Die Eurokrise ist unser Bürgerkrieg

Die Vereinigten Staaten von Amerika sind nicht vom Himmel gefal­len. Amerika hat seine Unabhängigkeit gegen die Britische Krone erkämpft und die Freiheit und Einheit der Nation gegen die Südstaaten im Amerikanischen Bürgerkrieg vertei­digt. Auch damals ging es um die grund­le­gende Frage: Staatenbund oder Bundesstaat. Der Aufhänger war die Sklaverei.

Vor dieser Frage stehen wir Europäer heute auch. Im 21. Jahrhundert verläuft so eine Transformation glück­li­cher­weise weit­ge­hend unblu­tig, auch wenn sie nicht fried­lich verläuft. Heute kämpfen keine Truppen auf dem Schlachtfeld, sondern die Auseinandersetzungen werden in den Parlamenten, auf Gipfelkonferenzen und auf Demonstrationen geführt.

Die Frage, um die es grund­le­gend geht, ist: Wollen wir mehr Europa, wollen wir mehr Macht für Brüssel — oder wird das euro­päi­sche Projekt rück­ab­ge­wi­ckelt?

Unser Aufhänger ist der Euro. Denn so falsch die Politik Merkels an vielen Stellen ist, mit einem Satz hat sie recht: Scheitert der Euro, so schei­tert Europa. Da dürfen wir uns nicht in die Tasche lügen. Wir haben nicht die Option, den Euro zu zerstö­ren und die EU zu behal­ten. Die Zentrifugalkräfte eines Euro-Zusammenbruchs wären unvor­stell­bar und nicht planbar, der Effekt wäre das Ende der EU.

Amerika hat die Frage klar entschie­den, die Nordstaaten haben den Krieg gewon­nen. Am Ende waren die USA kein bloßer Staatenbund mehr, sondern ein Bundesstaat mit einer echten Zentralregierung.

Es ist unpo­li­tisch, auf das Einhalten der diver­sen euro­päi­schen Verträge zu pochen, wenn allen klar ist, dass sie nicht einzu­hal­ten sind. (Ein humo­ris­ti­scher Exkurs: Wenn ein Sturm einen Sandkasten zerstört hat, kann Hänschen noch so sehr sein Förmchen von Susi zurück wollen — Susi hat das Förmchen nicht mehr und kann es nicht mehr zurück geben. Dann fließen bei Hänschen ein paar Tränchen, aber am Ende gibt es dann doch ein Eis für beide braven Kinderlein.)

Die Eurokrise ist unser Bürgerkrieg. Wir Deutschen bekom­men davon recht wenig mit, die Menschen in Griechenland, Spanien und Portugal dafür umso mehr.

Wir alle müssen uns die Frage stellen: Wohin wollen wir mit Europa?

Goldenes Lob

Ich bin mir jetzt ziem­lich sicher, dass die EZB etwas falsch macht. Grund: Lob von den falschen Leuten:

Nun hat die Europäische Zentralbank (EZB) erneut eine Entscheidung wider Willen getrof­fen, als Folge der starken Verwerfungen in der Euro-Zone: Sie kauft Anleihen von Italien und Spanien auf, um die Finanzierung dieser Länder sicher­zu­stel­len. Ich bewun­dere die Flexibilität der Europäischen Notenbank. Und ich glaube, sie muss noch eine Weile einsprin­gen, bis der erneu­erte Rettungsschirm (EFSF) im September einsatz­be­reit ist und diese Stützungskäufe über­neh­men kann.

Wer das schreibt? Jim O’Neill, „Präsident des Asset Managements der Investmentbank Goldman Sachs”.

Lob von den Goldmännern. Das ist nicht gut.

Dialektik-Schmialektik

Eine rasche Kommentierung eines „taz”-Kommentars:

„Eigentlich hätte man damit rechnen müssen, dass die Besitzer von ameri­ka­ni­schen Staatsanleihen in Panik geraten. Schließlich bekamen sie amtlich bestä­tigt, dass sie ihr Geld even­tu­ell nicht wieder­se­hen.”

