Vom Unterschied zwischen einer Verschwörungstheorie und einer legitimen Theorie

Wenn man die inter­na­tio­nale Politik beob­ach­tet, kommt man nicht ohne Theorien aus. Das ist zwangs­läu­fig so, schließ­lich sind wir weder bei inter­na­tio­na­len Spitzentreffen anwe­send noch können wir in die Köpfe von Menschen hinein blicken. Es bleibt letzt­end­lich ein Mysterium, was Staats- und Regierungschefs denken, wovon sie sich leiten lassen, was ihre Druckpunkte sind und was ihre Beweggründe.

Alu Hut | Foto: PiratenmenschCC BY-SA 2.0

Sicherlich, es gibt starke und schwa­che Indizien: Wenn ein sozia­lis­ti­scher Regierungschef eine hohe Vermögensteuer einführt, dann macht er das vermut­lich nicht, um seinem Nachbarn eins auszu­wi­schen, sondern weil er etwas gegen unge­rechte Verteilung von Wohlstand unter­neh­men will. (Dass der reiche Nachbar sich darüber aufregt, ist mögli­cher­weise ein netter Bonus, aber sicher­lich nicht der Grund.)

Wenn hinge­gen eine christ­lich-konser­va­tive Regierungschefin einen Schlag gegen die katho­li­sche Kirche führt, dann ist das nicht unmit­tel­bar erklär­bar. Da muss man dann schon Theorien heran­zie­hen: Vielleicht wurde die Kirche zu mächtig, viel­leicht gibt es Zwänge, die von außen nicht ersicht­lich sind, viel­leicht ist es bloße Willkür.

Theorien sind notwen­dig, um Politik zu verste­hen. Es gibt Argumente für die eine und Argumente für eine andere Theorie.

Das Problem ist, dass die feine Linie zum Wahnsinn zwischen einer legi­ti­men Theorie und einer Verschwörungstheorie schnell über­schrit­ten ist.

Damit sind nicht die eindeu­ti­gen, völlig wahn­sin­ni­gen Verschwörungstheorien gemeint: Angela Merkel ist nicht die Kanzlerin der Echsenmenschen und die Nazis haben keine Basis auf der Rückseite des Mondes. Darauf kann man sich unter eini­ger­ma­ßen klar denken­den Menschen rasch einigen.

Leider ist es nicht immer so klar. Manche inter­na­tio­nale Verwicklung bleibt auch nach eifri­ger und kluger Überlegung schlicht­weg undurch­schau­bar. Weil die Einblicke fehlen und weil die Akteure mit verdeck­ten Karten spielen.

Gerade im Zuge der Russland-Krise wird dies offen­kun­dig.

Ein lauter Kritiker des russi­schen Präsidenten Putins, Boris Nemzow, wurde vor wenigen Tagen ermor­det. Man könnte auch sagen: hinge­rich­tet. Der Mord war kino­reif, fand mitten in Moskau statt. Mehrere Schüsse in den Rücken, die Begleiterin Nemzows blieb unver­letzt.

Die mutmaß­li­chen Mörder Nemzows wurden jetzt gefasst. Einer der Attentäter hat sich angeb­lich selbst mit einer Handgranate aus Versehen bei der Verhaftung umge­bracht. Aus Versehen. Mit einer Handgranate. Bei der Verhaftung. Ein blöder Zufall.

Klar, ein blöder Zufall. Oder ein Signal an die Öffentlichkeit, sich nicht mit dem Kreml anzu­le­gen.

Wer hat Nemzow ermor­det? Genauer: Wer ließ Nemzow ermor­den? Es gibt eine aufschluss­rei­che Fragestellung, die mitun­ter ganz erheb­lich in die Irre führt, nämlich die Frage nach dem Cui bono?, also nach dem, der von einer Tat profi­tiert. Diese Frage führt deshalb in die Irre, weil von den meisten Handlungen mehrere Personen profi­tie­ren, manche direkt, andere indi­rekt. Dass eine Person direkt profi­tiert, heißt deshalb trotz­dem nicht, dass sie auch verant­wort­lich ist. Ein Motiv ist da, aber ein Motiv ist natür­lich kein Beweis.

Gehen wir es logisch durch: Wer profi­tiert von Nemzows Tod? Zuerst profi­tiert natür­lich der Kreml, nament­lich Putin: Ein weite­rer Kritiker, wie erfolg­los er auch gewesen sein mag, ist nicht mehr. Heißt das auto­ma­tisch, dass der Kreml den Mord in Auftrag gegeben hat? Nein. Aber es in Erwägung zu ziehen ist nicht verkehrt.

Wer profi­tiert mittel­bar? Mittelbar profi­tiert viel­leicht die Opposition gegen Putin, weil sie sich nun umso ener­gi­scher formiert. Ich weiß nicht, wie wahr­schein­lich das ist. Die Kraft der Menschen ist endlich. Vielleicht zerbricht die Opposition gegen Putin auch komplett, weil die wenigs­ten Menschen die Angst, ermor­det zu werden, ertra­gen können. Ich könnte es jeden­falls nicht.

Natürlich steht in der Welt der Spione auch immer die soge­nannte False-Flag-Operation im Raum, also der Versuch, eine Tat zu begehen und sie einer anderen Macht unter­zu­schie­ben. Im Fall Nemzow kämen dafür alle von der Ukraine über die EU bis hin zu den USA infrage. Nur, wie wahr­schein­lich ist das? Russland steht inter­na­tio­nal schon jetzt so schlecht wie seit dem Kalten Krieg nicht mehr da, wieso sollte der Mord an einem Putin-Kritiker Putin zusätz­li­chen Schaden zufügen? Klar: Möglich ist es trotz­dem. Nicht jede Handlung ist klug und durch­dacht.

Zurück zum eigent­li­chen Thema: Alle Überlegungen bis hier zum Nemzow-Mord sind mehr oder weniger fundierte Spekulationen, für die man Indizien und Argumente aufwei­sen kann. Jeder kann für sich selbst entschei­den, welches Szenario man für wahr­schein­li­cher hält. Beweisen können wir bis jetzt noch keines davon. Es sind legi­time Theorien.

Die Grenze zur Verschwörungstheorie wird aber dann über­schrit­ten, wenn Beweise igno­riert werden. Wenn Tatsachen umge­deu­tet werden. Wenn Aussagen von ExpertInnen ins Gegenteil verkehrt werden. Wenn die Gesetze der Physik grund­le­gend igno­riert werden. Wenn die Realität also zur Meinung passend gemacht wird.

Letztendlich ist man nicht völlig sicher, doch auf einmal einer Verschwörungstheorie anzu­hän­gen. Vielleicht ist es beim Nemzow-Mord alles genau so, wie es der Kreml darstellt, und mein Spott über Putin und seine Mannen ist in diesem Zusammenhang völlig unan­ge­bracht. Ausschließen kann ich es nicht. Die Indizien und der gesunde Menschenverstand spre­chen gegen Putin, aber hey — was sagt das schon aus? Nichts ist so über­ra­schend wie die Realität.

Autor: Christian Soeder

Christian Soeder ist Herausgeber von ROTSTEHTUNSGUT und besonders an netzpolitischen Zusammenhängen interessiert.