Macht wird in Geld gemessen!

Mit dem Slogan „Occupy Wallstreet“, „Occupy Frankfurt“ oder einfach „Occupy Together“ gehen Menschen aktuell im „Westen“ auf die Straße um ihre Unzufriedenheit kund zu tun. Dabei ist trotz aller Aufbruchstimmung viel Orientierungslosigkeit zu beob­ach­ten, einzig in einem Punkt sind sich die Massen einig: So wie bisher kann es nicht weiter­ge­hen!

Die Menschen fühlen sich von den Banken und der Politik verra­ten. Sie sehen, wie immer mehr Milliarden an Dollar oder Euro zuerst für Banken-Rettungsschirme und danach für Staaten-Rettungsschirme (die eben­falls Banken retten werden) ausge­ge­ben wird. Während ansons­ten aller Orts gekürzt und gestri­chen wird: Von der gesetz­li­chen Krankenversorgung, bis zur drin­gend Nötigen Straßenrenovierung im kleinen Heimatort, wo schon Radfahrer von Schlaglöchern verschluckt wurden. Überall ist angeb­lich zu wenig Geld da, während es zur Rettung des Finanzwesens, dessen Akteure Millionen an Gehalt & Boni einstrei­chen, immer reich­lich vorhan­den ist. Im Gegensatz zu Krankenversorgung, Kindergärten, Schulen, Universitäten und Infrastruktur sind Banken nämlich system­re­le­vant.

Dabei über­se­hen viele Menschen, dass wir die Machteliten des Finanzwesens erst mit dieser Macht ausge­stat­tet haben, die ihnen nun die Möglichkeit gibt über das Schicksal von Staaten zu urtei­len. War es nicht der nun aufge­brachte Mittelstand (der sich irrsin­ni­ger Weise für die 99% hält),welcher vor einigen Jahren zins­gie­rig noch den letzten Notgroschen zur Bank seines Vertrauens gebracht hat, verführt von astro­no­mi­schen Gewinnversprechen? Es gab Zeiten, da war es Trend sein Geld in Aktien oder Investmentfonds anzu­le­gen. Kaum jemand hat verstan­den, was da über­haupt vor sich ging, aber alle wollten inves­tie­ren. Ein eigenes Aktienportfolio war so hip, wie heute ein iPhone.

Somit haben wir der Finanzwelt die Macht gegeben! Die macht der Banken ergibt sich aus unserem Geld und unserem Vertrauen. Noch immer lungert unser Geld auf den Konten, Fonds und anderen Anlagen unserer Banken. Wir haben ihnen die Vollmacht gegeben damit noch mehr Geld zu zaubern und vertrauen in einer sehr naiven Art und Weise darauf, dass hinter dem Schreibtisch unserer Bankfiliale ein*e kleine*r Hogwarts Absolvent*in sitzt. Wer von uns hat sich schon jemals für die Zaubertricks inter­es­siert? Hauptsache ist doch, dass die Verzinsung stimmt.

Mit einem einfa­chen Trick können wir der Macht der Banken ein Ende setzen: Morgen gehen wir alle in unsere Filiale und heben unser gesam­tes Vermögen ab! Stutzen und Zögern? Vollkommen zurecht, denn unser Kontoguthaben ist kein Geld, sondern nur der Anspruch auf Geld. Es gibt gar nicht genug Geld, um uns allen unser Vermögen auszu­zah­len, nicht mal annä­hernd! Optimistisch geschätzt exis­tie­ren gerade mal 10% des Geldes wirk­lich und das weniger in Form von Bargeld, sondern eher als Goldbarren, Häusern und Grundstücken. Das gesamte Finanzsystem samt unserer kapi­ta­lis­ti­schen Weltordnung würde in die Knie gehen, wenn morgen alle Kund*innen Bares sehen wollten.

Genau das ist das Problem mit unserem System, wir alle sind der Illusion der Taschenspielertricks des Kapitalismus erlegen und haben sogar begon­nen damit rechnen und zu (be)zahlen. Diese Illusion ist aber untrenn­bar verbun­den mit den großen Magier*innen in den Bürotürmen in Frankfurt, London, New York oder anderswo. Wer die Macht der Banken brechen möchte, sollte sich daher bewusst sein, dass damit auch die Illusion unserer aller Kontenguthaben platzt wie eine Seifenblase.

Kapitalismus beruht auf Illusion und das Volk dürstet gerade nach dem Blut seiner Zauberer!

