Nur dumme Asoziale hassen Fremde? — Ansichten der selbstgefällig Bürgerlichen

Besorgter Bürger in Düsseldorf
Besorgter Bürger in Düsseldorf |Foto: Bündnis 90/Die Grünen
Ein Artikel über „Die neuen Asozialen” ist nun mehr­fach in meiner Facebook-Timeline geteilt worden — mit sehr proble­ma­ti­schen Thesen, wie ich finde: Kurz zusam­men­ge­fasst wird die Kernthese vertre­ten, der sich in Internetdiskussionen entla­dende Fremdenhass sei Folge einer Verblödung der Gesellschaft. Das ist keine neue Argumentation und wird in dieser oder anderen Formen immer wieder geäu­ßert. Meines Erachtens gibt es vier Kritikpunkte an diesem Artikel, der hier nur stell­ver­tre­tend betrach­tet werden soll. „Nur dumme Asoziale hassen Fremde? — Ansichten der selbst­ge­fäl­lig Bürgerlichen“ weiter­le­sen

Urbaner Wahlkampf und linke Stadtpolitik: Erfahrungen aus Mannheim

Mannheim hat einen neuen Bürgermeister gewählt. Für das linke Spektrum gibt es viel zu lernen, zudem steht die Stadt vor einer neuen Zeit. Eine subjek­tive Rückblende und eine noch subjek­ti­vere Vorschau.

Mannheim hat einen neuen Bürgermeister gewählt. Für das linke Spektrum gibt es viel zu lernen, zudem steht die Stadt vor einer neuen Zeit. Eine subjek­tive Rückblende und eine noch subjek­ti­vere Vorschau.

Die Quadratestadt gilt als rote Bastion im schwar­zen Südwesten. Für mich, der aus einer Region kommt, in der der Besitz eines CDU-Parteibuchs schon ausrei­chend für einen Wahlsieg ist, inter­es­san­tes Neuland. Sozialdemokratie hat hier seit Jahren Politik gemacht und muss dafür auch die Verantwortung tragen. Begleiterscheinungen sind hierbei auch verkrus­tete Strukturen, die fast überall dort vorhan­den sind, wo lange kein Regierungswechsel statt­fand. Gleichzeitig ist Mannheim eine Stadt, die aus poli­ti­schen Gründen vom bis 2011 konser­va­tiv regier­ten Land finan­zi­ell immer spär­lich ausge­stat­tet wurde.

In dieser Stadt regiert seit acht Jahren Peter Kurz. Seine poli­ti­sche Agenda ist eine Mischung aus klas­si­scher Sozial- und Industriepolitik auf der einen und eine spezi­elle Art von Stadtpolitik auf der anderen Seite. Für letz­tere gibt es noch keinen Begriff, ich werde sie im folgen­den Urbanpolitik nennen.

Trotz schlech­ter finan­zi­el­ler Ausstattung hat Kurz beacht­li­che Erfolge erreicht. Im sozia­len Bereich wurde beispiels­weise die Scbulabbrecher*innenquote von über 10 auf 3,8 Prozent gesenkt. Deutschlandweit wird inzwi­schen bei der Förderung benach­tei­lig­ter Kinder auf Mannheim geschaut. In der Stadtverwaltung wurden gezielt Menschen einge­stellt, die türkisch oder bulga­risch spre­chen. Das hilft Migrant*innnen, die nach Mannheim kommen und dabei viel Diskriminierung und Ausbeutung erfah­ren, sich zumin­dest um das Nötigste kümmern können.

Der über­durch­schnitt­lich guten Arbeit der Arbeitsagenturen hat die ARD einen Beitrag gewid­met. Darüber hinaus wurde der jahre­lange Produktionsabzug mit kluger Industriepolitik in der Metropolregion gestoppt. Kulturell wurden mit der Popakademie und dem Musikpark neue Wege gegan­gen, die sich vom übli­chen Fokus auf Theater und Oper unter­schei­den.

