wenn die „Lebensplanung” darauf hinaus­läuft möglichst schnell möglichst viel zu errei­chen und der Gesellschaft auf dem Weg nach oben möglichst wenig zurück­zu­ge­ben hast du Recht. Man kann den Zivildienst aber auch als Zeit der Persöhnlichkeitsbildung und sozia­len Arbeit für die Gesellschaft begrei­fen, nicht als verlo­rene Zeit. Wenn ich deine Logik fort­führe sollten alle insti­tu­tio­na­li­sier­ten „Zwangsaufenthalte” (darun­ter die Schule und die Universität [falls man die Qualifikation benö­tigt]) auf dem Lebensweg auf frei­wil­li­ger Basis besucht werden sollen. Es könnte ja sein, dass nicht alle Menschen zB das zehnte Schuljahr für persön­lich gewinn­brin­gend erach­ten und es als „verlo­rene Zeit” betrach­ten.
        Genau in dem Sinne begreife ich auch den Zivildienst, der für mich in erster Linie eine Arbeit für die Gesellschaft ist, der man bis dahin schon viel zu verdan­ken hat. Und wenn man diese zeit­lich begrenzte soziale Arbeit für die Gesellschaft für so wichtig hält wie ich, dann fordert man auch, dass sie verpflich­tend wird und nicht bloß auf frei­wil­li­ger Basis verbleibt.

        @Christian:
        Es geht eben nicht darum, ob jemand es machen !möchte!. Ich bin über­zeugt davon, dass, wenn es das Abitur ohne Prüfung gäbe, auch die meisten dankend auf die Prüfungen verzich­ten würden, weil sie ja verschwen­dete Ressourcen bedeu­ten würden.
        Anderes Beispiel: Viele Menschen werden das jähr­li­che Steuerzahlen vermut­lich nicht als gewinn­brin­gende Investition betrach­ten. Einfach, weil die Vorteile (zB daraus bezahlte Infrastruktur, soziale Leistungen, die nur zeit­weise in Anspruch genom­men werden müssen) nicht perma­nent offen­sicht­lich sind. Trotzdem ist das Steuerzahlen selbst­ver­ständ­lich verpflich­tend. Auch für die Leute, die es persöhn­lich als Verschwendung ihres Geldes ansehen und denen der Nutzen viel­leicht erst klar wird wenn sie einmal eine teil­weise steu­er­fi­nan­zierte Rente erhal­ten.
        Ebenso werden viele Menschen den Nutzen, den der Zivildienst für die Gesellschaft und für sie selber bringt vermut­lich nicht oder erst im Nachhinein erken­nen. Solange ein sozia­les Jahr also frei­wil­lig ist werden sie es vermut­lich nicht antre­ten weil ihnen der Nutzen eben nicht klar ist.

        • Wie gesagt: ich sehe die Gefahr der Ausbeutung durch die freie Wirtschaft als durch­aus gegeben an, da das auch heute schon beim Zivildienst teil­weise passiert, und kann dem Konzept Pflicht-Arbeitsjahr aus diesem Grund nichts Positives abge­win­nen.

          Wenn ich gemein wäre, würde ich jetzt den Advocatus Diaboli spielen und fragen: warum eigent­lich nur ein Jahr? Warum nicht zwei oder drei? Aber ich bin ja nicht gemein. ;)

          • Du kannst ruhig gemein sein, denn ich kann dir eine Antwort geben: Es muss, wie in den meisten Feldern der Gesellschaft, eine Balance zwischen den eigenen Bedürfnisen und den Bedürfnisen der Gesellschaft gefun­den werden. Ist doch logisch. Und ohne mich näher damit beschäf­tigt zu haben denke ich, dass ein fünf­jäh­ri­ges sozia­les Jahr ein krasses Missverhältnis wäre wobei das genauer unter­sucht werden müsste.

            Der Arbeitsmarkt-Verdrängungseffekt ist zwar ein starkes Argument, aber der Zivildienst hat es sich schon jetzt in vielen Nischen „einge­rich­tet”, die aus der Sicht des reinen Profitdenkens nicht mehr tragbar sind, weil sie — nach den Regeln des Marktes — einen zu gerin­gen Lohn für ein norma­les Arbeitsverhältnis bringen würden. In solche Nischen zielen zB auch Ein-Euro-Jobs. Sie stellen Arbeit dar, die zwar notwen­dig ist, aber nach wirt­schaft­li­chen Kalkulationen nicht renta­bel ist. Dort sehe ich auch die Zukunft des sozia­len Jahres.

