#tazlab: #2: Mutige BloggerInnen in der Welt und das verwöhnte Deutschland

Am Wochenende war ich auf dem #tazlab, veran­stal­tet von der „taz“ und dem „Freitag“. Eine kleine Serie. Teil 2: Mutige BloggerInnen in der Welt und das verwöhnte Deutschland.

Das wirk­lich geni­alste und stärkste Podium gab es gleich zu Beginn: am Freitagabend hieß es „Hier spricht die Revolution“. Und zur Abwechslung war hier der Name wirk­lich einmal Programm. Es waren vor Ort: Dana Asaad (Journalist, Irak), Ines Pohl („taz“-Chefredakteurin), Johannes Staemmler („Causa Guttenberg“), Lina ben Mhenni (Twitterin/Bloggerin, Tunesien), Mona Seif (Twitterin/Bloggerin, Ägypten), Viktar Malishevsky (Anti-Journalist, Weißrussland). Nicht dabei sein durfte Yoani Sanchez (Bloggerin, Kuba), deren Ausreise das kuba­ni­sche Regime verhin­derte.

Um ehrlich zu sein: mir fehlen fast die Worte, um meine Gefühle zu beschrei­ben. Das Podium war derma­ßen über­wäl­ti­gend besetzt, dass nur ein Mensch mit einem Herzen aus Stein nicht bewegt sein konnte. Beeindruckt haben mich Dana Asaad und Viktar Malishevsky, die beide auf ihre Weise versu­chen, mit der jewei­li­gen Situation vor Ort umzu­ge­hen. Dana Asaad, indem er sich in Ironie flüch­tet („Arbeitslose im Irak wurden zu Journalisten“), Viktar Malishevsky, der im Kampf um Demokratie und Freiheit für Weissrussland nicht aufgibt.

Aber ich muss geste­hen: beide verblass­ten vor den Heldinnen der Revolution aus Ägypten und Tunesien, so unge­recht diese Wertung von mir auch sein mag. Denn wie mutig, wie inspi­rie­rend, wie fantas­tisch ist das Leben dieser Heldinnen der Revolution! Lina ben Mhenni aus Tunesien und Mona Seif aus Ägypten, zwei Frauen, die vor den Volksaufständen niemand kannte und die keine Ambitionen hatten, dieses zu ändern; die im Laufe der Revolution die Verantwortung fühlten, für diese zu kämpfen, für die Freiheit einzu­ste­hen; Mona, die 18 Tage quasi unun­ter­bro­chen auf dem Tahir-Platz ausharrte und für Freiheit und Demokratie ihre Stimme erhob. Lina, die von der tune­si­schen Regierung bzw. von Geheimdiensten bedroht und einge­schüch­tert wurde, deren Laptop und Kamera gestoh­len wurde; die trotz­dem weiter­machte, trotz­dem sich nicht einschüch­tern ließ, trotz­dem weiter das Unrecht anklagte. Was für eine Geschichte: hat man erwar­tet, so etwas noch zu erleben, in einer Zeit, in der Zyniker den Platz der Idealisten einge­nom­men zu haben schei­nen? Beide Frauen waren sich einig: die Revolution brachte Frauen und Männer näher zusam­men, beide erklär­ten über­ein­stim­mend, dass sie sich niemals freier von sexu­el­len Zwängen gefühlt hätten als in den Tagen der Revolution.

Und wie gerührt war ich, als Lina uns auffor­derte, ihr Land zu besu­chen, ihr freies Tunesien, ihr schönes Tunesien. Wie man ihr den Stolz anmerkte, es geschafft zu haben, frei zu sein. Und wie beschämt war ich, als Mona sagte, wir sollten und müssten unsere Regierung auffor­dern, Diktaturen nicht zu unter­stüt­zen. Habe nicht auch ich schon für „Geopolitik“ und „Realpolitik“ plädiert? Werde ich nicht bei der nächs­ten Gelegenheit wieder schwach werden, im Glauben, dass sich doch nichts ändert? Wie schnell werden wir die Revolutionen in Arabien verges­sen, wie schnell werden wir uns wieder anderen Themen zuwen­den? Der irre Gaddafi hätte es fast geschafft, die Revolte nieder­zumä­hen. Wir werden wir uns künftig verhal­ten?

