Dokumentation: Augstein und seine Fans

Meister Augstein persönlich meldet sich auf Facebook zu Wort:

Rabbi Cooper vom Simon Wiesenthal Zentrum war heute in Berlin und hat eine Pressekonferenz gegeben. Er hat seine Vorwürfe gegen mich weiter verschärft.

Gerne hier noch einmal zur Erinnerung: Rabbi Cooper hat sich geweigert, mit mir ein Gespräch zu führen. Der Spiegel hatte versucht, ein solches zu organisieren. Erst sagte er, er könne nicht in einem Raum mit mir sitzen. Als wir vorschlugen, das Gespräch über Skype zu führen, lehnte er ab. Ich sollte mich zunächst entschuldigen. Da ich kein Angeklagter bin und Rabbi Cooper kein Richter und da er Vorwürfe gegen mich erhoben hat und nicht ich gegen ihn (oder überhaupt gegen Juden) musste ich das ablehnen. Dann fiel ihm ein, er müsse zu einem Interview selber einen Journalisten mitbringen, der auch Fragen stellen dürfe. Am besten aber sollte der Spiegel ihm eine Seite zur Verfügung stellen, auf der er seine Sicht der Dinge darstellen kann. Das wiederum musste der Spiegel ablehnen.

Ich weiß nicht, welche Erfahrungen Rabbi Cooper mit der Presse hat und wie das am Sitz des Wiesenthal-Zentrums gehandhabt wird.

Aber offenbar sind seine Vorstellung von Pressefreiheit und offener Debatte vollkommen andere als wir es hier gewohnt sind.

Man macht solche Erfahrungen sonst eigentlich nur mit fundamentalistischen oder totalitären Institutionen.

Die beiden letzten Zeilen sind am besten: Wer Kritik an Augstein äußert, hält nichts von Pressefreiheit und ist mit „fundamentalistischen oder totalitären Institutionen“ vergleichbar.

Augsteins Fans wissen, wie das alles zu verstehen ist:

Richard Jaan Naja was erwartet man von ein Zionisten für ihn heißt es Kein kritik gegen Israel egal ob es um Luftballons geht oder um ein Kuh wenn es aus Israel kommen sollte darfst du kein kritik üben

Ursula Kreutz unglaublich das man sowas in BERLIN überhaupt einläd und anhört …

Talal Be In Deutschland darf man einfach nichts gegen Israel sagen, ohne dass man gleich in eine Ecke gedrängt wird. Sie haben meinen vollen Respekt Herr Augstein. Rabbi Coopers Verhalten ist unter aller Sau, es ist schon seltsam warum im Nahen Osten niemand diesen Staat Israel haben will Unerwünscht kann man doch nur dann sein, wenn man irgendwo ist, wo man nicht hingehört Ups, wo ist meine Political Correctness nur geblieben, ich suche mal nach Pro-Israel Sprüchen

Giske Vom Isargrund Jakob laß Dich nicht unterkriegen – wir kuschen vor denen eh schon die ganze Zeit. Kopf hoch – ich stehe hinter Dir.a

Richard Jaan Mann darf gegen Christen Muslime Hindus Kritisieren aber bei Israel hört der Spass auf da wirst du sofort als Antisemit abgestempelt

Er Tugrul Mit Zionisten lässt sich sowieso genauso wenig diskutieren wie mit islamisten. Moment, war das jetzt schon antisemitischen?

Franz Reichel Die haben einfach keine Gegenargumente die Rabbis und das wissen die genau diese Feiglinge.

Jürgen Pannes Israel ist auf dem Weg, ein fundamentalistischer und totalitärer Staat zu werden bzw. was den Umgang mit den Palestinensern betrifft, schon ist!

Franz Reichel Mich freut es wenn die Rabbis sich selber so bloßstellen

Ulrike Magdalena Speer Am besten man bietet beim nächstenmal wahlweise einen Psychiater mit an….vielleicht muss die Verhaltensweise auch nur auf ein harmonisches Miteinander therapiert werden….

Ursula Keller @ Rebecca Pini….Israel’s Politik ist demokratisch legitimiert und auch Lapid macht da keinen Unterschied. Doch, es ist ISRAEL,das eine Bedrohung für den Weltfrieden bedeutet.

Warum es richtig ist, Augstein Antisemitismus vorzuwerfen, habe ich bereits ausgeführt.

Warum es richtig ist, Augstein Antisemitismus vorzuwerfen

Das Simon Wiesenthal Center hat Jakob Augstein auf Platz 9 der „Top Ten Anti-Semitic/Anti-Israel Slurs 2012“ (PDF) platziert, 2010 kam Thilo Sarrazin zu dieser zweifelhaften „Ehre“. Sarrazin hat es sogar auf Platz 5 geschafft (PDF), da muss sich Augstein wohl noch weiter bemühen.

