Blender

Merken die Männer im Willy-Brandt-Haus eigent­lich noch was? Nachdem es ordent­lich Kritik an Steinbrücks Wahlkampfteam gab, weil es nur aus Männern bestand, wurde flugs erklärt, dass die Generalsekretärin Nahles und die Schatzmeisterin Hendricks ja „auch” Teil des Wahlkampfteams seien. Natürlich. Schon klar. Genau so war es vermut­lich geplant. GENAU SO!

Dann die vermeint­li­che Wende: Steinbrück erklärt, dass sein Kompetenzteam/Schattenkabinett „natür­lich” pari­tä­tisch besetzt werde — am Samstag beim Juso-Bundeskongress hat er es präzi­siert: vier Frauen, vier Männer. Und Gabriel erklärte, er und Nahles seien dabei, im Willy-Brandt-Haus nach und nach die Führungspositionen mit Frauen zu beset­zen (derzeit gibt es nur männ­li­che Abteilungsleiter). Ich dachte mir also: hey, da hat jemand was gemerkt, anschei­nend ist der Groschen dann doch noch gefal­len.

Bis ich die heutige „Welt”-Meldung gelesen habe: „Er kümmert sich um die Online-Aktivitäten von SPD-Kanzlerkandidat Steinbrück: Roman Maria Koidl ist Unternehmer, Hedgefonds-Berater und Autor von Büchern mit Titeln wie ‚Scheißkerle’ und ‚Blender’.”

Noch ein Mann. Zuständig für „online”. Der einen Twitter-Account mit 120 Tweets unter­hält. Und der auf seinem Blog an erster Stelle den Anti-Internet-Text „So ein Schwarm kann auch dumm sein” der SZ verlinkt.

Dessen Buch „Blender” übri­gens folgende Thematik behan­delt: „Platz da! Hier kommt der Hirsch. Scheißkerle in Büro und Karriere. Sie sind schlech­ter ausge­bil­det, zeigen selte­ner soziale Kompetenz und sind längst nicht so enga­giert wie ihre Kolleginnen.” Das ist schon weniger feine Ironie als viel­mehr Realsatire.

Zum Abschluss noch das Sahnehäubchen.

Koidls Argument, warum Männer an Frauen vorbei­zie­hen, geht unge­fähr so: „Frauen sind selbst schuld, weil die alle einen Vaterkomplex haben und deshalb immer wieder auf Scheißkerle rein­fal­len.”

Ähhhh.

Was genau hat Steinbrück eigent­lich gegen Frauen?

Wir Hetencismänner und der Feminimus

Was ich in den letzten Tagen gelernt habe: als Gegenmodell zu Transgender gibt es auch Cisgender, also Menschen, deren biolo­gi­sches Geschlecht (sex) mit ihrem sozia­len Geschlecht (gender) über­ein­stimmt bzw. die sich so wohl­füh­len. Wir sog. „Cisgender” sind aller­dings auch keine einheit­li­che Masse, sondern noch­mals zu unter­tei­len in „Homocisgender” (Lesben, Schwule) und „Heterocisgender”. (Gibt es auch „Bicisgender”? Ich weiß es nicht.) Die „Heterocisgender” sind logi­scher­weise zu unter­tei­len in „Heterocismänner” und „Hetercisfrauen”.

Ich für meinen Teil gehöre also zu den „Heterocismännern”, in der „Szene” genannt „Hetencismann”. Ich bin also biolo­gisch ein Mann, fühle mich auch als Mann und finde Frauen attrak­tiv (nicht alle). Das nun aber macht mich angeb­lich auto­ma­tisch (!) privi­le­giert. Außerdem bin ich auch noch „weiß”, jeden­falls das, was man so als „weiß” versteht in dieser Gesellschaft. Damit bin ich nun also angeb­lich auto­ma­tisch doppelt privi­le­giert, da ja, wie jeder weiß, unsere Gesellschaft von weißen Hetero-Männern domi­niert wird. Dass ich persön­lich nichts davon habe, dass Ackermann Ackermann ist nicht Ackerfrau, ist irrele­vant — ich bin weiß, männ­lich, hetero, Punkt.

„Trotzdem” habe ich mich bisher ganz selbst­ver­ständ­lich als Feminist bezeich­net und mich auch so gefühlt; ohne umfas­sende theo­re­ti­sche Fundierung, das ist sicher­lich richtig, aber ich habe im Kleinen meinen Teil dazu beige­tra­gen, dass Gleichstellung und Gleichberechtigung keine hohlen Phrasen sind. Ich bin also bei Versammlungen immer für die quotierte Redeliste einge­tre­ten, habe mich bei Kongressen beschwert, wenn nur Männer auf dem Podium sitzen, etc. Weil ich der Meinung war, dass Feminismus eben nicht nur Frauen etwas angeht, sondern auch uns Männer. Weil ich es einfach richtig finde, dass Frauen nicht nur ein kleines Stückchen des Kuchens zusteht, sondern eben die Hälfte des Kuchens. Gut, das waren keine welt­be­we­gen­den Dinge, aber nach wie vor halte ich sehr viel von dem Grundsatz „think global, act local”. Aber auch, wenn es keine welt­be­we­gen­den Dinge waren — ich hätte es mir auch einfa­cher machen können. Ich hätte mir nicht den Missmut auf Versammlungen zuzie­hen müssen, ich hätte nicht als Einziger auf das Fehlen von Frauen hinwei­sen müssen — ich habe es getan und mir so manches Mal „das Maul verbrannt”, wie man so schön sagt. Gut, damit kann ich leben. Wenn man es sich zu einfach macht, dann ist das auch nichts.

