Rassismus von linksaußen

Ich für meinen Teil halte solche Aussagen für rassis­tisch:

Martin Luther King, Jr., der beim Montgomery Bus Boycott 1955–1956 zum ersten Mal die natio­nale US-Bildfläche betrat (als der Graswurzelaktivismus der Schwarzen Frauen des Women’s Political Council und anderer Gemeindemitglieder den Boykott bereits initi­iert und voran­ge­trie­ben hatte), ist der freund­li­che Lieblingsschwarze aller Halbinformierten, die irgend­wie mit dem afro­ame­ri­ka­ni­schen Civil Rights Movement sympa­thi­sie­ren (müssen).

Hier wird in wenigen Worten versucht, King komplett lächer­lich und verächt­lich zu machen. Das fängt mit dem hämisch ange­häng­ten „Jr.” an, geht weiter mit der ziem­lich direk­ten Unterstellung, King habe die bereits bestehen­den Proteste als Trittbrettfahrer miss­braucht und endet mit dem nur noch als ekel­haft zu bezeich­nen­den Ausspruch „ist der freund­li­che Lieblingsschwarze aller Halbinformierten”.

Früher habe ich es mir einfach gemacht und erklärt, dass solche Texte nicht links seien. Nach einge­hen­der Beobachtung von Teilen der real­exis­tie­ren­den Linkspartei und ihrem Umfeld („Junge Welt”, „Linksruck” und Co.) muss ich leider fest­stel­len: Auch solche Texte sind leider links. Rassismus (und auch Antisemitismus) von links­au­ßen — ja, das geht. Ich finde das furcht­bar traurig und es tut mir weh, aber es ist wahr.

SPD: Links muss sein

Ich weiß, man sagt: Links und Rechts, das sind Kategorien von gestern. Damit kann man die kompli­zierte Wirklichkeit nicht beschrei­ben. Und über­haupt: das ist doch alles Zufall, wegen der Sitzanordnung im Paulskirchen-Parlament.

Trotz alledem: keine Zustandsbeschreibung ist nach wie vor sinn­vol­ler als die Unterscheidung der poli­ti­schen Wirklichkeit in „Links und Rechts”. Es ist falsch und auch naiv zu glauben, dieser alte Gegensatz sei mit dem Aufkommen neuer Sachlagen auf einmal ad acta zu legen.

Es mag sein, dass sich die Bedeutung von „Links und Rechts” gewan­delt hat, dass es heute etwas anderes ist, rechts zu sein, als vor 80 oder 120 Jahren. Das ist vermut­lich durch­aus richtig. Gleiches gilt für „links”: „Was ist heute links?”, dazu hat die von mir sehr geschätzte Franziska Drohsel 2009 ein hübsches Buch heraus­ge­ge­ben (ich habe es sogar mit Widmung). Es ist lesens­wert. Das gilt ebenso für Sigmar Gabriels „Links neu denken. Politik für die Mehrheit”. Beide wollen links sein. Beide sind es. Trotzdem gibt es Unterschiede. Das ist nur natür­lich. „Links” umfasst nun einmal die komplette Hälfte (!) des poli­ti­schen Spektrums. Da ist viel Raum für Unterschiede und Überschneidungen und Gegensätze.

Aber, am Ende des Tages ist klar: links ist da, wo die kleinen Leute sind. Will sagen: linke Politik muss Politik für kleine Leute sein. Also für Arbeitslose, Kinder, Schüler, Rentner, Jugendliche, Arbeiter, Arbeitnehmer, Studenten, Auszubildende, Alleinerziehende, Kleinunternehmer, auch für kleine Mittelständler. Die Großbürger und Großkonzerne hinge­gen, die kommen auch ohne unsere Hilfe klar. Die finden ihre Lücke, die sind stark genug.

Die kleinen Leute hinge­gen, die stellen nach wie vor die Mehrheit. Selbstverständlich tun sie das. Alles andere wäre ja auch skurril. Und die halten dieses Land auf Trab. Die bringen es voran. Für die müssen wir da sein. Die dürfen wir nicht gegen­ein­an­der ausspie­len. Deshalb sind Schlagworte wie „Generationengerechtigkeit” so gefähr­lich — weil damit die Jugendlichen gegen die Rentner in Stellung gebracht werden können. Nicht zwangs­läu­fig muss das passie­ren — aber es kann passie­ren.

Die SPD muss links sein. Dann kann sie Wahlen gewin­nen. Dann gibt es eine echte Alternative zu Schwarz-Gelb. Dann sind 40 Prozent wieder erreich­bar.