Unter Spitzengenossen

Der Film „Sozialdemokraten – 18 Monate unter Genossen“ von Lutz Hachmeister zementiert das Bild einer auf den Parteivorsitzenden ausgerichteten Partei – das ist ein Zerrbild der SPD. Den Film sollte man aber trotzdem gucken, als Lehrstück darüber dass selbst ein Dokumentarfilm keinen unvoreingenommenen Blickwinkel haben kann.

Lutz Hachmeister, einer der bekanntesten Dokumentarfilmer in Deutschland, hat am Freitag abend in Berlin seinen neuesten Film „Sozialdemokraten – 18 Monate unter Genossen“ vorgestellt. Der Film ist unterhaltsam und auf hohem Niveau. Hachmeister spielt mit den kleinen Gesten, den Schnitten, Rückblenden und Interviews und schafft es, einen Spannungsbogen aufzubauen von der verheerenden Niederlage im Wahljahr 2009 zu den gewonnenen Landtagswahlen in den Jahren danach.

Es ist in weiten Teilen ein Film, der sich um einen Protagonisten sortiert: Sigmar Gabriel. Markus Winkler twitterte: „18 Monate unter Genossen“ ist eine Dokumentation die auch den Titel ‚Sigmars Homestory‘ haben könnte.“ Das ist nicht hämisch gemeint. Lutz Hachmeister beobachtete in seinem Film vor allem Gabriel bei Auftritten in seinem Wahlkreis, bei Reden auf den Parteitagen und im Parteivorstand. Viele kleine Szenen im Film erzählen davon, wie Gabriel als Parteivorsitzender organisiert und orchestriert wird. Hachmeister lässt auch die gesammelte SPD-Bundesprominenz, von Steinbrück, Nahles, Kraft, Steinmeier und Schröder zu Wort kommen, aber in erster Linie sollen sie ihr Verhältnis zur politischen Führungsperson Sigmar Gabriel schildern.

Dass Lutz Hachmeister diese Perspektive einnimmt, mag daran liegen, dass er darauf angewiesen war, von der SPD auf ihrer Transformationsreise mitgenommen zu werden. Er konnte sich nicht aussuchen, was er filmte. Als heimlicher Beobachter hinter den Kulissen benötigte er Zutritt zu den Zirkeln der Macht und schlüpft damit mental in die Schuhe seines Gastgebers. Diese Umgangsform ist immer zu beobachten, wenn ein Dokumentarfilmer etwas filmt, dass normalerweise niemand zu sehen bekommt – ähnlich wie schon bei „The Road to Europe“ im Dokumentarfilm über Anders Fogh Rasmussen, den damaligen dänischen Ministerpräsidenten zu merken war.

Sigmar Gabriel tut das nicht gut. Der Film wird damit zum Personenkult um den Parteivorsitzenden. Vielleicht geht es nur mir so, aber Personenkult um eine Person, und sei es der Parteivorsitzende, schreckt mich ab. Ich glaube auch nicht, dass Sigmar Gabriel den Vorsitzendenkult, der in der SPD manchmal gepflegt wird, schätzt. Es ist eher ein Zeichen zerfallender Macht, wenn jemand sein Amt zelebriert oder zelebrieren lässt – und ich glaube nicht, dass Gabriel dieses Zeichen setzen will.

Hachmeisters Film nimmt nicht nur die Perspektive von Gabriel ein, sondern dadurch zwingend die Perspektive der SPD als bundespolitische Partei. Die Statements der Interviewpartner sind eine langgezogene Antwort darauf, wie die SPD im Bund wieder an die Macht kommen kann. Matthias Machnig, nach Gabriel mit den zweitgrößtem Anteil an O-Tönen im Dokumentarfilm, zelebriert seine Rolle als Spin-Doctor, indem er in unzähligen Varianten immer den gleichen Weg der SPD zurück ins Bundeskanzleramt aufweist: das Gewinnen der „Deutungshoheit“ über die politische Mitte.

Das ist alles schön und gut – und bedient sicherlich auch die Interessen vieler politischer Kommentatoren in den Stammtischen und Redaktionssitzungen unserer Republik. Aber es reduziert die SPD auf eine Machtmaschine. Wer mal wirklich sich „unter Genossen“ begeben hat, der weiß, dass die Beteiligung an der Bundesregierung nur eines von vielen politischen Zielen ist, daß SPDler umtreibt. Eine reine Kanzlerwahlmaschine ist die SPD nicht. Sie sollte es voller Stolz zurückweisen, sich darauf reduzieren zu lassen.

Ich vermute, diese unterschiedliche Wahrnehmung auf die SPD ist ein Generationenproblem. Hachmeister wählt das Filmmaterial aus, dass zu seiner gewählten oder aufgedrängten Perspektive passt und gibt ihr den Titel „Sozialdemokraten“. Seine Kamera verliebt sich in den Parteivorsitzenden und den engen Kreis der SPD-Parteiführung. Mit jeder Szene merkt man, da will jemand die Macht spüren.

Nein, möchte ich rufen, nein, die Sozialdemokratie ist mehr als die Brötchen im Parteivorstand, der Spargel der Seeheimer oder die ungepellte Kartoffel bei der Ortsvereinssitzung, die alle im Film ihre Gourmet-Rolle finden. Und vielleicht hatte ich die naive Erwartung, dass ein Film über die „Sozialdemokraten“ sich aus dieser Perspektive löst. Der vielleicht auch zeigt, dass die SPD nicht nur aus Männern ab 50 besteht. Aber das ist vielleicht dann der Inhalt eines zweiten Teils, der dann im Jahr 2013 veröffentlicht wird. Die Machtfrage ist bis dahin sicherlich auf die eine oder andere Art geklärt und braucht dann nicht mehr zentraler Bestandteil eines Films über die SPD zu sein.

