Lose Betrachtungen zur Grünen Jugend

Die Jugendorganisationen der Parteien sind überall etwas Besonderes und auf ihre Art radi­ka­ler als ihre Mutterpartei. Die Jusos sind deut­lich linker als die SPD, die Junge Union pflegt den Konservativismus mit Hingabe (was bei einer Jugendorganisation selbst­iro­nisch wirken könnte, aber mitnich­ten so gemeint ist), die JuLis sind frecher als die FDP. Und die Linksjugend, naja. Die wird vermut­lich vom Verfassungsschutz beob­ach­tet. Aber eines haben die Jungsozialisten, die Jungunionisten, die Jungen Liberalen und die Linkssoliden doch gemein­sam: Sie begrei­fen sich eindeu­tig als Parteinachwuchs, ihre Mitglieder toben sich aus, begeh­ren gegen die Partei auf, machen Stress, aber letzt­end­lich üben quasi alle Aktiven für die „große Politik”. Es ist Parteipolitik auf jugend­lich. Das ist nicht schlecht, bitte nicht falsch verste­hen — ich mache da ja auch selbst mit und ich finde das gut und sinn­voll.

Die Grüne Jugend sticht nach meiner Beobachtung aus diesem Reigen auf eine beson­dere Weise hervor — natür­lich ist die Grüne Jugend viel radi­ka­ler als es die Grünen sind, sie sind deut­lich linker, deut­lich ökolo­gi­scher — aber sie setzen sich auch komplett anders zusam­men. Bei der Grünen Jugend ist es ganz und gar nicht selbst­ver­ständ­lich, dass man die Politik der grünen Partei im Großen und Ganzen gut findet und nur einige Stellschrauben verstel­len will, nein — meine Beobachtung aus jetzt zwei Bündniscamps von Jusos und Grüner Jugend und vielen, vielen Gesprächen auf Twitter und anderswo (rich­ti­ges Leben™ und so) ist: Die Grüne Jugend besteht aus zwei unter­schied­li­chen Denkrichtungen. Es sind keine „Flügel”, keine „Strömungen”, viel­leicht ist es den meisten Junggrünen noch nicht einmal bewusst; denn inhalt­lich gibt es relativ wenig Unterschiede. Es gibt natür­lich die übli­chen Mindermeinungen, die in Organisationen ganz normal sind — aber eine Unterscheidung in „Fundis” und „Realos” wäre bei den Junggrünen relativ sinn­frei. Die „Realos” könnte man wohl gut an einer Hand abzäh­len.

Nein, der Unterschied ist: Ein großer Teil der Grünen Jugend, vermut­lich die Mehrheit, begreift sich als Parteinachwuchs, als Jugendorganisation der Grünen Partei. Der andere Teil hinge­gen sieht das anders. Ich nenne diesen anderen Teil die „Bewegungsjunggrünen”. Für diese ist die Grüne Jugend kein Teil der Grünen Partei (was sie formal ist), sondern ein dezi­diert links­grü­ner Jugendverband, vergleich­bar mit „Robin Wood”. Und entspre­chend sind die Gespräche dann auch — während sich die Mitglieder der anderen Jugendorganisationen irgend­wie mitver­ant­wort­lich fühlen für die Politik ihrer Partei, ist das bei weiten Teilen der Grünen Jugend völlig anders.

Das Spannende daran ist: Diese „Spaltung” ist nicht von Nachteil für die Grüne Jugend, sondern befruch­tet sie immer wieder neu von außen. Es kommen immer wieder neue radi­kale Ideen, neue Außenansichten, neue Perspektiven. Das wird auch durch die Altersgrenze 28 begüns­tigt — in den anderen Jugendorganisationen liegt diese bei 35. Und diese Spanne ist ganz entschei­dend. Nicht umsonst werden Spitzenfunktionäre von Jusos, Junger Union und JuLis quasi immer etwas, während man dies bei der Grünen Jugend ganz und gar nicht fest­stel­len kann. Hier schei­nen die Spitzenfunktionen kein Sprungbrett für höhere Aufgaben zu sein, sondern einfach nur eine Aufgabe auf Zeit.

Inhaltlich sind bei der Grünen Jugend mehrere Punkte bemer­kens­wert. Hierzu sollte man wissen: Mitglieder der Grünen Jugend kommen fast immer aus Akademikerhaushalten. Die Perspektive, dass Lohn in der Fabrik oder in der Firma erwirt­schaf­tet werden muss, dass Arbeitslosigkeit jedem passie­ren kann — diese Perspektive gibt es in der Grünen Jugend quasi nicht. Geld ist im Elternhaushalt einfach da. Gesunde Mittelschicht eben. Trotzdem, und das ist wichtig, trotz­dem legt die Grüne Jugend einen größe­ren Schwerpunkt auf das Soziale als die Bündnisgrünen. Während ich bei der Öko-Partei mitun­ter das Gefühl habe, dass Sozialpolitik eben auch gemacht wird, aber lange nicht so wichtig ist wie Ökologie, ist mein Eindruck von der Grünen Jugend ein anderer. Dort schei­nen beide Sachverhalte auf einer Ebene zu stehen, weshalb ein Bündniscamp von Jusos und Grüner Jugend auch gut funk­tio­niert — obwohl das Arbeitsverständnis ein völlig anderes ist.

