Bin ich linksextrem?

Grüne und Linksjugend haben eine Kampagne „Ich bin links­ex­trem” gestar­tet. Das Ziel scheint zu sein, zu zeigen, dass wir im Grunde ja alle irgend­wie links­ex­trem sind. Dazu gibt es auch einen kleinen Selbsttest.

Ich bin links­ex­trem.
Ich kann mich mit einem oder mehre­ren dieser Statements oder ähnli­chen Aussagen iden­ti­fi­zie­ren:

Los geht’s!

„Ich wende mich offen­siv gegen den Einsatz von Militär im Inland- und im Ausland. Ich nenne mich anti­mi­li­ta­ris­tisch.“

Nein. Militäreinsätze sind unschön, aber mitun­ter notwen­dig.

„Ich setzte mich für die Abschaffung der Atomenergie ein.“

Nein. Ich bin für den Atomausstieg in Deutschland, will aber nicht anderen Nationen in ihre Belange rein­re­den. (Netter Schreibfehler bei „setzte”.)

„Ich kriti­siere offen­siv Rassismus, Sexismus und Nationalismus.“

Absolut. Das muss sein. Wer das nicht tut, ist nicht einmal ansatz­weise links. Aber ist man deshalb direkt links­ex­trem? Ich bezweifle es.

„Ich blockiere die Aufmärsche von Neonazis.“

Nein.

„Ich finde die welt­weite, soziale Ungleichheit uner­träg­lich. Ich bin globa­li­sie­rungs­kri­tisch.“

Nein. Globalisierung ist gut für die meisten, Protektionismus schadet beson­ders den Schwachen.

„Ich stelle die derzei­tige Wirtschaftsordnung grund­sätz­lich in Frage. Der Kapitalismus ist nicht das Ende der Geschichte.“

Schwierig. Marktwirtschaft finde ich per se gut, was in 100 Jahren ist, weiß ich nicht. Ergo: Jein.

Fertig.

Was meinen die Linksextremismus-ExpertInnen — bin ich links­ex­trem? Vermutlich eher nicht, oder?

Autor: Christian Soeder

Christian Soeder ist Herausgeber von ROTSTEHTUNSGUT und besonders an netzpolitischen Zusammenhängen interessiert.

31 Gedanken zu „Bin ich linksextrem?“

  1. Schöne Analyse.
    Weitergehende Frage: Angenommen, ein großer Anteil der Bevölkerung könnte aufgrund dieser Fragen als „poten­ti­ell links­ra­di­kal” einge­stuft werden.
    Was würde das bedeu­ten?
    A: Dass der Versuch, die Einschätzung „links­ra­di­kal” aus diesen Fragen abzu­lei­ten, Unfug ist?
    Oder B: dass Linksradikalismus bis weit in die Mitte der Gesellschaft vorge­drun­gen ist und deshalb um so hart­nä­cki­ger bekämpft werden muss?

    Und wenn im Anschluss „links­ra­di­kal” gegen „rechts­ra­di­kal” ausge­tauscht wird? Lauter Minenfelder…

    1. Roger, du hast da was falsch verstan­den. Es geht bei der Kampagne nicht um die Frage, wer oder was „radikal” ist, es geht um die falsche und diskri­mi­nie­rende Extremismustheorie.
      LG, Johannes

  2. Tatsächlich ist das eine schwie­rige Kampagne. Grundintention kann ich schon verste­hen, nichts desto trotz sollte wohl eher das Ziel sein, Extremismustheorie aus den Köpfen zu bekom­men, anstatt das noch zu verfes­ti­gen.

      1. Wieso verfes­tigt die Kampagne die Extremismustheorie? Das verstehe ich nicht. Sie zeigt doch ledig­lich deren Schwachsinnigkeit und Auswirkungen auf.

    1. So weit kommt es noch, dass jemand bestimmt, was in meinem Kopf ist und was nicht ;-)

      Aber genau darum geht es doch in der Kampagne. Der Begriff „links­ex­trem” soll entwer­tet werden oder umge­deu­tet zu schier „links” oder am besten gleich ganz gene­rell „gut”. Denn ich möchte mal den sehen, der sich hinstellt und sagt:

      „Ich bin voll dafür, dass die Bundeswehr an allen mögli­chen Orten des Planeten mili­tä­risch eingreift. Ich bin für den Ausbau der Atomenergie. Ich finde Rassismus. Sexismus und Nationalismus ganz okay. Ich bin dafür, dass Neonazis Aufmärsche veran­stal­ten. Ich finde welt­weite, soziale Ungerechtigkeit groß­ar­tig. Ich habe an der gegen­wär­ti­gen Wirtschaftsordnung nichts auszu­set­zen und bin der Meinung, dass es bis zum Ende aller Tage zu keiner anderen kommen wird.”

