SKANDAL! ZENSUR! — Leben mit der Filterblase

Zur Zeit läuft der Bundesparteitag der SPD in Hannover und wie schon vor ein paar Tagen beim CDU-Bundesparteitag hat Twitter für das offi­zi­elle Hashtag #spdbpt12 eine Seite einge­richtet. Dort erscheinen nicht sofort alle Tweets mit dem Tag. Die Piratenpartei wittert reflex­artig Zensur und selbst Journalist Konrad Lischka, stell­ver­tre­tender Ressortleiter Netzwelt bei Spiegel Online, vermu­tete, dass da jemand filtere. Einige Menschen scheint es noch nicht klar zu sein, was das Leben in der Filterblase bedeutet.

Neulich hatte ich mein bishe­riges Twitter-Highlight: Ein Tweet von mir wurde ganze 16x retweetet! Und dann ist dieser Tweet auch noch auf der offi­zi­ellen Twitterseite zum CDU Bundesparteitag ange­zeigt worden. Davon habe ich leider keinen Screenshot. Aber von dem Skandalruf der Piratenpartei zur SPD-Twitterseite habe ich einen:

Twitterseite zum SPD Bundesparteitag

Twitterseite zum SPD Bundesparteitag

Da hat die perfide SPD doch, um die Piratenpartei herein­zu­legen, einfach deren Tweet frei­ge­schaltet. Und auch Konrad Lischka vermutet, dass jemand seine Beschwerde gelesen haben muss.

Nein, auch bei Amazon sind es nicht die flei­ßigen Leiharbeiter, die bei jedem Seitenaufruf heraus­su­chen: Kunden, die „Internet für Dummies” gekauft haben, haben auch „Klick mich” gekauft. Das sind Algorithmen. Das machen diese Computer ganz alleine, liebe Piratenpartei, lieber stell­ver­tre­tender Ressortleiter Netzwelt bei Spiegel Online.

Kritisieren muss man, dass diese Filter-Algorithmen — nicht nur bei Twitter — nicht trans­pa­rent und von den Nutzer beein­flussbar sind. Twitter ist keine neutrale Infrastruktur — keine offene, demo­kra­ti­sche Plattform. Twitter ist eine Dienstleistung. Twitter ist, was die Firma Twitter will. Wer Twitter nutzt, kann nicht der SPD und der CDU vorwerfen, dass Twitter ist, wie es ist.

Über Steffen Voß

Steffen Voß bloggt meistens unter kaffeeringe.de und twittert als kaffeeringe. Manchmal bloggt er auch beim landesblog.de Sein Motto ist: "Mach es selbst, oder wunder Dich nicht, wenn es nicht passiert."

15 Kommentare zu “SKANDAL! ZENSUR! — Leben mit der Filterblase

  1. Pingback: Twitter: SKANDAL! ZENSUR! — Leben mit der Filterblase

  2. Leider am Thema vorbei: Niemand wirft den Parteien vor, dass das Meinungsbild zu ihren Sonderveranstaltungen durch Filter geschönt würde. Ernstzunehmende Kritiken rich­teten sich dabei immer nur gegen Twitter selbst.
    „Leben mit der Filterbubble” bedeutet auch, über deren Veränderung zu debat­tieren. Parteitage oder Nickligkeiten unter den Parteien sind dabei gar nicht rele­vant.
    Relevant ist, dass Twitter, der zur Zeit wich­tigste Nachrichten-Broadcast der Welt, sich nach Meinung einiger Beobachter anschickt, sich durch das Filtern unlieb­samer Einträge bei bestimmten Interessengruppen anzu­bie­dern und damit endgültig eine Abkehr von dem prak­ti­zieren könnte, als was der Dienst ursprüng­lich gestartet ist und was ihn letzt­lich über­haupt erst erfolg­reich gemacht hat: Eine neutrale und offene Meinungsplattform zu sein.

    Ob man nun in dieser Debatte die Gesetze des Marktes in den Vordergrund rückt, oder aber die Markt– und damit die Machtposition Twitters als Intermediär im Nachrichtengeschäft aus einem ordnungs­po­li­ti­schen Blickwinkel betrachtet, ist eine Streitfrage, für deren Klärung es mehr bedarf, als diese einfach nur in einem kurzen Blogpost durch den Einwurf von ein paar Binsenweisheiten beiseite zu wischen.

