Bisky-Interview im „Neuen Deutschland”

Im „Neuen Deutschland” ist ein span­nen­des Interview mit Lothar Bisky erschie­nen. Spannend deshalb, weil er einige Dinge sagt, die sich auch die SPD zu Herzen nehmen sollte. „Das Informationsproletariat zeich­net sich durch ganz andere Arbeits- und Lebensverhältnisse aus. Ich kenne viele hervor­ra­gende Fotografen und Journalisten, die arbeits­los sind oder in unsi­che­ren Arbeitsverhältnissen.” Das ist eine völlig rich­tige Analyse. Ich würde den Terminus „Informationsproletariat” nicht verwen­den, aber die grund­le­gende Feststellung ist korrekt. Und: „Die Arbeiterparteien waren immer Druckerschwärzeparteien. Und dieses kultu­relle Erbe schleppt sich in‘s 21. Jahrhundert. Das ist ja auch nichts gene­rell Negatives. Aber wir müssen von der Druckerschwärze abkom­men und die Neuen Medien und die neuen Möglichkeiten inte­grie­ren – in unsere Aktivitäten, in unsere Diskussionen und Entscheidungsfindung.” Das kann man nur unter­strei­chen. Die SPD-Bundespartei hat „Internet” zwar aufge­nom­men, aber auf lokaler und regio­na­ler Ebene gibt es nach wie vor viel, sehr viel Verbesserungspotenzial.

Widerspruch ist jedoch auch notwen­dig: „Demokratie wird leben­di­ger werden. Unser bishe­ri­ges Modell ist am Postkutschenideal des 19. Jahrhunderts orien­tiert: Der Abgeordnete kann mit seiner Postkutsche seinen Wahlkreis umfah­ren und kennt die Leute alle. Heute aber wir eine ganz andere, eine massen­me­dial geprägte Realität.” Hier irrt sich Bisky meines Erachtens. Es stimmt zwar, dass die Realität eine massen­me­diale Realität ist — aber die Konsequenz daraus ist nicht, die direkt gewähl­ten Abgeordneten zu schwä­chen, sondern sie im Gegenteil zu stärken. Denn immer mehr Globalisierung hat einen gleich­zei­ti­gen gegen­läu­fi­gen Trend zur Folge: Lokalisierung, die Hinwendung zur Heimat, nimmt zu („Glokalisierung”). Die Abgeordneten können hier als Erklärungsinstanz wirken, können „große Politik” begreif­bar machen. Hinzu kommt: das Ideal Biskys scheint mir zu sein, dass möglichst viele Menschen sich für Politik inter­es­sie­ren und sich einbrin­gen, sich poli­tisch betä­ti­gen, Demokratie machen. Ich halte das für utopisch, für zu idea­lis­tisch. Für die große Mehrheit der Menschen ist „Politik” nicht rele­vant, spielt keine Rolle im alltäg­li­chen Leben. Das ist keine Klage, sondern eine nüch­terne Feststellung. Nicht alle Menschen finden Debatten über Strukturwandel und Währungssysteme glei­cher­ma­ßen span­nend, das haben die JuLis in ihrem selbst­iro­ni­schen Wahlwerbespot ganz hervor­ra­gend heraus­ge­ar­bei­tet.

Also: einige kluge Dinge dabei, die Bisky da sagt — und einige utopisch-idea­lis­tisch-welt­fremde. Jedenfalls lesens­wert.