      Interessant ist aber, dass einige der als angeb­lich typisch „links­ex­trem” bezeich­ne­ten Aussagen locker von Nazis unter­schrie­ben werden könnten.

      Man braucht eben mindes­tens zwei Achsen für die poli­ti­sche „Verortung”.

      1. Ich bin voll dafür das die Bundeswehr an allen mögli­chen Orten mili­tä­risch eingreift. Wenn es dafür ein UN-Mandat oder inner­halb der NATO einen Konsens gibt, und die Mehrheit des deut­schen Bundestages dem Einsatz zustimmt.
        Bin ich jetzt rechts­ex­trem ?

        Ich bin für den Ausbau der Atomenergie. Denn anders als bei der Verbrennung von Kohlenwasserstoffen wird kein Kohlendioxid frei­ge­setzt, und die ökolo­gi­schen Folgen eine GAUs sind gerin­ger als die der globa­len Erwärmung.
        Bin ich jetzt rechts­ex­trem ?

        Ich bin dafür die Bücher der SPD Politiker Buschkowsky und Sarrazin zu lesen und selber zu bewer­ten, auch wenn diese Menschen als Nationalisten und Rassisten bezeich­net werden.
        Bin ich jetzt rechts­ex­trem ?

        Ich bin dafür das Nazis, Antiimps, Islamisten, Antideutsche, Christen ect unge­stört Demonstrieren dürfen, und das der Staat ihre Demonstrationen wenn nötig gegen Störversuche schützt.
        Bin ich jetzt rechts­ex­trem ?

        Ich bin der Meinung das in der jetzi­gen Wirtschaftsordnung die Rolle des Staates als Kontrollorgan durch die immer mehr ausufernde Tätigkeit des Staates als Unternehmer (Landesbanken, Energiekonzerne, staat­li­che Medien) behin­dert wird und wünsche mir deswe­gen das der Staat mehr seiner Unternehmen priva­ti­siert.
        Bin ich jetzt rechts- oder links­ex­trem ?

        1. Wenn man diese Ansichten hat, dann ist man nicht „rechts­ex­trem”, sondern unter anderem rassis­tisch.

          1. Was ist bitte an dieser Antwort rassis­tisch?

            Wer da eine Begründung fordert, ist natür­lich selbst Rassist. War dir das nicht klar?

      2. Nein, Rayson, es geht um die Abschaffung der Extremismustheorie. Außerdem soll­test Du aufpas­sen, (in der Gesinnung) radi­kale Linke, also wohl Sozialist*innen und Anarchist*innen, nicht direkt oder indi­rekt mit Faschist*innen gleich­zu­set­zen. Denn diese pflegen eine menschen­ver­ach­tende Ideologie, nach der nur bestimmte Menschen einen Wert haben und von ihnen manche einen höheren Wert, als andere. Sozialisten beispiels­weise, streben dagegen ledig­lich die mate­ri­elle Gleichheit aller an. Wirklich aller!
        Und dass Nazis im Anschein alles Linke kopie­ren, ist doch nichts Neues. Das darf aber genau deshalb kein Argument sein, um alles Linke abzu­leh­nen.

  3. Christian, gib’s zu: Du bist eigent­lich per Zeitreise aus der Ära der ersten „sozial-libe­ra­len” Koalition gekom­men (und ich meine exakt die mit Willy als Kanzler).

  4. Manchmal frage ich mich, ob Du bewusst unsere poli­ti­schen Mitbewerber falsch wieder­gibst. Nach den von Dir zitier­ten „Test-Aussagen” folgen direkt die folgen­den drei (und weitere) Sätze:
    „Wenn es nach den Definitionen einiger konser­va­ti­ver PolitikwissenschaftlerInnen oder dem poli­ti­schen Inlandsgeheimdienst, dem Verfassungschutz, geht, bin ich mit obigen Statements ‚links­ex­trem’. Ich werde somit auf die selbe Stufe wie Neonazis gestellt und oft für mein Engagement krimi­na­li­siert. Ich halte den Begriff [iSv diesen Begriff, Anm. CB] des Linksextremismus für verein­fa­chend und für falsch.”

