Kurz verlinkt: stern.de: Sarrazins Hasspredigt

Sarrazin, Teil 352:

Man spürt, wie angewidert Sarrazin von Muslimen ist, wie sehr ihn die Sorge um eine Islamisierung Deutschlands umtreibt. Auch darüber hätte er skandalfrei schreiben können. Hat er aber nicht, weil er auf Relativierungen weitgehend verzichtet. Da rechnet einer ab mit Kopftuchträgerinnen und Mekka-Betern. Wenn sie so werden wie wir Deutsche, dann ist das okay, wenn nicht, hat er keine Verwendung für diese Menschen.

Sarrazin schreibt nicht mit heißem Herzen, sondern mit dem Blick eines Buchhalters. Seine Rüstung ist die Furcht, seine Klinge die Besoffenheit an der Wirkung seiner Provokationen. Seine Losung lautet: Das wird man doch mal sagen dürfen…

Darf man. Und als Leser darf man das abstoßend finden.

So ist es. Auf ähnliche Art und Weise schreibe ich mir hier schon seit einiger Zeit die Finger wund.

Im Jahr eins nach Sarrazin

Die „Welt“ berichtet:

Die Akmans sind geradezu das Urbild einer gut integrierten Migrantenfamilie. Die letzten, von denen man annehmen möchte, dass sie im Zentrum einer Auseinandersetzung um Rassismus stehen würden. Aber seit Wochen ist der Frieden in der Gemeinde Bad Grund gestört. Weil Herr Akman die rassistische Äußerung eines Lehrers gegenüber seiner Tochter nicht hinnehmen wollte. Ein Bericht aus der deutschen Provinz im Jahr eins nach Sarrazin.

Tja. „Aber man muss doch sagen dürfen …“ Nein. Muss man nicht.

Sonneborn bei Sarrazin

http://www.youtube.com/watch?v=IXuxd14rwo8

Herrlich: „Thilo Sarrazin hat den Ostdeutschen gerade erklärt, dass sie eigentlich zu dumm sind, sein Buch zu verstehen, das Publikum ist begeistert, rennt raus und kauft die Büchertische leer.“

Der Schlusssatz ist zynisch, aber leider viel zu wahr: wenn die Politiker dann merken, dass Integration und Bildung viel Geld kosten, dann wird das Thema schnell beerdigt.

BILD: Eine unbequeme Wahrheit

Die „BILD“ will „keine Sprechverbote“ und postuliert deshalb „neun unbequeme Meinungen“, außerdem „die Fakten“.

Schön und gut. Aber, liebe „BILD“: wer „keine Sprechverbote“ will und „unbequeme Meinungen“ einfordert, ergo für Meinungsfreiheit und offenen Streit eintritt, sollte keinen Kasten basteln, der gewohnt zurückhaltend mit „UND SOLCHE DUMMEN SÄTZE KÖNNEN WIR NICHT MEHR HÖREN!“ überschrieben ist. Und vor allem sollte man diesen Kasten nicht auch noch direkt neben die Forderung nach Meinungsfreiheit packen:

Meinungsfreiheit nach BILD
Bild: Bildschirmfoto "bild.de"; Bearbeitung: Christian Soeder

Die neue Definition von „Meinungsfreiheit“ frei nach „BILD“ geht ungefähr so: Meinungsfreiheit für die, die die Meinung der „BILD“ vertreten. Alle anderen haben gefälligst die Fresse zu halten.

