Naidoo, Savas und die Ritualmorde

Xavier Naidoo und Kool Savas haben gemein­sam ein Album aufge­nom­men, bei der in Form eines sog. „Hidden Tracks” u.a. folgen­der Text zu hören ist:

Ich schneid euch jetzt mal die Arme und die Beine ab, und dann ficke ich euch in den Arsch, so wie ihr es mit den Kleinen macht. Ich bin nur traurig und nicht wütend. Trotzdem würde ich euch töten. Ihr tötet Kinder und Föten und ich zerquetsch euch die Klöten. Ihr habt einfach keine Größe und eure kleinen Schwänze nicht im Griff. Warum liebst du keine Möse, weil jeder Mensch doch aus einer ist? Wo sind unsere Helfer, unsere starken Männer, wo sind unsere Führer, wo sind sie jetzt?

(Zitiert nach: http://www.freitag.de/autoren/liebernichts/hidden-track)

Darin ist ober­fläch­lich enthal­ten: Gewalt- und Vergewaltigungsphantasien gegen Menschen, die sich der Vergewaltigung von Kindern schul­dig gemacht haben, Androhung von Mord. „Ihr tötet Kinder und Föten” meint wohl Abtreibungsärzte — Frauen können in der Welt von Naidoo/Savas wohl keine Ärztin sein, denn: „ich zerquetsch euch die Klöten”. Die Zeile „Warum liebst du keine Möse, weil jeder Mensch doch aus einer ist?” zeigt eindeu­tig an, dass der Liedtext mitnich­ten ausschließ­lich auf Menschen gerich­tet ist, die Kinder verge­wal­ti­gen, sondern auf schwule Männer allge­mein. Naidoo/Savas unter­stel­len Schwulen also impli­zit, sie würden Kinder verge­wal­ti­gen. Hilfe kann nur einer bringen: der starke Führer. „Wo sind unsere Helfer, unsere starken Männer, wo sind unsere Führer, wo sind sie jetzt?”

Ein Text voller Hass. Hass gegen Frauen, Hass gegen Schwule, Hass gegen Abtreibungsärzte. Und voller Sehnsucht nach einem „Führer”. Ein wider­li­cher Text.

Ich frage mich, ob Kool Savas über­haupt versteht, was er da getex­tet hat — seine Zitate auf Twitter deuten nicht darauf hin:

Unser Song über Kindesmissbrauch ist in der Tat schlim­mer als die Statements der anderen Jungs stimmt’s ?

(Zitiert nach: http://meinrap.de/2012/11/13/kool-savas-ausert-sich-zu-den-vorwurfen-der-linksjugend/)

Savas scheint zu glauben, es ginge im gemein­sa­men Text mit Naidoo ausschließ­lich um „Kindesmissbrauch”. Die Bedeutung dessen, was er dort noch rappt, geht ihm mögli­cher­weise gar nicht auf — oder er flüch­tet sich in Schutzbehauptungen. Beurteilen kann ich das letzt­end­lich nicht.

Naidoo indes­sen weiß offen­sicht­lich sehr genau, was er tut:

Xavier Naidoo dagegen fühlt sich miss­ver­stan­den. Dem Radiosender FFN sagte er: „Da geht es um furcht­bare Ritualmorde an Kindern, die tatsäch­lich ganz viel in Europa passie­ren, über die aber nie jemand spricht, nie jemand berich­tet.”

(Quelle: http://www.bz-berlin.de/thema/voice-of-germany/hetz-song-xavier-naidoo-angezeigt-article1581874.html)

Hier wird es nun so richtig eklig und es wird klar, was Naidoo in diesem Text noch im Sinn hatte; mitnich­ten geh es ihm „nur” um Vergewaltigung von Kindern, er erfin­det noch die dunkle Bedrohung „furcht­bare Ritualmorde an Kindern”, über die angeb­lich „nie jemand spricht, nie jemand berich­tet”. Ist das vorstell­bar? „Furchtbare Ritualmorde an Kindern”, über die „nie jemand berich­tet”? Wie soll das in unserer Medienwelt funk­tio­nie­ren? Das funk­tio­nierte natür­lich nur, wenn es ein mäch­ti­ges Kartell gäbe, das Berichte dieser Art zensiert und unter­drückt. Zu dieser Wahnvorstellung passt hervor­ra­gend, dass das Motiv „Ritualmord an Kindern” ein uraltes anti­se­mi­ti­sches Topos ist und schon im Mittelalter genutzt wurde, um Pogrome an jüdi­schen Gemeinden durch­zu­füh­ren.

Alles in allem: mir fehlen ein biss­chen die Worte. Dass solche Zeilen in Deutschland im Jahr 2012 von einem bekann­ten Musiker wie Naidoo geschrie­ben und gesun­gen werden können, ohne dass es jemand bei den Verantwortlichen im Label bemerkt bzw. bean­stan­det — das ist extrem. Wäre Naidoo irgend­ein unbe­deu­ten­der Provinzkünstler wie bspw. die Band Bandbreite, wäre das alles erwart­bar und nicht weiter erwäh­nens­wert. Aber Naidoo gehört zum popkul­tu­rel­len Establishment Deutschlands — und kann problem­los so einen Dreck veröf­fent­li­chen. Die „Welt” hat den Song in der Tat schon vor einigen Wochen behan­delt, aber nur am Rand und nur im Kulturressort. Das ist zu wenig. Naidoo schürt Hass, sein Text ist problem­los anschluss­fä­hig zur „Neuen Rechten”. Er macht Politik und muss poli­tisch bekämpft werden. Das ist jetzt die Aufgabe der Zivilgesellschaft.

Mehr innerparteiliche Solidarität wagen

Politik darf, muss sogar emotio­nal sein. Emotion darf jedoch nicht in Hass umschla­gen. Die Kommentare, die auf diver­sen Plattformen zu den Vorgängen in Thüringen zu lesen sind, haben mit inner­par­tei­li­cher Solidarität nicht mehr viel zu tun. Kritik an der Entscheidung des Landesvorstands ist absolut legitim und nicht zu bean­stan­den, doch wie so oft gilt auch hier: der Ton macht die Musik. Wenn von diver­sen Persönlichkeiten der Thüringer SPD-Vorsitzende Christoph Matschie als „Scharlatan” beschimpft wird, dann ist hier eine Grenze über­schrit­ten.

Leider ist diese Grenzüberschreitung kein Novum inner­halb der SPD. In der Vergangenheit kam es immer wieder zu unschö­nen Szenen, seien es die Vorgänge in Hessen, sei es in Hamburg-Eimsbüttel oder anderswo — mit desas­trö­ser Wirkung nach außen. Ich nehme mich selbst von dieser Kritik nicht aus.

Damit muss endlich Schluss sein. Wir wollen eine linke Volkspartei der Mitte sein, in der Platz ist für alle Facetten der Sozialdemokratie. Dazu gehört, dass alle Flügel glei­cher­ma­ßen Verantwortung über­neh­men (können) und man nicht schlecht über andere spricht. Dazu gehört, dass man es akzep­tiert, eine Abstimmung zu verlie­ren und sich danach nicht wahl­weise über „Seeheimer”, „Netzwerker” oder „Parteilinke” zu bekla­gen und sie zu verdam­men.

Wir sollten künftig also nicht nur mehr inner­par­tei­li­che Demokratie, sondern auch mehr inner­par­tei­li­che Solidarität wagen.