Das ist der zweite Punkt, der aus dem ersten hervor­geht: Die Grüne Jugend träumt vom BGE (Bedingungsloses Grundeinkommen), sie hält Vollbeschäftigung für ein hoff­nungs­los über­hol­tes Ziel, hat das Ende der Arbeit im Blick. Hier trennen sich die Wege von Jusos und Grüner Jugend regel­mä­ßig. Während Jungsozialisten die Arbeit in den Mittelpunkt ihrer Überlegungen stellen (Jobs, Jobs, Jobs!), ist das für Junggrüne eine gänz­lich fremde Ansicht.

Gut, noch zwei Themen sind den Junggrünen wichtig. Zum einen ist das Cannabis. Gekifft wird in der Grünen Jugend ständig und überall, beim Warten auf den Bus und nach dem Essen. Das ist kein Klischee, sondern empi­ri­sche Beobachtung. Auch Tabak und Zigaretten sind beliebt — ob das den „Altgrünen” (Grüne Jugend über ihre Mutterpartei) bei ihrem Krieg gegen Raucher bewusst ist?

Neben Cannabis, BGE und Öko hat der gerade mal 6000 Mitglieder starke Verband ein weite­res, sehr verbin­den­des Thema: den Sex. Gender. Feminismus. Queer. Hetero, homo, am liebs­ten poly­amor. Und damit meine ich nicht nur die theo­re­ti­sche Durchdringung, sondern auch die prak­ti­sche Anwendung. Ich habe mir berich­ten lassen, dass auf Bundeskongressen der Grünen Jugend ein extra abge­schirm­ter „Kuschelbereich” exis­tiert — da kann das Bällebad der Piraten nicht mithal­ten.

Zusammenfassend: Die Grüne Jugend sind ein span­nen­der, ein sehr sympa­thi­scher Verband. Es ist dort nicht so verbis­sen wie immer mal wieder bei den Jusos. Quasi alle Aktiven kennen sich und sich auch gleich­alt, viele kennen sich sogar sehr gut (siehe letzter Absatz), inhalt­li­che Differenzen gibt es kaum, Parteikarrieren streben nur ganz wenige Mitglieder an (ergo kein Konkurrenzdruck). Es geht sehr mensch­lich zu in der Grünen Jugend, viel­leicht ist es nirgends in der Politik so mensch­lich wie dort. Sie ausschließ­lich als „Parteinachwuchs” zu klas­si­fi­zie­ren ist ein Fehler.

Wir Hetencismänner und der Feminimus

Was ich in den letzten Tagen gelernt habe: als Gegenmodell zu Transgender gibt es auch Cisgender, also Menschen, deren biolo­gi­sches Geschlecht (sex) mit ihrem sozia­len Geschlecht (gender) über­ein­stimmt bzw. die sich so wohl­füh­len. Wir sog. „Cisgender” sind aller­dings auch keine einheit­li­che Masse, sondern noch­mals zu unter­tei­len in „Homocisgender” (Lesben, Schwule) und „Heterocisgender”. (Gibt es auch „Bicisgender”? Ich weiß es nicht.) Die „Heterocisgender” sind logi­scher­weise zu unter­tei­len in „Heterocismänner” und „Hetercisfrauen”.

Ich für meinen Teil gehöre also zu den „Heterocismännern”, in der „Szene” genannt „Hetencismann”. Ich bin also biolo­gisch ein Mann, fühle mich auch als Mann und finde Frauen attrak­tiv (nicht alle). Das nun aber macht mich angeb­lich auto­ma­tisch (!) privi­le­giert. Außerdem bin ich auch noch „weiß”, jeden­falls das, was man so als „weiß” versteht in dieser Gesellschaft. Damit bin ich nun also angeb­lich auto­ma­tisch doppelt privi­le­giert, da ja, wie jeder weiß, unsere Gesellschaft von weißen Hetero-Männern domi­niert wird. Dass ich persön­lich nichts davon habe, dass Ackermann Ackermann ist nicht Ackerfrau, ist irrele­vant — ich bin weiß, männ­lich, hetero, Punkt.

