Die Akte Kundus: Guttenberg allein auf weiter Flur — Deppendorfs Woche

ARD, 22. Dezember 2009:

Wer wusste wann was über die Geschehnisse in Kundus am 4. September, als zwei afgha­ni­sche Tanklaster auf deut­schen Befehl hin bombar­diert wurden? Und warum verwei­gert Kanzlerin Angela Merkel eine Regierungserklärung zu diesem Thema, während Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg nun im Kreuzfeuer steht? Darüber sprach Nicole Diekmann mit Ulrich Deppendorf, dem Leiter des ARD-Hauptstadtstudios.

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Völkerrechtswidrig? Angemessen!

Süddeutsche Zeitung, 9.12.2009:

Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg kommt wegen des Luftschlags von Kundus in Erklärungsnot. Als Guttenberg am 6. November auf einer Pressekonferenz die Bombardierung zweier Tanklaster mit mehr als 100 Toten vehe­ment vertei­digte, lag ihm bereits ein Bericht des Roten Kreuzes vor, in dem der Angriff als „völker­rechts­wid­rig” einge­stuft wird. Trotzdem bezeich­nete der Minister die Attacke als unver­meid­lich und „in jedem Fall ange­mes­sen”.

Unglaublich. Der Kerl glaubt, er kann sich alles erlau­ben. Einen völker­rechts­wid­ri­gen Angriff als ange­mes­sen betrach­ten, das ist schon ein starkes Stück.

Wenn die SPD-Fraktion das nicht aufgreift und Guttenbergs Rücktritt fordert, dann weiß ich auch nicht weiter…

Kabinett Merkel II: FDP hat das Nachsehen

Merkels zweites Kabinett steht: 16 Minister inkl. Kanzlerin, davon 8 für die CDU, 3 für die CSU und 5 für die FDP. 5 Ministerposten für die FDP, das ist ordent­lich — mehr war nicht drin, völlig klar. Aber: die FDP-Ministerien sind entwe­der weit­ge­hend unbe­deu­tend (Entwicklungshilfe), ein Pulverfass (Gesundheit), wenig span­nend bis lang­wei­lig (Justiz) und werden von der Kanzlerin bewusst margi­na­li­siert (Außenpolitik). „Kabinett Merkel II: FDP hat das Nachsehen“ weiter­le­sen

Guttenberg, der „Selfmade-Mann”

Heute bei BILD:

Obamas und Guttenbergs Laufbahnen sind beein­dru­ckend. Beide sind Selfmade-Männer, haben sich hart hoch­ge­ar­bei­tet.

Guttenberg, baye­ri­scher Baron und Millionärserbe, als „Selfmade-Mann” zu bezeich­nen, das ist sogar für BILD-Verhältnisse beein­dru­ckend dumm. Da muss man sich als BILD-Leser doch verarscht vorkom­men?

Guttenberg: Ahnungslos. Aber betroffen.

GuttenbergDie Petition zu Internetsperren war bekann­ter­ma­ßen erfolg­reich. Statt dies jedoch zur Kenntnis zu nehmen und zu über­le­gen, ob da nicht doch irgend­was an der Kritik dran sein könnte, schwur­belt Guttenberg in der Tagesschau munter drauf­los:

Das macht mich schon sehr betrof­fen, wenn pauschal der Eindruck entste­hen sollte, dass es Menschen gibt, die sich gegen die Sperrung von kinder­por­no­gra­phi­schen Inhalten sträu­ben.

Schon in Ordnung. Auf Ihre Betroffenheit verzich­ten
wir dankend.

Grafik entdeckt beim A-Team, mehr Infos zum Thema gibt’s bei Stefan Niggemeier.

Der „Adel” und die Republik

Deutschland ist eine Republik. Der „Adel” besitzt seit der Weimarer Verfassung in Deutschland keine Vorrechte mehr:

Öffentlich-recht­li­che Vorrechte oder Nachteile der Geburt oder des Standes sind aufzu­he­ben.
Adelsbezeichnungen gelten nur als Teil des Namens und dürfen nicht mehr verlie­hen werden. (Artikel 109)

Trotzdem betreibt der SPIEGEL Hofberichterstattung rund um die Nachkommen von Wilhelm II (leider noch nicht online verfüg­bar). Trotzdem ist rund um Schloss Salem ständig vom „Haus” Baden die Rede (eben­falls nicht online verfüg­bar) — und nicht einfach von der Familie Baden, wie es richtig heißen sollte.

Dass die BILD 2008 fragte, wieviel blaues Blut denn in uns steckt — geschenkt.

Was sollte man mit diesem „blauen Blut” übri­gens anfan­gen? Stolz auf die Vergangenheit bräuchte man nicht zu sein: der „Adel” hat immer wieder versagt und kam seinem Selbstverständnis als Elite nicht nach. Der (noch mit Vorrechten verse­hene) Adel konnte den größen­wahn­sin­ni­gen Kaiser nicht vom Ersten Weltkrieg abhal­ten, hat die Weimarer Republik gemein­sam mit Kommunisten und Nazis sturm­reif geschos­sen und schließ­lich bereit­wil­lig im Zweiten Weltkrieg ein weite­res Mal gemein­sam mit den braunen Horden Feuer und Schwert über Europa gebracht.

Worauf sollte der „Adel” also stolz sein?

Mir ist ein Dieter Bohlen lieber als zehn „von und zu” Guttenbergs.