Nur dumme Asoziale hassen Fremde? — Ansichten der selbstgefällig Bürgerlichen

Besorgter Bürger in Düsseldorf
Besorgter Bürger in Düsseldorf |Foto: Bündnis 90/Die Grünen
Ein Artikel über „Die neuen Asozialen” ist nun mehr­fach in meiner Facebook-Timeline geteilt worden — mit sehr proble­ma­ti­schen Thesen, wie ich finde: Kurz zusam­men­ge­fasst wird die Kernthese vertre­ten, der sich in Internetdiskussionen entla­dende Fremdenhass sei Folge einer Verblödung der Gesellschaft. Das ist keine neue Argumentation und wird in dieser oder anderen Formen immer wieder geäu­ßert. Meines Erachtens gibt es vier Kritikpunkte an diesem Artikel, der hier nur stell­ver­tre­tend betrach­tet werden soll. „Nur dumme Asoziale hassen Fremde? — Ansichten der selbst­ge­fäl­lig Bürgerlichen“ weiter­le­sen

Rassismus von linksaußen

Ich für meinen Teil halte solche Aussagen für rassis­tisch:

Martin Luther King, Jr., der beim Montgomery Bus Boycott 1955–1956 zum ersten Mal die natio­nale US-Bildfläche betrat (als der Graswurzelaktivismus der Schwarzen Frauen des Women’s Political Council und anderer Gemeindemitglieder den Boykott bereits initi­iert und voran­ge­trie­ben hatte), ist der freund­li­che Lieblingsschwarze aller Halbinformierten, die irgend­wie mit dem afro­ame­ri­ka­ni­schen Civil Rights Movement sympa­thi­sie­ren (müssen).

Hier wird in wenigen Worten versucht, King komplett lächer­lich und verächt­lich zu machen. Das fängt mit dem hämisch ange­häng­ten „Jr.” an, geht weiter mit der ziem­lich direk­ten Unterstellung, King habe die bereits bestehen­den Proteste als Trittbrettfahrer miss­braucht und endet mit dem nur noch als ekel­haft zu bezeich­nen­den Ausspruch „ist der freund­li­che Lieblingsschwarze aller Halbinformierten”.

Früher habe ich es mir einfach gemacht und erklärt, dass solche Texte nicht links seien. Nach einge­hen­der Beobachtung von Teilen der real­exis­tie­ren­den Linkspartei und ihrem Umfeld („Junge Welt”, „Linksruck” und Co.) muss ich leider fest­stel­len: Auch solche Texte sind leider links. Rassismus (und auch Antisemitismus) von links­au­ßen — ja, das geht. Ich finde das furcht­bar traurig und es tut mir weh, aber es ist wahr.

Schon klar

So weit, so schlecht:

Nach Informationen der „Süddeutschen Zeitung”, die zuerst über den Vorfall berich­tete, sollen die Männer dem Deutschen thai­län­di­scher Herkunft die Worte „Hier wohnen die Mongos” auf die Haut geschrie­ben haben. Das Einsatzführungskommando bestä­tigte dies und erklärte, dass die vier Soldaten nach Deutschland zurück­ge­schickt wurden.

Es wird leider noch schlech­ter:

Ein Sprecher des Einsatzführungskommandos sagte zum Motiv: „Alle Ermittlungen, die wir geführt haben, haben ergeben, dass der Vorfall nichts mit einem auslän­der­feind­li­chen Hintergrund zu tun hat.” Die Bilder, die Soldaten mit Handys gemacht hatten, sollen auf Befehl gelöscht worden sein. Alkohol soll bei dem Vorfall nach bishe­ri­gen Erkenntnissen nicht im Spiel gewesen sein.

Schon klar. Rassismus und Alkoholmissbrauch gibt’s in der Bundeswehr nicht, kann’s dort gar nicht geben. Nix sehen, nix hören, nix sagen, weiter­ma­chen.

Uff.

Beschneidung in Deutschland

In den letzten Monaten konnte die inter­es­sierte Öffentlichkeit stau­nend verfol­gen, wie nach einem Urteil des Landgerichts Köln plötz­lich das halbe Internet voll mit Experten (gefühlte 99 Prozent der Erregten waren männ­lich) zur Beschneidung, zum Humanismus und zum libe­ra­len Judentum waren. Warum? Weil das Landgericht Köln urteilte, dass Beschneidung bei Jungen eine Körperverletzung sei und sich Ärzte straf­bar machten, wenn sie diese durch­füh­ren. „Beschneidung in Deutschland“ weiter­le­sen

Immer druff

Liebe Leute, die ich mehr­heit­lich eigent­lich schätze: ist das euer Ernst, gefühlte 1000 Kommentare ins Internet zu stellen, weil sich ein paar Leute von der Grünen Jugend gegen Rassismus enga­gie­ren, sich dabei aber ein biss­chen doof anstel­len?

So wollt ihr die Gesellschaft positiv verän­dern? Wirklich?

Mein Tipp: das wird nicht klappen.

Zivilcourage

Es gibt auch Lichtblicke:

Doch nun soll die Familie abge­scho­ben werden. Im Februar dieses Jahres stimmte eine Kommission des Innenministeriums erneut über den weite­ren Verbleib der Familie ab. Das Votum fiel knapp zu Ungunsten der Baveyans aus. Wahrscheinlich auch deswe­gen, weil weiter­hin der Verdacht im Raum steht, dass der Vater in der Vergangenheit mehr­fach straf­fäl­lig gewor­den sei. Zu den genauen Vorwürfen schwei­gen die Behörden.

Ein Abschiebetermin wurde fest­ge­legt. Am Dienstag hätte die Familie im Flugzeug nach Armenien sitzen sollen. Hätte.

Seit zehn Tagen fehlt jede Spur von ihnen. Es heißt, dass Bürger Kühlungsborns die Familie vor Polizei und Behörden verste­cken. Wo, bleibt geheim, niemand sagt etwas. In Kühlungsborn hält man dicht. Um der Familie zu helfen, geht die Bevölkerung jetzt sogar auf die Straße.

Nur ein Wort: Respekt.

Kurz verlinkt: stern.de: Sarrazins Hasspredigt

Sarrazin, Teil 352:

Man spürt, wie ange­wi­dert Sarrazin von Muslimen ist, wie sehr ihn die Sorge um eine Islamisierung Deutschlands umtreibt. Auch darüber hätte er skan­dal­frei schrei­ben können. Hat er aber nicht, weil er auf Relativierungen weit­ge­hend verzich­tet. Da rechnet einer ab mit Kopftuchträgerinnen und Mekka-Betern. Wenn sie so werden wie wir Deutsche, dann ist das okay, wenn nicht, hat er keine Verwendung für diese Menschen.

Sarrazin schreibt nicht mit heißem Herzen, sondern mit dem Blick eines Buchhalters. Seine Rüstung ist die Furcht, seine Klinge die Besoffenheit an der Wirkung seiner Provokationen. Seine Losung lautet: Das wird man doch mal sagen dürfen…

Darf man. Und als Leser darf man das absto­ßend finden.

So ist es. Auf ähnli­che Art und Weise schreibe ich mir hier schon seit einiger Zeit die Finger wund.