Offener Brief: Charlotte Knobloch an den Abgeordneten Gerwald Claus-Brunner

In ihrem Brief erläu­tert die ehema­lige Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland dem jungen Abgeordneten der Piratenpartei die Symbolkraft des soge­nann­ten Palästinensertuches, und meint, ein solches Tuch sei in einem deut­schen Parlament fehl am Platz.

Fußnoten aus dem deut­schen Parlamentarismus

Sehr geehr­ter Herr Claus-Brunner,

zunächst darf ich Ihnen sehr herz­lich zu Ihrer Wahl ins Abgeordnetenhaus von Berlin gratu­lie­ren. Ich freue mich, dass mit Ihnen und Ihrer Partei eine Vielzahl an jungen Menschen in unserem Land beweist, dass die nach­fol­gen­den Generationen mitnich­ten poli­tik­ver­dros­sen sind. Seit Jahrzehnten ist es mir ein Anliegen, gerade junge Menschen für unsere frei­heit­li­che Demokratie zu begeis­tern und ihnen zu vermit­teln, dass unsere Republik von Zivilcourage lebt und davon, dass wir alle gemein­sam für unseren Staat Verantwortung über­neh­men.

Entsprechend erfreu­lich ist es also, dass mit Ihnen und Ihren Parteifreundinnen und -freun­den, viele neue junge Gesichter im Politikgeschehen zu sehen sind. Eines jedoch löst in mir Irritation aus. Mir erschließt sich nicht, warum ein kluger junger Mann wie Sie in der poli­ti­schen Öffentlichkeit bewusst ein soge­nann­tes Palästinensertuch trägt. Bei aller Sympathie für Ihren poli­ti­schen Protest, der sich durch­aus auch in der Kleidung arti­ku­lie­ren kann, scheint es, als sei Ihnen die beson­dere Bedeutung dieses Tuches nicht in letzter Konsequenz bewusst. Es handelt es hierbei nicht nur um ein Symbol der Befreiungsbewegungen in der Dritten Welt und der soli­da­ri­sie­ren­den west­li­chen Linken. Ein Palästinensertuch steht zugleich unmiss­ver­ständ­lich für Nationalismus, bewaff­ne­ten Kampf und Anti-Zionismus.

Bewusst oder unbe­wusst: Mit dem Tuch signa­li­siert sein Träger eine natio­nale, anti-jüdi­sche Gesinnung und Sympathie für Gewalttätigkeit im Kampf gegen die west­li­che Modernität. Ob Sie wollen oder nicht, solange Sie dieses Tuch tragen, bringen Sie damit auch Einverständnis und Unterstützung des Kampfes gegen Israel und die Juden zum Ausdruck.

Natürlich ist mir bewusst, dass das Tuch inzwi­schen Soldaten in Einsatzgebieten wie Afghanistan oder Irak als Sonnen- und Staubschutz dient. In jenen Ländern, wo es prak­tisch ist, liegt ja auch seine Herkunft. Dort ist es als funk­tio­na­les Kleidungsstück aller­dings auch erheb­lich ideo­lo­gie­är­mer. In der Bundesrepublik Deutschland jedoch, insbe­son­dere im nicht priva­ten Bereich und vor allem in deut­schen Parlamenten ist ein Palästinensertuch absolut fehl am Platz – es sei denn, man möchte die damit verbun­dene Botschaft bewusst unter­stüt­zen, was ich aller­dings in Ihrem Falle nicht annehme.

Deswegen möchte ich Sie bitten, sich im Internet über die Herkunft und die Symbolkraft des Palästinensertuchs zu infor­mie­ren, und dann frei zu entschei­den, ob Sie diese Ideologie befür­wor­ten und durch Ihr Auftreten unter­stüt­zen möchten – oder ob Sie Ihre demo­kra­tisch zuge­spro­che­nen Spielräume zuguns­ten einer offenen und libe­ra­len Gesellschaft nutzen wollen.

Ich habe keinen Zweifel, dass Sie eindeu­ti­gere und weniger miss­ver­ständ­li­che Accessoires finden werden, um Ihre poli­ti­sche Grundhaltung zu arti­ku­lie­ren.

Mit freund­li­chen Grüßen
Charlotte Knobloch

Quelle: ikg-m.de