          • Das sehe ich anders. Es gibt Zivildienststellen, die völlig unnötig sind, die würden ohne Wehrpflicht dann auch wegfal­len, und es gibt Zivildienststellen, die sehr notwen­dig sind, die aber ebenso von einer regu­lä­ren Arbeitskraft und keiner Zwangsarbeitskraft wahr­ge­nom­men werden könnten.

            Ich kann dem Vorschlag einfach nichts Positives abge­win­nen.

          • … und es gibt Stellen, die benö­tigt werden oder zumin­dest von der Gesellschaft stark erwünscht werden, aber nicht regulär bezahl­bar sind. Zum Beispiel die, in der ich gear­bei­tet habe.

            Bleiben wir doch mal bei dem Vergleich mit Ein-Euro-Jobs. Bei ihrer Einführung waren die Stimmen, die Verdrängungseffekte anmahn­ten auch recht laut (und sind sie immer noch). Sie wurden trotz­dem einge­führt als ob das Argument der Verdrängung nichts wert wäre.

            Dann fasse ich zusam­men:
            Gegen Zivildienststellen spricht, dass sie entwe­der nicht sinn­voll sind oder dass sie, wenn sie denn doch sinn­voll wären, ebenso regulär bezahlt werden könnten, markt­wirt­schaft­lich also profi­ta­bel sind.
            Für Ein-Euro-Jobs spricht, dass sie sinn­voll sind, regulär aber nicht bezahlt werden könnten.
            Zivildienststellen und Ein-Euro-Jobs liegen oft auf dem glei­chen „Niveau” der absolut unqua­li­fi­zier­ten Arbeit. Wir haben hier also einen deut­li­chen Wiederspruch, merkst du das?

          • Sie stellen Arbeit dar, die zwar notwen­dig ist, aber nach wirt­schaft­li­chen Kalkulationen nicht renta­bel ist.

            Und warum nicht? Weil die Gesellschaft (der ja die ZDL Deiner Meinung nach dienen) nicht bereit ist, diese Stellen adäquat zu entloh­nen. Und dafür lässt man dann dieje­ni­gen „büssen”, die für diese gesell­schaft­li­che Entwicklung am aller­we­nigs­ten können.

            „Wir sind zwar der Meinung, dass diese Jobs wichtig sind, haben aber keinen Bock, dafür was zu bezah­len, aber zum Glück gibt’s ja die Zangsverpflichteten” eine schöne Gesellschaft, der man da dient in dem man ihr 9 Monate opfert.

          • Das ist doch nichts neues, dass es in der Gesellschaft Jobs gibt, die zwar wünschens­wert aber nicht bezahl­bar sind. Es gibt eben, zumeist nied­rigst­qua­li­fi­zierte Arbeit, die nur noch renta­bel ist wenn dafür ein Lohn bezahlt wird, der den Lebensunterhalt nicht sichern kann. Ohne die ganzen Zivis im Gesundheitssystem hätten wir doch eine drama­ti­sche Unterversorgung, denn diese ganzen Fahrer‑, Transport- und Boten-Stellen sind doch nach markt­wirt­schaft­li­chen Regeln höchs­tens bei einem Lohn von 2€ die Stunde (geschätzt, keine Gewähr) renta­bel.

        • Wenn die “Lebensplanung” darauf hinaus­läuft möglichst schnell möglichst viel zu errei­chen und der Gesellschaft auf dem Weg nach oben möglichst wenig zurück­zu­ge­ben hast du Recht.

          Das ist Deine Sichtweise. Irgendjemand hat entschie­den, dass es für die Gesellschaft und die männ­li­chen taug­li­chen Jugendlichen (das sind momen­tan ca. 24% eines Jahrgangs, die Frauen mitge­rech­net) gut ist, 9 Monate einen Zwangsdienst auszu­üben. Völlig egal, wie die Lebensplanung des einzel­nen aussieht.

