Blockwart 2.0

Der nette netz­po­li­ti­sche Blockwart von nebenan:

Im Jahr 2013 müssen Politiker anschei­nend auf Twitter sein – mit allen Vor- und Nachteilen. Die Plattform Politwoops.de doku­men­tiert auto­ma­tisch Tweets von Bundestagsabgeordneten, die diese wieder gelöscht haben.

Wir erwar­ten noch viele weitere lustige Tweets, vor allem im anste­hen­den Wahlkampf. Auf Politwoops.de gibt es einen eigenen Twitter-Account PolitwoopsDE, der gelöschte Tweets nochmal postet.

Wozu das führen wird, ist klar: PolitikerInnen werden sich auf Twitter zwei- oder dreimal über­le­gen, was sie schrei­ben. Und tenden­zi­ell nicht mehr selbst twit­tern, sondern lieber Leute dafür bezah­len.

Ob das der Wahrheitsfindung dient?

Twitterpolitik in Berlin

Ich bin heute Abend in Berlin, hier:

Di., 29. Januar 2013, 18: 30–21Uhr
Mercator ProjektZentrum Berlin, Neue Promenade 6, 10178 Berlin.

„Twitter” ist Teil der neuen elek­tro­ni­schen Netzwerke, zu einem gewich­ti­gen Teil aber auch publi­zis­ti­sches Medium. Der im März 2006 gegrün­dete Microblogging-Dienst wird für pole­mi­sche Attacken, ironi­sche Kommentare und News genutzt, und spielt damit — direk­ter noch als Facebook — eine gewich­tige Rolle in der gegen­wär­ti­gen poli­ti­schen Kommunikation. Twitter wird seit gerau­mer Zeit auch vom profes­sio­nel­len Journalismus inten­siv beob­ach­tet und für eigene Recherchen benutzt.
Welche kommu­ni­ka­ti­ven Stile haben sich auf Twitter heraus­ge­bil­det? Wie sieht die Twitternutzung bei den deut­schen Parteien aus? Bleibt Twitter das „Heimatmedium” der Piraten? Zu Beginn des Bundestagswahljahres 2013 haben sich die Münchener Soziologinnen und Parteienforscherinnen Jasmin Siri und Katharina Seßler in einer Pilotstudie für das IfM und die Stiftung Mercator mit diesen und anderen Twitter-Fragen beschäf­tigt und die Twitter-Accounts von zwölf deut­schen Politiker/innen analy­siert. Die Ergebnisse der Studie werden am 29. Januar im Rahmen eines gemein­sa­men Kolloquiums des Instituts für Meiden- und Kommunikationspolitik (IfM) und der Stiftung Mercator/ProjektZentrum Berlin mit den beiden Autorinnen und Vertretern aus Politik, Wissenschaft und Journalismus disku­tiert.
Die Teilnehmerzahl ist begrenzt. Anfragen für eine mögli­che Teilnahme bitte an orkan.torun@medienpolitik.eu

Bericht zur Veranstaltung und zur Studie folgt. Ich bin jeden­falls sehr gespannt.

SKANDAL! ZENSUR! — Leben mit der Filterblase

Zur Zeit läuft der Bundesparteitag der SPD in Hannover und wie schon vor ein paar Tagen beim CDU-Bundesparteitag hat Twitter für das offi­zi­elle Hashtag #spdbpt12 eine Seite einge­rich­tet. Dort erschei­nen nicht sofort alle Tweets mit dem Tag. Die Piratenpartei wittert reflex­ar­tig Zensur und selbst Journalist Konrad Lischka, stell­ver­tre­ten­der Ressortleiter Netzwelt bei Spiegel Online, vermu­tete, dass da jemand filtere. Einige Menschen scheint es noch nicht klar zu sein, was das Leben in der Filterblase bedeu­tet. „SKANDAL! ZENSUR! — Leben mit der Filterblase“ weiter­le­sen

Transparenz und Sex

Die NRW-Piraten-MdL beschäf­tig­ten sich nach wie vor am liebs­ten mit sich selbst — und schre­cken dabei nicht davor zurück, in aller Öffentlichkeit Schlammschlachten zu führen. So schreibt die Parlamentarische Geschäftsgführerin Monika Pieper:

Ich finde es letzt­end­lich gut, dass wir, durch die Twitteraktion von Birgit, uns nicht länger vor diesen Fragen drücken können. Ich stelle mich ausdrück­lich hinter Birgit, da sie nicht die Ursache des Problems ist, sondern sympto­ma­tisch für unser aller Problem. Wie gehen wir mit Transparenz und Meinungsfreiheit um. Wie sieht es mit der uns über­tra­ge­nen Verantwortung aus. Joachim, Daniel und ich werden uns dazu über­nächste Woche im Ältestenrat äußern müssen. Diese Sitzung wird wegwei­send für unsere weitere Arbeit im Landtag sein. Wir werden Stellung bezie­hen müssen, ob wir uns auf vorhan­dene Regeln einlas­sen und weiter­hin inhalt­lich als Partner ernst genom­men werden wollen.

