Liebe NichtwählerInnen!

Ich kann viele NichtwählerInnen nicht ernst nehmen. Deshalb habe ich diesen kleinen Text geschrie­ben, damit ich künftig immer wieder darauf verwei­sen kann.

Ich unter­scheide ganz grob zwischen drei Sorten von NichtwählerInnen:

I.
Menschen, denen es wirk­lich schlecht geht und die jegli­che Hoffnung verlo­ren haben. Nicht nur für sich, sondern auch darauf, dass irgend­je­mand etwas daran ändern kann oder will. Das ist die Gruppe, die mir wirk­lich leid tut. Diese Gruppe hätte mit einer Stimme für eine linke Partei (SPD oder Linkspartei) viel zu gewin­nen (Bürgerversicherung, Sanktionen bei Hartz IV, Mindestlohn). Umgekehrt ist es drama­tisch, dass die SPD diese Menschen anschei­nend verlo­ren hat. Wenn die SPD wieder groß und mächtig werden will, muss sie glaub­wür­dig vermit­teln, das Leben der Kleinen und Schwachen zum Besseren wenden zu können — und das auch zu wollen. Ich weiß nicht, wie schnell wir das wieder schaf­fen können. Es erfor­dert viel Kraft und Beständigkeit. Jedenfalls ist klar: Diesen Menschen vorzu­wer­fen, nicht wählen zu gehen, ist zynisch.

II.
Dann gibt es die, die nichts zu bekla­gen haben. Diese Leute haben einen guten Job, werden nicht diskri­mi­niert, weil sie keiner Minderheit ange­hö­ren, also hetero und weiß sind und sie haben auch allge­mein keine echten Probleme. Diese Leute gehen aus Desinteresse nicht wählen — es ist ihnen einfach völlig egal. Sie sind im „linken” und im „rechten” Lager zu finden. Ernst nehmen kann und muss man diese Leute jeden­falls nicht.

III.
Die dritte Gruppe ist die, die ich wirk­lich verachte. Das sind die, die man gemein­hin zu den „Intellektuellen” zählt und sie sich meis­tens auch als irgend­wie links verste­hen. Die also durch­aus erkannt haben, dass da einiges schief läuft in diesem unseren Lande. Dass es nämlich ein Skandal ist, dass Menschen trotz Vollzeitjob zum Arbeitsamt „aufsto­cken” gehen müssen. Dass es ein Skandal ist, dass sich die Krankenversicherungssysteme immer weiter vonein­an­der entfer­nen. Dass es ein Skandal ist, dass immer mehr Menschen es sich nicht mehr leisten können, in der Innenstadt zu wohnen. Diese Menschen in dieser dritten Gruppe sind von diesen Missständen nicht betrof­fen, aber sie leisten sich den unfass­ba­ren Luxus, nicht wählen zu gehen. Warum? Weil der Steinbrück viel­leicht nicht ganz so ist, wie sie sich das vorstel­len. Weil die Partei XYZ auf Seite 95 in Zeile 64 nicht ganz das geschrie­ben hat, was man sich so vorstellt in diesen Kreisen. Es sind Menschen, die immer flott links reden, aber die die konkrete Solidarität für ihre Mitmenschen in Form einer Stimme für die SPD/die Linkspartei/die Grünen vermis­sen lassen. Wer erkannt hat, dass Schwarz-Gelb nichts für die Schwachen in unserem Land tut und trotz­dem nicht wählen geht — für diese Leute habe ich nur Verachtung übrig. Dafür habe ich genau gar kein Verständnis. Diese Verachtung richtet sich ganz konkret an Leute wie Richard David Precht. Wer sich beim Lesen dieses Textes ange­spro­chen und belei­digt fühlt: So war es auch gemeint.

(Und dann gibt es natür­lich noch einen unbe­stimm­ten Anteil von Menschen, die „das System” ableh­nen und deshalb nicht wählen gehen: Rechtsextreme, Anarchisten, Verrückte, Linksextreme, wasau­chim­mer. Sollen sie machen, das ist mir recht. Go ahead.)

Autor: Christian Soeder

Christian Soeder ist Herausgeber von ROTSTEHTUNSGUT und besonders an netzpolitischen Zusammenhängen interessiert.

15 Gedanken zu „Liebe NichtwählerInnen!“

  1. Ich hab am Montag beim Arzt den Precht im Spiegel gelesen, und bin am Dienstag gedank­lich von „Zweitstimme ungül­tig” zu einem mögli­chen Kompromiss geschwenkt. Vielleicht eine para­doxe Reaktion der Vernunft auf dieses Geschwurbel ;-)

    (Aber vorher noch die Landtagsbriefwahl beim Rathaus einwer­fen … dank offener Listen in Bayern ist das Wählen zwar aufwän­dig, aber in der Sache ist es einfa­cher, trotz diver­ser Differenzen mit einer Partei jemand halb­wegs Passendes zu finden.)

