Die SPD versenkt einen Stern

Geburtstage, Jubiläen, Beerdigungen sind allge­mein keine strit­ti­gen Veranstaltungen. Im Fall des 25. SDP-Jubiläums ist aller­dings Wasser in den Wein zu gießen. Nicht weil ich mir des Anteiles der SDP an der fried­li­chen Revolution, am Runden Tisch, am Beschreiten des Weges in die Sicherheit der Einheit viel­leicht nicht bewusst wäre.

„Die Zeit mag alle Wunden heilen, aber sie ist eine mise­ra­ble Kosmetikerin.“ (Mark Twain)

Geburtstage, Jubiläen, Beerdigungen sind allge­mein keine strit­ti­gen Veranstaltungen. Im Fall des 25. SDP-Jubiläums ist aller­dings Wasser in den Wein zu gießen. Nicht weil ich mir des Anteiles der SDP an der fried­li­chen Revolution, am Runden Tisch, am Beschreiten des Weges in die Sicherheit der Einheit viel­leicht nicht bewusst wäre. Im Gegenteil! Gerade weil ich diese gewal­tige Leistung einschät­zen kann und weil ich weiß, wie wenig diese Leistung in der SPD tatsäch­lich präsent ist und weil die SPD just in diesen Tagen dem harten Kern jener Staatspartei hinter­her hechelt, der die SDP als Bestandteil der DDR-Bürgerrechtsbewegung den Polizei- und Spitzelstaat abhan­den kommen ließ.

Darauf sollte die SPD stolz sein und ist doch in Wirklichkeit froh, die lästige Ehrung der SDP endlich abhaken zu können. Der Weg für Linksaußen muss frei­ge­räumt sein. Schlechtes Gewissen ist hinder­lich.

Zweifler dieser These mögen die Einladung zur Veranstaltung „25 Jahre Sozialdemokratie in Ostdeutschland – eine Sternstunde der Demokratie“ lesen.

Mit dem Parteivorsitzendem, der Generalsekretärin, einer ostdeut­schen stell­ver­tre­ten­den Parteivorsitzenden und dem Vorsitzendem des Forums Ostdeutschland sind alles die rich­ti­gen Einladenden. Doch wo ist ein Vertreter der vorma­li­gen Schwesterpartei SDP? Steht eine fünfte gleich­ran­gige Unterschrift unter die Einladung nicht viel­leicht Martin Gutzeit oder Markus Meckel zu? Sie schufen die Grundlagen der SDP. Ein höchst gefähr­li­ches Unterfangen! Wann hätten sie das Lager im Falle eines bluti­gen 9. Oktobers von Leipzig verlas­sen? Wären sie über­haupt lebend in so ein Lager rein und wieder heraus gekom­men? Oder wäre nicht auch Stephan Hilsberg einer der gebo­re­nen Einlader? Er war der Erste Sprecher der SDP, des Generalangriffs auf die SED.

Die Kritik geht weiter. Die SDP-Gründer der allers­ten Stunde waren in der Vorbereitung der Veranstaltung zum 7. Oktober Beiwerk, gefragt war ihr Rat nicht wirk­lich.

Woran liegt das? Weil die meisten, die nach der SDP in die Ost-SPD ström­ten, bereits Vertreter einer anderen Erlebnisgeneration waren?

Zurück in das Schicksalsjahr 1989. Verwandtschaft kann sich niemand aussu­chen. Die hat oder bekommt man. Auch die alte Dame SPD kann davon eine Moritat singen. Denn plötz­lich, wie aus dem Nichts, trat vor 25 Jahren statt der erhoff­ten Schwippschwägerin unver­hofft eine jüngere, rotz­fre­che und selbst­be­wusste Schwester namens SDP auf sie zu. Wäre die alte, hoch­an­ge­se­hene Dame über die Jahre nicht etwas blind und taub gegen­über ille­ga­len Entwicklungen in der DDR gewor­den, hätte sie die Geburt ihrer kleinen Schwester vorab mitbe­kom­men und sich darauf vorbe­rei­ten können. Denn es war, obwohl heim­lich und gefähr­lich, keine Sturzgeburt.