Bild: Hubert Berberich (HubiB)

Seit einigen Jahren ist ein bemer­kens­wer­ter Trend zu beob­ach­ten. Immer wieder erschei­nen Artikel in der natio­na­len und inter­na­tio­na­len Presse, die Mannheim als eine der am meisten aufstre­ben­den Städte titu­lie­ren. Ein Novum für eine Stadt, die mir vor meinem Zuzug noch als richtig häss­li­che Stadt beschrie­ben wurde.

Kurz’ Leistung hat dazu geführt, dass Linkspartei und Grüne nicht nur auf eigene Kandidat*innen verzich­tet haben, sondern als offi­zi­elle Unterstützer*innen aufge­tre­ten­auf­tra­ten. Kurz konnte das ökolo­gi­sche und auch ins linke Lager mobi­li­sie­ren. Kurz ist thema­tisch keine Sahra Wagenknecht – aber eben auch kein Sigmar Gabriel. Er hat es geschafft, das links-ökolo­gi­sche Lager zu einen.

Kurz’ Politik hatte nicht nur auf andere Parteien einen Effekt, sondern auch auf die eigene. Die, die sich inten­siv mit der Politik des Oberbürgermeisters ausein­an­der gesetzt hatten, sind unglaub­lich moti­viert in den Wahlkampf gezogen. Seit Jahren konnte man endlich mal wieder nicht nur für die weniger schlech­tere Alternative auf die Straße gehen, sondern für eine richtig gute sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Politik.

Dann begann der Wahlkampf zum ersten Wahlgang. Und mit ihm eine Strategie, die nicht nur im Detail, sondern von Grund auf falsch war. Kurz zusam­men­ge­fasst: Inhaltsleer und konser­va­tiv. Für mich uner­klär­lich: Man hat unglaub­li­che Erfolge, wich­tige Themen und eine klare Abgrenzung zu den poli­ti­schen Gegnern – aber man plaka­tiert Köpfe und Floskeln. Der Slogan „Verlässlich. Kompetent. Klar.“ beinhal­tet keine Eigenschaft, die sich andere nicht zuschrei­ben würde. Ungefähr so, wie wenn ich in meine Bewerbung schreibe, dass ich stets lösungs­ori­en­tiert und manch­mal viel­leicht ein biss­chen zu perfek­tio­nis­tisch bin.

Dazu kamen CDU-oran­gene Schrift und kein Parteilogo hinter schi­ckem Metallic-Look. Kein Wunder, dass einige Sozialdemokrat*innen, die kommu­nal weniger infor­miert waren, selbst dachten, Kurz sei ein eher konser­va­ti­ver Mensch der Mitte.

Während Peter Kurz Politik für Einkommensschwache, Menschen mit Migrationshintergrund und das libe­rale Bürger*innentum gemacht hat, machte er Wahlkampf für Konservative, die kaum von seiner Politik profi­tiert und Angst vor jegli­cher Veränderung haben.

Aus der Macht heraus hätte man eigent­lich perfekt Themen setzen können, die den Wahlkampf bestim­men. Stattdessen hat man das den anderen über­las­sen und hatte dann keinen Einfluss mehr darauf. Am deut­lichs­ten wurde das, als bei dem Diskussionsforum des Mannheimer Morgen nur über Bundesgartenschau, Sicherheit, Sauberkeit und Bundesgartenschau disku­tiert wurde. Diese Diskurshoheit konnte man sich nicht in Ansätzen zurück­ho­len.

Das wiegt beson­ders schwer, wenn man sich die Mannheimer Medienlandschaft anschaut. Mit dem Mannheimer Morgen beherrscht ein sehr konser­va­ti­ves Blatt die Meinungsbildung der Zeitungsleser*innen. Als einzige Alternative ist der Rheinneckarblog zu nennen, der zwar über die SPD sehr kritisch schreibt, aber als Unterstützer des Oberbürgermeisters gilt.

Allgemein wurde im ersten Wahlgang ein sehr konser­va­ti­ver Wahlkampf geführt, sowohl inhalt­lich als auch metho­disch. Gerade in Stadtteilen mit gerin­ger Wahlbeteiligung wurde viel zu viel Zeit durch tradi­tio­nelle Infostände am Marktplatz geop­fert. Hinzu kam eine gewisse Siegesgewissheit, sowohl auf Führungsebene als auch an der Basis. Niemand hat es offen formu­liert, aber eigent­lich alle, inklu­sive mir, haben einen Sieg im ersten Wahlgang erwar­tet.