    Damit ist doch deut­lich gesagt, dass es nicht darum geht „zu zeigen, dass wir im Grunde ja alle irgend­wie links­ex­trem sind”. Die Intention ist doch eine völlig andere — und auch nicht völlig unver­nünf­tige. Dein Ergebnis bzw. Deine Abschlussfrage ergibt doch genau das, was diese Kampagne zeigen möchte. Nein, man ist nicht links­ex­trem, wenn man eine Frage oder alle Fragen positiv beant­wor­tet.

    Ich mag es ja auch unsere poli­ti­schen Mitbewerber zu entlar­ven. Hier geschieht es aber leider durch eine falsche Darstellung. Das ist nicht okay und kann zum Bumerang werden. Ein Stück weit machst Du Dich und uns Sozialdemokraten damit doch sogar lächer­lich…

    1. Wenn es nach den Definitionen einiger konser­va­tiver PolitikwissenschaftlerInnen oder dem poli­ti­schen Inlandsgeheimdienst, dem Verfassungschutz, geht, bin ich mit obigen Statements ‚links­ex­trem’.

      Auf Quellen wird dabei tunlichst verzich­tet.

      1. Das ist auch der Punkt der mich am meisten stört. Wobei ich beim Punkt konser­va­tive Politiker — nehmen wir mal die Wissenschaftler raus -, das durch­aus unter­schrei­ben würde.

        Tendenziell würde ich dem Text der „Kampagne” schon zustim­men, aber die deut­li­che Schwäche hast Du klar benannt.

    2. „Manchmal frage ich mich, ob Du bewusst unsere poli­ti­schen Mitbewerber falsch wieder­gibst.”

      Und, hast Du eine Antwort gefun­den?

      Ich habe den Text komplett gelesen und komme zu einem anderen Schluss als Du.

      Falsch darge­stellt habe ich nichts, wenn Du Dich lächer­lich gemacht fühlst: go ahead, I don’t care. :-)

      1. Nein, eine solche Antwort finde ich nicht inner­halb von 8 Minuten. Ich benö­tige zur fundier­ten Meinungsbildung etwas mehr Zeit.

        Man stellt auch etwas falsch dar, wenn man wissent­lich etwas weg lässt (vgl. BGH: „Eine bewusst unvoll­stän­dige Berichterstattung ehren­rüh­ri­ger Art ist recht­lich wie eine unwahre Tatsachenbehauptung zu bewer­ten”). Hätte man umgehen können mit einem Satz wie „Angeblich sind das die Kriterien des Verfassungsschutzes zur Einstufung ‚links­ex­tre­mer Personen’. Auf eine Quelle die das belegt, wurde aller­dings verzich­tet” ;-)

        Wer anderen eine Grube graben möchte, sollte das ordent­lich machen. Für mich hast Du es aus den genann­ten Gründen nicht ordent­lich gemacht. Und außer­dem, weil Du Dir leider bei Deinen Antworten selbst wider­sprichst.

        Ich will aber auch gar nicht Streiten oder Streit vom Zaun brechen. Mir ist aufge­fal­len, dass mein erster Beitrag zu persön­lich formu­liert war und deshalb wohl­mög­lich aggres­siv gewirkt hat. Da hätte ich besser noch einmal drüber gelesen. Den letzten Satz würde ich dementspre­chend auch strei­chen. Die Formulierung ging über’s Ziel hinaus, weshalb ich das emotio­nale „go ahead, I don’t care” nach­voll­zie­hen kann.

  5. Also wenn ich mir diese „Analyse” anschaue, muss ich sagen hat sich der Autor wohl kaum mit der Begrifflichkeit „Linksextremismus” ausein­an­der­ge­setzt.
    So wird von staat­li­chen Stellen (insbe­son­dere der Verfassungsschutz) Linksextremismus oft dann schon attes­tiert, wenn man kriti­sche sich etwa mit Nationalismus/ Patriotismus ausein­an­der­setzt. Oder wenn man die Wirtschaftsordnung kriti­siert, ist man sowieso links­ex­trem. Man denke nur an die „Andy-Comics”. Darum geht es nun mal!
    Was der Autor für eine persön­li­che Meinung in einzel­nen Punkten hat ist da völlig irrele­vant. Wenn man nur einem Punkt zustimmt, wird schon schnell in die Ecke des Linksextremist*in gestellt. So geht es vielen, die sich kritisch mit der Gesellschaft ausein­an­der­set­zen.
    Natürlich ist dieser Test völlig über­zo­gen, aber das ist nun ein Mittel die Widersinnigkeit dieser Einordnungsmechanismus deut­lich aufzu­zei­gen!

