Kurz verlinkt: „taz.de” über die „späte Genugtuung für Beck”

Kurt Beck hatte im April 2007 vorge­schla­gen, mit gemä­ßig­ten Taliban zu verhan­deln. Dafür wurde er von CDU und CSU verspot­tet, verlacht und verach­tet. Als im August 2009 der Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen den glei­chen Vorschlag machte, lachte niemand. Und nun über­nimmt die deut­sche Mitte-Rechts-Regierung die Vorschläge Becks aus dem Jahr 2007.

Absurd, irre, skan­da­lös und unfair? Ja, ja, ja und ja.

So, wie Politik eben manch­mal ist.

Abzug aus Afghanistan?

20 Tage vor der Bundestagswahl scheint Afghanistan doch noch ein Thema zu werden, da die Bundeswehr einen Luftangriff auf Tanklastzüge befoh­len hat. Verteidigungsminister Jung behaup­tete zuerst, es seien keine Zivilisten getötet worden, mitt­ler­weile musste er zurück­ru­dern. Die Aussage war von Anfang an unglaub­wür­dig, denn man weiß: Luftschläge fordern unschul­dige Opfer. Immer. Der Traum von „chir­ur­gi­scher Präzision” wird immer ein Traum von Technokraten bleiben, viel­leicht auch viel­mehr ein: Alptraum. Ein Alptraum, da man dann Leben gegen Leben aufrech­nen würde, Opferzahl gegen Opferzahl.

Wir erin­nern uns: die Bundeswehr ist in Afghanistan, weil die NATO nach den Terroranschlägen am 11. September 2001 den Bündnisfall ausge­ru­fen hat und sich die Urheber der Terroranschläge in Afghanistan versteck­ten, unbe­hel­ligt, gar geför­dert von den isla­mo­fa­schis­ti­schen Taliban. Deshalb hatte Deutschland keine andere Wahl, als in Afghanistan einzu­mar­schie­ren; die Alternative wäre gewesen, aus der NATO auszu­tre­ten. Das kann niemand ernst­haft wollen, weshalb die außen­po­li­ti­schen Ansichten der Linkspartei zu recht als absurd ange­se­hen werden.

Mittlerweile sind deut­sche Soldaten sieben Jahre in Afghanistan. Und ein Ende ist noch nicht in Sicht, die Lage hat sich in vielen Regionen Afghanistans nicht merk­lich verbes­sert; jetzt steht noch Präsident Karsai im Verdacht, die Wahlen gefälscht zu haben. Die Frage, wie lange die Bundeswehr noch in Afghanistan bleiben wird, muss erlaubt sein. Der sofor­tige Abzug aus Afghanistan, wie teil­weise gefor­dert, ist an Populismus jedoch nur schwer­lich zu über­bie­ten: jegli­che Aufbaubemühungen der letzten Jahre wären mit einem Schlag zunichte gemacht, die wieder­erstark­ten Taliban würden erneut die Macht über­neh­men und ihre Schar’ia-Gesellschaft reani­mie­ren.

Und dennoch: wie lange wollen, wie lange müssen wir in Afghanistan bleiben? Mit welchem Ziel? Absicherung einer Hauptstadt Kabul und einer Rumpf-Regierung Karsai? Totale Zerschlagung der Taliban in ganz Afghanistan? Letzteres ist nicht möglich, nicht mit der derzei­ti­gen Truppenstärke, nicht mit unserem Verständnis von Krieg. Ersteres kann kaum ein Ziel sein, es wäre eine Niederlage par excel­lence. Nicht für uns, sondern für die Menschen in Afghanistan.

Eine Option ist es, mit den gemä­ßig­ten Taliban zu verhan­deln: divide et impera. Wir brau­chen Verbündete gegen die Extremisten der Taliban. Und die Garantie, dass Kinder die Schule besu­chen können, wenn sie das wollen. Alles andere wäre ein Verrat an den Menschen Afghanistans, die sich auf uns verlas­sen und uns vertraut haben. Man darf sie nicht im Stich lassen.

Aber: wir müssen auch akzep­tie­ren, dass es keine Kriege ohne Opfer gibt. Wenn wir dazu nicht in der Lage sind, dann können wir die Bundeswehr auch direkt einmot­ten, da sie dann nicht mehr benö­tigt wird.

In diesem Konflikt gibt es nicht die rich­tige Meinung und keine Sieger. Im Krieg verlie­ren immer alle.

Gemäßigt — gestern falsch, heute richtig?

WELT ONLINE, 2. August 2009:

Der neue Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen hat sich für Verhandlungen mit gemä­ßig­ten Vertretern der radi­kal­is­la­mi­schen Taliban in Afghanistan ausge­spro­chen. Zudem forderte er in einem Interview mit der däni­schen Zeitung „Politiken“ die Europäer zu einer Truppenaufstockung auf. Bei Kämpfen und Anschlägen kamen am Wochenende mindes­tens sechs Nato-Soldaten ums Leben. Es gebe in Afghanistan „Gruppen, mit denen man reden kann, um auf eine Art Aussöhnung mit der afgha­ni­schen Gemeinschaft hinzu­ar­bei­ten“, sagte Rasmussen. Er sehe aber keinen Grund für Vereinbarungen mit Taliban, „die unsere Soldaten töten“. „Wir reden hier über andere Gruppen, die am äußeren Rand der Taliban ange­sie­delt sind.“

Warum kommt mir das so bekannt vor? Achso, richtig: FOCUS online, 3. April 2007:

„Die Idee darf man nicht einfach vom Tisch wischen“, sagte Beck am Dienstag nach seiner Rückkehr vom Hindukusch. Die Union hatte den SPD-Vorsitzenden zuvor heftig atta­ckiert. Man müsse auslo­ten, ob nicht mit gemä­ßig­ten Kräften eine Regelung getrof­fen werden könne, die auch im Süden Afghanistans eine größere Stabilität bringe, sagte Beck. Wer Menschen ermorde, sei kein Verhandlungspartner. „Aber es gibt Grundsympathisanten, die durch­aus ihren Einfluss in den unru­hi­gen Regionen haben und die zumin­dest poli­tisch abge­klopft werden sollten, ob es denn eine Chance gibt, Verbindliches zu verein­ba­ren“, fügte der SPD-Chef hinzu.

Ob Rasmussen jetzt auch von den übli­chen Verdächtigen als außen­po­li­ti­sche Fehlbesetzung bezeich­net werden wird? Wahrscheinlich eher nicht. Kurt Beck wurde und wird unter­schätzt, das wird noch deut­li­cher werden — da bin ich mir sicher.