Dem Feminismus, der von Nadine Lantzsch propa­giert wird und der auf Twitter von vielen Frauen, die ich sehr schätze, anschei­nend begrüßt wird, kann ich jedoch nichts abge­win­nen. Mir scheint, Lantzsch hat sich in den letzten Monaten und Jahren zuneh­mend radi­ka­li­siert. Wenn ein Artikel in den Schlusssatz gipfelt:

Ich weiß nicht, ob Feminismus die Hetencismänner braucht, um erfolg­reich zu sein. Denn an wessen Maßstäben wird schon Erfolg gemes­sen? Außerdem beinhal­ten die Punkte 3 und 4 einfach andere span­nende Perspektiven, die es sich lohnt, mal anzu­schauen, auszu­hal­ten, auszu­pro­bie­ren. Das Schlimmste, was uns passie­ren kann, ist, dass wir anfan­gen, unseren Horizont zu erwei­tern.

Dann stehe ich hier ziem­lich ratlos davor. Was für ein Feminismus soll das denn sein, der glaubt, ohne unge­fähr 40–45 Prozent der Bevölkerung auszu­kom­men? Und wie kommt man auf die Idee, dass dieser Feminismus auch nur für die Mehrheit der Frauen attrak­tiv ist?

Lantzsch erweist dem Feminismus mit ihren Tiraden einen Bärendienst — es ist gut, dass „wir”, die wir hier auf Twitter und in den Blogs aktiv sind, nach wie vor in einer Blase leben und die Allgemeinheit von unseren Diskursen nichts mitbe­kommt; der Feminismus hat tragi­scher­weise eh schon einen schlech­ten Ruf, Artikel wie der von Lantzsch tragen nicht zur Besserung bei.

Oder sollte man als Hetencismann Lantzsch folgen und das ganze Feminismus-Ding ad acta legen, weil man ja eh nicht erwünscht ist? Nein, das wäre albern. Es wäre eine ziem­lich einfa­che Reaktion auf eine sehr einfa­che Sichtweise der Welt, die viel komple­xer ist, als sie von Lantzsch darge­stellt wird.

Vgl. seeliger.cc: Ich sag euch mal was, Netzfeministinnen! (24.10.2011)
Vgl. metalust.wordpress.com: Seufz … (28.10.2011)
Vgl. maedchenmannschaft.net: Noah Sow erlebt „Festival du Racisme” (29.10.2011)
Vgl. juliaschramm.de: Wahrheit und Normen (30.10.2011)
Vgl. medienelite.de: Der Gaze Effekt und Feminismus. (31.10.2011)
Vgl. rebellmarkt.blogger.de: Manchen geht ein Licht auf (31.10.2011)

CDU Sachsen-Anhalt: Frauen? Och, nööö …

Die CDU Sachsen-Anhalt weiß, was der Wähler will:

Lachende weiße Männer im Anzug mit lusti­gen Krawatten zwischen 40 und 60, gerne mit Schnurrbart und/oder Brille. Aber bitte keine Frauen! Wo kämen wir denn da hin!

Männer: aufpassen.

Nachdem Julia Seeliger in der „taz” mit Alice Schwarzer aufge­räumt hat, meines Erachtens zu recht, muss sie sich herber Kritik seitens der femi­nis­ti­schen Szene erweh­ren. Wer austeilt, muss auch einste­cken können, inso­fern ist das wohl in Ordnung. Allerdings treten bei der Debatte gewisse Positionen auf, die, nunja, mit dem Rechtsstaat nur schwer zu verein­ba­ren sind:

Der Hauptkritikpunkt ist meines Erachtens, dass kein Gericht der Welt entschei­den kann, ob es eine Vergewaltigung war, sondern nur die Frau* (Sternchen: es können ja nicht nur Cis-Frauen verge­wal­tigt werden) selber. Deswegen der Verweis auf Definitionsmacht.

Männer: aufpas­sen.

Fünf Impulse zum Gender Mainstreaming

Immer wieder ist Gender Mainstreaming ein Thema. Gleichstellungspolitik spielt überall dort eine Rolle wo Mann und Frau aufein­an­der treffen und sie hat auch ihre Berechtigung. Die verfas­sungs­recht­li­che Gleichberechtigung von Mann und Frau muss auch in der Gesellschaft veran­kert sein. Sie ist zu Recht ein Teil der sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Grundüberzeugung. Aber bewusst provo­ka­tiv gefragt: Schießen wir nicht immer öfter über das Ziel hinaus?

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