    1. So wird von staat­li­chen Stellen (insbe­son­dere der Verfassungsschutz) Linksextremismus oft dann schon attes­tiert, wenn man kriti­sche sich etwa mit Nationalismus/ Patriotismus ausein­an­der­setzt.

      Quellen wären hoch will­kom­men!

      1. Die Junge Welt etwa ist laut Verfassungsschutzbericht 2010 „das bedeu­tendste Printmedium in der links­ex­tre­mis­ti­schen
        Szene.”
        „Die jW versteht sich als marxis­ti­sche Tageszeitung, .. Sie propa­giert die
        Errichtung einer sozia­lis­ti­schen Gesellschaft … Sozialistische Staaten, insbe­son­dere Kuba, werden in der Zeitschrift
        verherr­li­chend darge­stellt. .. Terroristische Organisationen, insbe­son­dere paläs­ti­nen­si­sche
        Gruppen, werden als Widerstandsbewegungen oder „Besatzungsgegner“
        verharm­lost. Ebenso bietet die jW auch gewalt­be­rei­ten inlän­di­schen Linksextremisten
        eine poli­ti­sche Plattform. So wird beispiels­weise in
        einer Beilage Gewalt als Gegenwehr legi­ti­miert, indem es unter
        der Überschrift „Solidarität statt Krieg führen“ heißt:
        „Gewalt ist aber nicht gleich Gewalt: Unsere Gesellschaft ist von
        Strukturen der Gewalt durch­zo­gen: Stichworte sind Krieg, Rassismus
        und Sexismus. (…) Demgegenüber gelten Aktionen, die diese
        Politik angrei­fen, als Gewalt, die bekämpft werden muss. Für diese
        legi­ti­men Aktionen müssen wir eintre­ten und mit ihnen sollten wir
        soli­da­risch sein, wenn wir noch etwas ändern wollen.“

        1. Und was willst du nun genau ausdrü­cken?
          Ist die Kategorisierung „extre­mis­ti­sche Publikation” für die Junge Welt faktisch falsch? Dann kann sie gegen die Nennung juris­tisch vorge­hen.
          Wenn die von dir zitier­ten Passagen zutref­fen, dann halte ich den Stempel „extre­mis­tisch” aber schon für ange­bracht…

        2. Das sind leider keine Quellen zu den obigen Bemerkungen. Es sei denn, man gedenkt die Kampagne zu erwei­tern um

          Ich bin links­ex­trem
          Ich kann die Aussage von Texten nicht erfas­sen.

          Dass man Fans terro­ris­ti­scher Vereinigungen und Befürworter von Gewalt gegen diesen demo­kra­ti­schen Staat oder Andersdenkende als Extremisten bezeich­net, halte ich aller­dings für nach­voll­zieh­bar und berech­tigt.

    2. Hm, dann sind die Wirtschaftsredaktionen in den Linksextrem ?
      Die kriti­sie­ren die Wirtschaftsordnung jeden Tag.

      Aber ich gebe es zu, auch ich bin Linksextrem, und habe an der Wirtschaftsordnung einiges zu kriti­sie­ren:
      Der Staat sollte so viele Staatsunternehmen wie möglich priva­ti­sie­ren, und sich aus seiner Rolle als Unternehmer zurück ziehen, damit er sich besser auf seine Rolle als Kontrollorgan konzen­trie­ren kann.

      Auch die NPD ist nach dieser Definition links­ex­trem.
      Sie setzt sich kritisch mit Nationalismus/Patriotismus ausein­an­der (und findet es gibt zu wenig davon), kriti­siert unsere Wirtschaftsordnung (und will einen natio­na­len Sozialismus) und an unserer Gesellschaft hat sie auch vieles zu kriti­sie­ren.

    3. „Oder wenn man die Wirtschaftsordnung kriti­siert, ist man sowieso links­ex­trem. Man denke nur an die „Andy-Comics”.”

      das steht aber nicht im Andy-Comic… Und auch sonst nirgends.

  6. Hey Senator,
    Wende dich einfach mal vertrau­ens­voll an deinen Juso-Kreisverband, Naziaufmärsche zum Blockieren gibts auch bei euch genug…

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