Es ist nicht gesagt, dass Hachmeister nicht auch eine unabhängige Perspektive hätte einnehmen können. Hachmeister vermag es ja, den Finger in die Wunde zu legen. In der Diskussion mit Sigmar Gabriel im Anschluss an die Premiere vermochte er genau zwei Punkte zu nennen, die der SPD wirklich gut tun würden. Einerseits, so Hachmeister, sollte die SPD nicht soviel Angst davor zu haben, sich auch im innersten Zirkel beobachten zu lassen. Und andererseits muss die Kommunikation der Partei ins 21. Jahrhundert überführt werden, d.h. insbesondere das Internet als Dialoginstrument und nicht nur als Verkündigungsinstrument genutzt werden. Selbst mit den Neuerungen bei spd.de sind wir davon noch weit entfernt.

Sigmar Gabriel hatte darauf nur zu antworten, dass das Internet nicht den Besuch im „lauten Leben“ ersetzt – was natürlich in dieser Einfachheit richtig ist. Richtig ist aber auch, dass das Internet Teil des „lauten Lebens“ ist. Es ist ein Ort wo es auch manchmal „stinkt“, insbesondere dann, wenn es um Grundfreiheiten geht, die allzuleicht anderen Zielen geopfert werden. Wer aber denkt, er könne dem entkommen durch halbherzig gemeintes Senden von Botschaften ohne auch Empfangen zu wollen, der wird sich eines Tages über den Zuspruch bei anderen wundern.

Indikativ ist übrigens auch die Rezeption der Hauptstadtpresse über die Premienvorstellung. Schade, dass die Diskussion nicht im Livestream übertragen wurde. Jeder hätte dann gemerkt, dass es eine seltsame Dissonanz gibt zwischen dem, worüber diskutiert wurde, und darüber, worauf dann Spiegel Online und Zeit miteinander abgehen, nämlich Sigmar Gabriels versprenkelte Worte zur Kanzlerkandidatur.

Insofern braucht man sich nicht wundern, dass Lutz Hachmeister seinen Film zu einem SPD-Kanzlerkandidatenfilm geschnitten hat. Die Hauptstadtmedien im Sommerloch werden es ihm danken.

Karsten Wenzlaff ist Mitglied der SPD seit 2003 und vertritt seine private Meinung als Gastautor auf rotstehtunsgut.de

Eine weitere Rezension ist auf vorwaerts.de von Nils Michaelis erschienen.

Ausstrahlungstermin: 26.07.2011, 22:45, ARD

Grüner Kanzler?

Ganz schnell, ganz rasch, ganz meinungsstark: was Gabriel hier sagt, ist Quatsch:

Der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel hat Sympathien für die Nominierung eines grünen Kanzlerkandidaten. „Ich habe kein Problem damit, wenn im Jahre 2013 spekuliert wird: Wird der Rote oder wird der Grüne Kanzler – während keiner mehr davon redet, ob es Frau Merkel noch einmal wird“, sagte der Gabriel der „Welt am Sonntag“. Die entsprechenden Überlegungen innerhalb der Grünen kommentierte Gabriel mit den Worten: „Finde ich gut!“

So sehr ich Gabriel schätze: hier liegt er völlig daneben. Grund: wenn der SPD-Vorsitzende auf diese Weise den Grünen „Kanzlerfähigkeit“ attestiert, so wertet er sie auf. Und zwar über Gebühr. Die SPD kann natürlich keinen Einfluss darauf nehmen, ob die Grünen einen Kanzlerkandidaten aufstellen oder nicht – aber die SPD hat es in der Hand, inwieweit sie es kommentiert oder nicht.

Und da sollte klar gesagt werden:

  1. Die SPD strebt im Bund Rot-Grün an.
  2. Die SPD wird keinen Grünen-Kanzler wählen.
  3. Davon abgesehen ist alles offen.

Das wäre eine klare Ansage, an der jeder Wähler dann seine Wahlentscheidung festmachen könnte.

Außerdem hätte die SPD auf Bundesebene auf Rang 3 meiner Meinung nach keinen Anspruch darauf, an der Regierung beteiligt zu sein.

PS: Im Grunde genommen ist das natürlich Jacke wie Hose. Bei den Grünen laufen sich schon die Pragmatiker und Realos für Schwarz-Grün 2013 warm. „Hat nicht Kretschmann die Wahl gewonnen? Hat nicht Künast beste Chancen?“ Trittin spielt bald nur noch eine Nebenrolle.

Vorwahlen auf französisch

Wir alle wissen: die sozialdemokratischen Parteien Europas sind aus den verschiedensten Gründen in einer schwierigen Situation. Das gilt auch und besonders für die deutsche SPD und die französische PS. Die SPD leidet unter einem beständigen Mitgliederschwund, ihr Anspruch, als „Volkspartei“ das ganze Volk in der ganzen Breite zu vertreten, schwindet.

Das machte sich zuletzt explizit bemerkbar im Bundestagswahlergebnis von 23 Prozent, es war jedoch für den aufmerksamen Beobachter schon zuvor unverkennbar. „Vorwahlen auf französisch“ weiterlesen

Leitkultur

Sigmar Gabriel meint: Leitkultur in Deutschland sind die Grundgesetz-Artikel 1-20.

Konservative sagen: Leitkultur ist mehr.

Allerdings definieren Konservative nicht, was sie meinen. Es bleibt im Ungefähren, ist nicht fassbar. Wozu also der Streit, wozu die Debatte? Was ist das Ziel? Ausgrenzung? Vereinheitlichung?

Oder ist es einfach nur Angst vor Vielfalt?