Die aktive Unterstützung anderer Parteien war quasi nicht vorhan­den. Gerade für die Grünen und die Grüne Jugend, die sich in Baden-Württemberg auf dem Weg zur Volkspartei sehen, ist es beschä­mend, sich so passiv zu verhal­ten, wenn es um grund­le­gende Fragen in der Stadtgesellschaft geht.

Zwar wurde mit größe­rem Abstand die rela­tive Mehrheit gewon­nen. Ich denke aller­dings, man sollte ange­sichts der guten Agenda und des guten Kandidaten, der späten CDU-Kandidatur inklu­sive ausein­an­der­fal­len­der Partei und dem großen Unterstützungskreis von einer Niederlage spre­chen.

Meiner Ansicht nach ist die Analyse recht einfach. Man hat denen, die sich nicht auf Veranstaltungen infor­mie­ren durch das Auftreten im Stadtbild keine Gründe gegeben, Peter Kurz zu wählen. Man wollte Menschen gewin­nen, die man nicht haben kann und hat dabei die verlo­ren, für die man Politik gemacht hat.

Im Wahlkampf für den zweiten Wahlgang wurde vieles besser gemacht. Aus allen Ecken kam plötz­lich noch Unterstützung und Spenden, alte Ortsvereinsgräben wurden über­wun­den und Hausbesuche zentral orga­ni­siert. Ich selbst war an drei Tagen in der Neckarstadt unter­wegs und immer mit jemand aus einem anderen Ortsverein. Es war eine inter­es­sante Erfahrung.

Hausbesuche sind anstren­gend, schweiß­trei­bend und man sieht erschre­ckend viele nackte Menschen. Aber sie sind notwen­dig, um Mehrheiten für unsere Politik zu errei­chen. Ergänzt wurde dies durch andere nieder­schwel­lige Angebote. Einzelne haben hunderte Briefwahlformulare einge­trie­ben. Multilinguale und stadt­teil­spe­zi­fi­sche Flyer wurden entwor­fen und kaum ein Badegast ist Samstag vor der Wahl ohne Flyer und Wassereis nach Hause gegan­gen.

Leider wurde an einigen Stellen immer noch mit ange­zo­ge­ner Handbremse agiert. So waren die ursprüng­lich geplan­ten neuen Themenplakate das gleiche in orange. Liebe SPD, „Wirtschaft und Innovation fördern.“ ist kein Themenplakat. Man muss schon etwas aufschrei­ben, was andere nicht wollen. Interessanterweise wurden einige Plakate in einer Nacht- und Nebelaktion noch über­ar­bei­tet, nachdem man von den Themenplakate der CDU erschreckt wurde. Danke dafür!

Ob das zweite Wahlergebnis ein Erfolg ist oder nicht, ist umstrit­ten. Ich halte es für einen, da man vor allem Politik für Menschen ohne Wahlberechtigung oder gerin­ger Wahlbeteiligung gemacht hat. Es ist auch ein Wahlsieg über Menschen, die gene­rell Angst vor Veränderung haben und durch finan­zi­elle und Zeitressourcen über­pro­por­tio­nal viel Einfluss haben.

Für die SPD sollte es ein Weckruf sein. Ihr gehört die Stadt nicht, auch wenn das Einige meinen. Sie muss sich im urbanen Bereich metho­disch öffnen und sollte nicht dem konser­va­ti­ven Lager hinter­her­ren­nen. Konsequent muss auch für Einbürgerung einer­seits und ein Wahlrecht für alle gewor­ben werden. Auch wenn ich mich nicht für Nationalitäten inter­es­siere, der Staat tut es. Es ist eine Schande, wenn Menschen nicht über die Zukunft des Orts entschei­den können, an dem sie seit Jahren leben.

Zum Ende noch ein kleiner Ausblick auf die Urbanpolitik der kommen­den Jahre. In Mannheim wird seit ein paar Jahren ein Weg gegan­gen, der sehr an Benjamin Barbers Ideen erin­nert. Dieser stellt in seinem Buch „If Mayors ruled the World“ die These auf, dass Nationalstaaten schei­tern und Städte die globa­len Probleme lösen und lösen werden.

