Die Mannschaft und die Gauchos

Ich bin kein Fußballfan. Ich gucke gerne mal ein Fußballspiel, aber im Großen und Ganzen ist das eine andere Welt für mich. Ich lebe sozu­sagen in einer nicht­fuß­bal­le­ri­schen Parallelgesellschaft. Viele Fußball-Rituale sind mir fremd, sie passen nicht zu mir und meinem Leben. Aber ich weiß, dass es sie gibt und dass sie zum Fußball dazu­ge­hören. Dass man nicht wirk­lich den Bayern die Lederhosen ausziehen will, obwohl man es laut­stark singt, und dass Werder Bremen nicht wirk­lich nach Fisch stinkt, ist auch einem Fußballagnostiker wie mir bekannt.

Profi-Fußball wird von großen Jungs gespielt. (Und von vielen kleinen und großen Jungs geguckt. Und von immer mehr Mädchen und Frauen. Gut so! Und ja, es gibt auch Frauen-Fußball — bislang hat dieser aber noch nicht auch nur annä­hernd die gleiche Breitenwirkung wie der Männer-Fußball.) Die meisten Profi-Fußballer verdienen in den wenigen Jahren ihrer Profi-Karriere mehr als ich in meinem ganzen Leben — aber das ist okay. Sie haben ein außer­ge­wöhn­li­ches Talent, das von sehr vielen Menschen nach­ge­fragt wird, die bereit sind, für das Spiel und das Drumherum viel Geld auszu­geben. Ein solches Talent habe ich nicht. Damit kann ich gut umgehen. Es gibt nur wenige Intellektuelle im Fußball — wie soll das auch anders sein? Wenn man sein ganzes Leben lang nur für den Sport gelebt hat, bleibt der Geist eben auf der Strecke. Das ist nicht schlimm. In der arbeits­tei­ligen modernen Gesellschaft geht das sogar noch besser als früher.

Schlimm wird es nur, wenn die Geisteseliten ihre Maßstäbe ihrer Welt an Profi-Fußballer anlegen. Dann kommt ein fürch­ter­li­cher Unsinn wie die Empörung über den Gaucho-Tanz der Nationalmannschaft vor dem Brandenburger Tor heraus.

Eine hoch­geis­tige, geschmack­volle Aktion? Nö.

Eher primitiv, albern und ein wenig pein­lich? Ja.

Passt diese Quatsch-Aktion zum Fußball? Aber klar doch.

Ist das ein Zeichen von Nationalismus, von Rassismus gar? Aber nein. Wer das behauptet, hat nun wirk­lich jegli­ches Maß verloren.

Die Showeinlage, nichts anderes ist es doch, ist ein Zeichen von über­schäu­mender Kraft und Übermut, sie zeugt vom unwahr­schein­li­chen Glücksgefühl des Sieges.

Denn wer kann sich schon vorstellen, was in den Köpfen dieser jungen Männer vorgeht, die wissen, dass über eine Milliarde Menschen ihren Sieg über das Team Argentiniens, ihren Sieg über den gött­li­chen Messi verfolgt haben? Es ist wort­wört­lich unvorstellbar.

Die deut­sche Mannschaft ist eine gute Mannschaft. Es sind junge Männer, einige davon jünger als ich, wenige etwas älter, aber allen ist eines gemeinsam: Sie sind sich ihrer Verantwortung bewusst. Das haben sie das ganze Turnier hindurch bewiesen. Sie haben ihre geschla­genen Gegner getröstet und in den Arm genommen. Waren nicht über­heb­lich, nicht borniert.

Bei der Siegesfeier haben sie ein wenig über die Stränge geschlagen. Meine Güte! Die Augenbraue darf man da schon mal hoch­ziehen, aber sie deshalb in Grund und Boden zu verdammen zeugt von einer regel­rechten Kälte des Herzens. Auch in der Kritik soll man maßvoll sein.

Über Christian Soeder

Christian Soeder ist Herausgeber von ROTSTEHTUNSGUT und besonders an netzpolitischen Zusammenhängen interessiert.