Das Ergebnis: In Deutschland wird eine erregte Debatte darüber geführt, wie das denn sein könne. Also nicht, dass Augstein antisemitische Ergüsse bei Spiegel Online und anderswo veröffentlichen darf – sondern dass dieses seltsame Simon Wiesenthal Center die Frechheit hat, Augstein des Antisemitismus zu bezichtigen. Es kann eben nicht sein, was nicht sein darf.

Ist der Vorwurf denn wirklich so ungerecht? Nein. Warum? Das erarbeiten wir jetzt gemeinsam. Am einfachsten ist es, wenn wir Augstein selbst sprechen lassen. Los geht’s.

Jakob Augstein, 6.4.2012, Spiegel Online:

Ein großes Gedicht ist das nicht. Und eine brillante politische Analyse ist es auch nicht. Aber die knappen Zeilen, die Günter Grass unter der Überschrift „Was gesagt werden muss“ veröffentlicht hat, werden einmal zu seinen wirkmächtigsten Worten zählen. Sie bezeichnen eine Zäsur. Es ist dieser eine Satz, hinter den wir künftig nicht mehr zurückkommen: „Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden.“ Dieser Satz hat einen Aufschrei ausgelöst. Weil er richtig ist. Und weil ein Deutscher ihn sagt, ein Schriftsteller, ein Nobelpreisträger, weil Günter Grass ihn sagt. Darin liegt ein Einschnitt. Dafür muss man Grass danken. Er hat es auf sich genommen, diesen Satz für uns alle auszusprechen. Ein überfälliges Gespräch hat begonnen.

Augstein macht sich also Grass‘ Aussage zu eigen, dass Israel den „ohnehin brüchigen Weltfrieden“ gefährdet. Woher kennen wir das Argumentationsmuster, dass „die Juden unser Unglück sind“? Genau.

Augstein, ebd.:

Mit der ganzen Rückendeckung aus den USA, wo ein Präsident sich vor den Wahlen immer noch die Unterstützung der jüdischen Lobbygruppen sichern muss, und aus Deutschland, wo Geschichtsbewältigung inzwischen eine militärische Komponente hat, führt die Regierung Netanjahu die ganze Welt am Gängelband eines anschwellenden Kriegsgesangs: „Netanjahus Israel hat die globale Agenda auf eine Weise bestimmt wie kein kleiner Staat je zuvor“, schreibt die israelische Zeitung „Haaretz“. Vom Ölpreis bis zum Terrorismus – die Welt hat Gründe genug, einen israelisch-iranischen Krieg zu fürchten.

Ein klassisches Muster für Verschwörungstheorien: Eine Aussage wie „wo ein Präsident sich vor den Wahlen immer noch die Unterstützung der jüdischen Lobbygruppen sichern muss“ wird einfach so in den Raum gestellt – ohne jeden Beleg. Bei der Wikipedia gibt es eine Übersicht über die Verteilung jüdischer BürgerInnen in den Countys (eine Art Landkreis) der USA. Wer sich mit dem Mehrheitswahlrecht auskennt, wird verstehen, dass der „jewish vote“ quasi keine Bedeutung hat. Außerdem: „It’s one of the oldest canards in American politics — the claim that Jewish Americans are single-issue voters whose support goes to those candidates with the most hawkish views on Israel.“

Augstein, ebd.:

Ahmadinedschad hält die Welt bewusst im Unklaren über seine nuklearen Absichten. Er profitiert von dieser strategischen Zweideutigkeit, ebenso wie die Israelis von ihren Kriegsdrohungen profitieren. Beide Länder helfen sich gegenseitig, ihren Einfluss weit über ihr eigentliches Maß hinaus zu vergrößern. Auf eine perverse Weise befinden sie sich in einer wechselseitigen Abhängigkeit. Das bliebe ihre eigene Sache, hätten sie nicht die ganze Welt als Geisel genommen.

Ich sehe nicht, wo genau „die Israelis von ihren Kriegsdrohungen profitieren“. Seit wann ist es dem Wirtschaftswachstum förderlich, wenn man Unsummen in Rüstung investieren muss? Es sei denn natürlich, die Weisen von Zion gab es doch und die Juden wollen die Welt in Brand setzen … oh.

Nein, das schreibt Augstein so konkret ja nicht, nicht wahr? Mh.

Augstein, ebd:

Iran steht bereits durch eine Fülle von Sanktionen unter Druck. Jetzt muss endlich auch auf Israel Druck ausgeübt werden. Wohlgemerkt: Wer das sagt, versucht nicht, „die Schuld der Deutschen zu relativieren, indem er die Juden zu Tätern macht“, wie Döpfner sagt. Hier geht es nämlich nicht um die Geschichte Deutschlands. Sondern um die Gegenwart der Welt.

Oh. Die Gegenwart der Welt ist also in Gefahr, wenn kein Druck auf Israel ausgeübt wird.

