Darf man sich über Platz 3 freuen?

Also gut, wir liegen in Baden-Württemberg hinter den Grünen. Das ist nicht schön. Und tut auch ein biss­chen weh. Das ist doch klar. An Stimmen haben wir zuge­legt, die Grünen haben deut­lich mehr zuge­legt. Nun liegen wir hinter den grünen Freundinnen und Freunden. Das ist eine fest­ste­hende Tatsache. Fakt ist auch, dass die FDP als einzige Partei im Landtag Stimmen verlo­ren hat.

Es läuft jetzt auf einen Grünen-Ministerpräsidenten Kretschmann hinaus. Dass ich lieber Nils Schmid in diesem Amt gesehen hätte — das ist doch klar. Ich habe schließ­lich primär Wahlkampf für die SPD gemacht.

Aber: ich habe eben auch Wahlkampf gemacht für den ECHTEN WECHSEL, also für Rot-Grün oder Grün-Rot. Es war seit der Desaster-Umfrage vor einem guten halben Jahr klar, in der die SPD bei 19 Prozent lag, dass am Ende die Grünen vor uns liegen könnten. Das endgül­tige Szenario ist also keines, das unvor­stell­bar war. Es lag den ganzen Wahlkampf im Bereich des Möglichen. Trotzdem habe ich immer für den ECHTEN WECHSEL gewor­ben und habe die grün-rote Möglichkeit (und auch die rot-grün-rote) in Gesprächen immer vertre­ten.

Es ist doch so: 58 Jahre lang ist die SPD Wahl für Wahl gegen die CDU-Bastion Baden-Württemberg ange­rannt. Um immer wieder neu belä­chelt zu werden: „Ach guck, die Sozen probie­ren es wieder.” Ab und zu wurde die SPD für eine Große Koalition gebraucht, wenn es die Nazis ins Parlament geschafft haben — aber im Großen und Ganzen war klar: Baden-Württemberg ist CDU-Land.

Diese Festung haben wir gemein­sam mit den Grünen einge­nom­men. Dabei waren die Grünen ein wenig schnel­ler als wir und haben uns auf der Zielgeraden mit Rückenwind aus Japan über­holt (ja, das ist zynisch, aber so ist die Welt). Soll ich deshalb wehkla­gen und traurig sein, soll ich mich grämen, dass die Wählerinnen und Wähler den Grünen beim Thema Atom die größere Problemlösungskompetenz einräu­men?

Manch ein Genosse verweist mit Wehmut auf 2001, als wir 33,3 Prozent abge­räumt haben. Stimmt. Die hatten wir. Und trotz­dem hatten wir keiner­lei Chancen, an die Regierung zu kommen. Die CDU/FDP-Regierung wurde im Amt bestä­tigt, wir waren chan­cen­los. Die Frage ist also, was ist besser: Juniorpartner unter den Grünen bei 23,1 Prozent oder größte Oppositionsfraktion bei 33,3 Prozent, zur Untätigkeit verdammt?

Ja, es ist so etwas wie eine histo­ri­sche Ungerechtigkeit, dass die SPD nicht den Ministerpräsidenten stellt — aber erstens ist die Welt nicht gerecht, und zwei­tens funk­tio­niert Demokratie so nun einmal nicht. Die Grünen liegen vor uns — damit müssen wir leben. Und ich meine: damit kann man gut leben. Die CDU ist weg. Ich kann wirk­lich nur jeden Sozi bedau­ern, der jetzt noch Haare in der Suppe findet.

Noch ein Wort zu den diver­sen Wahlanalysen von inter­es­sier­ten Personen, die direkt als Grund für das „schlechte” Ergebnis u.a. die „Rente67” nennen: wer nur einen Hammer hat, der hält alles für einen Nagel.

Dass die Landtagswahlen in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg von landes­po­li­ti­schen Themen und der Atom-Frage geprägt waren, sieht man nicht nur daran, dass sich die Grünen in Rheinland-Pfalz verdrei­facht und die Grünen in Baden-Württemberg verdop­pelt haben. Man sieht es auch daran, dass für die Linkspartei die Landtagstüren verschlos­sen bleiben. Wäre das Thema „Soziale Gerechtigkeit” derart wahl­ent­schei­dend gewesen, wie da „analy­siert” wird, dann hätte die Linkspartei die Fünf-Prozent-Hürde mit Leichtigkeit genom­men. Die Wahlanalysen aus dem Umfeld der Linkspartei sind da doch bedeu­tend klüger und einsich­ti­ger.

Also, alles in allem: ja, man darf sich über Platz 3 freuen. Aber man darf sich nicht daran gewöh­nen. Bei der Wahl in Berlin sieht die Welt schon wieder anders aus, in fünf Jahren erst recht. Auch hier gilt: keine Panik.