Als Mannheim vom Land kein Geld für die Sanierung der Schulen bekom­men hat, hat man die Schulen halt selbst saniert. Obwohl es kaum Anreize gibt, seine eigenen Emissionen zu senken, hat Mannheim seit einiger Zeit eine Klimaschutzagentur. Lokal Lösungen für globale Probleme finden, eine relativ offene Gesellschaft zu haben und an der Spitze einen Oberbürgermeister zu haben, der nicht verwal­tet, sondern auch Visionen hat: Mannheim scheint auf einem guten Weg zu sein.

Statement von Wolfgang Michal zum Carta-Konflikt

Wolfgang Michal hat an alle AutorInnen von Carta eine E-Mail geschrie­ben, in der er seine Sicht der Dinge im Carta-Konflikt schil­dert. Ich bringe den komplet­ten Brief an dieser Stelle unkom­men­tiert:

Liebe Autorinnen, liebe Autoren,

am 10. September hatte Tatjana Brode, die Vorsitzende des Vereins Carta e.V., einen Brief zum bevor­ste­hen­den Relaunch der Website carta.info an Sie geschrie­ben (er wurde mir vorher nicht zur Kenntnis gegeben und auch nicht an mich adres­siert). Am Tag darauf veröf­fent­lichte der Vereinsvorstand dann einen Brief an die lieben Leserinnen und Leser auf carta.info.

Wegen der in beiden Briefen enthal­te­nen Unwahrheiten sehe ich mich gezwun­gen, darauf zu antwor­ten und meine Sicht der Dinge darzu­le­gen.

Der Coup

Es geht im jetzi­gen Konflikt mitnich­ten nur um „Teile der Redaktion“, die mit dem Übernahmecoup durch den Förderverein nicht einver­stan­den waren. Die komplette Redaktion war damit nicht einver­stan­den. Und die Redaktion bestand bei Carta prak­tisch immer nur aus zwei Personen: Vera Bunse und mir.

Es geht auch nicht um einen inter­nen Kindergarten-Konflikt nach dem Motto: Der hat mir mein Schäufelchen wegge­nom­men! Bei Carta geht es um die Verteidigung der redak­tio­nel­len Unabhängigkeit, also darum, ob die Website carta.info weiter eine jour­na­lis­tisch ausge­rich­tete Plattform bleibt oder sich zu einem weit­ge­hend intrans­pa­ren­ten Projekt eines kleinen Berliner „Netzwerker“-Klüngels entwi­ckelt.

Für Letzteres gibt es Anzeichen. Anfang Juli legte mir der im Mai neu gewählte Carta-Vereinsvorstand einen neuen Redaktionsleiter-Vertrag für die Website vor, der in wesent­li­chen Punkten von meinem bishe­ri­gen Vertrag abwich. Ich sollte Veröffentlichungen auf Carta künftig mit allen Herausgebern und dem Fördervereins-Vorstand abstim­men. Darüber hinaus enthielt der Vertrag zahl­rei­che Aufgaben, die mit der Tätigkeit einer Redaktionsleitung nichts zu tun haben, etwa die Arbeit für den Förderverein und die Abtretung meiner Autorenrechte. Ich habe das nicht unter­schrie­ben.

Anfang September wurde ich dann mit der Berufung eines neuen Herausgebers durch den Förderverein (der gar nicht zustän­dig ist) konfron­tiert. Zuständig sind die Gesellschafter der Carta Unternehmergesellschaft (UG), die als Verlag im Impressum steht. Gesellschafter sind Tatjana Brode und ich. Bislang wurden alle wich­ti­gen Fragen einver­nehm­lich zwischen uns entschie­den.
Nach der putsch­ar­ti­gen Übernahme der Website durch den Förderverein am 11. September präsen­tierte sich der Verein dann auf der Website groß­spu­rig als „nicht­kom­mer­zi­el­les Netzwerk“.