Sarrazin schadet Deutschland – offene Fragen

Sarrazin schadet Deutschland. Ich mache das an folgenden Punkten fest:

  1. Sarrazin ruiniert den Ruf der Deutschen Bundesbank. Die Bundesbank galt als Inbegriff der Seriosität, als Garant der Stabilität. Der Grund für diesen Ruf: die Bundesbank ist unabhängig von der Politik, sie agiert selbstständig und autonom. Der Bundesbank-Vorstand ist quasi unantastbar. Das war und ist wichtig. Nur der Deutschen Bundesbank verdankt die „harte D-Mark“ ihren Ruf. Es ist möglich, dass die Bundesbank ihre Autonomie im Zuge der Sarrazin-Debatte verliert und an die Fesseln der Politik gelegt wird. Damit wäre diese Institution nachhaltig beschädigt.
  2. Die notwendige Integrationsdebatte wird erschwert, wenn sie in derartiger Schärfe geführt wird. „Deutschland schafft sich ab“, eine härtere Aussage ist schwerlich möglich. Wie genau soll man darauf antworten? Wer dieser Meinung ist, der ist rationalen Argumenten nicht mehr zugänglich.
  3. Es ist schlicht und ergreifend nicht wahr, dass bisher keine Debatte über Migration und Integration geführt worden wäre. Natürlich liegt einiges im Argen – aber man muss die Schuldigen auch einmal beim Namen nennen: wenn Politiker wie Roland Koch „gegen Ausländer unterschreiben“ lassen und Jürgen Rüttgers „Kinder statt Inder“ skandiert, dann bringt das die Sache nicht voran.
  4. Die Hauptprobleme, das gehört zur Wahrheit dazu, bereiten die Großstädte. Nur dort ist „Ghettobildung“ möglich, in einer Kleinstadt hingegen passen sich Deutsche mit Migrationshintergrund mehr oder weniger schnell an. Das Hauptproblem ist dabei natürlich Berlin. Von Berlin auf Rest-Deutschland zu schließen ist jedoch intellektuell unredlich. (Berlin ist eh ein interessantes Pflaster. Wenn einmal etwas erfolgreich zu werden droht, aktuell der Tourismus, sind die Berliner dagegen.)
  5. Sarrazin spaltet. Wer die Gesellschaft in „wir“ und „die“ unterteilt, der will keine Integration, der will Ausgrenzung.
  6. Die Lösungsvorschläge, die Sarrazin vorträgt, sind, ich habe es bereits erwähnt, teilweise sozialdemokratisch und teilweise bereits Mainstream: Bildung ausbauen, mehr frühkindliche Bildung, Kita-Pflicht, Deutsch-Kurse. Es bleibt zu hoffen, dass diese guten und richtigen Lösungsansätze nicht sarraziniert, also kontaminiert wurden.
  7. Generell gilt: Sarrazin durchdringt die Thematik intellektuell nicht, zu der er sich äußert. Das zeigt seine „Juden-Gen-Aussage“ exemplarisch. Er hat zwei oder drei Artikel in einer Fachzeitschrift oder einer Zeitung gelesen, nicht wirklich verstanden, was darin steht, glaubt aber, diese Argumente in einem Interview anbringen zu müssen.
  8. Sarrazin behauptet, er liebe den Staat, für den er sein Leben lang gearbeitet hat. Er begreift aber nicht, dass er eben diesem Staat schadet mit seinen sprachlichen Entgleisungen. (Oder er weiß es, nimmt es aber billigend in Kauf.)

Was ist „deutsch“, was ist „Deutschland“? Wie fremd wirkten die Sudetendeutschen auf die Oberbayern, auf die Franken? 10 Millionen Vertriebene kamen nach West-Deutschland nach 1945, mit völlig eigener Kultur, mit eigener Sprache – völlig mittellos. Was haben Siebenbürger Sachsen mit Badenern und Schwaben gemeinsam? Die Integrationsleistung damals war ungleich gewaltiger als die, vor der wir heute stehen. Was ist die Mehrheitsgesellschaft? Was hat die schwäbische Hausfrau von der schwäbischen Alb mit dem hanseatisch-kühlen Großbürger gemeinsam? Was haben sich Schützen, Angler und Rosenzüchter zu sagen? Wie passen Subkulturen in diese Thematik?

Gilt es nicht vielmehr, eine Debatte über abgehängte Schichten zu führen, unabhängig von der Herkunft?