Zum Glück für die Sozialdemokratie hatte die SPD-West mit Hans-Jochen Vogel, Anke Fuchs, Willy Brandt („Jetzt wächst zusam­men, was zusam­men gehört“), Helmut Schmidt, Annemarie Renger, Hans Büchler, Klaus von Dohnanyi, Johannes Rau, Hans-Ulrich Klose, Rudolf Purps und Gerd Andres mit der Fraktionsmehrheit und vielen anderen Sozialdemokraten noch die rich­ti­gen Leute zur rich­ti­gen Zeit an Bord. Zum Glück gab es die Freigeister Norbert Gansel, Gert Weisskirchen, Freimut Duve, die ihre eigenen klugen Wege gingen. Und zum Glück gab es mit Erhard Eppler einen Vertreter des gemein­sa­men Papieres von SPD und SED, welchem die Illusion über die SED abhan­den gekom­men war und der am 17. Juni 1989 eine wunder­bare Rede im Bundestag gehal­ten hatte. Last but not least, die SPD-Basis schwelgte in soli­da­ri­scher Gemeinschaft mit den Ortsvereinen ihrer jungen Schwester. Hier pulsierte sozi­al­de­mo­kra­ti­sches Hochgefühl, floss viel sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Solidarität vom Westen in den Osten.

Dieselben Geschehnisse nur ein Jahr später und die SPD hätte gran­dios versagt. Der 1989 vor der Tür stehende Personalwechsel zu Lafontaine und seinem Netzwerk hätte die SPD konträr zur SDP und zur Deutschen Einheit aufge­stellt. An diesem Block wäre die SDP abge­prallt. Statt ihrer hätte die SPD die SED in die Partnerschaft genom­men und wäre ein Jahr später ein knall­har­ter Gegner der Einheit gewesen, hätte mit den Gysis, Wolffs und Modrows den Einigungsprozeß auf allen Kanälen hinter­trie­ben. Es wäre schwer gewor­den, den Ostdeutschen die selbst­ge­won­nene Freiheit in der Sicherheit der Einheit irrever­si­bel zu sichern. Beweise für diese These? Das Berliner Programm wurde im Dezember 1989 verab­schie­det, von der Realität längst über­holt. Darin kein Bezug zur Freiheit in Europa, keine Notiz zur SDP!

Der astro­no­mi­sche Vertrauensverlust, den Lafontaine auf den Straßen und Plätzen der DDR verur­sachte, ist noch immer eine Ursache für die Grundschwäche der SPD in Sachsen und Thüringen. Hier war 198990 durch­ge­hend einfach wesent­lich los als weiter oben in der DDR. Im Süden, in dem sehr viel Industriearbeiterschaft lebte, war der Einheitswille am stärks­ten ausge­prägt. Ausgerechnet die SPD, eine auf dem falschen Fuß erwisch­ten Partei, wusste dies damals nicht aufzu­grei­fen. So wild die Zeiten waren, so viele Umbrüche jeder Ostdeutsche zu erwar­ten hatte, diese tiefe Spaltung der Partei Schumachers, Brandts und Schmidts spürten die Ostdeutschen und nahmen Abstand. Das innere Band zur Partei der neuen Ost-, KSZE und Nachrüstungspolitik zerriss.

Dies hatte ich in Leipzig jeden Montag hautnah gespürt. Jubelten bis Januar 1990 der SDP/SPD in Leipzig noch Hunderttausende zu, so wurde es mit dem zuneh­men­den Erkennen der tiefen Spaltung in der SPD klima­tisch auf dem Balkon der Oper in Leipzig schwie­ri­ger. Was Lafontaine an Ablehnung erken­nen ließ, war für die Sozialdemokraten vor Ort nicht wirk­lich auszu­bü­geln. Um im Bilde von Leipzig zu bleiben: Mit Lafontaine kroch die Kälte in die Montagsdemonstrationen, kroch sie auf den Balkon der Leipziger Oper.

Die Ostdeutschen wähnten sich in ihrer Aufbruchsstimmung überall unter Freunden im Westen und mussten gera­dezu fassungs­los von der im Kommen befind­li­chen SPD-Führungsriege verschränkte Arme erken­nen und täglich hören, was sie doch für unnütze Esser sein würden. Das war DIE Steilvorlage für die Allianz für Deutschland. Ab sofort ging der Beifall dorthin. Lafontaines Egoismuskur kam sogar den Blockflöten zugute. Jene hatte vor 89 niemand so recht ernst genom­men. Jetzt stand deren gerin­gere Belastung inner­halb der Nationalen Front dem Jubel für die Allianz für Deutschland nicht mehr im Wege. Zum tiefe­ren Verständnis dieser Prozesse in der SPD empfehle ich das 2006 von der Willy-Brandt-Stiftung heraus­ge­ge­bene Buch von Daniel Friedrich Sturm „Uneinig in die Einheit“. Ich für meinen Teil hatte dies genau so erlebt. Angesichts Thüringen 2014 muss ich das alles nicht schöner beschrei­ben, als es tatsäch­lich war. Wer die SPD am offenen Herzen operie­ren will, bekommt unver­blümt Gegenwind.

