Frohe Weihnachten!

Der Kaiser rief: „Reserve her!
Ins Glied, getreue Herden!
Allein Gott in der Höh sei Ehr’!
Schlagt an das Repetiergewehr,
Und Friede sei auf Erden!“
Choräle schallen in schimmernden Hallen,
Der Pfaff schrie: „Jesus machte uns gleich.
Den Menschenkindern ein Wohlgefallen,
In einer Krippe das Himmelreich!“

Geburt Jesu Christi

Christnacht

Moderne Ballade aus der Zeit des Sozialistengesetzes

Der Kaiser rief: „Reserve her!
Ins Glied, getreue Herden!
Allein Gott in der Höh sei Ehr’!
Schlagt an das Repetiergewehr,
Und Friede sei auf Erden!“
Choräle schallen in schimmernden Hallen,
Der Pfaff schrie: „Jesus machte uns gleich.
Den Menschenkindern ein Wohlgefallen,
In einer Krippe das Himmelreich!“
Der Engel zu Kommerzrats kam
Mit Atlaskleid und Schleppe,
Mit Flittertand und Flatterkram,
Dekolletiert und ohne Scham
Wie eine feine Schneppe.
Bei Schnepfendrecke und Austerngeschlecke
Der Börsenkönig sein Bäuchlein strich,
Champagnerpfropfen knallten zur Decke –
Jesus von Nazareth, freue dich!
Durch eisige Gassen schritt der Wind
In weißem Totenkleide
Und mähte auf dem Weg geschwind
Ein ausgezehrtes Bettelkind
Mit seines Messers Schneide.
Pfiff um ein fadenscheiniges Dach,
Fuhr durch den Schornstein ins Zimmer,
Da tönte schwach durchs Bodengemach
Eines Säuglings flehend Gewimmer.
Die Mutter trug ihn auf dem Arm:
Wie stillt sie sein Verlangen?
Ihr Auge hohl von langem Harm,
Und Kinder rings, daß Gott erbarm!
Mit kreidebleichen Wangen.
Die Hungergeister tanzten den Reigen,
Das Unheil hockt’ auf dem Ofenrost,
Der Jammer hub an Krescendo zu geigen,
Die Not fraß Spinnen als Vesperkost.
Da starrt der ausgesperrte Mann,
Sah Weib und Kinder weinen
Und sann und starrte, starrt’ und sann
Und schrie die nackten Wände an:
„Brot, Brot! Brot für die Meinen!“
Weil mit eigener Hand für seinen Stand
Er gewählt nach Pflicht und Gewissen,
Hat mit eigener Hand ihm der Fabrikant
Seinen Lohn vor die Füße geschmissen …
Die Türe seufzte jämmerlich:
Gebt Raum dem Polizisten!
Der alte Scherge schämte sich:
„Ausweisungsordre – dauert mich –
Doch Ihr seid Sozialisten.“
Tür kracht. Wie Eisenrädergeschmetter
Brach der gemarterte Lohnsklav los:
„Fluch, Fluch! Ein höllisches Donnerwetter
Schleudre die Schurken in Jesu Schoß!«
Wie wenn des Dampfes Schwall, gezwängt
In die metallne Fessel,
Urplötzlich wild nach außen drängt
Und unaufhaltsam treibt und sprengt
Und zischend leert den Kessel:
So schoß dem Eisendreher empor
Aus dem erzgepanzerten Herzen
Mit Zischen und Brausen ein brodelnder Chor,
Der dampfende Gischt seiner Schmerzen.
„Die Ketten klirren Hohn und Spott,
Die Ketten klirr’n im Nacken,
Uns hilft kein Heiland, hilft kein Gott,
Die Ketten klirren Hohn und Spott,
Die Ketten klirr’n im Nacken.
Zu feiernder Stund’, wo im Weltenrund
Halleluja! die Engel trompeten,
In des Elends Schlund wie ein räudiger Hund,
Wie ein räudiger Hund getreten!«“
Er schwang den Hammer in der Faust
Und wuchs empor, ein Grauen;
Die Kinder vor dem Vater graust,
Er schwang den Hammer in der Faust,
Entsetzlich anzuschauen.
Und wie von prophetischem Geist entbrannt,
Im Hirne verheerende Gluten,
Umspannt er des ältesten Knaben Hand,
Seine Worte fluten und bluten:
„Ich hör’s und seh’s: das Rottuch weht,
Im Sturmschritt die Kolonnen;
Eilt, Brüder, eilt! – was kommt ihr spät?
Hoch auf der Barrikade steht
Das Häuflein blutberonnen.
Die Lücke schließt! Kartätschen prasseln,
Des Kaisers Garden – Genossen, Sturm!
Kommandorufe! Kanonen rasseln,
Die Glocken heulen von Turm zu Turm.
Nun schwöre deinem Vater, Sohn,
In heiliger Freiheit Namen,
Zum Todeskampf mit Schmach und Fron
Den Eid der Revolution –
Und sei kein Schurke! Amen.“
Hohl heulte vermummte Verschwörergesänge
Der Wind im Ofen mit dräuendem Ton
Und trieb mit des Aschenvolks totem Gemenge
Eine frische, fröhliche Rebellion.
Der Scherge stieß sie vor sich her
Wie eine Hammelherde.
Allein Gott in der Höh sei Ehr’! –
Ein roher Knuff zur Wegeszehr –
Und Frieden auf der Erde!
Choräle schallen, Sektpfropfen knallen,
Lump, stirb, verdirb, du roter Hallunk!
Den Menschenkindern ein Wohlgefallen,
Dem Kanzler Fackeln und Minnetrunk!

Text: Karl Henckell, entstanden 1883-1886.
Quelle: Karl Henckell: Gesammelte Werke. Band 2: Buch des Kampfes, München 1921, S. 53-58. Online unter: http://www.zeno.org/nid/20005036291

Schwarz-gelbe Weihnacht

Bald nun beginnt die Weihnachtspause der bundesdeutschen Politik. Und das in einer spannenden Krisenphase der Berliner Koalition. Zeit für uns, die derzeitige Lage der schwarz-gelben Koalitionäre, ihre aktuellen Probleme und Fronten und einen Blick auf die Zukunft zusammenzufassen. Der Schnee mag noch so friedlich rieseln, die Spitzenpolitiker der Bundesregierung sind bestimmt nicht weihnachtlich oder friedlich gesinnt. Was liegt den gebeutelten Koalitionspolitikern auf der Seele?

Zunächst das aktuellste „Problem“: Bundespräsident Christian Wulff, seine fragwürdigen Geschäftsverbindungen zu Herrn Geerkens (die es ja seiner Logik nach gar nicht gibt), vielerlei Luxus-Urläuber mit seiner Familie in Villen befreundeter Industrieller auf dem ganzen Globus und seine derzeitigen Lavierereien. Der Vorwurf, der gegen ihn im Raume steht, ist nicht zu vernachlässigen: Im Jahr 2008 liehen sich die Wulffs eine Summe von 500.000 € zu einem vertraglich festgesetzten Zins von vier Prozent für den Bau eines neuen Hauses. Bei einer Anfrage der Grünen im niedersächsischen Landtag gab Wulff an, keinerlei Geschäftsbeziehungen zu Herrn Geerkens zu unterhalten. Damals lief der Kredit bereits seit einiger Zeit. Wulff argumentiert heute, das geliehene Geld stamme von Geerkens Frau und er habe somit wahrheitsgemäß die Anfrage beantwortet. Herr Geerkens seinerseits stellte nun vor einigen Tagen im Spiegel klar, dass das Geld sehr wohl von ihm stamme. Seine Frau habe kein Vermögen mit in die Ehe gebracht, besitze aber eine Vollmacht zu dem gemeinsamen Konto und könne so selbstverständlich auch Geldsummen überweisen. Es sei aber er gewesen, der das Geld an die Wulffs überwiesen hat, denn er lies die Überweisung extra über einen anonymen Bundesbankscheck abwickeln, damit nicht irgendein Bank-Azubi sehe, dass er hohe Summen an den Ministerpräsidenten überweise.

Seitens Herrn Geerkens war offensichtlich also durchaus Bewusstsein für die Sensibilität und die Brisanz dieses Darlehens vorhanden. Unser Staatsoberhaupt sieht sich nun schwerwiegenden Beschuldigungen konfrontiert. Log er gar absichtlich im Landtag? Verschaffte er sich durch einen billigen Kredit Vorteile durch sein Ministerpräsidenten Amt und revanchierte sich bei seinem „Freund“, indem er ihn mit auf Delegationsreisen nahm, obwohl Geerkens seinen Ruhestand genoss und keinen Grund für eine Teilnahme gehabt hat?

Wulff wird sich in den nächsten Tagen weitgehend äußern, positionieren und rechtfertigen müssen. Gerade er, der im Jahr 2000, als der damalige Bundespräsident Johannes Rau in den Verdacht der Vorteilsnahme durch parteipolitische Nutzung von Dienstflügen kam, lauthals verkündete, er „leide physisch darunter, dass wir keinen unbefangenen Bundespräsidenten haben“, muss nun für Aufklärung sorgen. Solange leide ich ebenfalls darunter, dass wir gegenwärtig kein unbefangenes Staatsoberhaupt haben.

