Wahlkampf online

Sven Haetscher greift nach dem Tablet wie ein Rockstar nach seiner Gitarre. Die rechte Hand des SPD-Mannes wischt im Sekundentakt. Mit jedem Wisch entlockt er seinem iPad neue Wahlkampfmunition. Betreuungsgeld? NSU-Morde? Egal, was die GenossInnen gerade für den Polit-Fight benötigen, die Datenbank in der Wahlkampfzentrale im Willy-Brandt-Haus spuckt alles aus.

Nur ein paar hundert Meter hält die CDU im Konrad-Adenauer-Haus dagegen. Auch die ChristdemokratInnen setzen im Kampf um die Macht auf Facebook & Co.

Wahlkampf online. Apple gegen Windows, Facebook vs. Twitter – so lautet das Duell der Systeme bei SPD und CDU. Beide Parteien haben sich in den USA und in Großbritannien umgesehen. Sie wissen, dass die Bundestagswahl mit Anstecknadeln und Werbekugelschreibern nicht zu gewinnen ist. Modernste Technik soll eine neue Dimension im Kampf um die Gunst der BürgerInnen eröffnen.

Über Nacht werden Strategien in jedes Dorf verbreitet, Anzeigen und Werbebanner ausgetüftelt und die Aktionen des Gegners analysiert. Zusätzlich zu den internen Netzen setzen die Parteien auf Präsenzen bei Facebook & Co., erreichen so jeden Monat Hunderttausende WählerInnen.

„Bis vor kurzem hielt die SPD Innovation noch für Teufelszeug“, spöttelt CDU-Generalsekretär Gröhe. SPD-Chefkommunikator Vehlewald kontert: „SPD.de wird das zentrale Anlaufmedium für alle UnterstützerInnen, wir bauen das modernste Kommunikationsnetz aller Parteien.“

Die Reaktionszeiten sinken gegen Null. Während sich die Polit-Matadore in Fernsehdiskussionen oder Parlamentsdebatten messen, rattern im Hintergrund die Computer. Wenn alles klappt, erhalten die eigenen Leute noch in die laufende Veranstaltung hinein das entlarvende Zitat oder die vernichtende Statistik gereicht. Zum „Tagesthemen“-Interview des Gegners gibt es bis zum nächsten Morgen eine Erwiderung bei Twitter und Facebook. „Die werden dann alle Wahlkämpfer im politischen Nahkampf am Infostand einsetzen“, hofft ein CDU-Stratege.

High-Tech-Ambiente im Großraumbüro. „News Desk“ nennen die SPD-WahlkämpfInnen ihre Kommandozentrale. Den sozialdemokratischen PolitstrategInnen stehen Abgesandte ihrer Werbeagentur stets zur Seite. Auch MeinungsforscherInnen sind immer dabei, wenn die GenossInnen im Konferenzraum im fünften Stock debattieren, wie sich Querelen in der Koalition ausschlachten lassen und was das Wahlvolk von den letzten Reden und Aktionen hält. „Wenn es sein muß, kann man das in einem Tag messen“, berichtet Vehlewald. Blitzumfragen sollen den entscheidenden Informationsvorsprung bringen.

Um die Ecke sitzen auch die Abteilungsleiter des Konrad-Adenauer-Hauses bereits ein Jahr vor der Wahl einmal wöchentlich zusammen. Schon jetzt stehen Kreative aus der Werbebranche Schlange, um dem potentiellen Großkunden ihre Ideen zu präsentieren. Im leicht abgedunkelten Multi-Media-Raum im fünften Stock – hausintern „Arena“ genannt – flimmert regelmäßig das neueste Informationsmaterial über die Monitore.

Auch die Union baut auf Social Media. Den markigen Worte des designierten SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück zu Finanzen stellen die CDU-Strategen dabei Punkt für Punkt seiner Bilanz in NRW gegenüber. Selbst in der Provinz sammeln sie Daten. „Zu jedem Steinbrück-Zitat nennt unser Computer die Fundstelle, wann und wo er das Gegenteil gesagt hat“, brüstet sich CDU-General Gröhe. Auch gegen SPD-Chef Sigmar Gabriel hält die CDU-Datenbank mehrere Gigabiye mit Zitaten, Beispielen, Bildern und Analysen bereit.

„Wir waren schon diskursiv, als die SPD noch gar nicht wußte, was das ist“, freut sich CDU-Generalsekretär und Wahlkampfmanager Gröhe.

(Inspiration dieses Artikels ist ein altes Stück im „Focus“ von 1997, mit Dank für die Idee an @fraeulein_tessa.)

Loblied der gedruckten Zeitung

Ich liebe das Internet. Und ich bin Nachrichtenjunkie. Ich hassliebe „Spiegel Online“ für die flachen Artikel und die gleichzeitig unfassbare Schnelligkeit. Und schätze die kleinen und großen Perlen, die man in diesem WWW so findet. Und wühle auch mal gerne im Dreck, suhle mich darin, weiß, dass auch das Dunkle und Düstere zum Leben gehört. Ganz normal ist, so normal wie Essen und Trinken und die Folgen dieser Tätigkeiten. Bin fasziniert von der Banalität. Begeistere mich an tiefgehenden Analysen an unerwarteter Stelle.

Aber ich liebe auch die gedruckten Zeitungen. Erfreue mich an der Haptik des Papiers. Rieche gerne die Druckerschwärze. Höre das Rascheln. Das Papier liebkose ich und streiche es glatt. Falte es. Zerknülle es, wenn mir ein Artikel nicht gefällt. Male wild darin herum, wenn ich einen Gedanken besonders hervorhebenswert und stark finde. Bin überrascht, wenn ich Unerwartetes lese. Und erfreue mich daran. Rege mich auf. Lege die Zeitung beiseite. „Genug davon!“ Nehme sie wieder zur Hand. „Und sie wird doch gelesen!“ Wie ist es doch schön, sich an kleinen Fehlern zu erfreuen. Zu wissen: der Druck, die Zeitung pünktlich vollenden zu können, war groß. Die Anstrengung zu spüren. Von Menschenhand Gemachtes in Menschenhand zu halten. Das liebevoll gesetzte Layout. Die Schriftart. Das Schriftbild. Der Weißraum. Die Kolumnen. Die Einheitlichkeit. Die Endgültigkeit. Die Zeitung ist, wie sie ist. Sie wird nicht mehr verändert. Sie ist. Sie bleibt. Und sie wird die Zeiten überdauern.

Ich möchte nicht dieses Gefühl missen. Ich hoffe, niemals auf dieses Gefühl verzichten zu müssen. Ich liebe das Internet – und ich liebe gedruckte Zeitungen.

Print is not dead yet.

Leistungsschutzrecht für Verlage? Zu den Vorschlägen der SPD-Medienkommission.

2846621384_3b386b6136Schwarz-Gelb scheint das ominöse „Leistungsschutzrecht für Verlage“ tatsächlich einführen zu wollen. Was damit genau gemeint ist, ist mir nicht so wirklich klar. Sollen Verlage in die Lage versetzt werden, Geld von Google und anderen Suchmaschinenbetreibern zu erpressen? Bedeutet dieses Leistungsschutzrecht, dass Zitate im Internet quasi unmöglich werden? Leider gibt es zu diesem Thema anscheinend keine neutralen Abhandlungen, nur Polemiken dafür oder dagegen. (Für Hinweise auf neutrale Abhandlungen bin ich dankbar. Eine Dissertation pro Leistungsschutzrecht ist leider noch nicht fertig.) „Leistungsschutzrecht für Verlage? Zu den Vorschlägen der SPD-Medienkommission.“ weiterlesen