Periodisch wieder­keh­rend wird die Mär „Hättet Ihr damals mal lieber die SED-Mitglieder aufge­nom­men!“ öffent­lich aufge­wärmt. Vom Wiederholen wird das nicht wahrer. Wie war es denn tatsäch­lich in der Nischengesellschaft des Freiluftgefängnisses DDR? Gegenüber der SED und ihren Mitgliedern war in der DDR jeder­mann sehr vorsich­tig. Die Trennlinie zwischen MfS und SED-Mitgliedern wurde als unscharf empfun­den. Selbst Freunden gegen­über, die Mitglied der SED waren, öffnete man sich in poli­ti­schen Fragen nicht. Der partei­lose DDR-Bürger stand der SED-Mitgliedschaft miss­trau­isch gegen­über. Zu groß schien die Gefahr, viel­leicht verzinkt zu werden. Eine große Staats-, Ideologie- und Stasinähe wurde im Umgang mit den SED-Mitgliedern voraus­ge­setzt. Die Mitgliedschaft in der Kaderpartei SED war zudem die wich­tigste Voraussetzung zur Karriereentwicklung. Die Blockparteien dagegen nahm niemand ernst. Die wurden schlicht in SED-treue Funktionäre und Nischenbewohner unter­teilt.

Genau diese Zusammenhänge machten es in der Gründungs- und Entwicklungsphase der SDP/SPD unmög­lich, Spreu vom Weizen zu trennen. Die SDP/SPD sollte nicht die PDS werden. Vor diesem Hintergrund gab es keine Probleme mit frühe­ren SED-Mitgliedern, die vor dem Herbst 1989 ausge­tre­ten waren, jedoch große Vorbehalte gegen­über einer über­flu­tung durch die Kaderpartei.

In die Blockparteien (vier­hun­dert­tau­send Mitglieder) traten viele Menschen ein, die bewusst nicht in die SED gehen wollten und eine Nische suchten. Die große Karriere war damit nicht zu machen. Natürlich machten sich diese Nischenkünstler was vor. Das ging bei der Aufnahme los. Die Blockpartei musste bei der SED nach­fra­gen, ob der Eintritt genehm sei. Auch stand im Blockparteistatut ganz oben, dass die SED die große Schwesterpartei sei und diese das Sagen habe. Das musste der Blockparteieintrittswillige willent­lich über­se­hen. Anders lag der Fall mit den Millionen weit­ge­hend anti­west­lich Sozialisierten in der SED. Die hätten die West-SPD gekippt. Eine tragende Säule der Bundesrepublik, die deut­sche Sozialdemokratie, wäre damit zu einer mitglie­der­star­ken Kraft am Rande des Grundgesetzes mutiert. Die PDS/Linke-Theologie, die noch heute durch die SPD-Bundesebene proble­ma­tisch beur­teilt wird, wäre 1990 zur Ausrichtung der mit der SED verei­nig­ten SPD gewor­den. Lafontaine, Modrow und Gysi als das Führungspersonal der SPD ab 1990? Nicht auszu­den­ken. Damals anti-Einheit, anti­west­lich, heute anti­west­lich, proPutin. Na staro­wje! Die SPD sollte ihren ostdeut­schen Mitgliedern dankbar sein, dieses Grauen verhin­dert zu haben!

Am 7. Oktober 2014 ehrt die SPD die SDP als Sternstunde der Demokratie und gleich­zei­tig will sie in Thüringen den gemein­sa­men Weg von SPD und SED-Nachfolgern als Juniorpart beschrei­ten. Kafkaesk in die Vergangenheit?

Das Ergebnis wird Deckungsgleichheit mit Linksaussen sein unter Verzicht auf Godesberg und Schwante. Mehrheiten sind damit nicht zu holen. Quo vadis, SPD? Selbstbewußsein fühlt sich anders an.

Wie wird die SPD 2016 der Zwangsvereinigung geden­ken? Mir dräut Schlimmes. Wie mag es da erst den partei­lo­sen SPD-Wählern der Mitte ergehen?

(Das Essay ist bereits gekürzt in der WELT erschie­nen.)

