Trau keiner Grafik …

Die Tagesschau ist das ARD-Flagschiff, da erwar­tet man äußerste Genauigkeit und keine dummen Fehler. Im aktu­el­len Deutschlandtrend hat sich die Tagesschau-Redaktion einen bösen Schnitzer geleis­tet. Diese Grafik wurde gezeigt:

Ich lese diese Grafik so (und ein Blick zu Twitter und Facebook zeigt: nicht nur ich), dass hier poten­zi­elle WählerInnen gefragt wurden, warum sie SPD bzw. CDU wählen. Und entspre­chend erstaunt war ich. Denn mit so krassen Werten habe ich nicht gerech­net. Folgt man dieser Grafik, wäre es quasi egal, wen die SPD als Kanzlerkandidat aufstellt — die Leute wählen die SPD ja eh nur wegen ihres Programms.

Tja. Im zuge­hö­ri­gen Text steht das dann ein wenig anders, was mich stutzig werden ließ. Also habe ich mir das Original-PDF ange­schaut, das von der Tagesschau dankens­wer­ter­weise eben­falls verlinkt wird — und da stelle ich erstens fest, dass die Frage völlig anders lautet und dass es zudem­noch jeweils einen dritten Wert gibt:

Frage: Was glauben Sie: Wird die Union bei der nächs­ten Bundestagswahl in erster Linie wegen Angela Merkel, wegen der poli­ti­schen Inhalte von CDU/CSU oder wegen beidem gewählt?

Frage: Und wird die SPD bei der nächs­ten Bundestagswahl in erster Linie wegen Peer Steinbrück, wegen der poli­ti­schen Inhalte der SPD oder wegen beidem gewählt?

Ich kann mich nur wieder­ho­len: tja. Denn es sollte offen­sicht­lich sein, dass diese Fragen und diese Ergebnisse mit der Grafik der Tagesschau nicht mehr viel zu tun haben. Die Frage war ja schon denkbar dämlich: denn welchen Sinn hat es denn, Leute zu fragen, was sie glauben, warum andere Leute eine Partei wählen — wenn man doch einfach Leute fragen könnte, warum sie eben diese Partei wählen. Oder eben nicht.

(Ich finde es eini­ger­ma­ßen anstren­gend, dass ich jetzt schon Tagesschau-Meldungen im Original nach­prü­fen muss. Was soll das?)

Für ein Zuschauerparlament für ARD und ZDF

Wegen der Haushaltsabgabe muss jeder Einwohner Deutschlands künftig das Programm der Öffentlich-Rechtlichen Sender alimen­tie­ren, ob er sie jemals einschal­tet, oder nicht.

Über die Verwendung meines Geldes habe ich auch ein Wörtchen mitzu­re­den. Ich. Nicht die Parteien, nicht die Kirchenvertreter und schon gar nicht die Gewerkschafter.

In die Gremien der Öffentlich-Rechtlichen Sender gehören demo­kra­tisch gewählte Vertreter der Zuschauer, die den ganzen Spaß ja schließ­lich bezah­len müssen.

Ein Zuschauerparlament für ARD und ZDF fordere ich ja schon länger. Auf die nahe­lie­gende Idee, eine Facebook-Seite dafür zu gründen, bin ich aber nicht gekom­men. Haben es eben andere erle­digt:

No taxa­tion without repre­sen­ta­tion!

Schluss mit dem Postengekungel und der Parteienherrschaft über unseren Rundfunk!

Wegen der Haushaltsabgabe muss jeder Einwohner Deutschlands künftig das Programm der Öffentlich-Rechtlichen Sender alimen­tie­ren, ob er sie jemals einschal­tet, oder nicht.

Über die Verwendung meines Geldes habe ich auch ein Wörtchen mitzu­re­den. Ich. Nicht die Parteien, nicht die Kirchenvertreter und schon gar nicht die Gewerkschafter.

In die Gremien der Öffentlich-Rechtlichen Sender gehören demo­kra­tisch gewählte Vertreter der Zuschauer, die den ganzen Spaß ja schließ­lich bezah­len müssen.

Wer sich nicht einbrin­gen will, muss nicht — ganz wie bei anderen Wahlen auch. Aber wem etwas an einem Öffentlich-Rechtlichen Qualitätsfernsehen gelegen ist, der sollte Gehör finden. Ein Zuschauerparlament kann das leisten.

Cinephile, Serienfans, Newsjunkies und Dokufreunde aller Bundesländer, verei­nigt Euch!!

ARD und ZDF: Geht’s noch?