Wir sind im Landtag auf ein System gesto­ßen, das von recht starren Regeln und inter­nen Verabredungen geprägt ist, die uns zum einen sehr fremd und zum anderen für wenig akzep­ta­bel gehal­ten werden. Trotzdem sind wir ein Teil dieses Systems. Wir können nun mehrere Wege beschrei­ten. Wir können so weiter machen wie bisher. Jeder handelt so, wie er es für richtig hält, ohne auf die Konsequenzen Rücksicht zu nehmen. Dann sind wir ein locke­rer Haufen von 20 Piraten ohne Regeln und Verbindlichkeiten. Konsequenterweise muss man dann aber auch über­le­gen, ob die Fraktion dann über­haupt Sinn macht. Dann können wir die Fraktion auch auflö­sen. Wir brau­chen dann keinen Vorstand und fest­ge­legte Zuständigkeiten. Wenn wir diesen Weg gehen, werden uns die anderen Fraktionen die Zusammenarbeit aufkün­di­gen und wir werden, wie früher die Linken, als lästi­ges Übel gelten. Es wird keine konstruk­tive Zusammenarbeit mehr geben.

Die so geschol­tene Birgit Rydlewski antwor­tet:

Wichtig dabei auch der Kommentar der Fraktionskollegin Simone Brand, die verdeut­licht, dass durch meine “unbe­dachte Äußerung” die großen Zeitungen jetzt nicht, wie ursprüng­lich geplant, über das Transparenzgesetz geschrie­ben haben, sondern lieber den angeb­li­chen Skandal aufwärm­ten. An der Stelle ist halt irgend­wie Schluss damit, dass man einfach schrei­ben darf, was man will. Oder? (Ich füge mal den Gedanken ein, dass mein Glaube an Zusagen der großen Zeitung mit vier Buchstaben eher gering ist.)
Im Ältestenrat des Landtages wird mein Twitterverhalten wohl auch noch thema­ti­siert werden.

Was nun?

Es gibt jetzt diverse Alternativen (vermut­lich mehr, als mir auf Anhieb gerade einfal­len):

Die ganz Eiligen erwar­ten sofor­ti­gen Rücktritt von mir. Schließlich hätte ich der Arbeit der Fraktion gescha­det und über­haupt wollen wir ja in diesen Bundestag.

Dann ist es natür­lich möglich, dass ich jetzt weit­ge­hend nichts Privates mehr schreibe. Schließlich sind wir in der Fraktion nun Politiker und da müssen wir uns an die Regeln halten. Das heißt im Klartext: Ich muss jeden Tweet darauf über­prü­fen, ob er noch den Normen entspricht, die an Politiker im allge­mei­nen so ange­legt werden. Das klingt einfach, ist es aber in der Realität gar nicht. Ist ein Retweet noch ok oder wird das dann wieder mir in den Mund gelegt? Was genau entspricht den gesell­schaft­li­chen Normen? Interessant dabei natür­lich, dass viele Neufollower mir gerade aus Sensationsgier folgen. Viele sprin­gen auch schnell wieder ab, wenn es dann auf einmal um Bildungspolitik geht. Das Gefühl von Doppelmoral an diver­sen Stellen kommt durch­aus auch mal auf.

Und der Fraktionsvorsitzende (!) der Piraten Joachim Paul packt die väter­li­che Moralismuskeule aus:

Jeder von uns schleppt bewusst, unbe­wusst oder vorbe­wusst Prägungen, Lernerfahrungen im Bereich des sexu­el­len Verhaltens mit sich.
Nur wenige haben Sexualität als ein Feld offenen Erfahrungslernens kennen­ge­lernt.
Normalität im Bereich des Sexuellen ist bekannt­lich und massen­me­dial unter­füt­tert nur im Konsens des Vorurteils erfahr­bar.