  2. IV.
    Menschen, die gerne wählen würden, aber ihre poli­ti­sche Position in der deut­schen Parteienlandschaft 2013 über­haupt nicht reprä­sen­tiert sehen und die kein „klei­ne­res Übel” wählen wollen, mit dem sie immer noch zu gefühl­ten 90% nicht über­ein­stim­men würden.

      1. Niemand wird von irgend­ei­ner Partei zu 100% vertre­ten. Außer viel­leicht Berlusconi von seiner eigenen Partei. Ich finds okay, dass das in Deutschland anders ist.

      2. „Zersplitterung” =|= Vielfalt. Bei vielen Themen, die mir wichtig sind, liegen die großen deut­schen Parteien nah beiein­an­der. Es gibt Zweiparteiensysteme auf der Welt, die mehr inhalt­li­che Vielfalt bieten als Dland. Naja, hab ich wohl Pech gehabt.

        1. Dann kümmer Dich drum, dass zumin­dest eine Partei mehr Deine Positionen vertritt. Von alleine passiert das nicht. Dann musst Du damit leben, was geboten wird. Gedanken lesen kann ja keiner…

      3. Es gab sehr wohl schon eine zersplit­ter­tere Parteien- und sogar Fraktionslandschaft, deshalb wurde die 5% Hürde einge­führt.
        Nach meiner Erfahrung sind mehr Parteien auch nichts schlech­tes, wie man an den Kommunalparlamenten sehen kann, in denen Klientelpolitik in Parteien gegos­sen werden.
        Was aber schlimm ist, ist wenn eine Partei von Außen nicht mehr als eine zu erken­nen ist, wie die Union jetzt und die SPD vor einigen Jahren. Wenn es die Partei dann trotz­dem oder gerade wegen des Führungspersonals schafft Mehrheiten zu orga­ni­sie­ren, kann das lang­fris­tig dazu führen das die Wählerinnen und Wähler glauben Kanzler_innen zu wählen, statt Parteiprogramme. Und das würde die Parteien in ihrer jetzi­gen Organisationsform (mit Parteitagen und regio­nal bis bundes­weit orga­ni­siert) über­flüs­sig machen, und ihre Führung für alle Entscheidungen maßgeb­lich.

        Das wäre ein irrever­si­ble Weg, den dies Land eben­falls schon mal hinter sich gebracht hat.

      4. Hallo Herr ganz schlauer Kommentator,

        sagen Sie mir welche Partei für die Weiterführung der einzig wirk­lich umwelt­scho­nen­den Energiegewinnung ist, nämlich Atomkraft, und ich wähle diese Partei sofort, und beende damit mein Nichtwählerdasein… so lange ich diese Partei nicht gefun­den habe, kann ich mich über diese lächer­li­che Dreiteilung der Nichtwähler nur schief lachen.

  3. Du meinst also, dass, wer hetero und weiß ist, nicht diskri­mi­niert wird? Nun ja, da kann ich dir leider anderes erzäh­len. Aus erster Hand …

  4. Ich reiche noch eine andere Gruppe von Nichtwählern nach: Leute, die von ihrer Partei so enttäuscht sind, dass sie sie nicht mehr wählen können. Die aber kultu­rell immer noch eine Bindung zum Milieu ihrer ehema­li­gen Partei haben und den Sprung zu einer anderen Partei nicht schaf­fen, weil die für eine andere Klientel oder eine andere Weltsicht zu stehen scheint.

    Es gibt bestimmt viele SPD-Enttäuschte, die bei den Grünen und der Linken zu sehr frem­deln, um dort ihr Kreuz zu machen.

    Und ich fürchte, es gibt in Bayern mehr Bauern, die zum Nichtwählen gewech­selt haben als zu den Grünen oder zu den Freien Wählern.

  5. dumm­dreist, selbst­ge­fäl­lig, erbärm­lich

    Von einer Journalisten den bemer­ken­wer­ten Satz anhören: „Wenn Frau Merkel oder der Bundespräsident nichts zu aktu­el­len Themen zu sagen haben, warum soll ich dann darüber nach­den­ken?“ Der Herausgeber des Handelsblatts, Gabor Steingart, propa­giert Nichtwählen als Bürgerrecht. Diejenigen, die jahre­lang in enger Umarmung mit der Politik Zungenküsse ausge­tauscht haben, feiern sich in der Attitüde des Möchtegern-Rebellen und sind doch nichts anderes als eitle Fatzken, Selbstdarsteller, die sich auf Kosten anderer in Szene setzen wollen.

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