Einigkeit und Recht und Freiheit

3. Oktober. Tag der Deutschen Einheit. Deutschland ist wieder­ver­ei­nigt — nicht nur auf dem Papier, auch in den Köpfen. Solche Daten, sie mögen auch noch so konstru­iert sein, sorgen doch vor allem für eines: für die erzwun­gene Rückschau auf die Geschichte. Denn der Wiederaufstieg, den Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg absol­vie­ren durfte, war beispiel­los in der jünge­ren Geschichte. Vom „Feind der Menschheit zu einem Land ohne Feinde” (ZEIT), lebens­wert, tole­rant, welt­of­fen. Die Deutschen wählen aus Protest im Jahr 2011 nicht rechts­po­pu­lis­ti­sche Parteien, keine Euro-skep­ti­schen Parteien, sondern die Grünen; wenn sie sich mal richtig aufre­gen, dann greifen sie zu einer frechen Partei wie den Piraten. Obwohl die Arbeitslosenzahlen sinken und die wirt­schaft­li­chen Kerndaten kaum besser sein könnten, ist die Bundesregierung unbe­liebt — warum? Weil die Menschen trotz­dem irgend­wie das Gefühl haben, dass es noch besser, noch gerech­ter zugehen könnte. Das Gerechtigkeitsempfinden ist groß, die Hilfsbereitschaft auch. In der „taz” wird das alles fabel­haft unter dem Titel „Das unge­lobte Land” zusam­men­ge­fasst.

Einigkeit und Recht und Freiheit.

Ist Deutschland, sind wir bereits am Ende des Weges ange­kom­men? Ich denke nicht. Deutschland darf sich weiter­hin nicht selbst genug sein. Die Größe und die Lage dieses Landes bringen es mit sich, dass wir nicht den neutra­len Weg der Schweiz gehen können — dafür sind wir zu groß. Wir können auch nicht einen Alleingang machen wie China — dafür sind wir zu klein. Rohstoffpolitik wie in Russland klappt hier auch nur bedingt, eine Militärmacht wie die USA oder Großbritannien wollen und können wir nicht sein.

Einigkeit und Recht und Freiheit — das muss Anspruch und Handlungsanweisung für Europa sein. Die Europäische Union ist ein wunder­schö­ner Traum, der Wirklichkeit gewor­den ist. Jetzt geht es darum, diesen Traum zu leben, ihn noch schöner und besser zu machen. Die Vereinigten Staaten von Europa müssen das Ziel sein für Deutschland. Nicht, weil Deutschland davon profi­tiert. Und nicht, weil die kleinen Leute in Deutschland davon profi­tie­ren. Obwohl beides stimmt: die kleinen Leute profi­tie­ren von der Europäischen Union und sie werden von den VES profi­tie­ren. Vor allem muss Deutschland sich darum bemühen, weil die Geschichte es verlangt. Es wäre eine histo­ri­sche Sünde, diese Chancen nicht zu ergrei­fen, die sich gerade eröff­nen.

Es lebt sich gut in Deutschland. Aber ohne Europa will ich nicht sein.

Migranten? Nö, Deutsche!

Die „taz” will’s wissen: nun sag, wie hältst Du es mit der Nation? Also: wir sind keine Migranten oder mit Migrationshintergrund — wir sind Deutsche. Und wie schon während der Fußball-WM zeigt sich auch hier: das passt den „progres­si­ven”, „linken” Bio-Deutschen über­haupt nicht! „Wer deutsch ist und wer Migrant, das bestim­men wir”, so unge­fähr sind die Kommentare zu verste­hen.

Norbert Bolz scheint wohl nicht ganz Unrecht zu haben mit seinem Kommentar (auch in der „taz”), in dem er „linke Lebenslügen” beschreibt.

Die Nation hat sich mit Europa nicht erle­digt, auch wenn das die ach so klugen Linksintellektuellen sich auch noch so sehr wünschen. Ob es über­haupt wünschens­wert ist, möchte ich auch bezwei­feln. Richtig ist, dass die moder­nen Nationen neuar­tige Gebilde sind, wenn man sich die Menschheitsgeschichte als Ganzes anschaut. Richtig ist aber auch, dass es kein trag­fä­hi­ges Gegenmodell gibt, in einer natio­na­len Welt. Und, es gilt: keine Dekonstruktion ohne Konstruktion.

Der wahre Deutsche?

Lesetipp: ein wunder­ba­rer Artikel bei NPD-BLOG.INFO über Fußball und Nazis, mit einem fantas­ti­schen Schluss:

Der wahre Deutsche jubelt also nur bei bestimm­ten Toren der Nationalmannschaft, schwenkt die schwarze Fahne des „Nationalen Widerstands” oder unter­stützt Ghana. In sich alles schlüs­sig, wenn man ein fana­ti­scher, völki­scher Ideologe ist.

Ergänzend verweise ich auf meinen Artikel vom 13. Juni: Der deut­sche WM-Kader. Oder: ist es gefähr­lich, für Deutschland zu jubeln?

Und ein Appell an die progres­sive Linke: schwenkt die schwarz-rot-goldene Flagge und feiert mit. Die mora­lin­saure Empörung über angeb­lich aufkei­men­den Nationalismus und „Party-Patriotismus” macht linke Ideen sicher­lich nicht attrak­ti­ver.

Abschließend lasse ich es mir nicht nehmen, mit einem fröh­li­chen „SCHLAAAAND!!!” zu schlie­ßen.

PS: Die Engländer werfen wir natür­lich im Elfmeterschießen aus dem Turnier, das ist ja wohl klar.

PPS: NPD-BLOG.INFO ist ein Anti-Nazi-Blog.

Außenpolitische Vorbedingungen einer Koalition mit der „Linken“

Zum schwie­ri­gen Verhältnis SPD/Linkspartei/Außenpolitik hat Karsten D. Voigt, ehema­li­ger Juso-Bundesvorsitzender und Koordinator der Bundesregierung für deutsch-ameri­ka­ni­sche Zusammenarbeit, nach­fol­gen­den Kommentar verfasst, den er hier zur Debatte stellen möchte; unlängst war auf „Rot steht uns gut“ bereits eine Rede von Karsten D. Voigt zu Vergangenheit und Zukunft der Jusos zu lesen.

Anfang der 1980er Jahre waren für viele Sozialdemokraten Koalitionen auf Bundesebene mit den Grünen unvor­stell­bar. CDU/CSU, die heute die Grünen für Koalitionen zu gewin­nen suchen, verteu­fel­ten sie damals als Verfassungsfeinde. Die maois­ti­sche, trotz­kis­ti­sche oder anar­chis­ti­sche Vergangenheit vieler ihrer Führungsfiguren diente dabei ebenso als Argument wie heute die kommu­nis­ti­sche bei Vertretern der Partei „Die Linke“. „Außenpolitische Vorbedingungen einer Koalition mit der „Linken““ weiter­le­sen