Der Rechtsbruch

Das Vorgehen des Fördervereins-Vorstands ist ein doppel­ter Rechtsbruch.

Der Verein Carta e.V. wurde als Förderverein erst nach der UG gegrün­det. Er hat derzeit zehn Mitglieder. Zu den jähr­li­chen Treffen kommen viel­leicht vier oder fünf (die sich dann gegen­sei­tig in den Vorstand wählen). Laut Satzung hat der Verein den Zweck, „quali­ta­tiv hoch­wer­tige Publikationen im Internet“ sowie „einen offenen Meinungsaustausch“ und „das demo­kra­ti­sche Engagement“ der Bürger zu fördern. Er soll „Vortrags-, Diskussions- und Bildungsveranstaltungen“ durch­füh­ren. Von der Führung oder Herausgabe der Website carta.info ist nirgends die Rede. Obwohl der Carta e.V. also kein Trägerverein ist, behaup­tet der neue Vorstand dies unab­läs­sig und leitet aus dieser Selbst-Inthronisierung seine Entscheidungsbefugnisse ab.

Das ist rechts­wid­rig. Der Carta e.V. ist nicht berech­tigt, die inneren Angelegenheiten der Website zu regeln oder sich in Redaktionsfragen einzu­mi­schen. Logischerweise darf er dann auch vertrag­lich keine Zensurinstanz für sich bean­spru­chen.

Ich habe die Absurdität des Vorhabens jedem einzel­nen Mitglied des Vorstands gedul­dig darge­legt. Sie wollten es nicht einse­hen. Darunter litt die Carta-Redakteurin Vera Bunse, die gern mit mir weiter­ar­bei­ten wollte, aber aufgrund der mona­te­lan­gen Hängepartie prak­tisch Alleinredakteurin war. Die Mitglieder des Vereinsvorstands halfen ihr nicht. Dem Vorstand war die prekäre Situation egal. Er fuhr in Urlaub, ohne das drän­gende Problem zu lösen. (Vera Bunse hat das Ihrige dazu schon gesagt).

An dieser Stelle muss ich etwas Persönliches loswer­den: Ich habe seit der Gründung von Carta durch Robin Meyer-Lucht im Jahr 2008 viel für den publi­zis­ti­schen Erfolg des Portals getan, zunächst als regel­mä­ßi­ger Autor, ab 2010 auch als Redakteur und Herausgeber. Mit Ausnahme von neun Monaten in 20132014, in denen ich eine mini­male Aufwandsentschädigung erhielt (nicht vom Verein, sondern von der UG) habe ich von Carta nie einen Cent genom­men. Im Gegenteil, ich habe einge­zahlt: in Form von Geld und nicht vergü­te­ter Arbeit. Während dieser sechs Jahre habe ich rund 500 Beiträge für die Plattform geschrie­ben, mehr als jede/r andere. Auch in der Meistgelesen-Statistik muss ich mich nicht verste­cken. Dass ich vergan­gene Woche — heim­lich und ohne jede Begründung — ausge­sperrt wurde, hat mich zutiefst verletzt.

Was bei uns passiert, passiert überall

So weit der mutwil­lig herbei­ge­führte Konflikt. Wenn ich von persön­li­chen Animositäten absehe, die zur Eskalation beige­tra­gen haben mögen, stellt sich die Frage, ob man aus diesem Einzelkonflikt etwas über den gene­rel­len Entwicklungsstand der kleinen unab­hän­gi­gen Netzmedien heraus­le­sen kann. Ich denke, wir befin­den uns da in bester Gesellschaft:

1. Bedingt durch den Kapitalmangel sind kleine jour­na­lis­ti­sche Medien-Projekte im Netz oft hybride Angelegenheiten. Meist mischen nur wenige haupt­be­ruf­li­che Journalisten mit. Die Mehrzahl der Beteiligten kommt aus der Berater- und Projektentwicklerszene, aus Hochschul- oder priva­ten Instituten, aus der Internetwirtschaft, aus freien Berufen — insge­samt aus einer Dienstleistungsbranche, in der jour­na­lis­ti­sche Grundregeln nicht ganz so wichtig genom­men werden wie ‚gelernte’ Journalisten das erwar­ten. Der Widerspruch zwischen dem Wunsch der Journalisten, ein unab­hän­gi­ges Medium im Netz zu etablie­ren und den Interessen derje­ni­gen, die ein funk­tio­nie­ren­des (und legi­ti­mes) Netzwerk zur gegen­sei­ti­gen Förderung schaf­fen wollen, führt dann zwangs­läu­fig zu Zusammenstößen.