    Das ist wohl­feil. Zumal dann, wenn man sich letzt­lich doch nur wieder im Kreis dreht und mit dem endet, mit dem man begonnen hatte: Parteipolitischen Befindlichkeiten, die am eigent­li­chen Thema vorbei gehen.

  3. Pingback: Twitter ist nicht das Internet | Analoges und digitales Leben.

  4. Pingback: Interwebz, wir müssen reden. | Mina.

  5. Lieber Steffen,

    kein Journalist hat etwas von „Zensur” geschrieben. Konrad Lischka hat seine Kritik, die ich umfäng­lich teile, klar und deut­lich formu­liert — hier vermischt sich Publizität und PR/Marketing — zwei Dinge, deren Trennung im Journalismus und in der Öffent­lich­keit gene­rell zu trennen sind.

    Neben dem Algorithmus gibt es, auch bei SPD-Parteitag, eine händisch einge­rich­tete Whitelist (ob die von Twitter ange­bo­tene Blacklist-Funktion auch benutzt wurde, kann ich nicht erkennen, da der Account, der die Eventpage „managed” geschützt ist und somit auch dessen Listen nicht einsehbar sind.)

    Es handelt sich hier um eine Kritik, die wir auch bei Facebook oder Google öfters disku­tieren. Es geht um die Frage, inwie­weit die persön­liche Filterfunktion durch kommer­zi­elle Interessen des Plattform-Anbieter und seinen echten Kunden beein­flusst wird und inwie­weit der durch­schnitt­liche Nutzer sich dieser Tatsache bewusst sein kann, weil er/sie infor­miert wird.

    Zusätzlich stellt sich die Frage, ob die Beeinflussung des indi­vi­du­ellen Informationsstream auf kommer­zi­ellen Plattformen aufgrund von Wünschen zahlender Kundschaft beein­flusst werden kann.
    Im Journalismus war und ist dies eine Mauer, deren Undurchlässigkeit für die Glaubwürdigkeit des Mediums steht. Twitter hat dies Mauer nun endgültig eingerissen.

    Zusatzbemerkung: Ich bin von den gera­dezu panik­ar­tigen Reaktionen der Twitter-Verteidiger extrem irri­tiert. Es zeigt sich hier, wie weit bereits die markt­kon­forme Demokratie in den Köpfen des Menschen einge­nistet wurde. Ein kriti­sches Nachdenken über die Beeinflussung der Öffent­lich­keit durch kommer­zi­elle Interessen ist für viele offen­sicht­lich abwegig — ein ebenso alar­mie­rendes Signal (wenn nicht sogar noch schlimmer) als die eigent­liche Absicht Twitters kommer­zi­elle Interessen intrans­pa­rent und domi­nant in ihrem Kernprodukt wirken zu lassen.

    • Kann eigent­lich nur ich den letzten Absatz des Artikels lesen? Bei mir steht da:
      „Kri­ti­sie­ren muss man, dass diese Filter-Algorithmen — nicht nur bei Twitter — nicht trans­pa­rent und von den Nutzer beein­fluss­bar sind. Twitter ist keine neu­trale Infra­struk­tur — keine offene, demo­kra­ti­sche Platt­form. Twitter ist eine Dienst­leis­tung. Twitter ist, was die Firma Twitter will. Wer Twitter nutzt, kann nicht der SPD und der CDU vor­wer­fen, dass Twitter ist, wie es ist.”

      Und da ist ein Link auf einen Post im ZAPP-Blog drin: http://zapp.blog.ndr.de/2012/01/27/twitter-verbessert-sich-und-alle-schreien-zensur/

      @Christian: Wir müssen mal schauen, ob irgendwas mit WordPress nicht stimmt. Die Leute können die Artikel irgendwie nicht zuende lesen. ;-)

      • Dein Artikel ist voll­ständig lesbar. ;)

        Du liegst aller­dings mit deiner Reduktion auf Algorithmus falsch. Wie Twitter selbst über die Eventpage infor­miert, wirkt hier eine Mischung aus Algorithmus und vom Eventkunden (heute: SPD) vor. Der Kunde kann White-/Blacklists einrichten. Ob es weitere Funktionen gibt, entzieht sich der Kenntnis, da sowohl ich als auch nicht wenige Journalisten seit fast eine Woche auf konkrete Antworten von Twitter warten — offen­sicht­lich ist man sich dem perfiden Eingriff in die quasi-öffentliche Timeline eines Hashtags und dem damit einher­ge­henden Verlust von Glaubwürdigkeit mehr als bewusst und versucht die Sache auszuschweigen.

