Freiwilligkeit funktioniert nicht

In der Debatte um die Zukunft der Medien gibt es ja immer wieder die Idee von freiwl­li­gen Zahlungen, Freemium-Modellen und derglei­chen. Die taz hat jetzt unge­fähr ein Jahr expe­ri­men­tiert und im November eine Extra-Pseudo-Paywall einge­führt, Ergebnis:

Am 22. November haben wir auf taz.de die Pay-Wahl einge­führt. Damit fragen wir die NutzerInnen, ob sie frei­wil­lig für taz.de zahlen möchten, lieber nicht zahlen möchten oder dies schon in irgend­ei­ner Form tun. Es ist nicht neu, dass wir danach fragen, nur ist die jetzige Ansprache – mit einem großen Layer übern der Seite — um einiges offen­si­ver als die vorhe­rige, bei der seit April 2011 unter den Artikeln steht “Dieser Artikel ist mir was wert”.

Im November kamen 7.839,59 Euro über die frei­wil­li­gen Zahlungen auf unser Konto, das sind 3.860 Euro mehr als im Oktober. Nach einem extre­men Peak am 22.11. und 23.11 haben sich die Zahlungen auf einem erfreu­li­chem Level einge­pen­delt. Im Durchschnitt kommen täglich noch immer drei mal mehr Zahlungen mit etwa drei mal höheren Beträgen wie vor Einführung der Paywahl.

Tja. Davon kann viel­leicht ein 3-Leute-Blog auf start-up-mäßig prekär leben, aber eine Zeitung? 8000 Euro oder von mir aus auch 10.000 Euro im Monat — was soll man damit anfan­gen? Für eineN EinzelkämpferIn wäre das super, gar keine Frage. Aber eine Redaktion kann man damit nicht einmal ansatz­weise unter­hal­ten.

Freiwilligkeit scheint also nicht zu funk­tio­nie­ren. Ordentliche Abo-Modelle müssen her, wenn die Online-Medien über­le­ben wollen. Schon jetzt einschlä­gig ist der gute Artikel von Stephan Dörner.

(Ich halte auch das Modell der WELT nicht für effek­tiv. Wenn man eine Paywall baut, dann sollte sie auch funk­tio­nie­ren.)

Sieben Thesen zur Zukunft der Zeitung

Die Print-Tageszeitung umgibt ein mysti­sches Leuchten, eine Aura der Erhabenheit und der Richtigkeit. Was schwarz auf weiß in der Tageszeitung steht, ist erst einmal richtig. Und wenn es falsch ist, dann ist es nicht wirk­lich falsch. Sondern eher eine Ungenauigkeit.

Der Untergang von „Frankfurter Rundschau” und der „Finacial Times Deutschland” hat die Debatte zur Zukunft der Zeitung noch einmal neu entfacht.

Die Fragen sind:

  • Wie sieht die Zukunft der Tageszeitungen in Deutschland aus?
  • Welche Zeitungen können über­le­ben?
  • Wie können sie über­le­ben?
  • Müssen Zeitungen radikal umden­ken?
  • Sind Regionalzeitungen oder über­re­gio­nale Zeitungen in einer besse­ren Ausgangssituation?

Das Spannende am deut­schen Zeitungsmarkt ist, dass es hier nach wie vor eine große Vielfalt gibt. Von TAZ über SZ bis FAZ und WELT ist alles dabei. Und einige Regionalzeitungen haben eine größere Reichweiche als über­re­gio­nale, bspw. die Rheinische Post.

Und weil es ziem­lich schick ist, Thesen aufzu­stel­len, mache ich das auch.

Erste These:

Es gehört der Vergangenheit an, mehr als eine Zeitung im Abo zu haben. Man wird auf eine Hauszeitung setzen und den Rest indi­vi­du­ell zusam­men­stel­len.