2. Oft ist die Entwicklungs-Dynamik von Internet-Projekten durch mangelnde physi­sche Begegnung stark redu­ziert. Vieles dauert zu lang, Missverständnisse häufen sich, die Gereiztheit steigt. Menschen, die irgendwo vor ihren Rechnern sitzen und sich nur hin und wieder direkt begeg­nen, entwi­ckeln auch wenig Verständnis für die unter­schied­li­chen Lebenswelten der anderen Projekt-Beteiligten. Insbesondere Medienmacher brau­chen den stän­di­gen Austausch in einer echten Redaktionsatmosphäre. Ist das nicht möglich, verhär­ten sich Animositäten, Vorurteile und Gerüchte schnel­ler zu Sprengsätzen als dies in realen Bürogemeinschaften der Fall ist. Telefon-Konferenzen und E-Mail-Auseinandersetzungen eska­lie­ren, weil das nonver­bale Verhalten der Gegenseite nicht sicht­bar ist und deshalb nicht Konflikt dämp­fend wirken kann. Kommen dann Arbeits- und Geldverteilungsprobleme hinzu, entste­hen häufig Kommunikationsblockaden (sprich: es tritt belei­dig­tes Schweigen ein). Es ist sicher kein Zufall, dass der Konflikt bei Carta zwischen den Berlinern auf der einen Seite (Tatjana Brode, Leonard Novy) und den in der Provinz Wohnenden auf der anderen Seite (Vera Bunse, Wolfgang Michal) entste­hen musste.

3. Ein weite­res Problem verschärft die beiden ersten. Verliert man im Lauf der Zeit das große Anfangsziel aus den Augen, spürt man die Mühen der Ebene. Das Projekt stagniert oder schwä­chelt. Selbstzweifel und Burnout-Gefühle tauchen auf. Ich habe dies in einem Carta-Beitrag unter dem Titel „Braucht es uns noch?“ im Februar beschrie­ben. In solchen Phasen sammeln sich die unter­schied­li­chen Interessengruppen eines Projekts um ihre (ideo­lo­gi­schen) Kristallisationskerne, iden­ti­fi­zie­ren Schuldige und fordern durch­grei­fende Richtungsentscheidungen, Neuaufstellungen, Relaunches, neue Konzepte, kurz: „Neustrukturierungen“. Es kommt dann zu Reibereien, Machtkämpfen und Richtungsentscheidungen. Bei Carta hat dieser Krisen-Prozess vor einem halben Jahr begon­nen.

Das Kapital von Carta

Der digi­tale Veränderungsprozess, den wir auf der Plattform Carta so gern (und manch­mal klug­schei­ßend) analy­sie­ren, rumort also auch im Projekt Carta selbst. Wir sind Teil des schmerz­haf­ten digi­ta­len Wandels und stehen nicht außer­halb oder gar über ihm. Das sollte uns bewusst sein, auch dann, wenn es das eigene Projekt zerreißt.

Das wollte ich, der Dienstälteste, noch denen mitge­ben, die Carta jetzt weiter­füh­ren möchten. In einem Projekt, das den jour­na­lis­ti­schen Anspruch nicht mehr so wichtig nimmt, ist die redak­tio­nelle Unabhängigkeit ein Störfaktor. Das ist nicht das, wofür ich ange­tre­ten bin.
Liebe Autorinnen und Autoren, ich schreibe Ihnen auf diesem unge­wöhn­li­chen Weg, weil ich bei Carta (durch Passwortänderung) ausge­sperrt bin. Ein Debattenportal, das die Auseinandersetzung anstrebt, sollte eine scharfe Diskussion nicht nur ertra­gen, es muss sie gera­dezu fördern. Ein Abrutschen in die Vereinsmeierei wäre das Ende. Ich glaube auch nicht, dass Sie, liebe Autorinnen und Autoren, in dieser Frage neutral bleiben können. Sie können nicht so tun, als ginge sie der Konflikt nichts an. Denn Sie waren und sind das Kapital von Carta, Ihre Beiträge bilden zusam­men genom­men den ideel­len ‚Trägerverein’ der Website. Unsere Aufgabe als Redaktion war es, Sie und Ihre leiden­schaft­li­che Argumentation möglichst gut zu präsen­tie­ren — ohne Rücksicht darauf, ob Ihre Meinung mit der unseren über­ein­stimmte.

