Nur dumme Asoziale hassen Fremde? — Ansichten der selbstgefällig Bürgerlichen

Besorgter Bürger in Düsseldorf

Besorgter Bürger in Düsseldorf |Foto: Bündnis 90/Die Grünen

Ein Artikel über „Die neuen Asozialen” ist nun mehr­fach in meiner Facebook-Timeline geteilt worden — mit sehr proble­ma­ti­schen Thesen, wie ich finde: Kurz zusam­men­ge­fasst wird die Kernthese vertreten, der sich in Internetdiskussionen entla­dende Fremdenhass sei Folge einer Verblödung der Gesellschaft. Das ist keine neue Argumentation und wird in dieser oder anderen Formen immer wieder geäu­ßert. Meines Erachtens gibt es vier Kritikpunkte an diesem Artikel, der hier nur stell­ver­tre­tend betrachtet werden soll.

Erstens kann man schon die Verwendung des Begriffs „Asoziale” als sehr unhis­to­risch kriti­sieren, wurde er doch von den Nationalsozialisten als völkisch-rassische, erbbio­lo­gi­sche Vokabel etabliert und diente dazu, sozial Bedürftige wie z.B. Obdachlose, Menschen mit Behinderung, Abhängige oder schlichtweg kinder­reiche Familien als nicht dem „gesunden Volkskörper” zuge­hörig zu diskri­mi­nieren und schließ­lich auch eine „Vernichtung asozialen Lebens” zu verfolgen.

Zweitens fällt (spätes­tens mit dem histo­ri­schen Wissen) auf, dass dieser Begriff dazu dient, eine selbst­ge­fäl­lige Aufteilung der Gesellschaft zu begründen: Auf der einen Seite der dumme, frem­den­feind­liche Pöbel, der sich laut des wohl­wol­lend zitierten Farin Urlaub dadurch auszeichnet, dass er „nichts kann, nichts weiß und nichts geleistet hat”; auf der anderen, eigenen Seite die Klugen und offenbar zugleich Gebildeten und Leistungsstarken. An einer Stelle des Artikels wird zwar diffe­ren­ziert, es ginge ja gar nicht um nied­rige Schulabschlüsse, um dann zwei Absätze weiter darüber zu schwa­dro­nieren, dass der Fremdenhass unter Abiturient_innen angeb­lich geringer ist als unter Deutschen ohne Abitur. Ob es wirk­lich ziel­füh­rend ist, dem Rassismus zu Leibe zu rücken, indem man Klassismus propagiert?

Denn drit­tens fällt im ganzen Artikel eine bemer­kens­werte Blindheit und Ignoranz gegen­über rassis­ti­schen Ideen des geho­benen bzw. Bildungsbürgertums auf: Als Negativbeispiele werden zwar haupt­säch­lich Vertreter_innen des etablierten Bürgertums zitiert, die Fremdenfeindlichkeit in den Oberschichten wird aber als „Ausnahme” abgetan — und damit alle Erkenntnisse von gesamt­ge­sell­schaft­li­chen Phänomenen wie Alltagsrassismus und auch die alar­mie­renden Forschungsergebnisse eines „verrohten Bürgertums” und des Zuwachses an Islamfeindlichkeit insbe­son­dere bei Besserverdienenden, wie sie beispiels­weise Wilhelm Heitmeyer in seinen Langzeitstudien ermit­telt hat. Denn wer ist in die Lesungen eines Thilo Sarrazin gegangen, ist in eine rechts­po­pu­lis­ti­sche AfD einge­treten, hat die „Junge Freiheit” abon­niert oder rechnet sich selbst der „Neuen Rechten” zu? Es sind größ­ten­teils die Etablierten, die formal gut Gebildeten, die selbst­er­nannten „Leistungsträger_innen”. Das zu igno­rieren ist gefährlich!

Und vier­tens: Am gefähr­lichsten ist wohl die Kernthese des ganzen Artikels, die in zwei Sätzen deut­lich wird: „Herr H. [ein frem­den­feind­li­cher Facebook-Kommentator] zeigt mir auch, dass eigent­lich nicht Fremdenhass die Ursache dieses Problems ist. […] Es gibt ein Übel, das viel grund­le­gender ist: unsere unauf­hör­lich voran­schrei­tende Verblödung.” Dieser kausale Zusammenhang von mangel­hafter Bildung und frem­den­feind­li­cher Haltung lässt sich — wie beschrieben — nicht belegen. Die zahl­rei­chen ehren­amt­li­chen Helfer_innen in Flüchtlingsinitiativen aus allen gesell­schaft­li­chen und Bildungsgruppen sind sogar eindrucks­volle Gegenbeispiele.

Und wenn es wirk­lich an mangelndem Wissen oder Ignoranz läge, dass Menschen frem­den­feind­lich handeln, würde dies die mora­li­sche Verwerflichkeit ihres Handelns rela­ti­vieren — sie wüssten es ja nicht besser. Hass auf Fremde ist aber nichts, was über einen kommt und zu dem es keine Alternative gibt: Jeder rassis­ti­sche Kommentar im Internet, jede Beschimpfung auf der Straße, jede Teilnahme an einer Pegida-Demo und jeder Steinwurf auf eine Flüchtlingsunterkunft sind bewusste Entscheidungen, die durch nichts zu recht­fer­tigen sind — auch nicht durch zu wenig Bildung. Wer hassen will, hasst — unab­hängig ob man zum Bildungsbürgertum gehört oder von diesem als „asozial” bezeichnet wird.

Über Benjamin Raschke

Benjamin Raschke verdient sich mit Layouten seine Brötchen und ist Mitglied der Kieler Ratsversammlung - für den Wahlkreis Ravensberg/Universität und für die SPD. [Foto: Olaf Bathke]

2 Kommentare zu “Nur dumme Asoziale hassen Fremde? — Ansichten der selbstgefällig Bürgerlichen

  1. Diesen Artikel habe ich auch gelesen und geteilt. Meiner Meinung kommt im Text schon durch, dass es nicht nur um bildungs­ferne Schichten geht. Es stimmt aber schon, dass Herzensbildung nichts mit dem Schulabschluss zu tun hat.

  2. Ich fand schon die Über­schrift des Ursprungsartikels so doof, dass ich den Artikel gar nicht erst gelesen habe.

    Es ist ein Trugschluss, dass nur dumme Menschen Rassisten sein können. Der Grund für den Trugschluss könnte darin liegen, dass Menschen es nicht klug finden, wenn jemand etwas Böses tut. Niemand würde zum Beispiel Hitler klug nennen, obwohl der ja faktisch nicht unge­bildet war. Aber passt es umso mehr ins Bild, wenn jemand Böses tut und tatsäch­lich unge­bildet ist.