„Trotzdem” habe ich mich bisher ganz selbst­ver­ständ­lich als Feminist bezeich­net und mich auch so gefühlt; ohne umfas­sende theo­re­ti­sche Fundierung, das ist sicher­lich richtig, aber ich habe im Kleinen meinen Teil dazu beige­tra­gen, dass Gleichstellung und Gleichberechtigung keine hohlen Phrasen sind. Ich bin also bei Versammlungen immer für die quotierte Redeliste einge­tre­ten, habe mich bei Kongressen beschwert, wenn nur Männer auf dem Podium sitzen, etc. Weil ich der Meinung war, dass Feminismus eben nicht nur Frauen etwas angeht, sondern auch uns Männer. Weil ich es einfach richtig finde, dass Frauen nicht nur ein kleines Stückchen des Kuchens zusteht, sondern eben die Hälfte des Kuchens. Gut, das waren keine welt­be­we­gen­den Dinge, aber nach wie vor halte ich sehr viel von dem Grundsatz „think global, act local”. Aber auch, wenn es keine welt­be­we­gen­den Dinge waren — ich hätte es mir auch einfa­cher machen können. Ich hätte mir nicht den Missmut auf Versammlungen zuzie­hen müssen, ich hätte nicht als Einziger auf das Fehlen von Frauen hinwei­sen müssen — ich habe es getan und mir so manches Mal „das Maul verbrannt”, wie man so schön sagt. Gut, damit kann ich leben. Wenn man es sich zu einfach macht, dann ist das auch nichts.

Dem Feminismus, der von Nadine Lantzsch propa­giert wird und der auf Twitter von vielen Frauen, die ich sehr schätze, anschei­nend begrüßt wird, kann ich jedoch nichts abge­win­nen. Mir scheint, Lantzsch hat sich in den letzten Monaten und Jahren zuneh­mend radi­ka­li­siert. Wenn ein Artikel in den Schlusssatz gipfelt:

Ich weiß nicht, ob Feminismus die Hetencismänner braucht, um erfolg­reich zu sein. Denn an wessen Maßstäben wird schon Erfolg gemes­sen? Außerdem beinhal­ten die Punkte 3 und 4 einfach andere span­nende Perspektiven, die es sich lohnt, mal anzu­schauen, auszu­hal­ten, auszu­pro­bie­ren. Das Schlimmste, was uns passie­ren kann, ist, dass wir anfan­gen, unseren Horizont zu erwei­tern.

Dann stehe ich hier ziem­lich ratlos davor. Was für ein Feminismus soll das denn sein, der glaubt, ohne unge­fähr 40–45 Prozent der Bevölkerung auszu­kom­men? Und wie kommt man auf die Idee, dass dieser Feminismus auch nur für die Mehrheit der Frauen attrak­tiv ist?

Lantzsch erweist dem Feminismus mit ihren Tiraden einen Bärendienst — es ist gut, dass „wir”, die wir hier auf Twitter und in den Blogs aktiv sind, nach wie vor in einer Blase leben und die Allgemeinheit von unseren Diskursen nichts mitbe­kommt; der Feminismus hat tragi­scher­weise eh schon einen schlech­ten Ruf, Artikel wie der von Lantzsch tragen nicht zur Besserung bei.

Oder sollte man als Hetencismann Lantzsch folgen und das ganze Feminismus-Ding ad acta legen, weil man ja eh nicht erwünscht ist? Nein, das wäre albern. Es wäre eine ziem­lich einfa­che Reaktion auf eine sehr einfa­che Sichtweise der Welt, die viel komple­xer ist, als sie von Lantzsch darge­stellt wird.

Vgl. seeliger.cc: Ich sag euch mal was, Netzfeministinnen! (24.10.2011)
Vgl. metalust.wordpress.com: Seufz … (28.10.2011)
Vgl. maedchenmannschaft.net: Noah Sow erlebt „Festival du Racisme” (29.10.2011)
Vgl. juliaschramm.de: Wahrheit und Normen (30.10.2011)
Vgl. medienelite.de: Der Gaze Effekt und Feminismus. (31.10.2011)
Vgl. rebellmarkt.blogger.de: Manchen geht ein Licht auf (31.10.2011)

