Klima und Flucht: Warum Paris und Marrakech auch Lampedusa und Passau sind

Klar haben die ihre Heimat verloren und wir müssen helfen, aber wir können auch nicht ganz Holland aufnehmen!

Dies könnte in Zukunft ein Beitrag zur Asyldebatte aussehen. In Paris treffen sich in diesen Tagen Vertreter*innen aus verschiedensten Ländern, um Abkommen zu schließen, die zumindest das 2-Grad-Ziel erreichbar zu machen. In Deutschland ist weiterhin die Debatte über Asyl dominant. Ein Thema, das in beiden Bereichen unterrepräsentiert ist und gleichzeitig beides verbindet, sollte stärker in den Fokus der Aufmerksamkeit rücken: Klimaflüchtlinge.

Das Thema Klimaflüchtlinge, oder auch klimainduzierte Flucht, hat mehrere Facetten. Am konkretesten ist der Verlust des Lebensraums. Neben dem Anstieg des Meeresspiegels sind hier vor allem die durch Klimawandel auftretenden Extremwetterereignisse wie Hurrikans, Fluten, Dürren und Waldbrände zu nennen. Weniger konkret ist der Verlust von landwirtschaftlicher Nutzfläche. Wenn durch oben genannte Extremwettereignisse oder durch Veränderung der klimatischen Verhältnisse die wirtschaftliche Grundlage, sei es Subsistenzwirtschaft oder Export, entzogen wird, so werden Menschen fliehen. Stand heute würden diese Menschen wohl als “Wirtschaftsflüchtling” diskreditiert werden. Ein noch unkonkretere, aber umso grausamere Spielart ist der durch Ressourcenknappheit verursachte oder verstärkte (Bürger-)Krieg. Kaum ein Krieg entsteht nur aufgrund von Ressourcenkonflikte, aber viele andere politische oder religiöse Kriege sind davon nicht ausgenommen. Wenn Nahrung, kostbare Metalle, Wasser und Lebensraum knapper werden, dann werden kriegerische Konflikte zunehmen. Einige Forschungsergebnisse weisen sogar darum hin, dass bereits heute eine klimawandelbedingte Dürre den Syrien-Konflikt verstärkt habe.

Es gibt jedoch keinerlei rechtliche Anerkennung von Klimawandel als Asylgrund. Einige würden wohl als politische Flüchtlinge anerkannt werden, für viele gibt es jedoch keine Möglichkeiten Asyl zu erhalten. Ein Hauptproblem ist, dass – abgesehen von versinkenden Inseln- schwer zu isolieren ist, ob einzelne Extremwettereignisse auch ohne Klimawandel stattgefunden hätten. Die Naturwissenschaft stößt hier ebenso an ihre Grenzen wie statistische Testverfahren. Während es heute schon schwer genug ist, Asylgründe nachzuweisen, ist es beim Thema Klima schier unmöglich.

Es ergibt sich natürlich die Frage, wie (sozialdemokratische) politische Antworten auf diese Problematok aussehen können. Die erste intuitive Antwort darauf ist, dass wir den Klimawandel verhindern und Treibhausgabe reduzieren müssen. Und ja, es ist besser in einer 2 Grad-Welt als in einer 3 Grad Welt zu leben. Und ja, der Gedanke ist schon reizvoll, dass man auf persönlicher Ebene sofort Fluchtursachen reduzieren kann, indem man zum Beispiel nicht mehr (täglich) Fleisch isst. Aber zur Wahrheit gehört auch dazu, dass Klimawandel nicht nur die vielbeschworenen „zukünftigen Generationen“ betrifft. Selbst ein globale Entkarbonisierung jeglicher Lebenszweige würde die Erderwärmung nicht verhindern, der Zug – oder eher der SUV- ist dafür schon abgefahren. Klimawandel findet hier und heute statt. Landwirt*innen in Baden-Württemberg haben diesen Sommer schon tausende Euros in Hagelschutz und Bewässerung investiert, in Mittelhessen gibt es jetzt Tornados und Fluten werden plötzlich auch an der Ostsee relevant. Dies sind nur die Schäden in einer am wenigsten vom Klimawandel betroffenen Region der Welt und in einer Zeit, die weit vor den Hauptschäden liegt.

Deswegen muss die Agenda nicht nur auf Vermeidung („Mitigation“) sondern auch auf Anpassung („Adaption“) und der Anerkennung von Klimaflucht liegen. Letzteres muss vor allem für Insulaner*innen gelten, zudem muss eine Herangehensweise gefunden werden, wie andere klimainduzierte Flucht gehandhabt werden kann, auch wenn der Einzelfall schwer nachweisbar ist. Wer sich aber die Forderungen betroffener Staaten anschaut, der sieht, dass dies nicht prioritäres Ziel ist. Stattdessen fordern sie – bei Klimaverhandlung oft als am wenigsten entwickelte Länder (LDC) und Inselstaaten (AOSIS) austretend – Hilfe bei der Bewältigung von Klimaschäden auf jetzigem Boden. Denn wie bei anderen Fluchtursachen gilt, dass die Wenigsten ihre Heimat wirklich verlassen wollen. Es ist deshalb notwendig, die Klimafinanzierung endlich mit Mitteln auszustatten, die ausreichen, um Widerstandsfähigkeit („Resilienz“) gegenüber Klimaveränderungen zu erhöhen und Wege in eine treibhausarme Zukunft ebnen. Dämme zu bauen, Bewässungsanlagen zu installieren, alternative Landwirtschaft zu ermöglichen und Versicherungsmodelle auszuarbeiten, all das sind Beispiele, wie klimainduzierte Flucht verringert werden kann.