Zweite These:

Tablets ändern alles. Schon heute hat jeder Fünfte in Deutschland ein Tablet. Das ist erst der Anfang. Tablets werden billi­ger und besser werden und werden mehr können, als wir uns das jetzt vorstel­len können. Die Geräte von heute werden in zwei Jahren wie Spielzeuge ausse­hen. (Siehe auch bei Nico.)

Dritte These:

In 5–6 Jahren wird es keine über­re­gio­na­len Print-Zeitungen mehr geben. FAZ, SZ und WELT/BILD werden den Markt unter sich aufge­teilt haben und nur noch als Digital-Abo auf dem Tablet erschei­nen.

Vierte These:

Lokalzeitungen haben noch einen großen Vorteil: sie haben Monopolstellungen vor Ort. Aber es fehlt an finan­zi­el­ler Power, einen Umstieg auf Digital-Abos zu leisten. Viele Lokalzeitungen werden pleite gehen, es wird zu erhöh­ter Medienkonzentration kommen.

Fünfte These:

Die Unübersichtlichkeit wird zuneh­men. Das wird den aner­kann­ten Marken die Möglichkeit geben, den Diskurs noch stärker als heute zu domi­nie­ren. NutzerInnen werden noch mehr als heute auf „ihre” Zeitung vertrauen.

Sechste These:

Überregionale Tageszeitungen, die nicht den Trend packen, werden verschwin­den. Die Zukunft gehört wenigen natio­na­len Zeitungen und vielen kleinen lokalen Medien.

Siebte These:

Sonntagszeitungen und Wochenmagazine werden noch stärker nach­ge­fragt werden und weiter­hin auf Papier erschei­nen.

Das Leistungsschutzrecht und seine Freunde

Wir Netzmenschen wissen es, das Leistungsschutzrecht für Presseverlage ist eine dumme Idee. Wie so oft hat Sascha Lobo einen der besten Hintergrundartikel geschrie­ben.

Aber warum ist das Leistungsschutzrecht für Presseverlage eine dumme Idee, warum kümmert uns das über­haupt? Kommen wir nicht fabel­haft mit unseren Blogs aus, warum reicht es uns nicht, über die dummen VerlegerInnen zu lachen?

Ich will gar nicht anfan­gen damit, zu argu­men­tie­ren, warum das Leistungsschutzrecht nicht funk­tio­nie­ren wird, ich werde nicht speku­lie­ren, was Google plant, ob Google dann die Verlage aus dem Google-Suchindex nimmt. (Das wäre in meinen Augen übri­gens ein Fall fürs Kartellamt, da Google in Deutschland ein Quasi-Monopol hat. Na gut, jetzt habe ich doch speku­liert.)

Es ist ja alles bekannt. Die meisten Verlage haben das Internet verpennt, haben Geld in „StudiVZ” und ähnli­che Kinkerlitzchen inves­tiert und nicht etwa in guten Journalismus. Die Verlage nutzen Google und wollen von Einträgen in der „robots.txt” nichts wissen, was rauf und runter von allen NetzaktivistInnen gluck­send vermerkt wird. Das ist ja auch okay, Schadenfreude ist erlaubt.

Aber trotz­dem.

Aber dennoch.

Aber, verdammt nochmal, es regt uns alle doch auf, dass die Verlage dieses kreuz­däm­li­che Leistungsschutzrecht durch­zie­hen wollen. (Von der Bundesregierung erwar­ten wir ja eh nichts mehr.) Dass sie sich von allen guten Argumenten nicht über­zeu­gen lassen wollen. Dass sie unsere Expertise, unsere Meinung, unser Wissen igno­rie­ren. Auch wenn es uns gar nichts betrifft, der neue Gesetzentwurf scheint ja BloggerInenn außen vor zu lassen.

