Plagiat, Politik und Wissenschaft

Wissenschaft und Politik sind verschiedene Sphären. Das ist eine Binse. Aber ich muss sie hier niederschreiben. Denn es tut Not. Es wird zu sehr verkannt, diese Feststellung. Was in der Politik normal ist, ist in der Wissenschaft ein Unding. Politik heißt: Macht erringen. Politik heißt nicht notwendigerweise, der Wahrheit auf der Spur zu sein. Es gilt grundsätzlich: je höher man in der Politik steigt, desto weniger Reden und Texte schreibt man selbst. Ausnahmen bestätigen hierbei die Regel. Und das ist auch in Ordnung so. Denn es wird nicht die eigene Leistung des Erdenkens bewertet, sondern die Tat des Aussprechens: ob Weizsäcker 1985 auf die grandiose Wendung des 8. Mai als ein „Tag der Befreiung“ selbst gekommen ist oder ob das ein Referent erdacht hat – das ist egal. Relevant ist indessen nur: dass Weizsäcker diese große Rede in seiner Amtsfunktion als Bundespräsident gehalten hat. Der Urheber dieser Rede verschwindet also hinter dem Symbol. Ob der Verfasser Referent, Professor oder Hilfskraft war – egal. Entscheidend ist nur, wer sie gehalten hat. Es geht also um Symbole in der Politik.

In der Wissenschaft ist das genaue Gegenteil der Fall. Hier muss der Urheber eines Gedankens, der Erfinder einer Idee, der Genius zu Wort kommen. Es geht nicht an, sich als Wissenschaftler aus dem Wissen eines anderen zu bedienen, ohne dies kenntlich zu machen. Das ist schlicht unlauter und hat nichts mit der Sphäre des Urheberrechts zu tun (vgl. Julia Seeliger: Gutes Copy, schlechtes Copy). Es kann sich überschneiden, aber dies muss nicht der Fall sein. Geniale Gedankengänge, die keinen rechtlichen Urheberrechtsschutz beanspruchen können, aber dessen Urheber dennoch nicht ungenannt bleiben darf, sind vorstellbar.

Hier setzt die Problematik der Causa Guttenberg an. Guttenberg hat anscheinend die Sphären Politik und Wissenschaft verwechselt. Was in der Politik usus ist, geradezu normal, das geht in der Wissenschaft nun einmal nicht. Eine Doktorarbeit muss nach wissenschaftlichen Anforderungen angefertigt werden. Es geht hierbei um die Form, nicht um den Inhalt. Deshalb ist der Verdacht, dass Guttenberg möglicherweise einen „Ghostwriter“ beschäftigt haben könnte, noch viel schlimmer, als wenn es nur um ein bloßes Plagiat ginge. Denn auch hier unterscheidet sich Wissenschaft von Politik bzw. dem öffentlichen Leben: während es für eine Person des öffentlichen Lebens mehr oder weniger normal ist, die „Erinnerungen“ oder die „Autobiographie“ nicht selbst zu schreiben, sondern von einem oder mehreren talentierten „Ghostwritern“ anfertigen zu lassen, so geht dies in der Wissenschaft ganz und gar nicht.

Gleichermaßen ist es wichtig zu erwähnen, dass es (fast) keinerlei formale Eintrittshürden für „die Politik“ gibt. Es reicht, das aktive Wahlrecht zu besitzen. Das genügt. Ob man Hilfsarbeiter, Taxifahrer, Jurist oder Professor ist – das ist egal. Auch hier unterscheidet sich „die Politik“ von „der Wissenschaft“ in ganz außerordentlichem Maße. Qualifikation erfolgt in der Politik qua Wahl. Das heißt: wen die Wähler bzw. die Parteimitglieder als geeignet erachten, ihre Belange und Bedürfnisse im Parlament zu vertreten, der hat das Recht und die Pflicht, diese Belange und Bedürfnisse zu vertreten. Wenn in einem Wahlkreis der Hilfsarbeiter Meier gegen den promovierten Juristen Müller gewinnt, dann ist das so. Es wäre indessen undenkbar, dass der Hilfsarbeiter Meier zum Professor wird.

Eine Ebene kommt hinzu: die Aufrichtigkeit. Politiker sind dem Wähler gegenüber zur Aufrichtigkeit verpflichtet. Nicht formal-juristisch, sondern dem moralischen Anspruch nach. Hierbei dreht es sich bei dieser Debatte um Guttenberg im Kern.

Man kann erfolgreich sein in der Politik ohne Doktor. Man braucht keinen Abschluss. Das ist nicht nötig. Aber: man muss sich der Wahl stellen. Und zwar offen und ehrlich. Und dann haben die Wähler die Möglichkeit, frank und frei zu entscheiden. So läuft das in der Demokratie. So und nicht anders.