Statement von Wolfgang Michal zum Carta-Konflikt

Wolfgang Michal hat an alle AutorInnen von Carta eine E-Mail geschrie­ben, in der er seine Sicht der Dinge im Carta-Konflikt schil­dert. Ich bringe den komplet­ten Brief an dieser Stelle unkom­men­tiert:

Liebe Autorinnen, liebe Autoren,

am 10. September hatte Tatjana Brode, die Vorsitzende des Vereins Carta e.V., einen Brief zum bevor­ste­hen­den Relaunch der Website carta.info an Sie geschrie­ben (er wurde mir vorher nicht zur Kenntnis gegeben und auch nicht an mich adres­siert). Am Tag darauf veröf­fent­lichte der Vereinsvorstand dann einen Brief an die lieben Leserinnen und Leser auf carta.info.

Wegen der in beiden Briefen enthal­te­nen Unwahrheiten sehe ich mich gezwun­gen, darauf zu antwor­ten und meine Sicht der Dinge darzu­le­gen.

Der Coup

Es geht im jetzi­gen Konflikt mitnich­ten nur um „Teile der Redaktion“, die mit dem Übernahmecoup durch den Förderverein nicht einver­stan­den waren. Die komplette Redaktion war damit nicht einver­stan­den. Und die Redaktion bestand bei Carta prak­tisch immer nur aus zwei Personen: Vera Bunse und mir.

Es geht auch nicht um einen inter­nen Kindergarten-Konflikt nach dem Motto: Der hat mir mein Schäufelchen wegge­nom­men! Bei Carta geht es um die Verteidigung der redak­tio­nel­len Unabhängigkeit, also darum, ob die Website carta.info weiter eine jour­na­lis­tisch ausge­rich­tete Plattform bleibt oder sich zu einem weit­ge­hend intrans­pa­ren­ten Projekt eines kleinen Berliner „Netzwerker“-Klüngels entwi­ckelt.

Für Letzteres gibt es Anzeichen. Anfang Juli legte mir der im Mai neu gewählte Carta-Vereinsvorstand einen neuen Redaktionsleiter-Vertrag für die Website vor, der in wesent­li­chen Punkten von meinem bishe­ri­gen Vertrag abwich. Ich sollte Veröffentlichungen auf Carta künftig mit allen Herausgebern und dem Fördervereins-Vorstand abstim­men. Darüber hinaus enthielt der Vertrag zahl­rei­che Aufgaben, die mit der Tätigkeit einer Redaktionsleitung nichts zu tun haben, etwa die Arbeit für den Förderverein und die Abtretung meiner Autorenrechte. Ich habe das nicht unter­schrie­ben.

Anfang September wurde ich dann mit der Berufung eines neuen Herausgebers durch den Förderverein (der gar nicht zustän­dig ist) konfron­tiert. Zuständig sind die Gesellschafter der Carta Unternehmergesellschaft (UG), die als Verlag im Impressum steht. Gesellschafter sind Tatjana Brode und ich. Bislang wurden alle wich­ti­gen Fragen einver­nehm­lich zwischen uns entschie­den.
Nach der putsch­ar­ti­gen Übernahme der Website durch den Förderverein am 11. September präsen­tierte sich der Verein dann auf der Website groß­spu­rig als „nicht­kom­mer­zi­el­les Netzwerk“.

Der Rechtsbruch

Das Vorgehen des Fördervereins-Vorstands ist ein doppel­ter Rechtsbruch.

Der Verein Carta e.V. wurde als Förderverein erst nach der UG gegrün­det. Er hat derzeit zehn Mitglieder. Zu den jähr­li­chen Treffen kommen viel­leicht vier oder fünf (die sich dann gegen­sei­tig in den Vorstand wählen). Laut Satzung hat der Verein den Zweck, „quali­ta­tiv hoch­wer­tige Publikationen im Internet“ sowie „einen offenen Meinungsaustausch“ und „das demo­kra­ti­sche Engagement“ der Bürger zu fördern. Er soll „Vortrags-, Diskussions- und Bildungsveranstaltungen“ durch­füh­ren. Von der Führung oder Herausgabe der Website carta.info ist nirgends die Rede. Obwohl der Carta e.V. also kein Trägerverein ist, behaup­tet der neue Vorstand dies unab­läs­sig und leitet aus dieser Selbst-Inthronisierung seine Entscheidungsbefugnisse ab.

Das ist rechts­wid­rig. Der Carta e.V. ist nicht berech­tigt, die inneren Angelegenheiten der Website zu regeln oder sich in Redaktionsfragen einzu­mi­schen. Logischerweise darf er dann auch vertrag­lich keine Zensurinstanz für sich bean­spru­chen.

