Wahlfreiheit und Reproduktionsarbeit

Luisa schreibt unter linksrum.eu zum Betreuungsgeld und warum es aus ihrer Perspektive abzu­lehnen ist; das ist gut und richtig, ich gehe aber noch weiter. Denn nicht nur das Betreuungsgeld ist abzu­lehnen, sondern auch andere Transferzahlungen, die aus fami­li­en­po­li­ti­schen Gründen erdacht wurden. Denn diese gehen eben­falls in die völlig falsche Richtung.

Dazu gehört das Kindergeld, das Unsummen verschlingt ohne einen echten Effekt zu haben, das Elterngeld, von dem v.a. die geho­bene Mittelschicht profi­tiert, dazu gehören Programme, die darauf abzielen, Jahre der Kindererziehung oder der Pflege von Angehörigen bei der Rente anzurechnen.

All das: gut gemeint, schlimme Auswirkungen. Denn was ist der Effekt, wenn der Staat es belohnt, dass Frauen die Kinder erziehen und ihren Beruf unter­bre­chen, mit dem Wissen, dass die später davon etwas bei der Rente haben werden? Natürlich: das „tradi­tio­nelle” Familienbild „Mann bringt das Geld, Frau erzieht die Kinder” wird gestärkt. Wer trägt den Schaden davon? Zum einen die Frau, die abhängig ist von ihrem Mann und bei einer Scheidung um Unterhalt und derglei­chen kämpfen muss. Aber auch die Gesellschaft, denn diese muss doppelt zahlen: zum einen entgeht ihr die Wertschöpfung, die diese Frau nicht an ihrer Arbeitsstelle erbringt, und zudem bekommt sie später anteilig Rente, obwohl sie nicht in die Rentenkasse einge­zahlt hat.

Was ist der Effekt von einer Kindergelderhöhung um 10 Euro? Die meisten Familien dürften diese Erhöhung gar nicht bemerken, das Normaleinkommen bei einer drei­köp­figen Familie liegt bei unge­fähr 2000 Euro. Den Staat kostet diese Erhöhung jedoch immense Summen — Geld, das an anderer Stelle fehlt.

Es ist ein gesell­schaft­li­cher Fortschritt, dass heute Reproduktionsarbeit ergän­zend zur normalen Erwerbsarbeit allge­mein auch als Arbeit aner­kennat wird und nicht mehr als „Liebesdienst” gesehen wird — mit dem Effekt, dass die Bezahlung dann beson­ders gering sein darf (man tut’s ja „aus Liebe”). Ich halte es indessen für einen Rückschritt, daraus den Schluss zu ziehen, dass Reproduktionsarbeit durch den Staat geför­dert werden soll und das alles unter dem Schlagwort „Wahlfreiheit”. Ich will diese Wahlfreiheit nicht und ich will nicht, dass der Staat seine knappen Mittel für diese „Wahlfreiheit” investiert.

Bzgl. des Elterngelds müssen wir verstehen, dass die guten und hehren Ziele, mit denen es einge­führt wurde, geschei­tert sind. Es werden nicht mehr Kinder geboren und es hat auch kein gesell­schaft­li­cher Wandel in der Arbeitswelt einge­setzt. Es verstärkt ledig­lich die beste­henden Rollenbilder: Die Frau nimmt eine längere Auszeit, um auf das Kind aufzu­passen und der Mann nimmt sich auch zwei Alibi-Monate. Weil er mehr im Betrieb auch gar nicht ernst­haft durch­setzen kann.

Eine progres­sive Politik wirkt darauf hin, dass möglichst viele Kinder in Kindertagesstätten, in Kinderkrippen, in Kindergärten betreut werden. Es ist nicht progressiv, unter dem falschen Schlagwort „Wahlfreiheit” dieses Ziel zu hinter­treiben. Kindererziehung und Pflege von Kranken und Alten ist harte Arbeit und soll gut bezahlt werden und ist eine Aufgabe der Gesamtgesellschaft. Es ist nicht links, die Schwierigkeiten des Lebens zu individualisieren.

Das Geld ist knapp in Deutschland. Das heißt, dass wir uns über­legen müssen, wofür wir die Milliarden ausgeben. Geben wir sie aus für verfehlte Transferleistungen oder inves­tieren wir doch lieber in Strukturen und finan­zieren damit profes­sio­nelle Arbeit von KindererzieherInnen und Kranken– und AltenpflegerInnen? Meine Antwort darauf ist völlig klar. Die SPD hatte einmal den klugen Gedanken, Gelder nicht indi­vi­duell auszu­zahlen, sondern in Strukturen (Krippe, Kita, KiGa, Schule, Uni, etc.) zu inves­tieren und diese dann gebüh­ren­frei zu gestalten. Ich wünsche mir, dass diese gute Grundsatz wieder mehr Anwendung findet.