Warum regt es uns so auf? Weil wir InternetbewohnerInnen gute Texte zu schät­zen wissen. Wir sind da gut protes­tan­tisch text­ver­haf­tet. Bilder finden wir zwar auch gut, beson­ders Katzenbilder, da sind wir katho­lisch, aber unser Schwerpunkt ist der Text. Plain Text. Und so oft wir uns auch über Zeitungen und ihre immer­glei­chen „dpa”-Meldungen lustig machen, so oft verlin­ken wir doch gute Texte, die neue Blickwinkel aufzei­gen. Die gut recher­chiert sind. In die viel Arbeit, viel Schweiß, viele Tränen geflos­sen sind. Die mit Herzblut geschrie­ben wurden. Die gibt es auch in Blogs, natür­lich. Gar keine Frage. Aber die meisten Blogs sind Hobby, wir brau­chen aber ständig neuen Nachschub an guten Texten. Wir sind Nachrichtenjunkies, immer auf der Suche nach dem nächs­ten Reportagenkick, nach sprit­zi­ger Meinung und fein servier­ter Glosse.

Insgeheim wissen wir nämlich alle, dass guter Journalismus eine ordent­li­che Redaktion benö­tigt, mit gut bezahl­ten RedakteurInnen, die sich keine Sorgen um Abmahnungen machen müssen. Meinungsfreiheit ohne gute Zeitungen ist ein leeres Wort.

Wir lieben Zeitungen, wir wollen sie verlin­ken, wir wollen sie zitie­ren, wir wollen nicht ohne sie sein. Wir wollen uns über sie aufre­gen, wir wollen sie loben. Wir wollen auch für sie bezah­len! Aber wir sind nicht dumm. Wir zahlen nicht zwei Euro für einen Einzelartikel, keine 200 Cent für ein paar Kilobyte.

Würden wir gemein­sam mit Zeitungen dafür kämpfen, dass ordent­li­che unab­hän­gige (öffent­lich-recht­li­che) Stiftungen einge­rich­tet werden, damit Journalismus möglich bleibt? Natürlich! Wir mögen sie ja, diese Zeitungen, die sich selbst für den Nabel der Welt halten.

Aber dieses Leistungsschutzrecht. Nein, wirk­lich. Warum machen es uns die so schwer, die wir doch so sehr lieben? Es ist manch­mal einfach zu mensch­lich.

Entwurf: Anti-#LSR-Manifest

In Kürze: Die Rechtsunsicherheit, die das „Leistungsschutzrecht für Presseverleger” produ­zie­ren wird, ist gewal­tig. Auf BloggerInnen, die Presseerzeugnisse verlin­ken und daraus zitie­ren, können massive Abmahnwellen zukom­men. Selbst wenn die BloggerInnen selbst nichts falsch machen, müssen sie vermut­lich auch die Kommentare genau prüfen (Störerhaftung). Was das für Foren bedeu­ten würde ist völlig unklar.

Zeitungsstapel

Zum sog. „Leistungsschutzrecht für Presseverleger” sind lesens­wert: lawblog.de, internet-law.de, irights.info, moenikes.de.

In Kürze: Die Rechtsunsicherheit, die das „Leistungsschutzrecht für Presseverleger” produ­zie­ren wird, ist gewal­tig. Auf BloggerInnen, die Presseerzeugnisse verlin­ken und daraus zitie­ren, können massive Abmahnwellen zukom­men. Selbst wenn die BloggerInnen selbst nichts falsch machen, müssen sie vermut­lich auch die Kommentare genau prüfen (Störerhaftung). Was das für Foren bedeu­ten würde ist völlig unklar.

Ich mache da nicht mit. Hier mein Anti-#LSR-Manifest — ein grober Entwurf, ohne Garantie auf Vollständigkeit und derglei­chen:

  1. Ich werde nur Verlagsangebote verlin­ken, die klar sagen, dass sie das Leistungsschutzrecht nicht nutzen werden.
  2. Ich werde nur Zeitungen und Magazine kaufen, deren Verlage klar sagen, dass sie das Leistungsschutzrecht nicht nutzen werden.
  3. Ich werde nur Tweets von JournalistInnen retwee­ten, die klar sagen, dass sie das Leistungsschutzrecht nicht nutzen werden.
  4. Ich werde nur Medien zitie­ren, die klar sagen, dass sie das Leistungsschutzrecht nicht nutzen werden.
  5. Ich werde das Leistungsschutzrecht nicht nutzen, auch wenn ich dazu berech­tigt wäre.
  6. Ich werde poli­tisch alles dafür tun, dass dieses Gesetz, sollte es verab­schie­det werden, wieder rück­gän­gig gemacht wird.