Ich habe die Absurdität des Vorhabens jedem einzel­nen Mitglied des Vorstands gedul­dig darge­legt. Sie wollten es nicht einse­hen. Darunter litt die Carta-Redakteurin Vera Bunse, die gern mit mir weiter­ar­bei­ten wollte, aber aufgrund der mona­te­lan­gen Hängepartie prak­tisch Alleinredakteurin war. Die Mitglieder des Vereinsvorstands halfen ihr nicht. Dem Vorstand war die prekäre Situation egal. Er fuhr in Urlaub, ohne das drän­gende Problem zu lösen. (Vera Bunse hat das Ihrige dazu schon gesagt).

An dieser Stelle muss ich etwas Persönliches loswer­den: Ich habe seit der Gründung von Carta durch Robin Meyer-Lucht im Jahr 2008 viel für den publi­zis­ti­schen Erfolg des Portals getan, zunächst als regel­mä­ßi­ger Autor, ab 2010 auch als Redakteur und Herausgeber. Mit Ausnahme von neun Monaten in 20132014, in denen ich eine mini­male Aufwandsentschädigung erhielt (nicht vom Verein, sondern von der UG) habe ich von Carta nie einen Cent genom­men. Im Gegenteil, ich habe einge­zahlt: in Form von Geld und nicht vergü­te­ter Arbeit. Während dieser sechs Jahre habe ich rund 500 Beiträge für die Plattform geschrie­ben, mehr als jede/r andere. Auch in der Meistgelesen-Statistik muss ich mich nicht verste­cken. Dass ich vergan­gene Woche — heim­lich und ohne jede Begründung — ausge­sperrt wurde, hat mich zutiefst verletzt.

Was bei uns passiert, passiert überall

So weit der mutwil­lig herbei­ge­führte Konflikt. Wenn ich von persön­li­chen Animositäten absehe, die zur Eskalation beige­tra­gen haben mögen, stellt sich die Frage, ob man aus diesem Einzelkonflikt etwas über den gene­rel­len Entwicklungsstand der kleinen unab­hän­gi­gen Netzmedien heraus­le­sen kann. Ich denke, wir befin­den uns da in bester Gesellschaft:

1. Bedingt durch den Kapitalmangel sind kleine jour­na­lis­ti­sche Medien-Projekte im Netz oft hybride Angelegenheiten. Meist mischen nur wenige haupt­be­ruf­li­che Journalisten mit. Die Mehrzahl der Beteiligten kommt aus der Berater- und Projektentwicklerszene, aus Hochschul- oder priva­ten Instituten, aus der Internetwirtschaft, aus freien Berufen — insge­samt aus einer Dienstleistungsbranche, in der jour­na­lis­ti­sche Grundregeln nicht ganz so wichtig genom­men werden wie ‚gelernte’ Journalisten das erwar­ten. Der Widerspruch zwischen dem Wunsch der Journalisten, ein unab­hän­gi­ges Medium im Netz zu etablie­ren und den Interessen derje­ni­gen, die ein funk­tio­nie­ren­des (und legi­ti­mes) Netzwerk zur gegen­sei­ti­gen Förderung schaf­fen wollen, führt dann zwangs­läu­fig zu Zusammenstößen.

2. Oft ist die Entwicklungs-Dynamik von Internet-Projekten durch mangelnde physi­sche Begegnung stark redu­ziert. Vieles dauert zu lang, Missverständnisse häufen sich, die Gereiztheit steigt. Menschen, die irgendwo vor ihren Rechnern sitzen und sich nur hin und wieder direkt begeg­nen, entwi­ckeln auch wenig Verständnis für die unter­schied­li­chen Lebenswelten der anderen Projekt-Beteiligten. Insbesondere Medienmacher brau­chen den stän­di­gen Austausch in einer echten Redaktionsatmosphäre. Ist das nicht möglich, verhär­ten sich Animositäten, Vorurteile und Gerüchte schnel­ler zu Sprengsätzen als dies in realen Bürogemeinschaften der Fall ist. Telefon-Konferenzen und E-Mail-Auseinandersetzungen eska­lie­ren, weil das nonver­bale Verhalten der Gegenseite nicht sicht­bar ist und deshalb nicht Konflikt dämp­fend wirken kann. Kommen dann Arbeits- und Geldverteilungsprobleme hinzu, entste­hen häufig Kommunikationsblockaden (sprich: es tritt belei­dig­tes Schweigen ein). Es ist sicher kein Zufall, dass der Konflikt bei Carta zwischen den Berlinern auf der einen Seite (Tatjana Brode, Leonard Novy) und den in der Provinz Wohnenden auf der anderen Seite (Vera Bunse, Wolfgang Michal) entste­hen musste.