Ich war immer ein Verteidiger des öffent­lich-recht­li­chen Systems im Rundfunk- und TV-Bereich. (Ich kann mir prin­zi­pi­ell auch öffent­lich-recht­li­che Lokalzeitungen für Regionen vorstel­len, in denen es keine echten Zeitungen mehr gibt.) Aber ARD und ZDF schei­nen echt alles zu unter­neh­men, um ihre Verteidiger wie mich wieder und wieder vor den Kopf zu stoßen. Das Antrittsinterview der ARD-Chefin Piel im „Tagesspiegel” war schon schlimm, mit der Aussage, dass Google eine Bedrohung (!!) für die ARD sei. Das war schon schön doof.

Es wurde und wird leider nicht besser. Nun haben ARD und ZDF eine Verlautbarung unter­zeich­net und mit einigen Lobbyverbänden die „Deutsche Content Allianz” gegrün­det. Da ist dabei der „Börsenverein des Deutschen Buchhandels”, der „Bundesverband Musikindustrie”, die „GEMA”, die „Produzentenallianz”, „SPIO”, der „VPRT” — und eben ARD und ZDF. Die Forderungen sind weit­ge­hend absurd (das war zu erwar­ten), aber das tut gar nichts zur Sache.

Was drama­tisch ist, ist allein die Tatsache, dass ARD und ZDF einer „Deutschen Content Allianz” beitre­ten. Wie bitte kommen die gebüh­ren­fi­nan­zier­ten Einrichtungen ARD und ZDF auf die dumme Idee, sie hätten gemein­same Interessen mit Verbänden und Produzenten, die mit ihren Werken Geld verdie­nen müssen?

Völlig klar ist: die Verleger etc. pp. haben jedes Recht der Welt, ihre Forderungen laut­stark zu vertre­ten; ich bin zwar der Ansicht, die Politik tut besser daran, die meisten bis fast alle dieser Forderungen abzu­leh­nen, aber das kann man ja im Wettstreit der Ideen klären: am Ende entschei­det es sich dann eben an der Wahlurne. So läuft das in einer Demokratie.

Was mich wirk­lich erschüt­tert, ist, dass ARD und ZDF doof genug sind, solche Sätze zu unter­schrei­ben:

In der digi­ta­len Realität beglei­tet von einer wach­sen­den Zahl an Urheberrechtsverletzungen wird es zuneh­mend schwie­ri­ger, hoch­wer­tige und profes­sio­nelle Medienangebote zu refi­nan­zie­ren.

Nochmals zur Erinnerung: ARD und ZDF sind gebüh­ren­fi­nan­ziert. GEBÜHRENFINANZIERT. Die MÜSSEN sich gar nicht refi­nan­zie­ren. Die bekom­men AUTOMATISCH Geld und zwar bald von JEDEM deut­schen Haushalt.

Also entwe­der die Verantwortlichen bei ARD und ZDF sind so doof, dass sie das nicht wissen. Oder sie fahren eine völlig schwach­sin­nige Taktik, bei der sie versu­chen, auch noch ihre letzten Verteidiger wie mich zu vergrau­len. (Selbstmord aus Angst vor dem Tod.) Oder sie halten uns alle für so bescheu­ert, dass sie glauben, wir merkten nicht, was für einen Stuss die unter­schrie­ben haben.

PS: Die Sache mit der Gage von einer halben Million Euro pro Jahr für ein paar Minuten Sendung pro Woche für Monika Lierhaus aus Fernsehlotterie-Geldern ist dagegen fast schon ein Klacks. (Aber nur fast. Ein Skandal ist das natür­lich auch.)

So war „Anne Will”

Das Thema: „Wirtschaftsboom und Jobwunder – wer träumt da noch vom Kommunismus?”

Die Gäste in der profes­sio­nel­len ROTSTEHTUNSGUT-Kurzanalyse:

Oskar Lafontaine: Definierte Kommunismus schlicht als „Gemeinschaftseigentum” (was Quatsch ist, da Kommunismus ein Herrschaftssystem ist) und beschmutzte das Erbe der Sozialdemokratie, die ihre Wurzeln u.a. eben auch im Liberalismus hat. Ergo: ein ehema­li­ger SPD-Vorsitzender, der pro Kommunismus spricht — pein­lich. „So war „Anne Will”“ weiter­le­sen

ARD-Chefin Monika Piel im Interview: „Google ist ‚natürlich’ eine Bedrohung für die ARD”

Das Interview mit der neuen ARD-Vorsitzenden Monika Piel im „Tagesspiegel” ist eine einzige Katastrophe. Auf jeden Knaller folgt noch einer, man weiß nicht, was schlim­mer ist. Einige Auszüge kommen­tiert:

Diese Entwicklung führt doch aber zu bedeu­tend mehr Zentralismus in der ARD, oder?

Ja. Das ist ein Stück mehr Zentralismus, der aber wirt­schaft­lich sehr viel Sinn macht.

Zentralismus macht selten Sinn. Gerade die föde­rale ARD sollte sich hüten vor vermeint­li­chen Effizienzsteigerungen qua Zentralisierung.

