Rezension: Von der Emanzipation zur Meritokratie

Franz Walter/Stine Marg: Von der Eman­zi­pa­tion zur Meri­to­kra­tie. Betrach­tun­gen zur 150-jährigen Geschichte von Arbei­ter­be­we­gung, Links­in­tel­lek­tu­el­len und sozia­ler Demo­kra­tie. Göt­tin­gen 2013.
Franz Walter/Stine Marg: Von der Eman­zi­pa­tion zur Meri­to­kra­tie. Betrach­tun­gen zur 150-jähri­gen Geschichte von Arbei­ter­be­we­gung, Links­in­tel­lek­tu­el­len und sozia­ler Demo­kra­tie. Göt­tin­gen 2013.

Franz Walter hat gemein­sam mit Stine Marg ein neues Buch über die Sozialdemokratie geschrie­ben. Walter und Marg beleuch­ten einen spezi­el­len histo­ri­schen Aspekt, nämlich die Entwicklung der Sozialdemokratie von einer Partei der Emanzipation hin zu einer Partei, die vor allem die Leistung im Blick hat — jeden­falls in ihrer Sichtweise.

Das Buch beginnt mit Ferdinand Lassalle und bringt diese schil­lernde Persönlichkeit uns näher. Neu war mir bspw., dass Lassalle nach einem erfolg­rei­chen Scheidungsprozess für seine geliebte Gräfin ein Leben in finan­zi­el­ler Sorglosigkeit führen konnte. Auch andere histo­ri­sche Personen werden behan­delt, aller­dings gibt es bei allen etwas zu meckern. Zu wenig intel­lek­tu­ell, mangelnde Durchsetzungskraft, kein Überblick — von Marx bis Kautsky bekom­men alle ihr Fett weg. „Marx war kein effi­zi­en­ter Autor” (S. 52), „Originelle und krea­tive Köpfe waren sie [Kautsky und Bernstein] kaum noch” (S. 55), „Bernstein formu­lierte zöger­lich, unsi­cher” (S. 56), usw. Das liest sich durch­aus lustig und flüssig, ist jedoch auch ein wenig anstren­gend: irgend­wann hat man es kapiert, dass niemand mit Walter mithal­ten kann.

Das Kapitel über „social engi­nee­ring” ist durch­aus wichtig, auch für die aktu­elle Debatte — etwa wenn Rechtssozialdemokraten wie Sarrazin versu­chen, die Gesellschaft als Ganzes mit den Mitteln der „höheren Erkenntnis” zu formen. Bei Walter/Marg lässt sich kompri­miert lesen, welche Gefahren die Hybris bietet, genau zu wissen, was „gut” für die Allgemeinheit ist. (Der Wohlfahrtsausschuss lässt herz­lich grüßen.)

Richtig span­nend wird die Analyse, wenn das Heute beschrie­ben wird, also die Tatsache, dass es immer weniger auf die Herkunft und immer mehr auf die Leistung ankommt — zumin­dest in der Theorie.

Ärgerlich ist, wenn Walter/Marg die Wahlergebnisse im Bund und in den Ländern verglei­chen (S. 128–130) und dabei munter die Wahlbeteiligung, rela­tive und abso­lute Stimmenzugewinne bei der SPD vermi­schen, damit das Argument passt. Beim Ergebnis der Landtagswahl 2011 in Baden-Württemberg lassen Walter/Marg außen vor, dass die SPD absolut Stimmen dazu­ge­won­nen hat, im Vergleich zur vorigen Landtagswahl hinge­gen relativ (!) verlo­ren hat — weil die Wahlbeteiligung auf ~66 Prozent gestie­gen ist. Und das Superergebnis in Hamburg ist vor einer absolut gesun­ke­nen Wahlbeteiligung auch diffe­ren­ziert zu sehen. (Gleichfalls NRW 2010 und 2012.) Hier sind Walter/Marg nicht konsis­tent, auch dann nicht, wenn sie Teilgruppen heraus­grei­fen und daran zu zeigen versu­chen, wie schlecht es der SPD eigent­lich gehe.

Das letzte Kapitel ist dann trotz­dem das span­nendste. Walter/Marg beschrei­ben die Chancen der SPD in der deut­schen Parteienlandschaft: die Zukunft sei nicht so negativ wie gedacht, weil die SPD im Gegensatz zur Union mit allen demo­kra­ti­schen Parteien koali­ti­ons­fä­hig sei. Zudem habe die Union im Elektorat noch größere Probleme, ihre StammwählerInnen seien noch älter. Den Widerspruch zwischen basis­de­mo­kra­ti­scher Mitmachpartei und profes­sio­nell geführ­ter Wählerpartei (S. 133) zeigen Walter/Marg gezielt auf — den Finger in die Wunde legen zu können war schon immer eine Fähigkeit Walters.

Alles in allem: dieses Buch ist durch­aus lesens­wert, auch wenn es Schwächen hat — den Walter-Duktus des „Ich weiß es am besten” muss man aushal­ten können. Trotz alledem, oder deshalb: für SozialdemokratInnen, die sich für die Geschichte und die Zukunft ihrer Partei inter­es­sie­ren, ein unbe­dingt empfeh­lens­wer­tes Stück.

Franz Walter/Stine Marg: Von der Emanzipation zur Meritokratie. Betrachtungen zur 150-jähri­gen Geschichte von Arbeiterbewegung, Linksintellektuellen und sozia­ler Demokratie. Göttingen 2013.

Autor: Christian Soeder

Christian Soeder ist Herausgeber von ROTSTEHTUNSGUT und besonders an netzpolitischen Zusammenhängen interessiert.

Ein Gedanke zu „Rezension: Von der Emanzipation zur Meritokratie“

  1. Die SPD hat tatsäch­lich eine sehr gute Zukunft. Mittelfristig kann sie mit den Grünen, den Piraten und sogar der FDP koalie­ren. Langfristig (so ab 2017) dann sogar mit den Linken. Ihren Stimmenanteil von so 25% bei BT-Wahlen braucht sie da gar nicht ausbauen und wird sie vermut­lich auch so schnell nicht.

    Die Frage die ich mir stelle ist wen sieht eigent­lich die SPD noch als ihre Kernwählerschaft an? In den USA gibt es den Spruch „The people who work hard and play by the rules” also im wesent­li­chen die Mittelschicht bzw. Normalverdiener? Werden die noch im Parlament vertre­ten?

Kommentare sind geschlossen.