3. Ein weite­res Problem verschärft die beiden ersten. Verliert man im Lauf der Zeit das große Anfangsziel aus den Augen, spürt man die Mühen der Ebene. Das Projekt stagniert oder schwä­chelt. Selbstzweifel und Burnout-Gefühle tauchen auf. Ich habe dies in einem Carta-Beitrag unter dem Titel „Braucht es uns noch?“ im Februar beschrie­ben. In solchen Phasen sammeln sich die unter­schied­li­chen Interessengruppen eines Projekts um ihre (ideo­lo­gi­schen) Kristallisationskerne, iden­ti­fi­zie­ren Schuldige und fordern durch­grei­fende Richtungsentscheidungen, Neuaufstellungen, Relaunches, neue Konzepte, kurz: „Neustrukturierungen“. Es kommt dann zu Reibereien, Machtkämpfen und Richtungsentscheidungen. Bei Carta hat dieser Krisen-Prozess vor einem halben Jahr begon­nen.

Das Kapital von Carta

Der digi­tale Veränderungsprozess, den wir auf der Plattform Carta so gern (und manch­mal klug­schei­ßend) analy­sie­ren, rumort also auch im Projekt Carta selbst. Wir sind Teil des schmerz­haf­ten digi­ta­len Wandels und stehen nicht außer­halb oder gar über ihm. Das sollte uns bewusst sein, auch dann, wenn es das eigene Projekt zerreißt.

Das wollte ich, der Dienstälteste, noch denen mitge­ben, die Carta jetzt weiter­füh­ren möchten. In einem Projekt, das den jour­na­lis­ti­schen Anspruch nicht mehr so wichtig nimmt, ist die redak­tio­nelle Unabhängigkeit ein Störfaktor. Das ist nicht das, wofür ich ange­tre­ten bin.
Liebe Autorinnen und Autoren, ich schreibe Ihnen auf diesem unge­wöhn­li­chen Weg, weil ich bei Carta (durch Passwortänderung) ausge­sperrt bin. Ein Debattenportal, das die Auseinandersetzung anstrebt, sollte eine scharfe Diskussion nicht nur ertra­gen, es muss sie gera­dezu fördern. Ein Abrutschen in die Vereinsmeierei wäre das Ende. Ich glaube auch nicht, dass Sie, liebe Autorinnen und Autoren, in dieser Frage neutral bleiben können. Sie können nicht so tun, als ginge sie der Konflikt nichts an. Denn Sie waren und sind das Kapital von Carta, Ihre Beiträge bilden zusam­men genom­men den ideel­len ‚Trägerverein’ der Website. Unsere Aufgabe als Redaktion war es, Sie und Ihre leiden­schaft­li­che Argumentation möglichst gut zu präsen­tie­ren — ohne Rücksicht darauf, ob Ihre Meinung mit der unseren über­ein­stimmte.

Für das mir entge­gen­ge­brachte Vertrauen möchte ich mich bei Ihnen bedan­ken. Bleiben Sie aufmerk­sam und erschüt­ter­bar.

Herzlich
Ihr
Wolfgang Michal

Einige Sätze zur Wahl in Sachsen

Die CDU hat die Wahl in Sachsen gewon­nen. Aber: Der Versuch Tillichs, die AfD in Sachsen durch Schweigen zu klein zu halten, ist krachend geschei­tert. In Sachsen gibt es jetzt eine demo­kra­ti­sche Partei rechts der CDU im Landtag. Strauß wäre entsetzt.

Kommentar basie­rend auf der 4. Hochrechnung von ARD/ZDF: CDU 39,3/39,9 | LIN 18,9/18,5 | SPD 12,3/12,2 | AfD 10,1/10,0 | GRÜ 5,8/5,5 | NPD 5,0/5,0 | FDP 4,0/3,7 | Sonstige 4,9/4,9

Die CDU hat die Wahl in Sachsen gewon­nen. Aber: Der Versuch Tillichs, die AfD in Sachsen durch Schweigen zu klein zu halten, ist krachend geschei­tert. In Sachsen gibt es jetzt eine demo­kra­ti­sche Partei rechts der CDU im Landtag. Strauß wäre entsetzt.

Der Versuch der SPD, voll auf Martin Dulig zu setzen, war gut — aber es hat nicht funk­tio­niert. Bei diesem enga­gier­ten Wahlkampf nur gute zwei Prozentpunkte zuzu­le­gen ist einfach nicht genug. Was tun?

