Grüne: Emanzipation von Claudia Roth

Auf den ersten Blick ist das Ergebnis der Grünen-Urwahl nicht sonder­lich aufre­gend: Katrin Göring-Eckardt und Jürgen Trittin haben gewon­nen und sind damit Spitzenkandidatin und Spitzenkandidat zur Bundestagswahl.

Auf den zweiten Blick ist das Ergebnis extrem span­nend und war in dieser Art und Weise nicht zu erwar­ten.

Zuerst die Fakten zum Verfahren: Alle Grünen-Mitglieder hatten maximal zwei Stimmen, davon musste zwin­gend eine Stimme an eine Frau gehen, keine Person durfte mehr als eine Stimme erhal­ten. Ein zweiter Wahlgang war nicht vorge­se­hen, ein Rangfolgewahlverfahren auch nicht. Das bedeu­tet, dass zwin­gend eine Frau dem Spitzenduo ange­hö­ren musste und dass keine 50 Prozent notwen­dig waren, um gewählt zu werden.

Das Ergebnis der „Großen Vier” setzt sich nun wie folgt zusam­men:
Jürgen Trittin 71,93
Katrin Göring-Eckardt 47,31
Renate Künast 38,56
Claudia Roth 26,18
(Von den verhal­tens­auf­fäl­li­gen „Basismännern” ist niemand über 3 Prozent gelan­det.)

Das heißt: Trittin ist der neue Obergrüne. Ein so deut­li­cher Vorsprung vor seiner Co-Spitzenkandidatin war ganz und gar nicht zu erwar­ten. Natürlich hat das Wahlverfahren Trittin begüns­tigt, weil er der einzige aussichts­rei­che Mann war, aber trotz­dem: ein so klarer Sieg war nicht abseh­bar.

Spannend ist ebenso, dass Göring-Eckhardt sich so klar gegen Künast und Roth durch­set­zen konnte. Fast 10 bzw. über 20 Prozentpunkte Vorsprung lassen sich einfach nicht wegde­bat­tie­ren.

Wenn wir nun zusätz­lich zur Kenntnis nehmen, dass Göring-Eckhardt noch 2006 bei der Wahl in den Parteirat gegen meine gute Freundin Julia Seeliger an den BDK-Delegierten geschei­tert ist, dann müssen wir fest­hal­ten: die Grüne Partei hat sich in den letzten 5 Jahren gewal­tig verän­dert. Heute hat sie 60.000 Mitglieder, 2008 waren es nur 30.000 — die Parteibasis hat sich komplett gewan­delt. Die Grünen sind nicht mehr die Partei, die sie noch 2005 nach dem Gang in die Opposition waren, aber die Führung ließ das bisher unbe­ein­druckt.

Mit dem heuti­gen Sieg der vermeint­li­chen Außenseiterin Göring-Eckardts ist klar: die Grünen-Basis fühlt sich von Claudia Roth nicht mehr vertre­ten. Roth ist ein Auslaufmodell, sie war die einzige dezi­diert linke Kandidatin. Trittin hat die Rolle des grünen Übervaters ange­nom­men und ist ehrli­cher­weise keinem Flügel mehr so richtig zuzu­ord­nen.

Die Grünen sind heute eine andere Partei. Dieser Wandel macht sich an den Spitzenposten noch nicht wirk­lich bemerk­bar, auch die Funktionärsebene macht im Wesentlichen weiter­hin ihr Ding.

Die Frage, die sich die Grünen nun stellen müssen, ist: Was bedeu­tet es, dass Claudia Roth, der Star von Grünen-Parteitagen (BDKs), an der Basis nur ein gutes Viertel für sich begeis­tern kann? Sind die Grünen-BDKs auch nur ansatz­weise reprä­sen­tiv für die Grünen-Basis?

(Wie reprä­sen­ta­tiv sind eigent­lich SPD-Parteitage? Jedenfalls ist die Zusammensetzung der SPD-Mitgliedschaft heute nicht grund­le­gend verschie­den von der 2005 — Segen und Fluch einer Massenpartei zugleich.)

PS: In der FAZ ist heute ein großes Interview mit Claudia Roth. Es geht um Einsamkeit. Sehr tragisch.