          Genau in dem Sinne begreife ich auch den Zivildienst, der für mich in erster Linie eine Arbeit für die Gesellschaft ist

          Dieser Zwangsdienst ist kein Dienst an der Gesellschaft, es ist ein Dienst für die vielen ZDL-Arbeitgeber. Natürlich hat der ASB nicht gleich 2 haupt­amt­li­che Fahrer raus­ge­schmis­sen, als die ZDL kamen, aber man hat weitere Touren ange­bo­ten ohne neue einzu­stel­len und als der ein oder andere Hauptamtliche gekün­digt hat, wurden die Stellen nicht neube­setzt sondern man hat 2 neue Zivis ange­for­dert. Billiger für die Eltern von geistig Behinderten bzw. die Krankenkassen ist es nicht gewor­den. Die Aktionäre der Rhön-Klinikum AG haben eine etwas höhere Dividende bekom­men, weil man statt 50 Krankenschwestern 100 Zivis einge­stellt hat.

          Dienst an der Gesellschaft klingt immer so hehr. Aber worin besteht denn für die Gesellschaft der Nutzen? Leisten die 2,3 Millionen Beschäftigten im Gesundheits- und Pflegebereich einen Dienst an der Gesellschaft? Falls ja, warum dann nicht der kelnie Dorfladen, der dafür sorgt, dass die nichrt so mobilen Mitmenschen nicht in die nächste Stadt zum einkau­fen fahren müssen?

          • Um den Begriff „DIenst an der Gesellschaft” zu klären: Damit meine ich eine Tätigkeit, die der Gesellschaft nützt (darun­ter fällt natür­lich auch der Dorfkrämer und die Krankenschwester) aber nicht adequat bezahlt wird, nicht Lebensunterhaltssichernd ist, also nicht zum eigenen Lebensunterhalt geleis­tet wird sondern für die Gesellschaft.
            Über die Arbeitsmarktproblematik wurde hier schon disku­tiert, ohne Ergebnis.

          • Um den Begriff “DIenst an der Gesellschaft” zu klären: Damit meine ich eine Tätigkeit, die der Gesellschaft nützt (darun­ter fällt natür­lich auch der Dorfkrämer und die Krankenschwester) aber nicht adequat bezahlt wird,

            Warum wird er nicht adäquat bezahlt?
            Weil wir uns das nicht leisten können, oder weil wir es uns nicht leisten wollen?
            Und wer entschei­det, dass wir uns das nicht leisten wollen? Warum versucht man nicht die Einstellung derje­ni­gen zu ändern sondern gibt ihnen nach?

    • Ich sehe auch keinen Sinn in einem Pflicht-Arbeitsjahr. Wer das machen möchte, kann problem­los ein FSJ leisten (ich habe auch ein FSJ statt Wehrdienst gemacht), wer das nicht möchte, sollte es auch nicht tun müssen.

        • Selbstverständlich muss darauf geach­tet werden, dass der Zivildienst oder das soziale Jahr nicht zur Ausbeutung einla­den oder regu­läre Arbeitsplätze verdrän­gen. Ich sehe da nicht das Problem. Im Zuge der Agenda 2010 wurden zahl­rei­che Instrumente für gering­fü­gige Beschäftigungsverhältnisse einge­führt. Der Zivildienst (der im Prinzip vergleich­bar mit einer gering­fü­gi­gen Beschäftigung ist) hat damals schon lange bestan­den.

          • Der Zivildienst (der im Prinzip vergleich­bar mit einer gering­fü­gi­gen Beschäftigung ist)

            Die Stelle viel­leicht (wobei man, wenn man sich die diver­sen 1‑EUR-Jobs anschaut da durch­aus auch anderer Meinung sein kann), der Stelleninhaber aber ganz und gar nicht.
            Der 1‑EUR-Jobber, der nicht zur „Arbeit” kommt, verliert im Extremfall für kurze Zeit seinen Anspruch auf ALG-II (was für ihn sicher­lich auch sehr schlimm ist), der ZDL, der nicht zur Arbeit kommt wandert für 4 mal 14 Tage in die Einzelzelle des Wachhäuschens der nächs­ten Kaserne und tritt danach dann irgend­wann vor den Strafrichter.

          • Gebe dir voll­kom­men Recht. Ich habe auch niemals die Stelleninhaber vergli­chen sondern nur die Jobs, die diese ausfüh­ren.

  3. Zum Vergleich „1‑Euro-Jobs”/Pflichtarbeitsjahr:

    Schwer vermit­tel­bare Langzeitarbeitslose mit Jugendlichen zu verglei­chen ergibt keinen Sinn. Der Vergleich geht völlig fehl.

    • Nein, denn verdrehst den Vergleich: Es geht nicht um den Vergleich Ein-Euro-Jobber — Zivildienstleistender sondern um den Vergleich Arbeitsplatz des Ein-Euro-Jobbers — Arbeitsplatz des Zivildienstleistenden.
      Ich hoffe du hast diese wich­tige Unterscheidung nicht absicht­lich unter den Tisch fallen lassen.

      • Ich halte das einfach nicht für vergleich­bar. Das Ziel der „Ein-Euro-Jobs” ist ein völlig anderes: Arbeitslose sollen wieder für den Arbeitsmarkt „fit gemacht” werden. Ob das immer klappt oder ob das Instrument dafür das rich­tige ist, darüber kann man sich strei­ten, da bin ich mir auch nicht sicher, da ich mich hier einfach nicht genü­gend auskenne.

        Ehrlich, ich weiß nicht, was der Sinn eines Pflichtarbeitjahrs sein soll. Wer das Gefühl hat, das nach der Schule zu brau­chen, hat heute die Möglichkeit dazu — wer es nicht machen will, darf nach meinem Dafürhalten gerne direkt studie­ren oder arbei­ten.

        • Hmm, ich beende die Diskussion jetzt, denn auf beide Fragen die du zuletzt aufge­wor­fen hast habe ich bereits Antworten gegeben. Ich habe das Gefühl, wir drehen uns im Kreis und Verstehen uns auch nicht wirk­lich (was grade bei dem Vergleich Ein-Euro-Jobs — ZDL klar wurde).
          Was uns immer­hin eint ist die Tatsache, dass wir beide nicht mit der offi­zi­el­len SPD-Haltung über­ein­stim­men, wenn auch aus unter­schied­li­chen Gründen ;).

  4. Die Zahl der Quoting-Ebenen ist begrenzt, deswe­gen mach ich unten weiter.

    Ohne die ganzen Zivis im Gesundheitssystem hätten wir doch eine drama­ti­sche Unterversorgung,

    Das stimmt so nicht. Im Jahr 2005 hatten wir 65’000 ZDL-Stellen, das sind weniger als 3% der Beschäftigen im Gesundheits- und Pflegebereich, die zudem noch ganz unten auf der Qualifikationspyramide stehen. Dramatische Unterversorgung sieht in meinen Augen anders aus.
    Die Zahl der ZDL-Stellen hat sich seit Mitte der 90er übri­gens halbiert, wo siehst Du eine dadurch verur­sachte drama­ti­sche Unterversorgung und warum setzt Du Dich dann nicht dafür ein, dass diese Lücken mit Menschen geschlos­sen werden, die entspre­chende bezalht und moti­viert sind?

    Würde man alle 65’000 Stellen durch haupt­amt­li­che AN erset­zen, die Lohnkosten von 40’000 EUR pro Jahr verur­sa­chen (das wären dann so ca. 33’000 EUR brutto), dann käme das die Gesellschaft auf ca. 2,5 Milliarden EUR pro Jahr. Das ist weniger als 1% der Gesundheitsausgaben des Jahres 2006. Dafür hätte man als Kranker/Hilfsbedürftiger dann ein moti­vier­tes Gegenüber.