Jakob Augstein, 26.11.2012, Spiegel Online:

Es ist für die Philosophin Butler eine persönliche Kränkung, als Antisemitin verunglimpft zu werden. Das ist aber nicht einmal das Schlimmste daran. Der Vorwurf ist so erkennbar unsinnig und interessengeleitet, dass er auf die Vorwerfenden zurückfällt. Und da liegt das Problem: Je häufiger der Antisemitismus-Vorwurf für kurzfristige, politische Zwecke eingesetzt wird, desto irrelevanter wird er. Der Prozess hat schon längst begonnen: Früher war es eine Schande, für einen Antisemiten gehalten zu werden. Inzwischen muss man solchen Vorwurf nicht mehr ernst nehmen. Im Meer der hirn- und folgenlosen Injurien des Internets geht auch diese Beschimpfung einfach unter.

Wir sehen davon ab, dass der Absatz in sich unlogisch ist – denn entweder es ist eine „persönliche Kränkung“, als Antisemitin bezeichnet zu werden, oder „man muss den Vorwurf nicht mehr ernst nehmen“. Auch wenn das ignoriert wird: Was genau ist denn hier das Argument? Gibt es denn eine Schwelle des erlaubten Antisemitismus, des gesellschaftsfähigen Rassismus?

Augstein, ebd.:

Hier entgleisen nicht nur die Worte. Das Gedenken an den Holocaust wird zu niedriger Münze verkauft. Das Traurige ist: Am Ende bleibt nur ein Achselzucken. Inflationärer Gebrauch führt immer zur Entwertung. Das ist eine Katastrophe. Denn der Antisemitismusbericht der Bundesregierung aus dem Jahr 2011 kommt zu solchen Ergebnissen:

Jeder sechste Deutsche stimmt der Aussage zu, Juden hätten zu viel Einfluss in Deutschland.
Jeder Achte findet, die Juden trügen eine Mitschuld an ihrer Verfolgung,
und vierzig Prozent unterstellen ihnen, aus ihrer Verfolgung in der Vergangenheit Vorteile in der Gegenwart zu ziehen.
Insgesamt hat jeder fünfte Deutsche etwas gegen Juden.

So. Frage: Was geht eigentlich in Augstein vor, dass er das aufschreiben kann, ohne dabei stutzig zu werden? Sollte er nicht denken: „Oh! So etwas ähnliches habe ich ja schon einmal selbst geschrieben! Mh, liege ich am Ende falsch?“

Nein. Das denkt Augstein natürlich nicht. AntisemitInnen, das sind die anderen. Er ist ja nur harmloser „Israelkritiker“ und macht sich Sorgen. Aber wir merken schon, dass zwischen „Gedenken an den Holocaust wird zu niedriger Münze verkauft“ und „vierzig Prozent unterstellen ihnen, aus ihrer Verfolgung in der Vergangenheit Vorteile in der Gegenwert zu ziehen“ gewisse Parallelen bestehen, oder?

Und zwischen „Immer häufiger wird Israels Besatzungspolitik mit dem Antisemitismus-Argument gegen jede Kritik in Schutz genommen. Dadurch verliert der Begriff seine Bedeutung und das Thema seine Würde. All das nützt den wirklichen Judenfeinden – und es schadet Israel.“ (ebd.) und „Jeder Achte findet, die Juden trügen eine Mitschuld an ihrer Verfolgung“.

Und zwischen „Jeder sechste Deutsche stimmt der Aussage zu, Juden hätten zu viel Einfluss in Deutschland.“ und „Mit der ganzen Rückendeckung aus den USA, wo ein Präsident sich vor den Wahlen immer noch die Unterstützung der jüdischen Lobbygruppen sichern muss“ (s.o.).

Das fällt uns auf, richtig? Gut.

Jakob Augstein, 19.11.2012, Spiegel Online:

Selbst das ist gelogen. Die Katastrophe geschieht. Gaza ist ein Ort aus der Endzeit des Menschlichen. 1,7 Millionen Menschen hausen da, zusammengepfercht auf 360 Quadratkilometern. Gaza ist ein Gefängnis. Ein Lager. Israel brütet sich dort seine eigenen Gegner aus.

Gaza ist ganz sicher kein guter Platz zum Leben. Aber: Gaza ist kein Gefängnis. Gaza ist kein Lager. Gaza ist kein Ort aus „der Endzeit des Menschlichen“. (Was soll das überhaupt heißen? Denke nur ich dabei an Auschwitz?) Fakt ist: Gaza wird von der Hamas diktatorisch beherrscht, die Hamas unterdrückt die BewohnerInnen. Nicht Israel. Die Hamas wird von der EU nicht grundlos als terroristische Vereinigung definiert.

Allein diese kurze Textarbeit macht deutlich, woher der Wind bei Augstein weht. Ich könnte mir jetzt noch den „Freitag“ genau anschauen bzw. die Artikel, die unter Herausgeber und Bald-Chefredakteur Augstein dort veröffentlicht wurden, aber wozu? Die zitierten Textstellen sind völlig ausreichend, um Augstein Antisemitismus vorzuwerfen. Wenn Augstein das für eine Beleidigung hält, ist das sein Problem – es ist v.a. eine Tatsachenbeschreibung.

Wer es noch fundierter mag, wird u.a. hier fündig: