CDU weiterhin gegen Lesben und Schwule

Als der SPD-Bundesparteitag sich 2011 nicht gegen die Vorratsdatenspeicherung ausgesprochen hat, fand ich das inhaltlich falsch, aber es war für mich kein persönliches Drama. Es wurde nicht über mich als Person abgestimmt, sondern Meinungen wurden verschieden gewichtet und die Mehrheit hat dann gesprochen.

Heute hat sich der CDU-Parteitag mehrheitlich gegen die steuerliche Gleichstellung der Homo-Ehe mit der Hetero-Ehe ausgesprochen. Die Redebeiträge klangen ungefähr so: „Wir müssen dulden, dass ihr schwul/lesbisch seid, aber gut finden wir das nicht, sondern eigentlich eklig.“

Und nach der Abstimmung twitterten schwule CDU-MdBs ernsthaft, das sei eine respektvolle Debatte gewesen.

Nein, das war keine respektvolle Debatte. Es ist nichts respektvoll daran, Menschen ihr Sein abzusprechen und sie deshalb zu diskriminieren. Es ist schlimm genug, dass die Mehrheit der CDU-Delegierten so denkt, wie sie denkt – aber dass schwule Abgeordnete sich danach selbst verleugnen und sich für den Schlag in die Fresse auch noch bedanken, das will mir nicht in den Kopf. Ich finde das richtig bitter und ich finde das persönlich tragisch.

Wir Hetencismänner und der Feminimus

Was ich in den letzten Tagen gelernt habe: als Gegenmodell zu Transgender gibt es auch Cisgender, also Menschen, deren biologisches Geschlecht (sex) mit ihrem sozialen Geschlecht (gender) übereinstimmt bzw. die sich so wohlfühlen. Wir sog. „Cisgender“ sind allerdings auch keine einheitliche Masse, sondern nochmals zu unterteilen in „Homocisgender“ (Lesben, Schwule) und „Heterocisgender“. (Gibt es auch „Bicisgender“? Ich weiß es nicht.) Die „Heterocisgender“ sind logischerweise zu unterteilen in „Heterocismänner“ und „Hetercisfrauen“.

Ich für meinen Teil gehöre also zu den „Heterocismännern“, in der „Szene“ genannt „Hetencismann“. Ich bin also biologisch ein Mann, fühle mich auch als Mann und finde Frauen attraktiv (nicht alle). Das nun aber macht mich angeblich automatisch (!) privilegiert. Außerdem bin ich auch noch „weiß“, jedenfalls das, was man so als „weiß“ versteht in dieser Gesellschaft. Damit bin ich nun also angeblich automatisch doppelt privilegiert, da ja, wie jeder weiß, unsere Gesellschaft von weißen Hetero-Männern dominiert wird. Dass ich persönlich nichts davon habe, dass Ackermann Ackermann ist nicht Ackerfrau, ist irrelevant – ich bin weiß, männlich, hetero, Punkt.

„Trotzdem“ habe ich mich bisher ganz selbstverständlich als Feminist bezeichnet und mich auch so gefühlt; ohne umfassende theoretische Fundierung, das ist sicherlich richtig, aber ich habe im Kleinen meinen Teil dazu beigetragen, dass Gleichstellung und Gleichberechtigung keine hohlen Phrasen sind. Ich bin also bei Versammlungen immer für die quotierte Redeliste eingetreten, habe mich bei Kongressen beschwert, wenn nur Männer auf dem Podium sitzen, etc. Weil ich der Meinung war, dass Feminismus eben nicht nur Frauen etwas angeht, sondern auch uns Männer. Weil ich es einfach richtig finde, dass Frauen nicht nur ein kleines Stückchen des Kuchens zusteht, sondern eben die Hälfte des Kuchens. Gut, das waren keine weltbewegenden Dinge, aber nach wie vor halte ich sehr viel von dem Grundsatz „think global, act local“. Aber auch, wenn es keine weltbewegenden Dinge waren – ich hätte es mir auch einfacher machen können. Ich hätte mir nicht den Missmut auf Versammlungen zuziehen müssen, ich hätte nicht als Einziger auf das Fehlen von Frauen hinweisen müssen – ich habe es getan und mir so manches Mal „das Maul verbrannt“, wie man so schön sagt. Gut, damit kann ich leben. Wenn man es sich zu einfach macht, dann ist das auch nichts.

Dem Feminismus, der von Nadine Lantzsch propagiert wird und der auf Twitter von vielen Frauen, die ich sehr schätze, anscheinend begrüßt wird, kann ich jedoch nichts abgewinnen. Mir scheint, Lantzsch hat sich in den letzten Monaten und Jahren zunehmend radikalisiert. Wenn ein Artikel in den Schlusssatz gipfelt:

Ich weiß nicht, ob Feminismus die Hetencismänner braucht, um erfolgreich zu sein. Denn an wessen Maßstäben wird schon Erfolg gemessen? Außerdem beinhalten die Punkte 3 und 4 einfach andere spannende Perspektiven, die es sich lohnt, mal anzuschauen, auszuhalten, auszuprobieren. Das Schlimmste, was uns passieren kann, ist, dass wir anfangen, unseren Horizont zu erweitern.

Dann stehe ich hier ziemlich ratlos davor. Was für ein Feminismus soll das denn sein, der glaubt, ohne ungefähr 40-45 Prozent der Bevölkerung auszukommen? Und wie kommt man auf die Idee, dass dieser Feminismus auch nur für die Mehrheit der Frauen attraktiv ist?

Lantzsch erweist dem Feminismus mit ihren Tiraden einen Bärendienst – es ist gut, dass „wir“, die wir hier auf Twitter und in den Blogs aktiv sind, nach wie vor in einer Blase leben und die Allgemeinheit von unseren Diskursen nichts mitbekommt; der Feminismus hat tragischerweise eh schon einen schlechten Ruf, Artikel wie der von Lantzsch tragen nicht zur Besserung bei.

Oder sollte man als Hetencismann Lantzsch folgen und das ganze Feminismus-Ding ad acta legen, weil man ja eh nicht erwünscht ist? Nein, das wäre albern. Es wäre eine ziemlich einfache Reaktion auf eine sehr einfache Sichtweise der Welt, die viel komplexer ist, als sie von Lantzsch dargestellt wird.

Vgl. seeliger.cc: Ich sag euch mal was, Netzfeministinnen! (24.10.2011)
Vgl. metalust.wordpress.com: Seufz … (28.10.2011)
Vgl. maedchenmannschaft.net: Noah Sow erlebt „Festival du Racisme“ (29.10.2011)
Vgl. juliaschramm.de: Wahrheit und Normen (30.10.2011)
Vgl. medienelite.de: Der Gaze Effekt und Feminismus. (31.10.2011)
Vgl. rebellmarkt.blogger.de: Manchen geht ein Licht auf (31.10.2011)