Für das mir entge­gen­ge­brachte Vertrauen möchte ich mich bei Ihnen bedan­ken. Bleiben Sie aufmerk­sam und erschüt­ter­bar.

Herzlich
Ihr
Wolfgang Michal

Uns geht’s doch gut

„In Deutschland gibt es keine schwe­ren Probleme, uns geht es sehr sehr gut und deshalb gibt es keinen Bedarf, sich weiter­ge­hend mit Politik zu beschäf­ti­gen und sich zu enga­gie­ren.”

So kann man in der Mittelschicht denken. Die Unterschicht denkt leider zu ihrem Schaden auch so, die obere Oberschicht denkt leider zu unserem Schaden nicht so.

Prädikat Quotenfrau

Wie jetzt? Die Quote ist diskri­mi­nie­rend und das sei schlimm? Aber nicht doch! Die Quote ist diskri­mi­nie­rend und das ist auch richtig so. Als Quotenfrau an einen Vorstandsposten zu kommen, als Quotenfrau einem Mann vorge­zo­gen zu werden, als Quotenfrau einen Platz auf einem Podium zu beset­zen – das ist alles keine Schande.

Da sich der Verein PolitCamp leider aufge­löst hat und ich nicht weiß, wie lange die Webseite politcamp.org noch betrie­ben werden wird, habe ich diesen kurzen Artikel von mir aus dem Oktober 2011 hierher geret­tet — ich finde ihn nach wie vor gut und stehe nach wie vor dahin­ter.

Wie jetzt? Die Quote ist diskri­mi­nie­rend und das sei schlimm? Aber nicht doch! Die Quote ist diskri­mi­nie­rend und das ist auch richtig so. Als Quotenfrau an einen Vorstandsposten zu kommen, als Quotenfrau einem Mann vorge­zo­gen zu werden, als Quotenfrau einen Platz auf einem Podium zu beset­zen – das ist alles keine Schande. Im Gegenteil! Es ist nichts weniger als die Sichtbarmachung der Gesellschaft, in der wir leben, in der nämlich die recht­li­che Gleichstellung zwischen Mann und Frau erreicht ist, die aber viele versteckte Arten der Diskriminierung kennt, die den meisten Menschen noch nicht einmal bewusst sind. Kein Angriff, sondern eine lako­ni­sche Feststellung.

Frau muss in der Lage sein, damit umzu­ge­hen. Das heißt: sich selbst nicht beschä­men, dass man ja „nur“ Quotenfrau ist, sondern diesen als Negativbezeichnung gedach­ten Begriff als Auszeichnung vor sich als Banner tragen: „Ja, ich bin Quotenfrau, und das ist auch gut so.“ Warum auch nicht? Nur so geht es! Wir alle entkom­men nicht den Zwängen dieser Gesellschaft, sie zu verän­dern braucht es Zeit und mutige Menschen. Und ja, es gehört Mut dazu, einem Mann zu sagen: „Hey, Du bist viel­leicht sogar besser als ich, mir egal – denn ich bin hier die Quotenfrau.“ Das ist frech, das ist dreist – und es ist der einzig gang­bare Weg. Denn dieses Leben ist nun einmal nicht fair oder gerecht. Nur die Harten kommen in den Garten, so ist das nun einmal. Und sich selbst als Quotenfrau hinzu­stel­len, den Spott zu ertra­gen, die Häme, die in der Kaffeepause hinter dem eigenen Rücken ausge­schüt­tet wird – dazu muss man ganz schön hart sein.