Tunesien wird frei sein, Ägypten wird frei sein. Es ist dies das Werk von Frauen und Männern wie Mona und Lina. Deren Kraft und Mut kann uns allen Beispiel sein, uns, in unserer satten und reichen Gesellschaft.

Das kuba­ni­sche Volk wird unter­drückt, schon seit Jahrzehnten – seit Jahrhunderten gar. Spielball der Mächtigen, wurde es einst durch ein US-freund­li­ches Regime unter­jocht, um dann nach der legi­ti­men (!) Revolution durch Castro der Sowjetmacht in die Hände zu fallen. Wie wirkt Kuba doch aus der Zeit gefal­len! Wie traurig ist es, dass Castro und seine „Genossen“ sich noch immer an die Macht klam­mern, im Glauben, es besser zu wissen als ihr Volk. Auch in Kuba regt sich Widerstand. Auch in Kuba wird dieser Widerstand unter­drückt. Wie gerne wäre Yoani Sanchez, Bloggerin in und über Kuba, bei uns gewesen – wie gerne hätte ich auch sie gesehen und bei ihr Mut und Kraft getankt. Das kuba­ni­sche Regime hat ihr die Ausreise aus Kuba verwehrt. Sie ist gefan­gen im schönen unfreien Kuba, aber sie war bei uns – per Videobotschaft:

Hören Sie sich das Video an, und lesen Sie, liebe Leserinnen und Leser, bitte die Übersetzung, falls Sie wie ich zu euro­zen­triert sind und nur Deutsch, Englisch und ein biss­chen Französisch können:

Ich möchte den Teilnehmern des Kongresses der tages­zei­tung einen Gruß von hier aus Havanna in Kuba schi­cken. Ich möchte mich dafür entschul­di­gen, dass ich nicht dabei sein kann. Leider ist das nichts, was ich selbst so entschie­den hätte, sondern es ist einfach so, dass ich hier bin und ihr dort seid, weil wir Kubaner leider immer noch unter strik­ten Ausreiseregelungen leben. Es ist aber auch ande­rer­seits nicht so schlimm, weil diese kleine Webcam, mit der ich mich gerade Filme, meine Worte zu Euch tragen kann.

Sie, die Eingesperrte, entschul­digt sich bei uns, den Freien, dass sie nicht bei uns sein kann. Es ist eine unge­rechte Welt, in der wir leben. Wir können sie nur Schritt für Schritt verbes­sern. Und müssen Ungerechtigkeiten wie diese ertra­gen, aber dürfen uns nicht damit abfin­den, wenn wir nicht verzwei­feln wollen. (Dass die lächer­li­chen „Cuba si!“-Spinner in der Linkspartei im Boden versin­ken müssten vor Scham, würden sie sich dieses Video anschauen, würde jeder normale Mensch anneh­men, ich aber bin da nicht guter Hoffnung. Im Gegenteil. Die würden einen absur­den „Nebenwiderspruch“ „erken­nen“ und diese mutige Frau wohl als Konterrevolutionärin „enttar­nen“.)

Abschließend ausdrü­ckend ein Lob für Johannes Staemmler von der „Causa Guttenberg“, der dankens­wer­ter­weise uns allen zeigte, wie reich, satt und frei unsere Gesellschaft ist, und der im Vergleich zu den Heldinnen aus Ägypten, Tunesien und Kuba wie ein alber­ner Besserwisser wirkte (so wie jeder von uns gewirkt hätte, beson­ders dieser Autor), das auch sicher­lich wusste und dennoch sich aufs Podium gewagt hat. In Deutschland kostet es den belieb­tes­ten Politiker des Landes das Verteidigungsministerium, weil er sich seinen Doktortitel erschli­chen hat, und wir arro­gan­ten Europäer haben das Gefühl, das Ende der Demokratie ist nahe, weil Guttenberg nicht schnel­ler zurück­ge­tre­ten ist. Wie dumpf und hohl muss sich das ange­fühlt haben für die anderen Podiumsteilnehmer, was für einen Eindruck haben sie wohl von uns gewon­nen. Immerhin wissen sie jetzt bereits, was mit Demokratie und Freiheit einher geht: ein Jahrmarkt der Eitelkeiten, der seines­glei­chen sucht. Sicherlich werden sie sich davon nicht abschre­cken lassen. Mir ist nicht bang um die jungen Demokratien in Ägypten und Tunesien, wenn so tolle junge Frauen das Sprachrohr der Revolution sind.