Rassismus von linksaußen

Ich für meinen Teil halte solche Aussagen für rassistisch:

Martin Luther King, Jr., der beim Montgomery Bus Boycott 1955-1956 zum ersten Mal die nationale US-Bildfläche betrat (als der Graswurzelaktivismus der Schwarzen Frauen des Women’s Political Council und anderer Gemeindemitglieder den Boykott bereits initiiert und vorangetrieben hatte), ist der freundliche Lieblingsschwarze aller Halbinformierten, die irgendwie mit dem afroamerikanischen Civil Rights Movement sympathisieren (müssen).

Hier wird in wenigen Worten versucht, King komplett lächerlich und verächtlich zu machen. Das fängt mit dem hämisch angehängten „Jr.“ an, geht weiter mit der ziemlich direkten Unterstellung, King habe die bereits bestehenden Proteste als Trittbrettfahrer missbraucht und endet mit dem nur noch als ekelhaft zu bezeichnenden Ausspruch „ist der freundliche Lieblingsschwarze aller Halbinformierten“.

Früher habe ich es mir einfach gemacht und erklärt, dass solche Texte nicht links seien. Nach eingehender Beobachtung von Teilen der realexistierenden Linkspartei und ihrem Umfeld („Junge Welt“, „Linksruck“ und Co.) muss ich leider feststellen: Auch solche Texte sind leider links. Rassismus (und auch Antisemitismus) von linksaußen – ja, das geht. Ich finde das furchtbar traurig und es tut mir weh, aber es ist wahr.

Autor: Christian Soeder

Christian Soeder ist Herausgeber von ROTSTEHTUNSGUT und besonders an netzpolitischen Zusammenhängen interessiert.

8 Gedanken zu „Rassismus von linksaußen“

  1. Bei Wikipedia steht er auch als Martin Luther King, Jr. Die Häme, die Du da erkennen willst, ist konstruiert.

    King war innerhalb der schwarzen Bürgerrechtsbewegung ja alles andere als unumstritten und galt vielen als nicht konsequent genug.

    Man muss die Aussage wirklich nicht als rassistisch bewerten.

    1. Es stimmt, dass Kings „korrekter“ Name „Martin Luther King, Jr.“ ist. Allgemein bekannt ist er aber, v.a. in Deutschland, als „Martin Luther King“.

      Ganz ähnlich ist es, wenn Konservative in einem Text konsequent „Joseph Martin Fischer“ und nicht „Joschka Fischer“ schreiben.

      Siehe auch die Google-Fight-Ergebnisse: http://www.googlefight.com/index.php?lang=en_GB&word1=%22martin+luther+king%22&word2=%22martin+luther+king+jr%22

      Unabhängig davon gilt der Rest meines Beitrags trotzdem, selbst wenn man wohlwollend das „Jr.“ nicht als Häme betrachten will.

      Und, in der Tat, „man muss“ die Aussage nicht als rassistisch bewerten. Noch ein Vergleich. Die meisten „IsraelkritikerInnen“ und „AntizionistInnen“ weisen es auch ganz empört und weit von sich, antisemitisch zu sein.

  2. Ich teile die Ansicht von Christian! Was das „Jr.“ anbelegt, bin ich unentschieden. Es kann einfach ein Ausdruck von Akkuratesse sein. Es kann aber auch genau in der von Christian beschriebenen Funktion benutzt sein. Das ist ein typisches Muster. Das gab es auch im Kontext mit Willy Brandt, der als „alias Frahm“ betitelt wurde. Damit wurde auf seine uneheliche Geburt angespielt und auch auf seine Flucht aus Deutschland. Siehe zum Beispiel: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-43365664.html

    Im genannten Beitrag wird doch gerade oder zumindest unter anderem die sprachliche Reproduktion von Rassismus kritisiert. Dann wird es aber selber praktiziert mit der Formulierung: „der freund­liche Lieblingsschwarze aller Halbinformierten“. Das am Ende des Satzes angehangene „(müssen)“ macht es noch schlimmer. Ich erspare mir die Arbeit genauer darzustellen was damit indirekt angedeutet wird oder angedeutet werden kann und welche Assoziationen hier auftreten oder auftreten können.

    Selbst, wenn es nicht rassistisch wäre, finde ich es daneben. Hier wird ein Mensch (und indirekt auch viele Menschen) verunglimpft. Davon bin ich auch kein „Fan“.

    Wenn ein Blog häufig mit massiver Sprachkritik arbeitet, was wichtig und richtig ist, dann muss er dieser Sprachkritik auch standhalten. In diesem Falle haben wir es mit einem Kollektiv zutun, weshalb man das grundsätzlich etwas relativieren kann/darf im Vergleich der einzelnen Beiträge. Hier passiert es aber im selben Beitrag und das finde ich dann zusätzlich „schade“.

    Die grundsätzlich Kritik von accalmie an Herrn Yücel teile ich.