Also, liebe Frauen: Quote, ja bitte! Quotenfrau, aber klar doch! Seid mutig, seid gierig, seid frech!

Die Mannschaft und die Gauchos

Ich bin kein Fußballfan. Ich gucke gerne mal ein Fußballspiel, aber im Großen und Ganzen ist das eine andere Welt für mich. Ich lebe sozu­sa­gen in einer nicht­fuß­bal­le­ri­schen Parallelgesellschaft. Viele Fußball-Rituale sind mir fremd, sie passen nicht zu mir und meinem Leben. Aber ich weiß, dass es sie gibt und dass sie zum Fußball dazu­ge­hö­ren. Dass man nicht wirk­lich den Bayern die Lederhosen auszie­hen will, obwohl man es laut­stark singt, und dass Werder Bremen nicht wirk­lich nach Fisch stinkt, ist auch einem Fußballagnostiker wie mir bekannt.

Profi-Fußball wird von großen Jungs gespielt. (Und von vielen kleinen und großen Jungs geguckt. Und von immer mehr Mädchen und Frauen. Gut so! Und ja, es gibt auch Frauen-Fußball — bislang hat dieser aber noch nicht auch nur annä­hernd die gleiche Breitenwirkung wie der Männer-Fußball.) Die meisten Profi-Fußballer verdie­nen in den wenigen Jahren ihrer Profi-Karriere mehr als ich in meinem ganzen Leben — aber das ist okay. Sie haben ein außer­ge­wöhn­li­ches Talent, das von sehr vielen Menschen nach­ge­fragt wird, die bereit sind, für das Spiel und das Drumherum viel Geld auszu­ge­ben. Ein solches Talent habe ich nicht. Damit kann ich gut umgehen. Es gibt nur wenige Intellektuelle im Fußball — wie soll das auch anders sein? Wenn man sein ganzes Leben lang nur für den Sport gelebt hat, bleibt der Geist eben auf der Strecke. Das ist nicht schlimm. In der arbeits­tei­li­gen moder­nen Gesellschaft geht das sogar noch besser als früher.

Schlimm wird es nur, wenn die Geisteseliten ihre Maßstäbe ihrer Welt an Profi-Fußballer anlegen. Dann kommt ein fürch­ter­li­cher Unsinn wie die Empörung über den Gaucho-Tanz der Nationalmannschaft vor dem Brandenburger Tor heraus.

http://youtu.be/1JtoMoHj9YM

Eine hoch­geis­tige, geschmack­volle Aktion? Nö.

Eher primi­tiv, albern und ein wenig pein­lich? Ja.

Passt diese Quatsch-Aktion zum Fußball? Aber klar doch.

Ist das ein Zeichen von Nationalismus, von Rassismus gar? Aber nein. Wer das behaup­tet, hat nun wirk­lich jegli­ches Maß verlo­ren.

Die Showeinlage, nichts anderes ist es doch, ist ein Zeichen von über­schäu­men­der Kraft und Übermut, sie zeugt vom unwahr­schein­li­chen Glücksgefühl des Sieges.

Denn wer kann sich schon vorstel­len, was in den Köpfen dieser jungen Männer vorgeht, die wissen, dass über eine Milliarde Menschen ihren Sieg über das Team Argentiniens, ihren Sieg über den gött­li­chen Messi verfolgt haben? Es ist wort­wört­lich unvor­stell­bar.

Die deut­sche Mannschaft ist eine gute Mannschaft. Es sind junge Männer, einige davon jünger als ich, wenige etwas älter, aber allen ist eines gemein­sam: Sie sind sich ihrer Verantwortung bewusst. Das haben sie das ganze Turnier hindurch bewie­sen. Sie haben ihre geschla­ge­nen Gegner getrös­tet und in den Arm genom­men. Waren nicht über­heb­lich, nicht borniert.

Bei der Siegesfeier haben sie ein wenig über die Stränge geschla­gen. Meine Güte! Die Augenbraue darf man da schon mal hoch­zie­hen, aber sie deshalb in Grund und Boden zu verdam­men zeugt von einer regel­rech­ten Kälte des Herzens. Auch in der Kritik soll man maßvoll sein.