» S&P ist keine Behörde und auch kein Amt, sondern eine private Firma.

„Um es vorweg­zu­neh­men: Die Investoren irren nicht. Sie folgen zwar gern dem Herdentrieb, aber rechnen können sie trotz­dem.”

» Die Behauptung „die Investoren irren sich nicht” ist erstaun­lich. Das sind schließ­lich auch nur Menschen. Woher wollen wir wissen, dass die sich nicht irren? Davon abge­se­hen gibt es „die Investoren” nicht, so wenig wie es „die Mieter” oder „die Jogger” gibt.

„Doch neuer­dings sind alle Renditen im Minus, so dass sich das Kapital nicht mehr akku­mu­liert — sondern selbst vernich­tet.”

» Es sind nicht alle Renditen im Minus. Einige fallen, andere steigen.

„Sogar Konservative glauben inzwi­schen nicht mehr, dass dies nur eine unglück­li­che Phase sei, die wie jede Konjunkturdelle in einem Aufschwung mündet.”

» Die Aussage verstehe ich nicht. Entweder es ist so oder es nicht so. Eine Frage des Glaubens ist es nicht. (Warum ausge­rech­net die Einschätzung von Konservativen so wichtig sein soll ist auch unklar. Sind das Wirtschaftsexperten per se?)

„Vor einem Jahr kostete die Unze etwa 1.200 Dollar, jetzt sind es rund 1.800 Dollar. Dieser Anstieg wird gern als „Wertsteigerung” titu­liert. Doch tatsäch­lich handelt es sich um eine versteckte Inflation.”

» Natürlich ist hier eine Wertsteigerung einge­tre­ten. Ich weiß gar nicht, wie man so etwas schrei­ben kann. Wenn ich Gegenstand X zu 1000 Dollar gekauft habe und für 1800 Dollar wieder verkaufe, dann habe ich 800 Dollar Gewinn gemacht. (Es sei denn, der Dollar wäre auf einmal nichts mehr wert. Das ist aber nicht der Fall.)

„Man stelle sich aber die gleiche Entwicklung bei Nahrungsmitteln vor: Wenn ein Brot erst 1,20 Euro pro Kilo kostet und ein Jahr später schon 1,80 Euro verlangt werden, dann würde niemand von Wertsteigerung spre­chen — sondern eine Hyperinflation von 50 Prozent erken­nen.”

» Brot ist ein Nahrungsmittel und wird geges­sen, ist also nach Gebrauch weg. Gold ist nach Gebrauch noch da. (Der rich­tige Vergleich wären Optionsscheine auf Nahrungsmittel.)

„Übrigens ist der Run aufs Gold ein weite­res Indiz, dass der Kapitalismus in der Krise steckt. Denn bekannt­lich ist Gold kein Produktionsmittel und wirft daher auch keine Zinsen oder Dividenden ab.”

» 1000 Dollar für Gegenstand X, die zu 1800 Dollar werden, entspre­chen einem Gewinn von 180%.

„Diese heim­li­che Inflation lässt sich auch messen. Im Jahr 1992 hatten die Deutschen ein Vermögen von 7,26 Billionen Euro, wie sich beim Statistischen Bundesamt nach­le­sen lässt. 2008 waren es schon 15,07 Billionen: Macht ein statt­li­ches Plus von nominal 107,6 Prozent.”

» http://ec.europa.eu/econom​y_finance/focuson/inflatio​n/how_de.htm

„Doch der Trend ist klar: Es wird noch viel Kapital vernich­tet werden müssen, bevor es sich wieder rentiert, Kapital zu besit­zen.”

» Keine Ahnung, was man dazu schrei­ben soll. Dass „die Konzerngewinne” und priva­ten Vermögen der oberen 10% steigen ist doch bekannt?