Die Grünen haben mit ihrem Flirt mit der CDU mit ihrer parla­men­ta­ri­schen Existenz gespielt.

Die NPD ist vermut­lich knapp wieder in den Landtag einge­zo­gen. Das ist schlimm. Eine einfa­che Antwort darauf gibt es nicht. Es bleibt zu hoffen, dass das Verbotsverfahren Erfolg haben wird.

Die FDP ist geschei­tert. Nicht so klar wie im Vorfeld erwar­tet, aber eben doch geschei­tert. Die Idee, sich gegen die Bundespartei zu profi­lie­ren, kann also als Fehlschlag betrach­tet werden. Die Niederlage der säch­si­schen FDP stärkt also Christian Lindner, schwächt aber die FDP als Ganzes. Das Ende der FDP ist ein gutes Stück näher gerückt. Ich finde das tragisch.

Die Linkspartei ist im Osten nach wie vor stark, aber bedeu­tungs­los. Auch das ist ein Problem für die Demokratie.

Die AfD hat sich fürs Erste etabliert. Ob sie den Platz der FDP dauer­haft erset­zen kann, werden wir sehen.

Das Projekt Piratenpartei ist beendet.

Grundsätzlich: Die ostdeut­sche Parteienlandschaft ist so volatil wie eh und je. Das plus eine geringe Wahlbeteiligung führt zu unbe­re­chen­ba­ren Wahlergebnissen. Die Konstante in Sachsen ist die alles über­ra­gende Stärke der CDU.

Uns geht’s doch gut

„In Deutschland gibt es keine schwe­ren Probleme, uns geht es sehr sehr gut und deshalb gibt es keinen Bedarf, sich weiter­ge­hend mit Politik zu beschäf­ti­gen und sich zu enga­gie­ren.”

So kann man in der Mittelschicht denken. Die Unterschicht denkt leider zu ihrem Schaden auch so, die obere Oberschicht denkt leider zu unserem Schaden nicht so.

Prädikat Quotenfrau

Wie jetzt? Die Quote ist diskri­mi­nie­rend und das sei schlimm? Aber nicht doch! Die Quote ist diskri­mi­nie­rend und das ist auch richtig so. Als Quotenfrau an einen Vorstandsposten zu kommen, als Quotenfrau einem Mann vorge­zo­gen zu werden, als Quotenfrau einen Platz auf einem Podium zu beset­zen – das ist alles keine Schande.

Da sich der Verein PolitCamp leider aufge­löst hat und ich nicht weiß, wie lange die Webseite politcamp.org noch betrie­ben werden wird, habe ich diesen kurzen Artikel von mir aus dem Oktober 2011 hierher geret­tet — ich finde ihn nach wie vor gut und stehe nach wie vor dahin­ter.

Wie jetzt? Die Quote ist diskri­mi­nie­rend und das sei schlimm? Aber nicht doch! Die Quote ist diskri­mi­nie­rend und das ist auch richtig so. Als Quotenfrau an einen Vorstandsposten zu kommen, als Quotenfrau einem Mann vorge­zo­gen zu werden, als Quotenfrau einen Platz auf einem Podium zu beset­zen – das ist alles keine Schande. Im Gegenteil! Es ist nichts weniger als die Sichtbarmachung der Gesellschaft, in der wir leben, in der nämlich die recht­li­che Gleichstellung zwischen Mann und Frau erreicht ist, die aber viele versteckte Arten der Diskriminierung kennt, die den meisten Menschen noch nicht einmal bewusst sind. Kein Angriff, sondern eine lako­ni­sche Feststellung.

Frau muss in der Lage sein, damit umzu­ge­hen. Das heißt: sich selbst nicht beschä­men, dass man ja „nur“ Quotenfrau ist, sondern diesen als Negativbezeichnung gedach­ten Begriff als Auszeichnung vor sich als Banner tragen: „Ja, ich bin Quotenfrau, und das ist auch gut so.“ Warum auch nicht? Nur so geht es! Wir alle entkom­men nicht den Zwängen dieser Gesellschaft, sie zu verän­dern braucht es Zeit und mutige Menschen. Und ja, es gehört Mut dazu, einem Mann zu sagen: „Hey, Du bist viel­leicht sogar besser als ich, mir egal – denn ich bin hier die Quotenfrau.“ Das ist frech, das ist dreist – und es ist der einzig gang­bare Weg. Denn dieses Leben ist nun einmal nicht fair oder gerecht. Nur die Harten kommen in den Garten, so ist das nun einmal. Und sich selbst als Quotenfrau hinzu­stel­len, den Spott zu ertra­gen, die Häme, die in der Kaffeepause hinter dem eigenen Rücken ausge­schüt­tet wird – dazu muss man ganz schön hart sein.

