Blockwart 2.0

Der nette netz­po­li­ti­sche Blockwart von nebenan:

Im Jahr 2013 müssen Politiker anschei­nend auf Twitter sein – mit allen Vor- und Nachteilen. Die Plattform Politwoops.de doku­men­tiert auto­ma­tisch Tweets von Bundestagsabgeordneten, die diese wieder gelöscht haben.

Wir erwar­ten noch viele weitere lustige Tweets, vor allem im anste­hen­den Wahlkampf. Auf Politwoops.de gibt es einen eigenen Twitter-Account PolitwoopsDE, der gelöschte Tweets nochmal postet.

Wozu das führen wird, ist klar: PolitikerInnen werden sich auf Twitter zwei- oder dreimal über­le­gen, was sie schrei­ben. Und tenden­zi­ell nicht mehr selbst twit­tern, sondern lieber Leute dafür bezah­len.

Ob das der Wahrheitsfindung dient?

Autor: Christian Soeder

Christian Soeder ist Herausgeber von ROTSTEHTUNSGUT und besonders an netzpolitischen Zusammenhängen interessiert.

9 Gedanken zu „Blockwart 2.0“

  1. Das nach­träg­li­che Löschen von Beiträgen ist ja auch nicht in Ordnung.
    Wenn jemand mal unüber­legt daneben formu­liert hat — dann soll er halt dazu stehen. Ist keiner perfekt.

    Aber klamm­heim­lich löschen und so tun, als wäre nie etwas gewesen, das wird zu Recht aufge­grif­fen.

    1. Aber klamm­heim­lich löschen und so tun, als wäre nie etwas gewesen, das wird zu Recht aufge­grif­fen.

      Warum?

      Die Folge dessen, dass diese Option de facto nicht mehr gegeben ist, wird eben — wie von Christian ja auch befürch­tet — sein, dass die Tweets von Politikern nicht mehr, wie es dem Medium eigent­lich entspre­chen würde, spontan und damit mit einem guten Schuss Authenzität verfasst werden (wovon bei der Mehrheit der nicht gelösch­ten Tweets dann auch sehr viel übrig bleiben würde), sondern vorfor­mu­liert und von einer Pressestelle geprüft oder gleich von Profis geschrie­ben. Übrig bleiben die nichts­sa­gen­den Tweets à la „Heute Rede in Posemuckl”, „Gratuliere Igor Kaputnik zur Wahl in den erwei­ter­ten Vorstand der SPD Aurich” oder „Ich freue mich auf die Diskussionen mit der Jungen Union in Wanne-Eickel”.

      Ich fänd’s schade.

  2. Wer Sprache analy­sie­ren, werten und dann zu dem Ergbenis kommt, dass es „richtig ist, Augstein Antisemitismus vorzu­wer­fen”; wer anschlie­ßend die Kommentare einiger seine „Fans” mit voll­stän­di­gen Namen zitiert; der sollte doch nicht unbe­dingt das Projekt „Politwoops” mit der NS-Vokabel „Blockwart” beschrei­ben. Das veröf­fent­li­chen von voll­stän­di­gen Namen — im Sinne eines Prangers — kommt der Tätigkeit eines Blockleiters leider deut­lich näher als das Speichern gelösch­ter Tweets.

    Im Übrigen beziehe ich hiermit weder Position für oder gegen Augstein, noch möchte ich auch nur seine Äußerungen werten. Ich teile zudem Deine Einschätzung zur (Aus)Wirkung von „Politwoops” auf die „Wahrheitsfindung” und das Tweet-Verhalten.
    Meine Kritik ist in erster Linie eine sprach­lich. Man kann sich nicht inner­halb einer solchen kurzen Zeit diese Dinge leisten, wenn man zuvor deut­li­che Worte gefun­den hat und der Meinung ist den Antisemitismus anderer Menschen sprach­lich herge­lei­tet zu haben. Wer sprach­li­che Sensibilität und Akkuratesse fordert, muss sie auch selbst erbrin­gen.

  3. Die Folge dessen, dass diese Option de facto nicht mehr gegeben ist, wird eben — wie von Christian ja auch befürch­tet — sein, dass die Tweets von Politikern nicht mehr, wie es dem Medium eigent­lich entspre­chen würde, spontan und damit mit einem guten Schuss Authenzität verfasst werden

    Bei manchen Politikern wird das so sein. Die sollten dann auch Twitter nicht mehr benut­zen. Andere werden weiter twit­tern, und müssen dann halt auch zu unglück­li­chen Äußerungen stehen.

    Wenn jemand strit­tige Äußerungen nach­träg­lich löscht ist das ja nicht besser für die spon­tane Kommunikation als wenn er sie vor Veröffentlichung von seinen Leuten checken läßt.
    Es ist sogar deut­lich schlech­ter, weil verlo­gen.

    Denn löschen bedeu­tet in diesem Kontext ja: „So etwas habe ich nie gesagt”. Und die Leute, die den Tweet schon gelesen haben, ihn viel­leicht auch irgendwo kriti­siert haben — die stehen dann da als hätten sie unter­stellt und erfun­den.
    Und daß nur, weil der Betreffende es nicht fertig bringt zu sagen: „Ups, das habe ich zwar geschrie­ben, war aber nicht so gemeint. Bitte den Fehler zu entschul­di­gen”.

    1. Natürlich ist rele­vant, wieviel Zeit zwischen dem Veröffentlichen und dem Löschen vergeht.

      Ist der Zeitraum sehr kurz, sollte man das korri­gie­ren dürfen, ohne dass irgendwo der Blockwart archi­viert. Ist er sehr lang, ist ein Löschen höchst proble­ma­tisch, mit den von dir beschrie­be­nen Folgen.

  4. Naja ganz ehrlich — wirk­lich thema­ti­sierte Tweets haben nichts damit zu tun, dass jemand aus verse­hen falsche Grammatik benutzt hat, sich unklar ausge­drückt order nur vertippt hat. Meistens geht es da um Meinungsäußerungen, die eindeu­tig daneben sind — und zu denen sollte ein Poltiker entwe­der stehen, oder sie gleich lassen.

  5. Ich sehe ein anderes Thema durchscheinen:Der Perfektionismus und die geringe Toleranz gegen­über Irrtümern und Fehlern, die m.E. in der deut­schen (und evtl. der japa­ni­schen) Kultur viel tiefer veran­kert ist als in anderen Kulturen. Ein Irrtum, ein Fehler, eine unbe­dachte oder vorlaute Äußerung, ein Scheitern werden öffent­lich nur schwer akzep­tiert und verzie­hen.

    Das hilft zwei­fel­los dabei, tech­nisch nahezu perfekte Produkte herzu­stel­len (siehe deut­sche Automobile und gene­rell die export­starke Industrie), aber es bremst die Kreativität und die Experimentierfreudigkeit für neue, riskante Wege. Das gilt in der Politik ebenso wie in vielen anderen Bereichen. (Und in der Politik folgt daraus ebenso gut dieses Beispiel wie z.B. die zuvor konsta­tierte Verknöcherung der SPD.)

    Mit tech­ni­schen Methoden oder Beschwerden lässt sich das nicht beheben, nur mit kultu­rel­len Änderungen. Dem Bekenntnis zur Akzeptanz von mehr Experimentalismus und Fehlerakzeptanz — und dem „Nichtausbeuten” von vorei­li­gen Äußerungen bei Opponenten.

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