Neben all den humanistischen, christlichen, muslimischen, jüdischen, sozialdemokratischen oder jungsozialistischen Idealen, die die Leser*innen dieses Artikels zu einem solchen Handeln bewegen sollten, gibt es einen weiteren Grund, der zur Hilfe beim Thema Klimaflucht verpflichtet: Verantwortung. Auch bei anderer Flucht gibt es oft eine Mitverantwortung von Industriestaaten, zum Beispiel durch Waffenlieferungen, gescheiterten Militärinterventionen oder asymmetrischen Handelsabkommen. Bei Klimaflucht ist die Schuld aber direkter. Wir haben diesen Klimawandel durch unsere Wirtschaftsweise und unser Konsumverhalten ausgelöst. Aktuell stoßen Deutsche jährlich knapp 10 Tonnen CO2 pro Kopf aus, 2 Tonnen wären für einen langfristig lebenswerten Planeten notwendig, wir verursachen durch unseren Lebensstil Elend und Flucht.

Klimaflucht findet statt und wird vermehrt stattfinden. Ihre Zahl wird auf die „üblichen“ Fluchtzahlen addiert werden, von der Mechanik vielleicht vergleichbar mit der deutschen Sockelarbeitslosigkeit in den 80er und 90er Jahren. Die Zahlen werden steigen und es trifft vor allem die global Armen. Viele leben in den am meisten von Klimaschäden betroffenen Gebieten, sind wenig resilient und haben eine wenig diversifizierte Wirtschaft. Das Thema muss raus aus der Nische und bei den Gipfeln in Paris und Marrakesch in den Fokus rücken. Wir müssen Fluchtursachen durch Klimafinanzierung vermeiden und gleichzeitig Klimawandel als Fluchtursache anerkennen.

Die Thematik des Klimawandels war noch nie ökologisch, sie war schon immer sozial. Wir können heute handeln, unsere sozialdemokratische Politik danach ausrichten und Schlimmeres verhindern. Oder wir bauen in 15 Jahren gewaltige Grenzzäune – Richtung Mittelmeer und Richtung Amsterdam.

Kurzhinweis: IPG: „Warum fossile Brennstoffe für die armen Länder unverzichtbar sind“

Noch ein rascher Kurzhinweis auf einen Artikel in der Zeitschrift „Internationale Politik und Gesellschaft“, hg. v. der FES, der sich aus einem anderen Blickwinkel der Thematik „Energie“ und „Klimaerwärmung“ (PDF) nähert:

Das Bevölkerungswachstum stellt ein viel ernsteres Problem dar als die Klimaerwärmung. Maßnahmen zur Eindämmung des Bevölkerungsanstiegs müssen höchste Priorität eingeräumt werden, weil sonst Hungersnöte, Epidemien und Bürgerkriege große Regionen der Erde in Verelendung stürzen werden. Mit wachsendem Wohlstand sinkt die Geburtenrate automatisch. Dazu bedarf es aber bezahlbarer Energie wie Kohle, Erdöl, Erdgas und Uran. Diese Primärenergieträger sind so lange unverzichtbar wie es Länder mit einem Bruttoinlandsprodukt von weniger als 1000 Euro pro Kopf und pro Jahr gibt.

Ich lese ihn gerade und kann ihn deshalb noch nicht kommentieren. Er scheint aber nicht schlecht zu sein.

Gerd Ganteför: Bevölkerungswachstum und Klimawandel: Warum fossile Brennstoffe für die armen Länder unverzichtbar sind. In: Internationale Politik und Gesellschaft. Heft 1. Berlin 2011. S. 114-133. (PDF)

„ClimateGate“ = Unfug

Über den Einbruch in Server von Klimawissenschaftlern und die Bewertung dieses Einbruchs durch „Liberale“ wurde hier schon berichtet. AP hat sich die Mühe gemacht, und die E-Mails haarklein analysiert:

E-mails stolen from climate scientists show they stonewalled skeptics and discussed hiding data — but the messages don’t support claims that the science of global warming was faked, according to an exhaustive review by The Associated Press. „„ClimateGate“ = Unfug“ weiterlesen

Die Friedrich-Naumann-Stiftung und der Klimawandel (2)

Als Nachtrag zum Eintrag vom 4. Dezember sei auf den Bericht von „Wir Klimaretter“ über die Klimaskeptiker-Tagung der Friedrich-Naumann-Stiftung verwiesen:

Nach Angaben der Veranstalter – unter ihnen war auch die FDP-nahe Friedrich-Naumann-Stiftung – gab es „überwältigendes“ Interesse an der Tagung. Im Saal war Platz für etwa hundert Menschen, doch es bleiben einige Stühle leer. „Die Friedrich-Naumann-Stiftung und der Klimawandel (2)“ weiterlesen

Frank Schwabe: FDP muss sich von den Klimaskeptikern distanzieren

Ergänzend zum Eintrag vom 22. November sei auf die Einlassung von Frank Schwabe, stellv. Sprecher der Arbeitsgruppe Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit der SPD-Bundestagsfraktion, verwiesen, der die Veranstaltung des „Liberalen Instituts“ der Friedrich-Naumann-Stiftung kritisiert, die auf „Rot steht uns gut“ bereits in anderem Zusammenhang unangenehm aufgefallen ist:

Drei Tage vor dem Beginn der Klimakonferenz in Kopenhagen veranstaltet das „Liberale Institut“ der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung eine Tagung von Klimawandelskeptikern. „Frank Schwabe: FDP muss sich von den Klimaskeptikern distanzieren“ weiterlesen