Nicht nur die Gedanken sind frei. Auch die Entscheidungen poten­ti­el­ler Empfänger von Botschaften.
Niemand ist gezwun­gen, sich die nach­mit­ter­nächt­li­chen Weich- und Hartfleischprogrammanteile bei RTL und anderen Sendern anzu­se­hen, Telefonsexwerbung zu beach­ten oder Twitter-Tweets zu abon­nie­ren, wo man sich viel­leicht an schlüpf­rig zu inter­pre­tie­ren­den Zeilen erregen oder aufre­gen kann.

Auch die Entscheidung zur Teilnahme an media­len und netz­me­dia­len Erregungswellen, das Herumspielen am Skandalon sowie das Gieren nach media­len Urknallphänomenen ist letzt­lich eine indi­vi­du­elle Angelegenheit.

Ich halte es für sinn­voll, mit Frau Rydlewski über ihre inhalt­li­che Arbeit zu disku­tie­ren.
Ob sie nun Bratkartoffeln mit oder ohne Speck isst, oder Sachen in den Mund nimmt, die andere nicht einmal in die Hand nehmen, geht uns und andere nichts an, es sei denn, wir wollen mit ihr Bratkartoffeln essen, uns über Kochrezepte, das gemein­same Kochen oder aus Gründen persön­li­cher Interessiertheit übers Vögeln austau­schen oder zum Sex verab­re­den.

Sex ist nun mal – glück­li­cher­weise – auch in nicht­mo­no­ga­men, anderen Organisationsformen kein Straftatbestand mehr.

Damit keine Missverständnisse aufkom­men und in eigener Sache:
Donnerstag und Freitag letzter Woche war ich unglaub­lich wütend und verär­gert.

Ich finde Frau Rydlewskis Verhalten – aus dem Landtag heraus – natür­lich reich­lich naiv, unan­ge­mes­sen und unan­ge­bracht, sie müsste inzwi­schen genü­gend reflek­tiert sein und auch wissen, dass es Medien und poli­ti­sche Gegner gibt, die nur auf so etwas warten.
Ein Faktencheck der Ausrichtung und Effizienz des eigenen poli­ti­schen Handelns ist daher durch­aus notwen­dig.

Äh, ja. Ob sich die Piraten-WählerInnen das so vorge­stellt haben?

Twitter und die Hauptstadtpresse

FRAGE: Herr Dr. Steegmans, muss ich mir in Zukunft einen Twitter-Account zulegen, um über rele­vante Termine der Bundeskanzlerin infor­miert zu werden? Ich beziehe mich konkret auf die Ankündigung des Regierungssprechers, dass die Bundeskanzlerin in die USA reist.

SRS DR. STEEGMANS: Im Informationsgeschäft wissen Sie: Viel hilft viel.

Ich glaube nicht, dass wir bislang Ihnen gegen­über mit Informationen geizig gewesen sind und dass jemand, der von Ihnen an eine Information heran­kom­men wollte, am Ende über­rascht wurde, dass wir irgend­wel­che anderen Kanäle bevor­zugt bedient hätten. Als profes­sio­nel­ler Kunde unseres Hauses gehen wir natür­lich davon aus, dass Sie alle bei Twitter einge­loggt sind. Sagen wir es umge­kehrt: Wir fänden es nicht schlecht, wenn Sie bei uns Kunde wären.

ZUSATZFRAGE: Diese Twitter-Nachrichten haben einen Nachrichtenwert. Sie sind auch durch­aus schon in Mitteilungen aufge­gan­gen. Der Nachrichtendienst Twitter ist nicht sicher. Ich habe vorhin im Internet nach­ge­schaut. Es gibt zahl­rei­che Beispiele für Fälschungen von Schauspielern, so Beispiel Martina Gedeck bis hin zum Dalai Lama. Kann ich davon ausge­hen, dass das, was dort getwit­tert wird, wirk­lich sicher ist? Das kann ja durch­aus Folgen haben.

Wenn es mir gestat­tet ist, darf ich einen Satz des ehema­li­gen Bundesinnenministers zitie­ren, der in einem Interview sagte: „Wer mit Twitter seine stünd­li­chen Bewegungen der Öffentlichkeit mitteilt, kann nicht erwar­ten, dass der Staat ihn vor der Erstellung von priva­ten Bewegungsprofilen schützt.” Es ist also auch eine Frage der Sicherheit. Ist die Sicherheit in diesem Fall gewähr­leis­tet?