Aus der FDP erreichten Wulff gar schon die ersten Rücktrittsforderungen, womit wir bei einem weiteren Weihnachts-Krisen-Punkt angelangt sind. Den Liberalen fehlt gewiss der innere Frieden für ein gelungenes Weihnachtsfest. Christian Lindner, junger und neuerdings ehemaliger Generalsekretär der Bundes-Liberalen, trat letzte Woche völlig unvermittelt zurück, um der Partei eine „neue Dynamik“ zu ermöglichen. Dass gerade Lindner es ist, der bisher als einziger Liberaler sympathisch eine junge Dynamik verkörperte, ist schon in gewisser Weise humorig. Die Boygroup Rösler, Bahr und Lindner ist gescheitert. Das Trio ist nun ein Duo, und auch das Duo hält sich nur schwer. Bahr gelingt es in der Gesundheitspolitik nicht, bestimmte Akzente zu setzen und schwierige Themen anzugehen. Rösler konnte der FDP keinen Neustart bereiten, die Liberalen hängen in den Umfragen immer noch unter 5% fest und würden nicht in den Bundestag einziehen. Die Verschnaufpause für Rösler über Weihnachten dauert nicht lange an: Am 6. Januar beim traditionellen Dreikönigstreffen in Stuttgart wird erwartet, das er liefert und die Partei positioniert. Déjà-vu? Ja, letztes Jahr. Selbe Jahreszeit, selbe Partei, selber Posten. Damals war die Rede von Guido Westerwelle in Stuttgart heiß erwartet worden. Wie es um Westerwelle nun steht ist bekannt, so wird es Rösler auch ergehen. Sicher scheint: Auf dem Dreikönigstreffen 2013 wird er nicht mehr als Bundesvorsitzender reden. Ironie des Schicksals wäre es ja, wenn Brüderle, dem Rösler dieses Jahr die Rede entzog, nächstes Jahr als Parteichef sprechen würde. Warten wir es ab, die Zukunft der Liberalen bleibt spannend.

Klar ist aber eines: Die Hetze gegen Guido Westerwelle, der Putsch gegen ihn als Parteichef und die Verantwortung für die schlechten Umfragewerte der FDP waren schwierige Schuldzuweisungen. Westerwelle war nicht der Grund des liberalen Absturzes und er ist es auch heute nicht. Dass Rösler nun ebenso scheitert, erfreut mich dennoch nicht: Die FDP als liberale Partei sollte nicht aus dem Bundestag verschwinden. Nach wie vor verkörpern die Liberalen gewisse liberale Prinzipien. Stimmen, die nun verkünden, die FDP sei überholt, da nun die Piratenpartei das liberale Spektrum der Parteienlandschaft abdecken würde, liegen indessen falsch: Den dringend benötigten und wichtigen Bürcherrechts-Liberalismus vertritt nach wie vor die FDP als eine ihrer Kernkompetenzen. Die Piraten scheinen als politische Erscheinung der Internet-Generation lustig und erfrischend. Philosophisch liberale Werte vertreten sie aber keinesfalls: Weder die Vorratsdatenspeicherung noch Internetsperren spielten bei der Begründung des Liberalismus als Gesellschaftsmodell  von Thomas Hobbes mitte des 17. Jahrhunderts eine Rolle. Und Hobbes würden die meisten Piraten vermutlich einem Computerspiel zuordnen. Die tiefe Erkenntnis was die Liberalen angeht: Hoffentlich fangen sie sich bald wieder. Einen Bundestag ohne FDP kann man sich schlecht vorstellen. Der Ausgang des Mitgliederentscheids hat gezeigt, dass die FDP nach wie vor als pro-europäische Partei Europa als Maxime der deutschen Politik unterstützt.

Von der Gruppe rund um Euro-Rebell Frank Schäffler geht trotzdem nach wie vor eine Gefahr und Unruhe aus. Trotzdem er vorerst unterlag, wird er weiterhin um seine Position werben und es der Partei nicht einfacher machen, aus dem Umfragetief heraus zu kommen.

Angela Merkel wurden mit Wulffs Kredit-Affäre und der weiterhin krisengeschüttelten FDP keine angenehmen Weihnachtsgeschenke bereitet. Die nächsten Monate bleiben spannend. Vielleicht stehen ja bald sogar Wahlen in der Bundesversammlung ins Haus. Wünschen würde ich unserer politischen Klasse hingegen weihnachtliche Ruhe – auch und erst recht der FDP.