7 Kommentare zu “Die Mannschaft und die Gauchos

  1. Ich möchte mich über diesen Beitrag beschweren.

    Ich wollte nämlich einen eigenen dazu schreiben, und jetzt hast du mir fast alles, was ich dazu sagen wollte, schon vorweg genommen.

  2. Find ich gut, wobei ich ergänzen möchte, dass primi­tives Verhalten aus über­schäu­mender Kraft und Übermut heraus in solchen Situationen auch keine Rückschlüsse auf die Intelligenz dieser Personen zulässt. Es gibt nämlich keinen Grund, weshalb ein intel­li­genter Mensch nicht das Recht hätte, mal einfach primitiv, kind­lich oder kindisch zu sein. Auf den Fall bezogen finde ich, dass sich z.B. ein Hummels in Interviews usw. nicht unin­tel­li­gent anhört, sofern ich das über­haupt beur­teilen kann.

  3. Pingback: Aerar » So geh’n die Gauchos

  4. Klar kann man feiern und blöd sein. Das Verhalten der Mannschaft, ja, ok, war doof.aber wiederum sowas verham­losen darf man nicht, denn Millionen schauen zu dieser Gruppe von erfolg­rei­chen Helden. Was sie in so einer Situation tun ist von grosser Relevanz, denn sie sind, zumin­dest für einige Wochen, ein Vorbild der Nation und werden inter­na­tional sozu­sagen, beob­achtet. Dieses Video, dieses „sich über die schlecht genn­anten „Besiegten” oder „Verlierern” lustig zu machen spricht nicht von de Würde eines guten Siegers. Die argen­ti­ni­sche Mannschaft wird hier hoch geju­belt, bewun­dert und gefeiert. Denn keiner hätte damit gerechnet, dass die Argentinier so weit kommen. Zweiter zu sein in so einer WM, (wo sowieso auch soviel Korruption und Geschäft macherei laufen u. A. siehe die dreckige Leistung des Schidsrichters auf diesem Endspiel), ist kein Grund um gede­mü­tigt und auf den Arm genommen zu werden. Nur mit Mühe haben die Deutschen gewonnen. Es kommt auf dem Tor an. Klar. Die Über­heb­lich­keit wegen ihres Sieges gegen Brasilien war im Spiel gegen Argentinien zuerst zu sehen, dann mussten sie kämpfen. Darum, sich über den zweiten Sieger in so einer primi­tiven, arro­ganten, bösar­tigen Form lustig zu machen, ist extrem idio­tisch und auch gegen sich selbst. Denn die ganze Welt schaute auf diesem Primitivismus zu. Und aupassen: Deutschland ist bekannt für ihren Razissmus und damit darf man nicht spielen. (von einer Argentinierin, die set 32 Jahren in Deutschland lebt und deut­sche Kinder hat)

  5. @Patri: In welchem Land gibt es keinen Rassismus? Es kann nicht richtig sein, dass die Ignoranz und Intoleranz einiger weniger das Verhalten des Rests der Bevölkerung diskre­di­tiert oder beein­flusst!
    Das gilt umso mehr, wenn einem farbigen Deutschen für die Liebe zu seiner Stadt der Jubel von einer halben Millionen Menschen entgegenschlägt.

    Die Menschen sind bekannt für ihren Rassismus, in Teilen und überall auf der Welt. (Das macht nichts besser, entkräftet aber das Die-bösen-Deutschen Argument)

  6. Richtig so. Man darf sich freuen. Man darf sich lustig machen. Solche weder bösar­tigen noch rassis­ti­schen aber dennoch albernen „Gags” finden sich überall und eben auch im Sport. Hier von Rassismus zu spre­chen, ist doch total über­zogen. Da gewinnt man nach Jahrzehnten mal wieder die Weltmeisterschaft und schon werden die Sportler mit Argusaugen beob­achtet und von den Medien für einen Tanz verur­teilt. Quatsch, ihr Medien. Schämt euch!