Schmutz im Internet

Im Internet ist viel Schmutz. Und ich rede hier mal nicht von dem übli­chen Schmutz. Sondern von verleum­de­ri­schem Schmutz, mit dem Ziel, die bürger­li­che Existenz anderer Menschen zu schä­di­gen, wenn nicht gar zu vernich­ten; warum? Wegen einer miss­lie­bi­gen Meinung. Es ist wider­lich. Um was geht es? Um diese Person. Der größte Lump im ganzen Land, das ist und bleibt der Denunziant. Rayson hat dazu alles geschrie­ben, was zu schrei­ben ist.

Ich teile die meisten Meinungen nicht, die bei antibuerokratieteam.net und bissige-liberale.net veröf­fent­licht werden. Aber, oh Schreck: das soll es geben in diesem System, das wir „Demokratie” und „Meinungsfreiheit” nennen. Da tauchen auch mal Meinungen auf, die der Mehrheit nicht passen. Skandal!

Es widert mich regel­recht an, wenn irgend­ein Möchtegern-Blockwart gemein­sam mit einem öffent­lich-recht­li­chen Sender (!) versucht, Menschen wegen deren Meinung (!) zu schä­di­gen. Einige halten es für links, andere Meinungen nieder­zumä­hen. Vielleicht ist das links. Aber es ist ganz sicher nicht progres­siv und auch nicht frei­heit­lich. Es ist pervers. Mehr nicht.

Auch diesen Aspekt sollte man beach­ten, wenn irgend­wel­che Politiker demnächst mal wieder „Klarnamenzwang im Internet” fordern. Wer Meinungen vertritt, die abwei­chend vom Mainstream sind, hat dann irgend­wann keine Chance mehr, sich einzu­brin­gen.

Hinweis: Ich habe die meisten der „beschul­dig­ten” Blogger schon persön­lich kennen­ge­lernt, auf einem Seminar der Friedrich-Naumann-Stiftung.

Netzpolitische Grundsatzpapiere

Der Gesprächskreis Netzpolitik wird einen netz­po­li­ti­schen Grundsatzantrag über den SPD-Parteivorstand an den Bundesparteitag richten, der unter spd.de zu lesen und auch kommen­tier­bar ist. (Ein Teil des Antrags ist via Adhocracy kommen­tier­bar.) Ohne etwas davon zu wissen haben einige SPD-Mitglieder (u.a. ich) eben­falls vor unge­fähr zwei Monaten (Politcamp) mit der Arbeit an einem Grundsatzpapier begon­nen. Da es nicht so wirk­lich ziel­füh­rend ist, paral­lel zwei Anträge zu bear­bei­ten, stelle ich unseren derzei­ti­gen Diskussionsstand hier und bei spd.de ein, damit die diver­sen Impulse und Ideen mögli­cher­weise Eingang finden. (Der hier einge­stellte Text ist nur von mir endre­dak­tio­nell bear­bei­tet, inso­fern stützt sich dieser Text natür­lich auf die Erkenntnisse anderer; Fehler und Unklarheiten gehen somit auf meine Kappe.) Wenn etwas aus unserem Text in den „offi­zi­el­len” Antrag einfließt ist das klasse — was nicht eingeht, kann man ja als Änderungsantrag einbrin­gen. Genug der Vorrede, hier der Text:

Grenzen über­win­den: Das Internet sozi­al­de­mo­kra­tisch gestal­ten
Unsere Grundwerte Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität verwirk­li­chen

Möglichkeiten des Internets sind unbe­grenzt

Die indus­tri­elle Revolution prägte unsere Gesellschaft nach­hal­tig. Einen solchen Umbruch erleben wir heute wieder. Die digi­tale Revolution und das Internet bieten enorme Potenziale für Innovation und Emanzipation. Nie war es einfa­cher als heute, Menschen und ihr Wissen zusam­men­zu­brin­gen und zu vernet­zen. Die sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Grundwerte Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit und Solidarität müssen auch in der „digi­ta­len Gesellschaft” ihre Verankerung erfah­ren, so wie nach der indus­tri­el­len Revolution im 19. Jahrhundert.

