Damit konnte niemand rechnen

Wer konnte damit rechnen, dass die Grünen einen Mitgliederboom erleben würden, wenn sie die Spitzenpositionen zur Bundestagswahl in einer Urwahl entschei­den?

Das ist ja wirk­lich eine Überraschung: Menschen treten in Parteien ein, wenn sie wirk­lich etwas entschei­den können, wenn sie schnell und unkom­pli­ziert substan­zi­ell mitre­den können. Das sind brand­neue Erkenntnisse, die Politikwissenschaft muss neu geschrie­ben werden — dachte man doch bisher, dass Menschen sich jahre­lang Schritt für Schritt bewäh­ren wollen, um dann irgend­wann viel­leicht zum erlauch­ten Kreis derer zu gehören, die dann die schon vorher bestimm­ten Persönlichkeiten auf einem Parteitag offi­zi­ell nomi­nie­ren.

Jenseits der Satire, weil mir das Thema wichtig ist: Es ist eigent­lich banal. Die Menschen wollen heute mitent­schei­den — wenn sie das können, wenn sie ernst­ge­nom­men werden, dann machen sie auch mit. Sie bringen sich ein, sie beleben die Partei.

Deshalb ist es so unglaub­lich depri­mie­rend und ein so großer Schaden für die SPD, dass es nach Lage der Dinge keinen Mitgliederentscheid über die Spitzenkandidatur geben wird. Nachvollziehbar ist die ableh­nende Haltung der Spitzensozis nicht — was haben sie denn zu verlie­ren? Wer keine Chance an der Parteibasis hat, wird auch bei den allge­mei­nen Wahlen keine Chance haben. Eine Wahlsieg-Garantie ist eine Urwahl natür­lich nicht (siehe Scharping), aber was haben wir zu verlie­ren? So toll sind unsere Umfragewerte gerade nicht.

Die SPD vergibt eine tolle Chance, obwohl wir das vorige Jahr lang und breit über die Parteireform debat­tiert und abge­stimmt haben.

Vorwahlen auf französisch

Wir alle wissen: die sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Parteien Europas sind aus den verschie­dens­ten Gründen in einer schwie­ri­gen Situation. Das gilt auch und beson­ders für die deut­sche SPD und die fran­zö­si­sche PS. Die SPD leidet unter einem bestän­di­gen Mitgliederschwund, ihr Anspruch, als „Volkspartei” das ganze Volk in der ganzen Breite zu vertre­ten, schwin­det.

Das machte sich zuletzt expli­zit bemerk­bar im Bundestagswahlergebnis von 23 Prozent, es war jedoch für den aufmerk­sa­men Beobachter schon zuvor unver­kenn­bar. „Vorwahlen auf fran­zö­sisch“ weiter­le­sen