Es reicht jetzt

Ein junger Mann wird wohl am Dienstagmorgen hinge­rich­tet werden. Sein einzi­ges „Verbrechen”: er wollte Christ sein.

Wo soll dieser Mord durch den Staat gesche­hen? In Somalia, Iran, Saudi-Arabien, Pakistan?

Weit gefehlt. In Afghanistan. Im deut­schen Mandatsgebiet in Afghanistan.

Dafür sollen deut­sche Soldaten sterben? Um einen Staat zu schüt­zen, der den Menschen noch nicht einmal die Chance gibt, ihre Religion frei zu wählen?

Es reicht jetzt. Wenn Afghanistan nicht will, dann ist das so. Raus aus Afghanistan, so schnell wie möglich. Es ist genug.

Afghanistan und die Folgen

Deutschland trauert um vier Soldaten. Das schmerzt. Damit sind in Afghanistan 43 deut­sche Soldaten gestor­ben. Mehr und mehr zwei­felt das deut­sche Volk an Sinn und Zweck des Einsatzes in Afghanistan, des Krieges in Afghanistan.

Was bedeu­tet das für unsere Demokratie, wenn eine klare Mehrheit im Volk gegen den Einsatz ist, der Bundestag jedoch mit großer Mehrheit dafür stimmt? Was bedeu­tet es für die Bundeswehr, wenn immer offen­sicht­li­cher wird, dass die deut­sche Politik unsere Truppen offen­bar nicht mit dem mili­tä­risch notwen­di­gen Material ausge­stat­tet hat? „Afghanistan und die Folgen“ weiter­le­sen

„Rumi und die deutschen Panzer” — Ein Gastbeitrag von Ulrich Kasparick

Ulrich Kasparick (SPD), Parlamentarischer Staatssekretär a.D., stellt „Rot steht uns gut” diesen Beitrag zur Afghanistan-Debatte zur Verfügung, „nachdem ein Verteidigungsminister zurück­ge­tre­ten ist, ein Staatssekretär und der Generalinspekteur der Bundeswehr entlas­sen wurden und der neue Verteidigungsminister eben­falls unter erheb­li­chen Druck steht, nachdem bekannt wurde, dass Anfang September bei Kundus ein deut­scher Offizier die Bombardierung von zwei Tanklastzügen ange­ord­net hat, die Tötung von Zivilisten hinneh­mend”. Der Text ist ein Auszug (Vorabdruck) aus einem Kapitel für ein Buch, das im kommen­den Jahr im Gütersloher Verlagshaus erschei­nen wird:

„Es ist wich­ti­ger, die eigenen Beweggründe zu erken­nen, als die Motive des anderen zu verste­hen.”
(DAG Hammarskjöld, UN-Generalsekretär; 29.7.1905–17.09.1961)

Dieses Kapitel begann ich zu schrei­ben an dem Tag, als die Agenturen melde­ten, die Deutschen hätten zum ersten Mal Panzer einge­setzt.
In Afghanistan. In der Region Kundus. Gegen „die Taliban“.
Ich war dort, noch bevor die Deutschen Soldaten dort statio­niert wurden.
Damals im Juli 2003 gab es ein kleines briti­sches Team in Kundus. Ich war mit Dr. Rupert Neudeck auch bei diesen briti­schen Soldaten. Erst waren die Briten zöger­lich. Aber dann ließ man uns ein, als sie erfuh­ren, dass da ein „Member of German Parliament“ vor der Tür stünde. Da saßen die Soldaten bei Cola und Zeichentrick-Film, der auf einer großen Leinwand lief. Alles war impor­tiert, sogar das Wasser. Wie einge­bun­kert wirkten die Briten, hatten keiner­lei Kontakt mit der Bevölkerung.
Wir waren dabei, Informationen zusam­men zu tragen; waren auf der Suche nach mögli­chen neuen Projekten für die „Grünhelme“, wollten Schulen bauen, wollten dem geschun­de­nen Land helfen.
Wir reisten als Privatpersonen. Waren in Begleitung von zwei jungen Afghanen. Lebten in deren Familie – eine beson­dere Auszeichnung für „Ungläubige“ wie uns. Wir erleb­ten die Große Gastfreundschaft. „„Rumi und die deut­schen Panzer” — Ein Gastbeitrag von Ulrich Kasparick“ weiter­le­sen

Abzug aus Afghanistan?