SRS DR. STEEGMANS: Das, was tech­nisch möglich ist, haben wir gewähr­leis­tet. Wir wissen um die Risiken des Internets. Sollte irgend­je­mand Zweifel haben, ob eine Twitter-Nachricht des Regierungssprechers echt ist, empfehle ich einen kurzen Anruf beim CvD. Grundsätzlich ist unsere Erfahrung, dass dieser Twitter-Dienst sehr gerne ange­nom­men sind. Da wir nicht nur ein Presseamt, sondern auch ein Informationsamt der Bundesregierung für alle Menschen in Deutschland sind, hielten wir es für richtig, diesen Weg zu wählen.

FRAGE: Herr Dr. Steegmans, ich wüsste gerne, wann die Mitteilung über den Besuch der Bundeskanzlerin offi­zi­ell vom Bundespressamt mitge­teilt worden ist.

SRS DR. STEEGMANS: Ich müsste das nach­schauen. Da einer der Chefs vom Dienst jetzt zuschaut, bitte ich herz­lich um eine SMS. Ich bin auch nicht sicher, ob dieser Weg hundert­pro­zen­tig sicher ist. Aber ich habe Vertrauen darin, dass ich schnellst­mög­lich Datum und Uhrzeit per SMS gelie­fert bekomme.

ZUSATZFRAGE: Die Frage ist: Kann es sein, dass außer über Twitter über diese USA-Reise im Juni nirgendwo berich­tet wurde? Das ist ja eine andere Qualität. Wenn Herr Seibert twit­tern will, weil er Zeit hat, ist das alles gut und schön. Aber das geht ja bis hin zu der Frage, wozu man dann noch Chefs vom Dienst braucht, wenn Herr Seibert die Termine twit­tert.

SRS DR. STEEGMANS: Sie wollen doch in Wahrheit wissen, ob es eine Benachteiligung ist, dass eine Information möglich­weise statt über den CvD-Verteiler über Twitter heraus­ge­gan­gen ist. Nein, diese Auffassung teilen wir nicht.

ZURUF: Ich will wissen, ob es Termine nur über Twitter bei Ihnen gibt oder ob das ein ergän­zen­des Angebot ist.

SRS DR. STEEGMANS: Das ist ein ergän­zen­des Angebot. Die Information an sich war auch auf Anfrage im Bundespresseamt schon vorher erhält­lich. Aber wir haben, weil es eine tages­ak­tu­elle Berichterstattung gab, auch noch diesen Weg gewählt.

ZURUF: Wenn ich korri­gie­ren darf: Das stimmt nicht. Es wurde demen­tiert. Es gab irgend­wann einmal eine Meldung. Das Bundespresseamt hat durch Herrn Seibert erklärt: Es gibt noch keine Vereinbarung über den Besuch. Der nächste Info-Schritt war das Twittern von Herrn Seibert, und danach gab es keine Informationen mehr. Deswegen meine Frage: Ist Twitter ein offi­zi­el­les Mitteilungsorgan des Regierungssprechers, der Bundeskanzlerin, der Bundesregierung oder eine Ergänzung?

SRS DR. STEEGMANS: Zum Zeitpunkt dieses „irgend­wann einmal”, an das ich mich auch noch erin­nere, gab es noch keinen Informationsstand, der mittei­lens­wert gewesen wäre. Zum Zeitpunkt der Twitter-Nachricht von Steffen Seibert war die Information belast­bar, die Entscheidung gefal­len. Zu diesem Zeitpunkt war die Information auch auf Anfrage bei uns abruf­bar. Insofern erkenne ich keinen Widerspruch.

Ich habe eben schon einmal gesagt, was den Informationsgehalt der Twitter-Nachrichten angeht: Wer immer Zweifel hat, dass irgend­et­was nicht stimmt, kann sich in Minutenschnelle rück­ver­si­chern. Dementsprechend wüsste ich kein Problem oder keinen Widerspruch zu nennen, den wir an irgend­ei­ner Stelle auflö­sen müssten.

FRAGE: Ich möchte meine Einschätzung dazu in eine Frage kleiden, die in die gleiche Richtung der Frage geht: Es ist schon eine wich­tige Unterscheidung. Wurde im Bundespresseamt geprüft, ob man offi­zi­elle Mitteilungen, offi­zi­elle Einschätzungen und Mitteilungen über Termine über den Internetnachrichtendienst Twitter oder zeit­gleich über die bishe­ri­gen Wege per Mail oder per Fax verteilt?

Für uns ist per Mail von Vorteil, weil für die Agenturen ‑ in die Richtung geht sicher auch die Frage der Kollegen ‑ schon eine wesent­li­che Rolle spielt, ob man als Korrespondent täglich 24 Stunden lang den Twitter-Nachrichtendienst verfol­gen sollte. Das ist sicher unbe­nom­men so; da haben Sie wahr­schein­lich recht. Dennoch: Ist die Informationspflicht des Bundespressamtes sozu­sa­gen darüber dann gewähr­leis­tet? Oder über­legt man sich, nicht auch in Zukunft die Parallelität sicher­zu­stel­len?