Sozialdemokratische Netzpolitik muss die für unsere Gesellschaft posi­ti­ven Aspekte dieses digi­ta­len Wandels in den Vordergrund stellen, ohne die nega­ti­ven zu vernach­läs­si­gen. Korrekturen sind immer notwen­dig und richtig. Die Sozialdemokratie will die Menschen in die Lage verset­zen, mit diesem neuen Medium „Internet” selbst­stän­dig und kritisch umzu­ge­hen. Bevormundung und Blockade schaden am Ende uns allen.

Mehr als nur Technik

Das Medium Internet ist mehr als nur eine einzig­ar­tige Technik, die uns das tägli­che Leben erleich­tert. Sie wirkt in alle Bereiche des alltäg­li­chen Lebens hinein. Deshalb müssen die sozia­len, gesell­schaft­li­chen, aber auch ökono­mi­schen Fragen des Internets bei seiner weite­ren Gestaltung und Entwicklung eine Rolle spielen. Netzpolitik muss sich von den „Technik-Nerds” eman­zi­pie­ren.

Das Internet ist weder ein rechts­freier noch ein anar­chi­scher Raum. Selbstverständlich gibt es schon jetzt viele Spielregeln, die die Technik des Internets erst ermög­li­chen und beein­flus­sen (z.B. IPv6). Das sind Anknüpfungspunkte um das Internet als Politik aber auch als Gesellschaft zu gestal­ten.

Netzpolitik besteht nicht nur aus tech­ni­schen Fragen. Es sind voral­lem soziale, gesell­schaft­li­che, aber auch ökono­mi­sche Fragen und Lösungen, die uns beschäf­ti­gen müssen. In allen Politikbereichen spielt Netzpolitik hinein. Isolierung wird nicht erfolg­reich sein. Bei allen unseren Entscheidungen müssen wir auch die Auswirkungen auf die digi­tale Gesellschaft beden­ken. Netzpolitik betrifft uns alle.

Wir wissen, dass Netzpolitik oftmals auf den Erhalt des Status Quo ausge­rich­tet sein muss, also defen­siv ist, mitun­ter auch „konser­va­tiv” wirkt, also bewah­rend. Das ist uns nicht genug. Wir wollen, dass mehr Menschen einfa­cher mit mehr Menschen gemein­sam reden, arbei­ten und disku­tie­ren können. Wir denken „Netzpolitik” nicht eindi­men­sio­nal: Netzpolitik ist mehr als nur „Internet”.

Netzpolitik ist nicht unbe­dingt ein eigener Politikbereich, jeden­falls noch nicht. In jedem Bereich sind netz­po­li­ti­sche Themen vorhan­den: in der Außenpoltik, der Innenpolitik, in der sozia­len Gerechtigketi. Wir wollen die Netzpolitik Stück für Stück etablie­ren und ausbauen.

Potenziale nutzen: Facebook, Google Maps und Co. als Chance begrei­fen

Wir wollen über das Netz noch besser die Wünsche und Probleme der Bürger heraus­ar­bei­ten und direkt über dieses Medium auf sie zugehen. Soziale Medien sind kein Propagandinstrument.

„Datenschutz ist out”?

Diese provo­kante These von Mark Zuckerberg muss man nicht teilen, aber sie beschreibt eine gesell­schaft­li­che Problemstellung. Denn Datenschutz ist kein Wert an sich: was im Mittelpunkt jeder verant­wor­tungs­vol­len Politik stehen muss, ist der Mensch. Das heißt: Respekt gehört dazu. Respekt vor der Privatsphäre des anderen. Klatsch und Tratsch hat es immer gegeben — Eigenverantwortung gehört jedoch glei­cher­ma­ßen dazu.

SPD entwi­ckeln

Die Informationen der und über die Partei gelan­gen nicht in ausrei­chen­der Manier von der Bevölkerung zur Partei und umge­kehrt. Wir müssen Wege finden, Rückmeldungen besser zu kana­li­sie­ren und Ideen aus der Bevölkerung zu über­neh­men und nicht abzu­wie­geln.

Das deut­sche Datenschutzgesetz darf nicht als Vorwand genutzt werden, den Schatz, der in der MAVIS verbor­gen liegt, nicht zu heben. Funktionäre brau­chen einen einfa­che­ren Zugang zur MAVIS, um Unterstützer ziel­ge­recht anschrei­ben zu können.