Pirat_innenpartei? Oder: Frauen in der Politik

Das Thema „Frauen in der Politik” bzw. „Frauenquote” wurde hier im Blog schon mehr­mals bear­bei­tet. Die Piratenpartei, das ist den Leserinnen und Lesern dieses Blogs sicher­lich bekannt, ist eine junge neue Partei, die zu gefühlt 90 Prozent aus Männern besteht. Genaue Zahlen liegen mir nicht vor, da diese von der Piratenpartei nicht erhoben werden — man defi­niert sich selbst schließ­lich als Post-Gender-Partei. Fakt ist: die neue Piratenfraktion in Berlin besteht aus 14 Männern und einer Frau. (Aktuell debat­tie­ren die Piraten übri­gens, ob sie wirk­lich trans­pa­rent sein wollen oder ob das nicht nur für andere gelten soll. Der erste Wahlbetrug wird also jetzt schon vorbe­rei­tet — als Oppositionspartei. Das muss man erst einmal schaf­fen.) Nun, die Zusammensetzung der neuen Fraktion hatte einen sehr pole­mi­schen Text von Michael Angele im „Freitag” zur Folge, Tenor: die Piratenpartei ist jung-männ­lich-weiß. Wie es im Internet so ist, werden auch Kritiker kriti­siert: „So verfährt auch Michael Angele, wenn er sich das Wissen, das ihm laut eigener Aussage zu borniert erscheint, mal selbst zu eigen macht, um sich mit Hilfe einer Partei gleich mal ein biss­chen progres­siv zu fühlen.” Nun, Texte im „Freitag” und in Blogs entfal­ten natur­ge­mäß keine große Breitenwirkung — Texte bei „Spiegel Online”, insbe­son­dere wenn sie von so hervor­ra­gen­den Autorinnen wie Sibylle Berg geschrie­ben werden, hinge­gen schon: Sibylle Berg stellt die Debatte vom Kopf auf die Füße und stellt fest: „Die Männer machen, was sie immer machen, sie veren­gen das Blickfeld, vernach­läs­si­gen Körper- und Familienpflege und arbei­ten an etwas, das ihnen sinn­voll erscheint, aus welchen Gründen auch immer. Die Frauen tun derweil eben­falls das, was sie oft tun: Sie würden auch gerne, aber da muss erst noch der Besuch bei den Eltern sein, der Ausflug mit Gernot, die Epilation, das gute Buch, das Studium, der bril­lante Film, der Schlaf, das Telefonat, und Politik ist nicht beson­ders aufre­gend.” Das ist natür­lich furcht­bar pole­misch, aber es ist eben so: Polemik funk­tio­niert nur, wenn sie einen wahren Kern trifft. Ansonsten würde man diese noch nicht einmal igno­rie­ren, wie man so schön sagt. (Am Rande bemerkt: dass die fantas­ti­schen Berg-Texte bei „Spiegel Online” unter „Kultur” und nicht unter „Politik” laufen lässt tief blicken. Die meist flachen Textchen von Fleischhauer und Augstein hinge­gen werden unter „Politik” abge­legt — Politik ist eben Männersache, Kultur wieder­rum — okay, da darf auch mal eine Frau ran, man ist ja gar nicht so, nech?) Auf Twitter beschwe­ren sich Piraten, dass der Berg-Text völlig falsch wäre, schließ­lich habe man progres­sive Beschlüsse hinsicht­lich Kinderbetreuung etc. pp. Nun gut. Das mag sein. Aber Papier ist gedul­dig. Entscheidend ist letzt­end­lich die Tat, nicht das Wort. Zwei Beispiele: obwohl die SPD Baden-Württemberg gegen die Vorratsdatenspeicherung ist, setzt sich der SPD-Innenminister Baden-Württembergs dafür ein. (Es soll keiner sagen, ich habe eine tief­rote Brille auf.) Und obwohl die Grünen für kosten­lose Kitas sind, war ihnen die Subventionierung der Öko-Bauern in Baden-Württemberg wich­ti­ger. Die SPD konnte sich hier leider nicht durch­set­zen.

Kurz und gut: es ist gut, eine progres­sive Beschlusslage zu haben. Ausreichend ist das aber mitnich­ten. Noch immer gibt es Podien, auf denen keine Frau vertre­ten ist, selbst bei den Grünen, wie oben verlinkt; und wenn femi­nis­ti­sche Forderungen wie gebüh­ren­freie Kitas im Zweifelsfall anderen Themen weichen müssen, dann bringt das den Frauen auch nichts. Auch in der SPD ist hier noch ein weiter Weg zu gehen. Es geht voran, aber es ist nicht leicht. (Wenn man als Mann diese Themen bear­bei­tet, wird man zudem nicht wirk­lich für voll genom­men. Ist halt doch ein Frauenthema, gell!)

Fünf Impulse zum Gender Mainstreaming

Immer wieder ist Gender Mainstreaming ein Thema. Gleichstellungspolitik spielt überall dort eine Rolle wo Mann und Frau aufein­an­der treffen und sie hat auch ihre Berechtigung. Die verfas­sungs­recht­li­che Gleichberechtigung von Mann und Frau muss auch in der Gesellschaft veran­kert sein. Sie ist zu Recht ein Teil der sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Grundüberzeugung. Aber bewusst provo­ka­tiv gefragt: Schießen wir nicht immer öfter über das Ziel hinaus?

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