SRS DR. STEEGMANS: Was die Parallelität angeht, so bemühen wir uns grund­sätz­lich immer, den Kreis, von dem wir glauben, dass er unserer Erfahrung nach auf Anfrage oder aufgrund von Gepflogenheiten von uns bedient werden muss, selbst­ver­ständ­lich mit Informationen zu bedie­nen. Wir denken aber auch, dass es ein gewis­ses Spannungsverhältnis zwischen einem Informationsangebot und einer Informationslieferung gibt.

Sie werden es umge­kehrt von uns auch kennen, dass wir manch­mal Ihnen gegen­über Informationen auf Anfrage heraus­ge­ben ‑ beispiels­weise tele­fo­nisch ‑, den großen Verteiler aber erst in Anspruch nehmen, wenn wir das Informationsangebot auch umfas­sen­der zusam­men­ge­stellt haben ‑ beispiels­weise nicht nur Tage, sondern auch Uhrzeiten und Orte nennen können ‑ und Sie anschlie­ßend über den großen Verteiler belie­fern.

Ich denke, dieses Spannungsverhältnis kann eine Medienlandschaft auch ertra­gen. Es ist auch nicht so, dass, wenn eine Agentur bei mir anruft und etwas erfragt, ich anschlie­ßend von mir aus hinge­hen und alle anderen Nachrichtenagenturen mit der Begründung anrufen und sagen müsste: Aus Gründen der Chancengleichheit müsst ihr über die Information, die der Kollege XY gerade abge­fragt hat, natür­lich auch infor­miert sein.

Ich glaube, es würde Ihnen auch nicht umge­kehrt gefal­len. Ich finde, dass wir deshalb gut beraten sind, dass dieje­ni­gen, die sich für Twitter inter­es­sie­ren, Twitter abon­nie­ren, dass dieje­ni­gen, die glauben, dass es für eine solide Information ausreicht, auf die E-Mail-Verteiler des Bundespressamtes zugrei­fen, selbst­ver­ständ­lich nur dort ange­mel­det sein können und dass dieje­ni­gen, die es vorzie­hen, über die Informationen, die wir aktiv von uns aus versen­den, minu­tiös auf dem Laufenden zu sein und ihrer Praxis weiter frönen und per Telefon fragen, ob es etwas Neues gibt. Wir werden dafür bezahlt. Wir machen das gerne.

FRAGE: Herr Dr. Steegmans, als älterer Mensch, der mit diesen neumo­di­schen Kommunikationsformen nicht so vertraut sind, eine grund­sätz­li­che Frage: Hat es irgend­wann einmal vonsei­ten des Bundespressamtes einen Hinweis darauf gegeben, dass nun auch über Twitter wich­tige Informationen verbrei­tet werden und man sich mögli­cher­weise als Kunde oder Follower ‑ ich weiß nicht, wie das dort heißt ‑ anmel­den müsste?

SRS DR. STEEGMANS: Meinem Kenntnisstand nach ja. Ich reiche aber gerne nach, ob Sie auf dem Verteiler waren. Ich bin mir sehr sicher, dass wir es schon allein aus Eigeninteresse gemacht haben.

FRAGE: Noch ein Versuch, Herr Dr. Steegmans. Halten Sie es konkret für diesen Termin wirk­lich für ange­mes­sen ‑ auch vor dem Hintergrund, dass Präsident Obama wenige Tage vorher zwar seinen ersten offi­zi­el­len Staatsbesuch in Europa absol­viert, aber nicht nach Deutschland kommt ‑, dies mit zwei verkürz­ten Sätzen per Twitter der Öffentlichkeit mitzu­tei­len?

SRS DR. STEEGMANS: Ich erkenne jeden­falls kein Problem darin.

FRAGE: Herr Dr. Steegmans, in dieser Woche hat sich Herr Seibert auf Twitter ‑ ich nenne es einmal so ‑ einen kleinen Schlagabtausch mit Volker Beck gelie­fert. Ist geplant, dass der Regierungssprecher künftig immer einmal wieder reagie­ren wird? Es kann ja jeder twit­tern. Ich habe Sie so verstan­den, dass Sie über Twitter auch Bürger und nicht nur uns Journalisten errei­chen wollen. Wird das wirk­lich ein rich­ti­ges Kommunikationsmittel des Regierungssprechers werden, um die Regierungspolitik in die Bevölkerung zu kommu­ni­zie­ren?