SPD-API

Momentan setzen die SPD und ihre Gliederungen auf zig unter­schied­li­che Systeme: Parteivorstand, die Landesverbände, Ortsvereine und Mandatsträger setzen quasi alle Systeme ein, die es über­haupt gibt: von proprie­tä­rer Bezahlsoftware bis hin zu gemein­schaft­lich verwal­te­ten Systemen ist alles dabei. Wir müssen es schaf­fen, eine „SPD-API” einzu­füh­ren, um die diver­sen Systeme zu harmo­ni­sie­ren. Es ist nicht notwen­dig, dass alle auf das gleiche System umstei­gen — aber warum es bspw. kein Plugin gibt, das Termine und Artikel aus WordPress zu WebSoziCMS und umge­kehrt über­tra­gen kann, ist nicht einleuch­tend.

Digitale Mitgliederentscheide?

Nicht alle SPD-Mitglieder nutzen das Internet, deshalb sind Mitgliederentscheide, die sich nur auf das Internet stürzen, nicht durch­führ­bar. Allerdings spricht nichts dagegen, Mitgliederbegehren im Internet starten zu können, worauf­hin ab einer gewis­sen Stelle eine Briefwahl durch­ge­führt werden muss. Damit wäre die Beteiligung aller gewahrt.

Wirtschaftsförderung

Wir werden Unternehmenskooperationen fördern, die eine ressour­cen­scho­nende Netzinfrastruktur weiter­ent­wi­ckeln, wo Materialkosten und Engergiekosten einge­spart werden und dadurch neue Technologie entste­hen kann. Die Sicherheit der Netzinfrastruktur steht dabei ganz oben auf unserer Agenda.

Freiheit und Verantwortung

Wir werden Wege und Mittel suchen und finden, um Diskriminerung im Internet zu verhin­dern und zu ahnden. Den Kampf gegen Viren und Spam muss der Staat Hand in Hand gemein­sam mit IT-Unternehmen angehen. Freie und proprie­täre Software haben jeweils ihre eigene Berechtigung und eigene Geschäftsmodelle. Der Staat indes­sen muss überall dort, wo es möglich ist, freie und keine proprie­tä­ren Softwarelösungen nutzen, um sich tunlichst nicht von Einzelanbietern abhän­gig zu machen.

#tazlab: #2: Mutige BloggerInnen in der Welt und das verwöhnte Deutschland

Am Wochenende war ich auf dem #tazlab, veran­stal­tet von der „taz“ und dem „Freitag“. Eine kleine Serie. Teil 2: Mutige BloggerInnen in der Welt und das verwöhnte Deutschland.

Das wirk­lich geni­alste und stärkste Podium gab es gleich zu Beginn: am Freitagabend hieß es „Hier spricht die Revolution“. Und zur Abwechslung war hier der Name wirk­lich einmal Programm. Es waren vor Ort: Dana Asaad (Journalist, Irak), Ines Pohl („taz“-Chefredakteurin), Johannes Staemmler („Causa Guttenberg“), Lina ben Mhenni (Twitterin/Bloggerin, Tunesien), Mona Seif (Twitterin/Bloggerin, Ägypten), Viktar Malishevsky (Anti-Journalist, Weißrussland). Nicht dabei sein durfte Yoani Sanchez (Bloggerin, Kuba), deren Ausreise das kuba­ni­sche Regime verhin­derte.

Um ehrlich zu sein: mir fehlen fast die Worte, um meine Gefühle zu beschrei­ben. Das Podium war derma­ßen über­wäl­ti­gend besetzt, dass nur ein Mensch mit einem Herzen aus Stein nicht bewegt sein konnte. Beeindruckt haben mich Dana Asaad und Viktar Malishevsky, die beide auf ihre Weise versu­chen, mit der jewei­li­gen Situation vor Ort umzu­ge­hen. Dana Asaad, indem er sich in Ironie flüch­tet („Arbeitslose im Irak wurden zu Journalisten“), Viktar Malishevsky, der im Kampf um Demokratie und Freiheit für Weissrussland nicht aufgibt.