  3. In meinen Augen ist das Ganze viel ärger: Mit Debatten wie dieser, die sich angeblich gegen Rassismus richten sollen, bei der aber jede Seite sich nur darum kümmert, die Worte der „anderen“ Seite hauptsächlich deshalb auf die Goldwaage zu legen scheint, um diese als rassistisch diskreditieren zu können, tut die Linke der Sache keinen, aber auch wirklich gar keinen Gefallen. Und sich selber auch nicht: Die Linke macht sich zum unglaubwürdigen Spottobjekt, wenn es öffentlich auffällt.

    Dabei ist das Thema deutscher Rassismus m.E. akuter als seit Jahrzehnten.
    Wenn ich mir die Eskalation rund um die Euro-Krise anschaue, in der deutsche Spitzenpolitikernis hoch zur Kanzlerin mal eben Südeuropa vorgeben wollen, wie sie zu arbeiten, wann sie in Rente zu gehen und welche Wirtschaftsbranchen sie bitte sehr nicht zu besetzen haben, dann wurde hier in den letzten Jahren Rassismus auf einem Niveau und in allen Parteien gesellschaftsfähig, das ich sehr lange nicht erlebt habe.

    Wenn die Gesellschaften in Südeuropa eine Krise durchmachen, bei der in mehreren Ländern die Jugendarbeitslosigkeit mal eben 50% übersteigt, die Gesundheitsversorgung extrem verfällt und wo in Griechenland festgestellt wird, dass bei 10% der Schulkinder eine regelmäßige minimal notwendige Ernährung nicht sichergestellt ist und Deutschland als einzige Lösung mantramäßig „spart noch mehr“ empfiehlt, dann wirkt das auch unsolidarisch und herzlos in einem Maß, dass wir uns nicht über einen wachsenden Antideutschen Rassismus in Südeuropa wundern müssen.

    Damit beschäftigt sich die Linke aber m.E. eher am Rand, leider.

    1. Wenn ich mir die Eskalation rund um die Euro-Krise anschaue, in der deut­sche Spitzenpolitikernis hoch zur Kanzlerin mal eben Südeuropa vorgeben wollen, wie sie zu arbeiten, wann sie in Rente zu gehen und welche Wirtschaftsbranchen sie bitte sehr nicht zu besetzen haben, dann wurde hier in den letzten Jahren Rassismus auf einem Niveau und in allen Parteien gesell­schafts­fähig, das ich sehr lange nicht erlebt habe.

      Es ist nicht gerade erstaunlich, dass man eine Ausweitung diagnostiziert, wenn man vorher kräftig entwertet.

    2. ich stimme „roger “ zu!
      ausserdem muss man den genannten artikel schon suchen und finden.
      der „spiegel“ dagegen, ( heft nr. 16 vom 15.4.2013 )
      ist an jedem kiosk und in jedem warteraum präsent!
      wie bewerten sie dieses titelbild, herr soeder?

  4. Ich bin kein expliziter Fan von Fleischhauer, meines Erachtens schießt er mit seinen anti-linken Spiegel-Kolumnen oftmals fehl.
    Aber in seiner Kolumne zum letzten TAZ-Kongress hat er etwas sehr treffend analysiert:
    „Ein gewisser Hang zur Bigotterie ist dabei fast unausweichlich: Wenn man sich den ganzen Tag darüber Gedanken machen muss, wie man möglichst so redet, dass man niemanden auf die Füße tritt, bleibt das nicht ohne Folgen für die geistige Freiheit. Im Umgang mit Gleichgesinnten ist das vielleicht egal, im politischen Meinungskampf ist diese Vergrämung eindeutig von Nachteil. Wer, mit anderen Meinungen konfrontiert, nur noch zu rituellen Beschwörungsformeln greifen kann, hat es schwer, seinen Punkt zu machen, wenn es darauf ankommt.

    Es ist genau diese Diskursträgheit, die in den siebziger Jahren zur Umkehrung der kulturellen Machtverhältnisse in Deutschland führte. Man vergisst heute leicht, dass die 68er nicht als Herrschaftsformation, sondern als Protestbewegung begonnen haben. Ihren Siegeszug verdanken sie ganz wesentlich auch der geistigen Erstarrung des anderen Lagers, das am Ende schon über ein paar Happenings auf dem Ku’damm den Kopf verlor.“

    Rituelle Beschwörungsformeln anstelle lebendigen Diskursen machen die Linke dumm (weil denkfaul), belanglos (weil unattraktiv) und zum dankbaren Spottobjekt.
    Ich befürchte, in diesem Beitrag wurde das fortgesetzt, Stichwort Goldwaage.

    Nicht ganz neu, aber so versinkt die Linke (siehe Jusos) in der intellektuellen Bedeutungslosigkeit und verliert Bevölkerung, Wahlen, Zukunft.

Kommentare sind geschlossen.