SRS DR. STEEGMANS: Erstens sage ich ganz frei, dass ich Sie nicht nur als Journalistin, sondern auch als Bürger errei­chen möchte.

Zweitens glaube ich, dass wir dort die Ausnahme erlebt haben, die die Regel bestä­tigt. Es kann immer wieder vorkom­men. Es hängt von der Situation ab.

Ich darf Ihnen umge­kehrt sagen, dass wir nach diesen Gelegenheiten nicht ausdrück­lich suchen. Aber wenn sich die Gelegenheit ergibt, dass über einen solchen schnel­len Informationsaustausch an einen recht großen inter­es­sier­ten Kundenkreis Informationen weiter­ge­reicht werden können, werden wir das weiter tun. Wir leben in einer Informationsgesellschaft. Wir wissen um die Herausforderungen, dass verschie­dene Generationen verschie­den­ar­tig mit Technik und Informationswegen umgehen. Wir halten uns im Bundespressamt seit Jahren regel­mä­ßig auf dem Laufenden, was das Nutzerverhalten von elek­tro­ni­schen Medien und spezi­ell dem Internet über die Jahre angeht, wie es sich entwi­ckelt, was es für Zu- und Abneigungen gibt und wo tech­ni­sche Verbraucherschwierigkeiten liegen. Ich glaube aber, dass wir in Zeiten, wo sich insbe­son­dere jüngere Menschen nach­weis­lich weniger für Politik inter­es­sie­ren, gut beraten sind, neue und unkon­ven­tio­nelle Wege zu beschrei­ten.

FRAGE: Herr Dr. Steegmans, wird es eine neue Gepflogenheit, dass man Reisepläne Land für Land tele­fo­nisch im Bundespressamt abfragt? Wie kommt man zu der Möglichkeit, zu erfah­ren, wann die Bundeskanzlerin beab­sich­tigt, wohin zu reisen?

SRS DR. STEEGMANS: Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich, wann immer ein Korrespondent ein poli­ti­sches Feld bear­bei­tet, regel­mä­ßig ange­ru­fen und gefragt werde, was demnächst ansteht: Ich habe die Erfahrung gemacht, dass, wann immer jemand etwas gehört hat, er oder sie bei mir anruft und das veri­fi­ziert oder darum bittet, kurz Bescheid zu geben, wenn sich etwas weite­res ergibt. Das ist mein Tagesgeschäft. Ich würde das nicht als neue Entwicklung betrach­ten, sondern ich glaube, das ist die Grundlage unserer Arbeit; Ihrer wie meiner.

ZUSATZ: Wieder etwas gelernt. ‑ Danke!

FRAGE: Herr Dr. Steegmans, nehme ich es richtig wahr, dass Sie dafür werben, dass wir Kunden oder Abonnenten von Twitter werden? Sie haben ganz bewusst zwischen Informationsangebot und Informationslieferung unter­schie­den. Heißt das, Sie wollen einen Mehrwert für diesen Dienst zurück­be­hal­ten? Nur dann lohnt es sich ja, Abonnent zu werden.

SRS DR. STEEGMANS: Nein. Da hätten Sie mich ausdrück­lich falsch verstan­den, Herr Leifert. Ich habe gesagt: Wenn Sie das Gefühl haben, dass mögli­cher­weise hin und wieder über Twitter irgend­et­was verbrei­tet wird, was Sie noch nicht wussten, dann glaube ich, dass Sie ein Eigeninteresse haben ‑ also nicht meinem Interesse folgen, sondern ein Eigeninteresse haben ‑, dass Sie sich diesen zusätz­li­chen Informationskanal erschlie­ßen. Die Entscheidung, ob Sie das tun oder nicht, liegt ausschließ­lich bei Ihnen. Ich habe ausdrück­lich kennt­lich gemacht, dass Sie dort nahezu keine Information erhal­ten ‑ ich will nicht ausschlie­ßen, dass dort irgend­wann einmal ein Adjektiv gebraucht wird, das wir an der einen oder anderen Stelle so nicht gebraucht haben ‑, die Sie nicht auch auf anderem Weg erhal­ten könnten.

Umgekehrt glaube ich, dass es Informationen gibt, die nicht ausschließ­lich zuerst über Medienverteiler, sondern auch in der Direktkommunikation zur Verfügung gestellt werden dürften.

