Anti-Potemkinsche Dörfer: Von der Feigheit einer Suchmaschine

Bild: qz.com

Sie müssen Itanagar nicht kennen. Es ist zwar, immerhin, die Hauptstadt einer der 29 Provinzen des Milliarden-Reiches Indien, Arunachal Pradesh, aber mit nur 35.000 Einwohnern mit Abstand die kleinste aller indi­schen Provinzhauptstädte.

Aber wenn Sie von China aus mit Google Maps suchen, KÖNNEN sie Itanagar nicht kennen. Die Stadt, und große Teile der Provinz Arunachal Pradesh, gibt es dort schlicht nicht. Alle Straßen, alle Orte, ausra­diert. Anti-Potemkinsche Dörfer sozu­sagen – Plätze, die vorgeben, etwas nicht zu sein, obwohl sie es doch sind.

Was Google China dazu veran­lasst haben dürfte, gleich eine ganze Region dem Erdboden gleich­zu­ma­chen (nur auf der Karte, versteht sich), ist eine schwarze, im Gelände selbst nicht sicht­bare Linie: Der Grenzverlauf zwischen Indien und Tibet, wie China ihn gerne hätte. Und zwischen der von Indien behaup­teten Grenzlinie (nörd­lich, entlang der Berggipfel), und der der Chinesen (südlich, weit unten im Tal) liegen eben satte 100 Kilometer. Und genau zwischen diesen beiden Grenzlinien sind bei der China-Version von Google Maps alle Zivilisationsspuren getilgt.

Ans Tageslicht gekommen ist der Kartenspuk am vergan­genen Wochenende beim „The Open Internet“ Hack Day am MIT Media Lab. Dort wurde für ein Dutzend umstrit­tene Regionen von der Krim bis zu den Senkaku-Inseln im Chinesischen Meer gezeigt, wie unter­schied­lich Google Maps die Grenzverläufe je nach Standort des Users angibt.

Was die Grenzziehungen seiner Karten angeht, zieht sich Google schon länger auf die jeweils vor Ort geltenden Gepflogenheiten zurück: „Wo wir lokale Versionen haben, folgen wir auch den lokalen Vorgaben für Namensgebung und Grenzen.“ Politisch souve­räner wäre es sicher­lich schon in solchen Fällen – wo es „nur“ um Linien auf Karten geht – wenn Google auch die konkur­rie­renden Grenzverläufe einzeichnen würde, und sei es auch nur gepunktet. Aber ganz offen­sicht­lich geht es hier Google nicht um Souveränität, sondern eher darum, den Gastgeberstaat nicht zu verprellen. Und wenn der globale Mega-Konzern sogar ganze Landstriche platt macht, um China zu dienen, ist die Grenze zur Servilität deut­lich überschritten.

Mit uns und Ihnen hat das alles natür­lich über­haupt nichts zu tun. Sie können sich selbst­ver­ständ­lich absolut sicher sein, von Google niemals wie das Städtchen Itanagar behan­delt zu werden. Es sei denn natür­lich, der Konzernprofit würde gerade dadurch gemehrt, Sie auszuradieren.

Über Detlef Gürtler

Detlef Gürtler (Jahrgang 1964) ist Chefredakteur des Schweizer Zukunftsmagazins GDI Impuls, Blogger für die taz, Kolumnist für die Welt Kompakt und Autor von Wirtschafts-Sachbüchern, zuletzt: „Entschuldigung, ich bin Deutsch“ (Murmann 2011). Er lebt in Berlin und Marbella.

Ein Kommentar zu “Anti-Potemkinsche Dörfer: Von der Feigheit einer Suchmaschine

  1. Google ist aber auch in Indien feige.
    Denn in der indi­schen Version von Google Maps ist auch nur die indi­sche Version des Grenzverlaufs eingezeichnet.

    Zum Glück gibt es eine Lösung gegen böse Mega-Konzerne die virtuell ganze Landstriche platt machen um ihren Profit zu mehren.

    Einfach eine staat­liche Behörde gründen die den glei­chen Service anbietet, aber durch Zwangsabgaben finan­ziert und durch den Staat kontrol­liert wird.
    Dort wird dann zwar auch der offi­zi­elle Grenzverlauf ange­zeigt, aber nicht aus Profitgier, sondern aus patrio­ti­schen Gründen !
    Wäre das nicht viel besser ?

    Wenn es bei der nächsten Bundestagswahl für ein Rot-Rot-Grünes Bündnis reicht und die neue Koalition unsere soziale Marktwirtschaft zugunsten eines demo­kra­ti­schen Sozialismus abschafft könnt ihr ja so ein staat­li­ches Anti-Google gründen.
    Sigmar Gabriel hat ja schon ange­kün­digt das er Google zerschlagen will…