Also, liebe Frauen: Quote, ja bitte! Quotenfrau, aber klar doch! Seid mutig, seid gierig, seid frech!

Die Mannschaft und die Gauchos

Ich bin kein Fußballfan. Ich gucke gerne mal ein Fußballspiel, aber im Großen und Ganzen ist das eine andere Welt für mich. Ich lebe sozu­sa­gen in einer nicht­fuß­bal­le­ri­schen Parallelgesellschaft. Viele Fußball-Rituale sind mir fremd, sie passen nicht zu mir und meinem Leben. Aber ich weiß, dass es sie gibt und dass sie zum Fußball dazu­ge­hö­ren. Dass man nicht wirk­lich den Bayern die Lederhosen auszie­hen will, obwohl man es laut­stark singt, und dass Werder Bremen nicht wirk­lich nach Fisch stinkt, ist auch einem Fußballagnostiker wie mir bekannt.

Profi-Fußball wird von großen Jungs gespielt. (Und von vielen kleinen und großen Jungs geguckt. Und von immer mehr Mädchen und Frauen. Gut so! Und ja, es gibt auch Frauen-Fußball — bislang hat dieser aber noch nicht auch nur annä­hernd die gleiche Breitenwirkung wie der Männer-Fußball.) Die meisten Profi-Fußballer verdie­nen in den wenigen Jahren ihrer Profi-Karriere mehr als ich in meinem ganzen Leben — aber das ist okay. Sie haben ein außer­ge­wöhn­li­ches Talent, das von sehr vielen Menschen nach­ge­fragt wird, die bereit sind, für das Spiel und das Drumherum viel Geld auszu­ge­ben. Ein solches Talent habe ich nicht. Damit kann ich gut umgehen. Es gibt nur wenige Intellektuelle im Fußball — wie soll das auch anders sein? Wenn man sein ganzes Leben lang nur für den Sport gelebt hat, bleibt der Geist eben auf der Strecke. Das ist nicht schlimm. In der arbeits­tei­li­gen moder­nen Gesellschaft geht das sogar noch besser als früher.

Schlimm wird es nur, wenn die Geisteseliten ihre Maßstäbe ihrer Welt an Profi-Fußballer anlegen. Dann kommt ein fürch­ter­li­cher Unsinn wie die Empörung über den Gaucho-Tanz der Nationalmannschaft vor dem Brandenburger Tor heraus.

http://youtu.be/1JtoMoHj9YM

Eine hoch­geis­tige, geschmack­volle Aktion? Nö.

Eher primi­tiv, albern und ein wenig pein­lich? Ja.

Passt diese Quatsch-Aktion zum Fußball? Aber klar doch.

Ist das ein Zeichen von Nationalismus, von Rassismus gar? Aber nein. Wer das behaup­tet, hat nun wirk­lich jegli­ches Maß verlo­ren.

Die Showeinlage, nichts anderes ist es doch, ist ein Zeichen von über­schäu­men­der Kraft und Übermut, sie zeugt vom unwahr­schein­li­chen Glücksgefühl des Sieges.

Denn wer kann sich schon vorstel­len, was in den Köpfen dieser jungen Männer vorgeht, die wissen, dass über eine Milliarde Menschen ihren Sieg über das Team Argentiniens, ihren Sieg über den gött­li­chen Messi verfolgt haben? Es ist wort­wört­lich unvor­stell­bar.

Die deut­sche Mannschaft ist eine gute Mannschaft. Es sind junge Männer, einige davon jünger als ich, wenige etwas älter, aber allen ist eines gemein­sam: Sie sind sich ihrer Verantwortung bewusst. Das haben sie das ganze Turnier hindurch bewie­sen. Sie haben ihre geschla­ge­nen Gegner getrös­tet und in den Arm genom­men. Waren nicht über­heb­lich, nicht borniert.

Bei der Siegesfeier haben sie ein wenig über die Stränge geschla­gen. Meine Güte! Die Augenbraue darf man da schon mal hoch­zie­hen, aber sie deshalb in Grund und Boden zu verdam­men zeugt von einer regel­rech­ten Kälte des Herzens. Auch in der Kritik soll man maßvoll sein.