FRAGE: Abweichend von der norma­len Praxis, kann ich Sie einfach darum bitten, in Ihrem Amt viel­leicht noch einmal die verschie­de­nen Aspekte prüfen zu lassen, die damit einher­ge­hen? Denn wenn man diese Kommunikationswege geht ‑ da schließe ich mich sicher­lich den anderen Agenturkollegen an ‑, dann greift das tief in unsere Arbeitsabläufe ein. Wenn es da ein Sicherheitsproblem gibt, dann hilft der Hinweis „wenn Sie Zweifel haben, können Sie ja anrufen” uns als Agenturen nicht weiter. Denn wenn das eine auto­ri­sierte Verbreitungsquelle des Bundespresseamtes ist, dann werden wir „zuschla­gen”, und dann werden wir im Zweifelsfall auch mit einer falschen Meldung „zuschla­gen”. Das kann nicht im Interesse Ihres Ministeriums sein. Da berufe ich mich ausdrück­lich auch auf das, was der Kollege zur Sicherheitsfrage gesagt hat. Ich denke, man sollte dazu sicher­lich die verschie­de­nen Aspekte nach­un­ter­su­chen.

SRS DR. STEEGMANS: Sie wissen aber auch, dass nicht einmal ausge­schlos­sen werden kann, dass auch Internetseiten geha­cked werden, obwohl dort unse­rer­seits auch sehr viel Aufwand getrie­ben wird, um das sicher­zu­stel­len?

ZURUF: (ohne Mikrofon; akus­tisch unver­ständ­lich)

SRS DR. STEEGMANS: Das stimmt. Ich nehme die Anregung auch sehr gerne mit. Was die Zuverlässigkeit der Technik angeht, kann ich von hier aus jetzt keine abschlie­ßende Bewertung vorneh­men. Was die Zuverlässigkeit der Information angeht, habe ich einen einfa­chen Weg aufge­zeigt, wie man da auf der siche­ren Seite sein kann. Ich glaube, dass auch in einem sehr schnel­len Nachrichtengeschäft die zwei Minuten für ein Telefonat allemal noch drin sind.

FRAGE: Herr Steegmans, ich habe die Ankündigung, dass Herr Seibert twit­tert, verpasst. Könnten Sie mir sagen, seit wann er das macht? Macht nur er das, oder twit­tern Sie auch?

SRS DR. STEEGMANS: Es sind ein paar Wochen; ich habe jetzt das genaue Startdatum nicht da. Die Kollegen sind dran. Es sind Pi mal Daumen ein paar Wochen.

Ich mache das nicht. Wir sind an dieser Stelle der Linie erlegen, dass es vernünf­tig ist, dass es ein authen­ti­scher Absender ist. Dann finde ich es auch konse­quent, dass das der Regierungssprecher macht und nicht der Stellvertreter.

FRAGE: Offen ist ja noch die Frage, ob die Sicherheitsanforderungen über­prüft wurden. Hat Herr Seibert das gemacht, weil er ein junger tougher Typ sein will? Wurde das durch diesen ganzen BND-, BKA- und sons­ti­gen Apparat „durch­ge­r­at­tert”, und am Ende stand, das können wir machen, da können wir auch Regierungs-, Kanzlertermine heraus­ge­ben, das ist eine sichere, seriöse Quelle, oder ist das einfach nur mal aus Lust und Laune heraus erfolgt?

SRS DR. STEEGMANS: Die tech­ni­schen Abläufe, soweit wir die Informationen von unseren Geräten aus einspei­sen, sind so weit sicher, dass wir sicher­ge­hen können, dass nicht irgend­wie umge­kehrt, während wir Informationen einspei­sen, fremde Daten in unser Netz gelan­gen. Das ist die Sicherheitstechnik, die sich in unserem Zuständigkeitsbereich befin­det.

Dann haben wir die Sicherheitstechnik, über die die Informationen auf die Nutzermasken kommen. Diese Sicherheitstechnik befin­det sich per defi­ni­tio­nem nicht in unserem Zugriffsbereich. Da auch Staatsoberhäupter anderer Staaten diese Technik nutzen, ist es, glaube ich, ein einge­führ­tes poli­ti­sches Medium. Da wir die Einführung dieses Mediums für uns vorbe­rei­tet haben und wir in dieser Vorbereitungsphase nicht auf eine offen­kun­dige Anzahl von Missbrauchsfällen mit unab­seh­ba­ren Folgen gesto­ßen sind, glaube ich, dass man ein solches kommu­ni­ka­ti­ves Medium auf jeden Fall nutzen kann.