Dieses Manifest darf frei kopiert, bear­bei­tet, modi­fi­ziert und verteilt werden.

Bild: Howard Lake; Lizenz: CC-BY-SA

Loblied der gedruckten Zeitung

Ich liebe das Internet. Und ich bin Nachrichtenjunkie. Ich hass­liebe „Spiegel Online” für die flachen Artikel und die gleich­zei­tig unfass­bare Schnelligkeit. Und schätze die kleinen und großen Perlen, die man in diesem WWW so findet. Und wühle auch mal gerne im Dreck, suhle mich darin, weiß, dass auch das Dunkle und Düstere zum Leben gehört. Ganz normal ist, so normal wie Essen und Trinken und die Folgen dieser Tätigkeiten. Bin faszi­niert von der Banalität. Begeistere mich an tief­ge­hen­den Analysen an uner­war­te­ter Stelle.

Aber ich liebe auch die gedruck­ten Zeitungen. Erfreue mich an der Haptik des Papiers. Rieche gerne die Druckerschwärze. Höre das Rascheln. Das Papier lieb­kose ich und strei­che es glatt. Falte es. Zerknülle es, wenn mir ein Artikel nicht gefällt. Male wild darin herum, wenn ich einen Gedanken beson­ders hervor­he­bens­wert und stark finde. Bin über­rascht, wenn ich Unerwartetes lese. Und erfreue mich daran. Rege mich auf. Lege die Zeitung beiseite. „Genug davon!” Nehme sie wieder zur Hand. „Und sie wird doch gelesen!” Wie ist es doch schön, sich an kleinen Fehlern zu erfreuen. Zu wissen: der Druck, die Zeitung pünkt­lich voll­enden zu können, war groß. Die Anstrengung zu spüren. Von Menschenhand Gemachtes in Menschenhand zu halten. Das liebe­voll gesetzte Layout. Die Schriftart. Das Schriftbild. Der Weißraum. Die Kolumnen. Die Einheitlichkeit. Die Endgültigkeit. Die Zeitung ist, wie sie ist. Sie wird nicht mehr verän­dert. Sie ist. Sie bleibt. Und sie wird die Zeiten über­dau­ern.

Ich möchte nicht dieses Gefühl missen. Ich hoffe, niemals auf dieses Gefühl verzich­ten zu müssen. Ich liebe das Internet — und ich liebe gedruckte Zeitungen.

Print is not dead yet.

Lesetipp: Wem gehören die Medien?

Wunderbarer Text von Tom Schimmeck:

„Wem gehören die Medien?“ war der Titel der Hausaufgabe, die ich für diesen Kongress bekom­men habe. Das klingt zunächst nach einer Fleißarbeit mit vielen Schaubildern, mit Prozentangaben und Kästchen. In denen Namen wie Bauer, Burda, Holtzbrinck, Neven Du Mont stehen. Aus denen ersicht­lich wird, dass der Westen der Republik publi­zis­tisch in der Hand der WAZ-Gruppe ist – Kenner reden von der Brost- und der Funke-Linie –, der Süden hinge­gen in der Hand der Südwestdeutschen Medien Holding, hinter der eher öffent­lich­keits­scheue Eigner wie etwa ein Herr Schaub stecken. Außerdem gibt es da noch Verleger wie Ippen und Ganske und wie sie alle heißen. Und natür­lich die mäch­ti­gen Witwen Springer und Mohn.

Unbedingter Lesetipp!