An der Spitze ist es einsam

In der Debatte zur Vereinbarung von Familie und Karriere ist eine wichtige Unterscheidung zu treffen, die viel zu oft unterbleibt.

Es gibt die „normale“ Karriere, also den Einstieg in ein Unternehmen (gleichwohl ob Staat, öffentliche Hand, Privatwirtschaft, Partei, etc.) und dann den langsamen Aufstieg auf der Karriereleiter. Da muss die Politik alles tun, was notwendig ist, um hier eine Vereinbarkeit von Familie und Beruf sicherzustellen. Also: 40-Stunden-Woche, klare Arbeitszeiten, Urlaubsanspruch, Kinderbetreuung, etc. pp. Das ist der Bereich, der ungefähr 90-95 Prozent der arbeitenden Bevölkerung angeht – die einen mehr, die anderen weniger. Viele wollen auch gar keine Karriere, sondern sind zufrieden damit, ein gutes Leben zu führen und Arbeit und Privates klar zu trennen und dabei keine Existenzängste zu haben.

Neben der „normalen“ Karriere gibt es allerdings noch eine andere Karriere: Die Spitzenkarriere. Das sind die Positionen, die für 90-95 Prozent der Menschen (Männer und Frauen) komplett unerreichbar sind, egal, wie sehr sie sich anstrengen. Denn von diesen Spitzenpositionen (DAX-ManagerIn, BundesministerIn, etc. pp.) gibt es nicht gerade viele, das liegt ganz einfach in der Natur der Sache. In diesen Positionen sind Arbeitszeiten gefordert und eine persönliche Hingabe, die weit über das Übliche der „normalen“ Karriere hinausgeht. Relevant ist dieser Bereich für maximal 5 Prozent der arbeitenden Bevölkerung. Es sind Obere-Oberschicht-Probleme, nicht die der Mittelschicht.

Das ist dennoch gleichzeitig der Bereich, der in den öffentlichen Debatten weit über Gebühr beachtet wird, so auch aktuell:

Steinbrück trifft sich, unter journalistischer Begleitung, zum Mittagessen mit einer Frau, die vor Jahresfrist weltweit Bewegung in die Debatte über Frauen- und Gleichstellungspolitik brachte. Er speist mit Anne-Marie Slaughter, der ehemaligen Stabschefin im US-Außenministerium, die 2011 ihren Topjob aufgab, der Kinder wegen, und ihre Entscheidung in einem aufsehenerregenden Aufsatz erläuterte, der den Titel trug: „Warum Frauen immer noch nicht alles haben können“ – sprich: Karriere und Familie.

Slaughters Perspektive ist einseitig und falsch. Stabschefin im US-Außenministerim ist eine Position, die für die meisten Männer und für die meisten Frauen völlig unerreichbar ist. Wer sich dafür entscheidet, so eine Position einzunehmen, hat die grundsätzliche Entscheidung bereits getroffen. Und die Entscheidung bedeutet: Die Spitzenposition hat Vorfahrt, ein geregeltes Familienleben ist gänzlich unmöglich. Das muss man einfach verstehen und begreifen. Die Probleme eines Barack Obama, einer Angela Merkel und einer Anne-Marie Slaughter sind die exakt gleichen – und sie haben nichts mit den Problemen der Frauen und Männern in „normalen“ Karrieren zu tun.

Wer also bei einer Debatte über die Vereinbarung von Familie und Beruf Slaughter (oder die Yahoo-Chefin) als Beispiel anführt, hat genau gar nichts verstanden.

Die Frauenquote für DAX-Vorstände und -Aufsichtsräte ist trotzdem richtig (jedoch aus anderen Gründen), don’t get me wrong – aber zu glauben, dass das auch nur ein winziges kleines Stückchen mehr Geschlechtergerechtigkeit für die Masse der Frauen bringt, ist ein einziger großer Fehler.

Die Politik muss etwas erreichen für die Masse der Menschen, für die Mittelschicht, für die normalen Leute. Oberschichts-Angehörige wie Slaughter, Merkel und Obama kommen ganz fabelhaft über die Runden, ohne dass die Politik da etwas tun muss.

Wer sich für ein Leben an der Spitze entscheidet, entscheidet sich damit auch für die Einsamkeit. Das war immer so und wird auch immer so sein. Das ändern zu wollen verkennt nicht nur die Realität, nämlich dass niemand gezwungen wird, Spitzenjobs anzunehmen – es verkennt auch die realen Erfordernisse moderner, progressiver Politik.