Aber ich muss geste­hen: beide verblass­ten vor den Heldinnen der Revolution aus Ägypten und Tunesien, so unge­recht diese Wertung von mir auch sein mag. Denn wie mutig, wie inspi­rie­rend, wie fantas­tisch ist das Leben dieser Heldinnen der Revolution! Lina ben Mhenni aus Tunesien und Mona Seif aus Ägypten, zwei Frauen, die vor den Volksaufständen niemand kannte und die keine Ambitionen hatten, dieses zu ändern; die im Laufe der Revolution die Verantwortung fühlten, für diese zu kämpfen, für die Freiheit einzu­ste­hen; Mona, die 18 Tage quasi unun­ter­bro­chen auf dem Tahir-Platz ausharrte und für Freiheit und Demokratie ihre Stimme erhob. Lina, die von der tune­si­schen Regierung bzw. von Geheimdiensten bedroht und einge­schüch­tert wurde, deren Laptop und Kamera gestoh­len wurde; die trotz­dem weiter­machte, trotz­dem sich nicht einschüch­tern ließ, trotz­dem weiter das Unrecht anklagte. Was für eine Geschichte: hat man erwar­tet, so etwas noch zu erleben, in einer Zeit, in der Zyniker den Platz der Idealisten einge­nom­men zu haben schei­nen? Beide Frauen waren sich einig: die Revolution brachte Frauen und Männer näher zusam­men, beide erklär­ten über­ein­stim­mend, dass sie sich niemals freier von sexu­el­len Zwängen gefühlt hätten als in den Tagen der Revolution.

Und wie gerührt war ich, als Lina uns auffor­derte, ihr Land zu besu­chen, ihr freies Tunesien, ihr schönes Tunesien. Wie man ihr den Stolz anmerkte, es geschafft zu haben, frei zu sein. Und wie beschämt war ich, als Mona sagte, wir sollten und müssten unsere Regierung auffor­dern, Diktaturen nicht zu unter­stüt­zen. Habe nicht auch ich schon für „Geopolitik“ und „Realpolitik“ plädiert? Werde ich nicht bei der nächs­ten Gelegenheit wieder schwach werden, im Glauben, dass sich doch nichts ändert? Wie schnell werden wir die Revolutionen in Arabien verges­sen, wie schnell werden wir uns wieder anderen Themen zuwen­den? Der irre Gaddafi hätte es fast geschafft, die Revolte nieder­zumä­hen. Wir werden wir uns künftig verhal­ten?

Tunesien wird frei sein, Ägypten wird frei sein. Es ist dies das Werk von Frauen und Männern wie Mona und Lina. Deren Kraft und Mut kann uns allen Beispiel sein, uns, in unserer satten und reichen Gesellschaft.

Das kuba­ni­sche Volk wird unter­drückt, schon seit Jahrzehnten – seit Jahrhunderten gar. Spielball der Mächtigen, wurde es einst durch ein US-freund­li­ches Regime unter­jocht, um dann nach der legi­ti­men (!) Revolution durch Castro der Sowjetmacht in die Hände zu fallen. Wie wirkt Kuba doch aus der Zeit gefal­len! Wie traurig ist es, dass Castro und seine „Genossen“ sich noch immer an die Macht klam­mern, im Glauben, es besser zu wissen als ihr Volk. Auch in Kuba regt sich Widerstand. Auch in Kuba wird dieser Widerstand unter­drückt. Wie gerne wäre Yoani Sanchez, Bloggerin in und über Kuba, bei uns gewesen – wie gerne hätte ich auch sie gesehen und bei ihr Mut und Kraft getankt. Das kuba­ni­sche Regime hat ihr die Ausreise aus Kuba verwehrt. Sie ist gefan­gen im schönen unfreien Kuba, aber sie war bei uns – per Videobotschaft:

Hören Sie sich das Video an, und lesen Sie, liebe Leserinnen und Leser, bitte die Übersetzung, falls Sie wie ich zu euro­zen­triert sind und nur Deutsch, Englisch und ein biss­chen Französisch können:

Ich möchte den Teilnehmern des Kongresses der tages­zei­tung einen Gruß von hier aus Havanna in Kuba schi­cken. Ich möchte mich dafür entschul­di­gen, dass ich nicht dabei sein kann. Leider ist das nichts, was ich selbst so entschie­den hätte, sondern es ist einfach so, dass ich hier bin und ihr dort seid, weil wir Kubaner leider immer noch unter strik­ten Ausreiseregelungen leben. Es ist aber auch ande­rer­seits nicht so schlimm, weil diese kleine Webcam, mit der ich mich gerade Filme, meine Worte zu Euch tragen kann.