Diese Prüfung der Online-Präsenz durch die Rundfunkräte, der soge­nannte Dreistufentest, gilt als büro­kra­ti­sches Monstrum. Ist er über­haupt praxis­taug­lich?

Der Dreistufentest ist natür­lich ein Bremsklotz. Wir mussten in der ARD viel Geld für Gutachten ausge­ben, um die markt­wirt­schaft­li­chen Auswirkungen unserer Internetangebote zu über­prü­fen. Ich bin über die Beschränkung im Netz aber gar nicht in allen Punkten unglück­lich. Es darf nicht um Masse im Web gehen. Lieber weniger Inhalte im Internet, aber dafür höchste Qualität.

Nicht zu fassen: die ARD-Chefin ist „nicht in allen Punkten unglück­lich” darüber, dass die ARD im Internet nicht alles machen darf, was möglich wäre. Äh?

Da machen Sie es sich aber einfach. Sie treten mit Ihren Netz-Seiten doch auch gegen die Informationsangebote von Zeitungen und Zeitschriften an, die mit ihren Internetangeboten noch kein Geld verdie­nen. Ist es nicht unfair, mit Gebührengeldern den Wettbewerb zu verzer­ren?

Ich suche das Gespräch mit den Verlagen. Ich verstehe die Lage der Zeitungen und Zeitschriften, von denen viele in einer unge­heuer schwie­ri­gen wirt­schaft­li­chen Lage sind. Mir liegt daran, dass die Printbranche über­lebt.

Ähhhhh? Die Aufgabe der ARD-Chefin ist es nicht, das Überleben der „Printbranche” zu organ­sie­ren. Dafür ist die Printbranche verant­wort­lich und mögli­cher­weise die Politik, wenn die gesell­schaft­li­che Stimmung so sein sollte. Die ARD-Chefin hinge­gen ist für die ARD zustän­dig.

Was tun Sie, um den Zeitungen zu helfen?

Wir bieten Kooperationen an. Mathias Döpfner, der Springer-Chef, denkt bei diesem Thema in die rich­tige Richtung. Er will eine Allianz der Qualitätsanbieter im Wettbewerb, unter anderem gegen Google, Apple und Vodafone. Die ARD steht dafür bereit.

ARD-Chefin macht sich mit Axel-Springer-Chef (!!) gemein. Bämm. Dümmer geht’s eben immer.

Ist Google eine Bedrohung für die ARD?

Natürlich. Das gilt aber nicht nur für uns, sondern für alle Qualitätsmedien.

Der abso­lute Hammer. Warum sollte ausge­rech­net die gebüh­ren­fi­nan­zierte (!!) ARD (!!!!!) von Google bedroht werden? Mal abge­se­hen von der Tatsache, dass keine Zeitung von Google bedroht wird.

Die private Konkurrenz hat prak­tisch bei der Information die Waffen gestreckt …

… das ist doch logisch. Mit Information kann man schließ­lich kein Geld verdie­nen. Wenn ich ein kommer­zi­el­les Unternehmen leiten würde, würde ich das ähnlich machen.

Achso. Na dann.

Sind Sie damit denn schon zufrie­den?

Nein, ich wünsche mir mehr Innovation, mehr Schräges. Ich ermun­tere unsere Mitarbeiter: Seid mutig, Neues auszu­pro­bie­ren! Heute braucht man sonst sofort vom ersten Tag an Erfolg. Es gibt zu wenig Nischen, um sich zu entwi­ckeln. Daran müssen auch wir arbei­ten.

Einerseits mehr Zentralismus einfüh­ren, ande­rer­seits zu wenige Nischen bekla­gen. Ahja.

Ihr Kollege von Pro Sieben Sat 1, Thomas Ebeling, verdient rund sechs­mal so viel wie Sie.

Ich habe hier nie wegen des Geldes gear­bei­tet. Mancher Produzent oder Moderator verdient deut­lich mehr als eine Senderchefin. Als ich zur Intendantin gewählt wurde, wusste ich nicht einmal, wie viel ich verdie­nen werde. Ich bin Überzeugungstäterin.

Na klar, kosten­los würde sie wohl auch arbei­ten. Puh.

Ich bin ja wirk­lich ein über­zeug­ter Freund des öffent­lich-recht­li­chen Rundfunksystems. Aber Leute wie Frau Piel machen es mir richtig, richtig schwer.

Gutes soll man mehrmals lesen

Ich habe schon einmal auf den fabel­haf­ten Artikel von Stefan Niggemeier vom 23. Februar 2010 verwie­sen. Also ist der neuer­li­che Verweis ein wenig redun­dant. Aber hey, das hier ist ein Blog, der Platz ist unbgrenzt, ich habe keinen mich über­wa­chen­den Chefredakteur, ich bin so frei. Und wer es nicht lesen will, der klickt es weg.