Europa — Anders kommunizieren

Rem Koolhaas (Bedford Square, London) — Bild: OMA / Dominik Gigler
Rem Koolhaas (Bedford Square, London) — Bild: OMA / Dominik Gigler

Europa macht eine gera­dezu lächer­lich gute Figur. Wir fliegen fast zum Nulltarif, wir haben die luxu­riö­ses­ten Gefängnisse, Europa hat uns Millionen neuer Freunde beschert, die Friesischen Seen werden sauber gehal­ten, die Kloaken, die die schöns­ten Strände ruiniert haben, wurden besei­tigt, und die spani­sche Landschaft hat sich in eine Hochglanzkulisse für die vorbei­ra­sen­den Hochgeschwindigkeitszüge verwan­delt.

Kriegsverbrecher werden vor Gericht gestellt. Irland ist reich. Die Türken denken darüber nach, was aus ihnen werden soll. Wir können studie­ren, arbei­ten und überall Spaß haben. Wir sind ein Meer von Sprachen. Unser Babel funk­tio­niert. Wir halten an Unterschieden fest, subven­tio­nie­ren das „Nutzlose”. Auf dem ganzen Kontinent werden Denkmäler geschützt und neue Meisterwerke geschaf­fen. Wer früher unter schwe­ren Lasten gebeugt daher­kam, geht heute — auch dies verdan­ken wir Europa — aufrecht. In einer erstaun­li­chen Mischung aus 27 Kulturen, die ihre Fortschritte unab­läs­sig anein­an­der messen, erlangt die Individualität größere Bedeutung. Eine endlose Eurovision.

Der letzte Präsident der Europäischen Union bewegte sich ohne Bodyguards auf der Straße. Eine Verwaltung, die kleiner ist als die von Madrid, lenkt unseren gesam­ten Kontinent von beschei­de­nen, anony­men Büros in Brüssel aus. Die eura­si­schen Giganten Indien und China warten gedul­dig, bis wir bereit sind, gemein­sam das post­at­lan­ti­sche Zeitalter einzu­läu­ten. Dann kann die Verteilung des Öls zwischen denje­ni­gen gere­gelt werden, die unmit­tel­bar davon profi­tie­ren. Die Wüste muss nicht länger für ameri­ka­ni­sche Geländewagen einge­eb­net werden.

Vierhundert Millionen von uns diktie­ren den Geschmack von sechs Milliarden Menschen. Wir entschei­den darüber, was schön ist und wie man sich anstän­dig benimmt. Unsere Regeln sind anste­ckend und werden gerne von allen anderen befolgt. Niemand fürch­tet uns, und wir sind unge­mein beliebt.

Der Beitrag ist zuerst erschie­nen in: Stiftung Mercator (Hg.): Notizen zur poli­ti­schen Kommunikation 20112012, Essen 2012, S. 35.