DR. SCHWARTE: Zu der Frage, die Sie vorhin gestellt haben: Das BMU hat bezüg­lich Isar 1 Informationen beim Bayerischen Umweltministerium ange­for­dert, sie sind aber bei uns noch nicht einge­gan­gen.

FRAGE: Das ist ja schon über eine Woche her.

DR. SCHWARTE: Ich glaube, am Mittwoch haben wir davon erfah­ren und sofort Informationen ange­for­dert. Es ist, wie ich eben per SMS erfah­ren habe, noch nichts einge­gan­gen.

ZUSATZFRAGE: Ist das normal? Mittwoch ist ja auch schon fast eine Woche her, wenn das am Donnerstag passiert ist.

DR. SCHWARTE: Ob das normal ist oder nicht, über­lasse ich Ihrer Bewertung.

Quelle: REGIERUNGonline.

Und, sehr schön: Debatte bei „CARTA”.

Und ja, liebe Leserinnen und Leser: das ist der „Medienwandel”, von dem so oft die Rede ist. Viele Gatekeeper werden ihr Herrschaftswissen und ihr Wissensmonopol auf Teufel komm raus vertei­di­gen wollen.

Dreck! Dreck! Überall Dreck!

Was man so im Internet findet:

Was seine Fans über seine Arbeit denken, inter­es­siert Schriftsteller Teufele sehr. „Ich wäre gern dabei, wenn Menschen darüber lachen”, sagt er im TEXT-Interview. Allerdings am liebs­ten persön­lich. Beim Telefon-Feedback ist er skep­tisch: „Ich höre kein Radio, ich tele­fo­niere nicht, ich schaue erst recht kein TV! Ich lehne das alles ab”, erzählt Teufele und wird noch deut­li­cher: „Ich finde das alles total schrot­tig und verflu­che den Tag, an dem dieser ganze Dreck kam. Es lenkt vom Wesentlichen und vom sozia­len Miteinander ab. Das ist für mich totale Zeitverschwendung.”

Für diese These hat er auch eine Erklärung: „Schon allein frei darüber verfü­gen zu können — ob man es nicht nutzt, wenig, viel oder ausnahms­los — ist ja schon der Untergang, weil die meisten Menschen, und vor allem leider Kinder und Jugendliche, nicht damit umgehen können. Sie haben kein Gefühl mehr für die Begrenztheit der Zeit. Das finde ich ganz schlimm.” Und alles gleich­zei­tig zu machen, ist auch keine Option für ihn. „Ja, ich lese nur ein Buch, lese und verstehe die Details. Ich tele­fo­niere auch nicht beim Essen und ich mache auch beim Spazierengehen nichts anderes. Ich bin trotz­dem multi­tas­king­fä­hig. Aber ich würde niemals alle Sachen mitein­an­der vermi­schen. Das nimmt dem, was man tut, die Bedeutung.”

Nun werden die geneig­ten ROTSTEHTUNSGUT-LeserInnen sicher­lich sagen: „So ein Quatsch, das hat der Soeder erfun­den! So doof ist doch niemand!” Stimmt. Fast. Ich habe ein paar Begriffe ausge­tauscht — am grund­le­gen­den Argumentationsmuster habe ich nichts verän­dert. Manchmal ist es wirk­lich erstaun­lich, welchen Effekt man so erreicht — erstaun­lich und entlar­vend.

Die Originaleinlassung ist von Anke Engelke (via GedankenMaschine) und richtet sich (natür­lich) gegen „das Internet”. Wogegen auch sonst. Ist ja gerade Mode. Damit zeigt Engelke vor allem eines: dass sie nicht in der Lage ist, mit einer sich wandeln­den Welt umzu­ge­hen. Engelke ist biolo­gisch gesehen 46 Jahre, mental gesehen hinge­gen unge­fähr 120. Da rieselt der Kalk aus den Hosen, wie man so schön sagt.

Axel E. Fischer, Opfer einer Medienkampagne auf der Kommunikationsplattform Twitter!

Wer wohl diese Wikipedia-Passage (via @sixtus) erstellt hat:

Am 14.11.2010 wurde Axel E. Fischer Opfer einer Medienkampagne auf der Kommunikationsplattform Twitter, in welcher Nutzer der Plattform mittels frei erfun­de­ner, provo­zie­ren­der, angeb­lich von Fischer stam­men­der Aussagen mit Bezug zum Internet auf dessen Forderung nach einem Vermummungsverbot im Internet aufmerk­sam machen wollen.

Schade, dass die Wikipedianer das so flott gelöscht haben. Wer nicht weiß, um was es geht, möge diesen Eintrag lesen.