20 Tage vor der Bundestagswahl scheint Afghanistan doch noch ein Thema zu werden, da die Bundeswehr einen Luftangriff auf Tanklastzüge befoh­len hat. Verteidigungsminister Jung behaup­tete zuerst, es seien keine Zivilisten getötet worden, mitt­ler­weile musste er zurück­ru­dern. Die Aussage war von Anfang an unglaub­wür­dig, denn man weiß: Luftschläge fordern unschul­dige Opfer. Immer. Der Traum von „chir­ur­gi­scher Präzision” wird immer ein Traum von Technokraten bleiben, viel­leicht auch viel­mehr ein: Alptraum. Ein Alptraum, da man dann Leben gegen Leben aufrech­nen würde, Opferzahl gegen Opferzahl.

Wir erin­nern uns: die Bundeswehr ist in Afghanistan, weil die NATO nach den Terroranschlägen am 11. September 2001 den Bündnisfall ausge­ru­fen hat und sich die Urheber der Terroranschläge in Afghanistan versteck­ten, unbe­hel­ligt, gar geför­dert von den isla­mo­fa­schis­ti­schen Taliban. Deshalb hatte Deutschland keine andere Wahl, als in Afghanistan einzu­mar­schie­ren; die Alternative wäre gewesen, aus der NATO auszu­tre­ten. Das kann niemand ernst­haft wollen, weshalb die außen­po­li­ti­schen Ansichten der Linkspartei zu recht als absurd ange­se­hen werden.

Mittlerweile sind deut­sche Soldaten sieben Jahre in Afghanistan. Und ein Ende ist noch nicht in Sicht, die Lage hat sich in vielen Regionen Afghanistans nicht merk­lich verbes­sert; jetzt steht noch Präsident Karsai im Verdacht, die Wahlen gefälscht zu haben. Die Frage, wie lange die Bundeswehr noch in Afghanistan bleiben wird, muss erlaubt sein. Der sofor­tige Abzug aus Afghanistan, wie teil­weise gefor­dert, ist an Populismus jedoch nur schwer­lich zu über­bie­ten: jegli­che Aufbaubemühungen der letzten Jahre wären mit einem Schlag zunichte gemacht, die wieder­erstark­ten Taliban würden erneut die Macht über­neh­men und ihre Schar’ia-Gesellschaft reani­mie­ren.

Und dennoch: wie lange wollen, wie lange müssen wir in Afghanistan bleiben? Mit welchem Ziel? Absicherung einer Hauptstadt Kabul und einer Rumpf-Regierung Karsai? Totale Zerschlagung der Taliban in ganz Afghanistan? Letzteres ist nicht möglich, nicht mit der derzei­ti­gen Truppenstärke, nicht mit unserem Verständnis von Krieg. Ersteres kann kaum ein Ziel sein, es wäre eine Niederlage par excel­lence. Nicht für uns, sondern für die Menschen in Afghanistan.

Eine Option ist es, mit den gemä­ßig­ten Taliban zu verhan­deln: divide et impera. Wir brau­chen Verbündete gegen die Extremisten der Taliban. Und die Garantie, dass Kinder die Schule besu­chen können, wenn sie das wollen. Alles andere wäre ein Verrat an den Menschen Afghanistans, die sich auf uns verlas­sen und uns vertraut haben. Man darf sie nicht im Stich lassen.

Aber: wir müssen auch akzep­tie­ren, dass es keine Kriege ohne Opfer gibt. Wenn wir dazu nicht in der Lage sind, dann können wir die Bundeswehr auch direkt einmot­ten, da sie dann nicht mehr benö­tigt wird.

In diesem Konflikt gibt es nicht die rich­tige Meinung und keine Sieger. Im Krieg verlie­ren immer alle.