Sie, die Eingesperrte, entschul­digt sich bei uns, den Freien, dass sie nicht bei uns sein kann. Es ist eine unge­rechte Welt, in der wir leben. Wir können sie nur Schritt für Schritt verbes­sern. Und müssen Ungerechtigkeiten wie diese ertra­gen, aber dürfen uns nicht damit abfin­den, wenn wir nicht verzwei­feln wollen. (Dass die lächer­li­chen „Cuba si!“-Spinner in der Linkspartei im Boden versin­ken müssten vor Scham, würden sie sich dieses Video anschauen, würde jeder normale Mensch anneh­men, ich aber bin da nicht guter Hoffnung. Im Gegenteil. Die würden einen absur­den „Nebenwiderspruch“ „erken­nen“ und diese mutige Frau wohl als Konterrevolutionärin „enttar­nen“.)

Abschließend ausdrü­ckend ein Lob für Johannes Staemmler von der „Causa Guttenberg“, der dankens­wer­ter­weise uns allen zeigte, wie reich, satt und frei unsere Gesellschaft ist, und der im Vergleich zu den Heldinnen aus Ägypten, Tunesien und Kuba wie ein alber­ner Besserwisser wirkte (so wie jeder von uns gewirkt hätte, beson­ders dieser Autor), das auch sicher­lich wusste und dennoch sich aufs Podium gewagt hat. In Deutschland kostet es den belieb­tes­ten Politiker des Landes das Verteidigungsministerium, weil er sich seinen Doktortitel erschli­chen hat, und wir arro­gan­ten Europäer haben das Gefühl, das Ende der Demokratie ist nahe, weil Guttenberg nicht schnel­ler zurück­ge­tre­ten ist. Wie dumpf und hohl muss sich das ange­fühlt haben für die anderen Podiumsteilnehmer, was für einen Eindruck haben sie wohl von uns gewon­nen. Immerhin wissen sie jetzt bereits, was mit Demokratie und Freiheit einher geht: ein Jahrmarkt der Eitelkeiten, der seines­glei­chen sucht. Sicherlich werden sie sich davon nicht abschre­cken lassen. Mir ist nicht bang um die jungen Demokratien in Ägypten und Tunesien, wenn so tolle junge Frauen das Sprachrohr der Revolution sind.

Gauck: Demokratie und Freiheit

Fabelhafte Rede von Joachim Gauck. Besonders der Teil mit der Zivilgesellschaft ist wirk­lich sehr richtig beschrie­ben. Die „deut­sche Vereinsmeierei”, die so oft belä­chelt wird, ist ein konsti­tu­ti­ves Element unserer demo­kra­ti­schen und offenen Gesellschaft. Allen passi­ven und aktiven Vereinsmitgliedern muss man einfach dankbar sein. Ganz ausge­zeich­net ist auch der Teil über die, die das Grundgesetz im Geist um den Satz „Die Besitzstandswahrung ist unan­tast­bar” ergänzt haben.

Reden wir mal über Freiheit, Demokratie und soziale Marktwirtschaft…

„Ha!” dachte wohl der eine oder andere Konservative, als Andrea Ypsilantis das böse Wort mit „S” benutzte. Nachdem sich die LINKE in Diskussionen um die Wege zum Kommunismus verstrickte, könnte man doch jetzt die SPD in eine Sozialismusdiskussion schi­cken. Dabei hatte Andrea Ypsilanti nur gefor­dert, die SPD dürfte nicht die Idee des demo­kra­ti­schen Sozialismus aufge­ben. Die Partei müsse für eine gerechte Verteilung des Reichtums kämpfen. Nichts an sich Neues. Und nur skan­da­lös, wenn man demo­kra­ti­schen Sozialismus mit der DDR verwech­selt. CDU und FDP wollten trotz­dem mit einem Antrag im hessi­schen Landtag die SPD zwingen, sich von Äußerungen Andrea Ypsilantis über den „demo­kra­ti­schen Sozialismus” zu distan­zie­ren.

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Demokratie und Freiheit

Das ägyp­ti­sche Volk hat jedes Recht der Welt, für Freiheit und Demokratie zu kämpfen. Ja, zu kämpfen! Die Machthaber und Potentaten werden nicht frei­wil­lig das Feld räumen. Niemals in der Geschichte der Menschheit verlief eine Revolution unblu­tig. Warum auch? Demokratie und Freiheit, das ist ein radi­ka­les Konzept. Ein Konzept, das erst errun­gen werden muss. Das nicht vom Himmel fällt. Dafür zu kämpfen — das ist aller Ehren wert.

Demokratie und Freiheit gibt es nicht umsonst. Demokratie und Freiheit müssen erkämpft und vertei­digt werden. Jahr für Jahr, Tag für Tag.