        Der SPD bleibt letzt­end­lich vorzu­werfen, dass sie diesen frag­wür­digen Service ange­nommen hat. Es ist relativ klar, dass Twitter mit dem kosten­losen Anbieten bei allen Parteien die Funktion der Eventpage auspro­bieren wollte.

          • Wo wir beide uns „folgen” ist nicht der Grund der Kritik an Twitter und SPD.

            Probleme einer immer weiter kommer­ziell kontrol­lierten und damit verzerrten Öffent­lich­keit löst man nicht, indem man sich als kleine Minderheit auf freie Kanäle zurück­zieht.
            Die fehlende Bereitschaft offen­sicht­lich weiter Teile der soge­nannten sozi­al­de­mo­kra­ti­schen netz­po­li­tisch Aktiven zeigt, wie weit diese Gruppierung davon entfernt ist, die echten Herausforderungen des digi­talen Wandels zu erkennen und Alternativen/Gegenbewegung zu gestalten. Nach diesem Twitter-Hashtag-Vorfall ist für mich noch deut­li­cher, das dieser Haufen aktuell keine Wahl sein kann, eman­zi­pa­to­risch und aufge­klärt den digi­talen Wandel zu gestalten.

  6. Ich sage nicht erst seit gestern, dass das Internet immer mehr zum durch­kom­meria­li­sierten Raum und nicht zur Demokratiemaschine wird. Der Umgang mit Twitter und Facebook ist eine Gradwanderung: Auf der einen Seite muss man natür­lich kritisch sein — auf der anderen Seite wollen wir auch da sein, wo die Menschen sind. Und die Menschen sind bei Twitter und Facebook.

    Jens, ich stimme Dir im Kern zu. Entweder habe ich das über­sehen oder Du hast noch nirgends mehr als nur Kritik formu­liert, oder? Schick mir doch mal einen Link zu einer Diskussionsgrundlage. Ich antworte dann gerne drauf.

    • Zum „nur Kritik”-Einwand:

      Die Verteidigung der Trennung von PR/Marketing und Journalismus/Öffentlichkeit (verstanden als das poli­ti­sche Bewusstsein der Gesellschaft) ist keine „Kritik”, sondern eine urde­mo­kra­ti­sche Notwendigkeit, die es zu vertei­digen gilt.

      Wenn einige der pseudo-aufgeklärten soge­nannten sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Netzaktiven dies nicht verstehen, ist das nicht mein Problem. Meine Integrität ist nicht gefährdet. Heute haben einige aus dem Kreis der netz­po­li­ti­schen Szene in der SPD offen­bart, wie weit ihr Verständnis eines freien Internets reicht. Ich bin nach­haltig von dieser ange­passten kritikun­fä­higen Welle der Arroganz und Ignoranz irritiert.

      PS: Gerade wenn, wie du sagst, „die Menschen auf Twitter sind” müsste die SPD hier PR-Manipulationen für den durch­schnitt­li­chen Nutzer klar ablehnen, anstatt auf jeden Marketing-Zug aufspringen. Aber viel­leicht ist der Grund, warum solch PR-verseuchter Internetmissbrauch geschieht der gleiche, warum ein Banken– und Finanzdiener mit 93% gewählt wird:
      Der Schein siegt über das Sein.

  7. Das Problem ist nicht, dass eine Partei vorrangig die Tweets von bekannten Teilnehmern verbreitet. Das ist ihr gutes Recht. Das Problem ist die Ansprache in der Art „Schaut her, zu unserer Veranstaltung gibt’s eine eigene Seite bei Twitter”. Und da verlinken sie eben nicht zur simplen Hashtag-Sammlung mitsamt den Tweets auch der poli­ti­schen Gegner, sondern zu einer anderen Tweetsammlung aus tenden­ziell freund­lich gesonn­nenen, eher kritik­armen Tweets. So wandelt sich die Plattform Twitter zu einem Sender Twitter, in diesem Fall mit einer anderen Gewichtung.

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