    Die Zahlen habe ich hier mal gerech­net.

    http://blog.markus-ritter.de/2008/12/30/die-maer-vom-zivildienst/

  5. Gute Recherche, mich über­zeuge deine Zahlen. Auch wenn es natür­lich nur ein grober Überblick sein kann. Zivildienstleistende leisten zB auch einen Beitrag zur Rentenfinanzierung, ich bin mir nicht sicher ob das bei der Rechnung berück­sich­tigt wurde. Außerdem ist es ja nicht ohne weite­res möglich, zwischen den einzel­nen Resorts (Arbeitslosenversicherung, Rentenversicherung, etc.) nach belie­ben Geld hin- und her zu schie­ben. Aber nun gut. Dann nehmen wir an, dass eine Umwandlung in regu­läre Stellen insge­samt knapp eine Milliarde pro Jahr kosten würde, die der Staat zusätz­lich von seinen Bürgern einsam­meln müsste. Das ist in der Tat vergleichs­weise wenig.
    Ich muss darüber noch nach­den­ken, aber es könnte gut sein, dass ich meine Meinung zur Arbeitsmarktneutralität ändere.
    Generell sehe ich Vollbeschäftigung bzw. eine nied­rige Arbeitslosenzahl aber auch nicht als das Ziel der Gesellschaft an. Vollzeitarbeit und Vollbeschäftigung sind meiner Meinung nach Auslaufmodelle, was das Argument der Arbeitsmarktneutralität für mich subjek­tiv weniger wichtig erschei­nen lässt, aber das ist ein anderes Thema.

    Das alles ändert frei­lich nichts daran, dass es auch nicht-wirt­schaft­li­che Argumente für oder gegen den Zivildienst gibt. Ich kenne eine Menge Zeitgenossen, denen ein Kontakt mit den schwä­che­ren Mitgliedern unserer Gesellschaft mal wirk­lich gut getan hätte. Viellicht hätte Herr Missfelder seine Ansichten zur Hüftgelenkversorgung der älteren Generation wesent­lich posi­ti­ver entwi­ckelt wenn er statt des Wehrdienstes Zivildienst im Altenheim gemacht hätte.
    Der Zivildienst kann als Dienst an der Gesellschaft und als Instrument zur posi­ti­ven Persöhnlichkeitsentwicklung betrach­tet werden. Die psycho­lo­gi­schen Effekte, die ein neun­mo­na­ti­ger Dienst im Auftrag der Gesellschaft hat sollten nicht unter­schätzt werden.
    Und das kann man leider nicht gleich­zei­tig effek­tiv und frei­wil­lig gestal­ten. Aber über diese Problematik wurde hier schon gestrit­ten.

    • Vorwort:

      Wir werden nicht zu einem gemein­sa­men Punkt kommen, aber ich fand die Diskussion mit Dir erfri­schend, es bringt ja nicht, sich immer gegen­sei­tig zur glei­chen Meinung zu gratu­lie­ren und auf die Schulter zu klopfen :-)

      Da es sich bei diesem Thema in Bezug auf mich aller­dings so verhält wie die Klingel zu Pawlows Hunden, möchte ich für even­tu­ell kommende Ausfälle meiner­seits um Entschuldigung bitten.

      /Vorwort

      Viellicht hätte Herr Missfelder seine Ansichten zur Hüftgelenkversorgung der älteren Generation wesent­lich posi­ti­ver entwi­ckelt wenn er statt des Wehrdienstes Zivildienst im Altenheim gemacht hätte.

      1. Das hätte es sicher gehabt wenn,
      2. sich der Herr Missfelder mit seinen Kontakten nicht einen locke­ren Büro-ZDL-Job gekrallt hätte und
      3. bei Mao war es wenigs­tens noch: bestrafe einen, erziehe hundert und nicht umge­kehrt.

      Die Wehrpflicht greift tief in die persön­li­che Freiheit des einzel­nen ein. Das ist system­im­ma­nent, denn wenn es keinen (poten­zi­el­len) Zwang gäbe, wäre sie eine Farce.

      Ich sehe einen grossen Unterschied zwischen der allge­mei­nen Schulpflicht (die ja so toll nicht sein kann, wenn sie pro Jahr 80’000 junge Menschen ohne Schulabschluss entlässt, das ist aber eine völlig anderes Thema) und der Wehrpflicht. Das kann ich aller­dings vermut­lich nicht so schrift­lich in Worte packen, dass am Ende das dasteht, was ich eigent­lich meine, von daher lass ich’s.

  6. Pingback: Lesenswert: Franziska Drohsel gegen allgemeine Dienstpflicht « Rot steht uns gut