Sarrazin, Höhler, Spitzer — Internet

Thilo Sarrazins Bestseller-Kernthese war: Deutschland wird immer dümmer, weil die Unterschicht (meis­tens Muslime) mehr Kinder bekommt als die Mittel- und Oberschicht. Deshalb würde sich Deutschland abschaf­fen. Wie gesagt, ein Bestseller. Zustimmend zitiert allüber­all, auch von deut­schen Professoren. (Von Professorinnen nach meiner Erinnerung übri­gens kaum bis gar nicht.) So denkt es im Bürgertum.

Gertrud Höhler wirft Angela Merkel, immer­hin die Bundeskanzlerin, nur sehr schlecht versteckt vor, sie sei eine Undemokratin und Diktatorin und in Nachfolge von Hitler und DDR zu sehen.

Während Manfred Spitzer einen persön­li­chen Kreuzzug gegen das Internet führt. Mit Argumenten, die sich den Anschein der Wissenschaftlichkeit geben.

Drei im Grunde genom­men völlig verschie­dene Themen, aber Wolfgang Michal hat gera­dezu konge­nial die Verknüpfung herge­stellt: Das alte Bürgertum schlägt wild um sich. Ob Sarrazin gegen die „dummen Muslime” agitiert, ob Höhler sich die heime­lige Bonner Republik zurück­wünscht, oder ob Spitzer den Verlust der Deutungshoheit beklagt — das Muster ist dasselbe. Michal ist ausdrück­lich zu danken für diese intel­lek­tu­elle Leistung, diese drei völlig verschie­de­nen Bücher auf einen gemein­sa­men Nenner zu bringen. Bei Höhler dachte ich auch an Sarrazin, als sie immer wieder stupide ihr „Lesen Sie mein Buch!” wieder­holte, bei Spitzer wäre mir das nicht einge­fal­len.

Aber es stimmt. Die Gesellschaft wandelt sich und zwar in Siebenmeilenschritten. Das banale Sprüchlein „Deutschland wird bunter” ist nämlich gar nicht banal — es ist eine Kampfansage an das weiße Westdeutschland. (Vielleicht muss man auch die Debatte zur Beschneidung von Jungen unter diesem Gesichtspunkt sehen, viel­leicht will sich die Mehrheitsgesellschaft quasi ein letztes Mal stell­ver­tre­tend ihrer Macht versi­chern.)

Das Internet wirft lieb­ge­won­nene Gewissheiten um. „Digital Natives” gibt es nicht, aber es gibt Menschen, die mit dem Internet mehr anfan­gen können als andere. So, wie manche Leute mit Fußball mehr anfan­gen können als mit Schach, mit dem kleinen Unterschied, dass das Internet nicht einfach nur ist, sondern dass es wirkt. Sascha Lobo hat das ziem­lich gut formu­liert: „Aber ein guter Teil der Gesellschaft ist gerade dabei, sich selbst zur Lost Generation zu machen aus der Perspektive derje­ni­gen, für die das Internet eine Heimat ist oder zumin­dest eine Lebensselbstverständlichkeit wie flie­ßend Wasser.”

Denn es stimmt: Das Internet verschwin­det nicht mehr. Die Muslime gehen nicht mehr weg. Die Dominanz der west­deut­schen Katholiken kommt nicht wieder.

Trotzdem haben die alten Eliten noch Macht. Und wenn es keine Gestaltungsmacht ist, so sind die immer­hin in der Lage, das Klima zu vergif­ten. Wenn sich Jugendliche recht­fer­ti­gen müssen dafür, dass sie „ins Internet schrei­ben”, wenn Muslime qua Religion als dumm ange­se­hen werden, dann schadet das der Gesellschaft. Auch wenn die Leute trotz­dem twit­tern und bloggen, auch wenn Muslime trotz­dem ihren Weg gehen.

Freiheit geht mit Verantwortung einher, Verantwortung auch für das Denken — nicht nur für das Handeln. Die offene Gesellschaft hat auch heute noch Feinde.

„Sarrazin darf in der SPD bleiben”

Ich wollte nichts mehr zu Thilo Sarrazin schrei­ben. Aber nun gut. Ein abschlie­ßen­der Kommentar: für mich ist Sarrazin ein Rassist. Alan Posener sieht das wie ich. Einen schönen Hintergrundartikel zum Thema hatten wir hier auch. Ebenso eine Verteidigungsrede für Sarrazin. Und diverse Verweise auf andere Artikel.

Die Berliner Landesschiedskommission hat jetzt geur­teilt: Sarrazin darf in der SPD bleiben.

Eine völlig absurde Entscheidung. Witzig ist aller­dings, dass sich gerade jetzt über diese Entscheidung etliche Sozialdemokraten mit dem Verweis auf Meinungsfreiheit freuen, die noch vor wenigen Stunden den Rechtspopulismus des Guido Westerwelle beklagt haben. Obwohl, eigent­lich ist es nicht witzig. Sondern eher dämlich.

Spalter Sarrazin

Ich bin ein biss­chen spät dran damit, mich öffent­lich über Thilo Sarrazin aufzu­re­gen, aber besser spät als nie. Für mich ist klar: was Sarrazin von sich gegeben hat, ist rassis­tisch. Da habe ich auch keine große Lust, das haar­klein zu analy­sie­ren, ob das nur ein biss­chen Rassismus ist oder schon ziem­lich starker Rassismus. Ein biss­chen Rassismus gibt es nicht, so wenig wie es ein biss­chen schwan­ger gibt. Ein SPD-Politiker sagte einmal sinn­ge­mäß: „Zwischen NPD und DVU unter­scheide ich nicht, denn das hieße, Scheiße nach dem Geruch zu sortie­ren.” Und genau so sollte man es auch mit Rassismus halten. Ganz undif­fe­ren­ziert. „Spalter Sarrazin“ weiter­le­sen