Über Christian Soeder

Christian Soeder ist Herausgeber von ROTSTEHTUNSGUT und besonders an netzpolitischen Zusammenhängen interessiert.

11 Kommentare zu “Wahlfreiheit und Reproduktionsarbeit

  1. „Bzgl. des Eltern­gelds müssen wir ver­ste­hen, dass die guten und hehren Ziele, mit denen es ein­ge­führt wurde, geschei­tert sind. Es werden nicht mehr Kinder geboren und es hat auch kein gesell­schaft­li­cher Wandel in der Arbeits­welt ein­ge­setzt. Es ver­stärkt ledig­lich die beste­hen­den Rol­len­bil­der: Die Frau nimmt eine längere Auszeit, um auf das Kind auf­zu­pas­sen und der Mann nimmt sich auch zwei Alibi-Monate. ”

    Das stimmt so nicht ganz. Dem Elterngeld sei Dank kann ich jetzt, mit 30 Jahren stolz auf einen 2,5 Jahre alten Sohn sein, der geboren ist, als wir beide voll berufs­tätig waren und sie nebenher eine fünf­jäh­rige Berufsweiterbildung auf eigene Kosten absol­vierte. Der Sohnemann, der Mitte Mai geboren ist, konnte schlicht aufgrund der Kitaplatzvergabepraxis erst zum Mitte August des Folgejahres einen Krippenplatz in Anspruch nehmen. 14 Monate, die es zu über­brü­cken galt. 7 Monate sie, 7 Monate ich in Elternzeit.

    Unser Sohn wäre ohne Elterngeld zumin­dest in diesem Lebensabschnitt nicht geboren worden. Es wäre schlicht nicht drin gewesen.

    Ich bin da nicht allein, und den Erfolg an nicht stei­genden Geburtenraten zu messen, ohne zu berück­sich­tigen, dass die Zahlen in unsi­cheren Krisenzeiten, in denen befris­tete Arbeitsverträge und Leiharbeit an der Tagesordnung sind, nicht rapide gefallen sind, ist meines Erachtens zu kurz gedacht.

  2. Deine Argumente sind absolut nach­voll­ziehbar. Allerdings sehe ich das etwas anders als du:
    Das Elterngeld gibt es noch nicht sooo lange. Statt es gleich wieder abzu­schaffen, würde ich erstmal noch etwas Zeit verstrei­chen lassen und es refor­mieren: Paritätische Verteilung der Elternzeit für Männer und Frauen!

    Weiterhin finde ich immer­noch, dass wir auch als Gesellschaft verschmerzen müssen, wenn ein paar Frauen oder Männer sich dafür entscheiden wollen, dass Sie sich um ihre Kinder kümmern wollen. Und auch diese Menschen müssen wir absi­chern. Generell würde ich nämlich unter­stellen, dass der Prozentsatz derje­niger, die gar nicht arbeiten wollen nur sehr, sehr gering ist. Denn Arbeit gehört zur Selbstverwirklichung.

  3. Das Kindergeld das Unsummen verschlingt soll das steu­er­freie Existenzminimum des Kindes abde­cken.
    Zwar könnte man das theo­re­tisch auch mit einem Steuerfreibetrag errei­chen, aber das würde vor allem Menschen mit nied­rigen Einkommen schlechter stellen.

  4. Genau, schaffen wir das Kindergeld ab.
    Gehe ich richtig in der Annahme, dass Du Kindern trotzdem ein Existenzminimum zubil­ligst, dass steu­er­frei sein muss und das in aller Regel von den Eltern erwirt­schaftet wird?
    Ich bin reich (ich bin hier ja auf einem SPD-blog) und habe für meine Kinder kein Kindergeld bekommen, so wie übri­gens ganz viele Eltern, deren Familieneinkommen über 60k€-70k€ liegt.

    Und nebenbei: Wer Kinder und deren Erziehung als „Repro­duk­ti­ons­ar­beit ” bezeichnet, sollte am besten keine bekommen. Es ist nicht mit dem Erzeugen und der der Geburt alsbald folgenden (Ent/Ver)sorgung in Kinderkrippe, Ganztageskindergarten oder –schule getan.

  5. Pingback: B.L.O.G. – Bissige Liberale ohne Gnade » Liberale gegen Betreuungsgeld? Einspruch.