Schavans Guttenberg

Den Guttenberg-Skandal habe ich hier ausführ­lich bear­bei­tet, wer möchte, kann die diver­sen Artikel dazu nach­le­sen. Bei Schavan stellt sich die Situation indes­sen anders da, als man auf den ersten Blick denkt: So hat Schavan zwar anschei­nend auch nicht sauber bei ihrer Doktorarbeit gear­bei­tet, anders als Guttenberg sind es aber wohl nur Unsauberkeiten. Der Betrug, so es denn Betrug war, unter­schei­det sich in jedem Fall von der Causa Guttenberg.

Weiterhin stellt sich die Sachlage so dar, dass Schavan nur ihren Doktortitel als einzi­gen wissen­schaft­li­chen Abschluss vorwei­sen kann. Ich nehme an, dass sie eine sog. „eigen­stän­dige Promotion” durch­ge­führt hat, also an die Universität kam mit dem direk­ten Ziel, Doktorin zu werden. Das ist seit einigen Jahren nicht mehr möglich, heute erfor­dert eine Promotion im Regelfall einen Diplom-, Magister- oder Master-Abschluss — in Ausnahmefällen und bei großer Befähigung wird auch eine Promotion nach dem Bachelor-Abschluss geneh­migt. Gerne gesehen wird dies indes­sen nicht. Guttenberg wollte mit dem Doktortitel vermut­lich die Tatsache unge­sche­hen machen, dass er nur das erste juris­ti­sche Staatsexamen absol­viert hat — er galt in der juris­ti­schen Fachwelt also nicht als sog. „Volljurist”, sondern war eben nur „Diplomjurist”.

Auch die Biographien Schavans und Guttenbergs könnten unter­schied­li­cher nicht sein: Schavan, die Aufsteigerin, Guttenberg, der Millionenerbe aus uraltem Adel. Schavan kannte die akade­misch-groß­bür­ger­li­che Welt nur von unten, Guttenberg fühlte sich ihrer entho­ben.

Letztendlich ist es eine Abwägungsfrage: Ist es legitim, nach 30 Jahren den einzi­gen wissen­schaft­li­chen Abschluss wieder abzu­er­ken­nen? Das wäre eine unge­heuer harte Strafe — ich meine, sie wäre zu hart. Ich kann mir gut vorstel­len, dass Schavan als 25-jährige Frau nicht geplant hat, einen akade­mi­schen Betrug zu begehen. Es ist vermut­lich einfach so passiert. Ihre alte Universität sollte hier Gnade vor Recht ergehen lassen.

Die poli­ti­sche Bewertung ist jedoch eine andere. Da Schavan so hart über ihren Kabinettskollegen Guttenberg urteilte, muss sie sich der Kritik stellen und sollte ihren Sessel im Kabinett frei­wil­lig räumen. Gerade als Bundesforschungsministerin ist sie mit dieser Bürde untrag­bar gewor­den, völlig unab­hän­gig von der Entscheidung ihrer Universität. Ich bin mir sehr sicher, dass Angela Merkel das weiß — und dass sie schon daran arbei­tet, ihrer Freundin eine goldene Brücke zum Abschied zu bauen.

Autor: Christian Soeder

Christian Soeder ist Herausgeber von ROTSTEHTUNSGUT und besonders an netzpolitischen Zusammenhängen interessiert.

3 Gedanken zu „Schavans Guttenberg“

  1. Ich hab die Tweets gelesen und denke, dass ihre Herkunft in ihrem Fall kein schlüs­si­ges Argument ergibt. Meine These ist, dass Aufsteiger die Uni ernster nehmen und deshalb weniger beschei­ßen. Es sind ja tatsäch­lich eher die Schnösel, die mit dubio­sen Arbeiten aufflie­gen.

    Außerdem müssen Aufsteiger was können und sich ständig bewei­sen, während Akademikerkinder völlig unab­hän­gig von ihren tatsäch­li­chen Fähigkeiten an die Uni gehen und sich dort auch mal über­he­ben. Tipps von den Eltern haben ihre Grenzen, weswe­gen es ja die Zunft der Ghostwriter gibt.

    Dieser direkte Weg zur Promotion kommt mir aber auch proble­ma­tisch vor, da hatte man wohl nicht die Zeit, gut in den Uni-Betrieb rein­zu­fin­den. Außer man ist Akademikerkind und hoch­be­gabt, aber so viele von der Sorte gibt es ja auch nicht.

  2. Ich wundere mich in deinem Text vor allem über die „Abwägungsfrage” ob es legitim ist, nach 30 Jahren den einzi­gen wissen­schaft­li­chen Abschluss abzu­er­ken­nen. Natürlich ist es das, sofern sie natür­lich nach­weis­lich nicht nur unsau­ber gear­bei­tet hat. Wenn aber jemand betro­gen hat, so sollte ihm/ihr selbst­ver­ständ­lich der akda­mi­sche Grad entzo­gen werden. Ob es der einzige akad. Grad ist, ist ja völlig egal bei der Frage. Zumal sie ja sicher nicht gezwun­gen wurde ohne vorhe­ri­ges Diplom direkt zu promo­vie­ren.

    Auch bei der poli­ti­schen Bewertung würde ich es anders sehen. Ich finde, wenn die Uni zum Schluss kommt: Alles so glaufen wie es hätte müssen, ledig­lich unsau­be­res Arbeiten, der Doktortitel bleibt, kann sie selbst­ver­ständ­lich Bildungsministerin bleiben. Der reine Verdacht und die Überprüfung der Arbeit durch die Uni ist für mich kein Grund zum zurück­tre­ten.

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