Urheberrecht: Die Lebenslüge der Piraten

Die Lebenslüge der Piraten im Bereich Urheberrecht geht so: Das existierende Urheberrecht verhindert Innovation, ist nicht mehr zeitgemäß und deshalb radikal zu ändern (Mehrheitsmeinung) oder besser gleich abzuschaffen (Mindermeinung). Urheberinnen und Urheber wären mit alternativen Bezahlmodellen (pay as you go, Spenden, Flattr, you name it) besser dran, da sie sich nicht von einem Verwerter (Verlag, Label) abhängig machen müssen. Außerdem würde Filesharing die Verbreitung von Werken befördern und sei deshalb zu begrüßen bzw. zu legalisieren. Die wirklich Bösen seien eben die Verwerter, ohne diese wäre alles super und UrheberInnen und KonsumentInnen könnten sich problemlos einigen.

So ist es aber nicht. Neue Dienste und Angebote wie „Spotify“, iTunes, Amazon-MP3 etc. pp. haben gezeigt, dass das existierende Urheberrecht Raum für Innovation bietet – eine Einigung im Google-GEMA-Streit bzgl. YouTube steht noch aus, aber früher oder später wird es auch hier eine Lösung geben. Natürlich haben Labels jahrelang sich selbst das Leben schwergemacht, bis dann irgendwann Apple kam – so ist das im Leben. Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit. Und natürlich ist das Abmahnunwesen eine einzige Katastrophe und muss radikal eingedämmt werden. Gar keine Frage.

Die so unterschiedlich gelagerten Fälle wie Julia Schramm und Marina Weisband zeigen jedoch: Auch Personen mit einem immensen Bekanntheitsgrad wollen nicht das Risiko des „alternativen“ Bezahlmodells gehen, wenn sie ein traditionelles Angebot vorliegen haben. Das hat insbesondere Weisband nolens volens gezeigt, wenn sie sagt, sie könne sich nicht gut selbst vermarkten – obwohl sie die Piraten-Persönlichkeit mit dem höchsten Bekanntheitsgrad ist.

Das alles zeigt: „alternative“ Bezahlmodelle sind genau das: Alternativen. Alternativen für Underdogs, für Außenseiter, die von keinem Verlag und von keinem Label genommen wurden. Manchmal irren sich die professionellen Verwerter hier gewaltig und es entstehen Megahits außerhalb der traditionellen Strukturen – klar. Der Normalfall ist jedoch ein anderer – „alternative“ Modell sind Zubrotgeschäfte und aller Ehren wert, davon leben können aber nur die wenigsten KünstlerInnen.

Was ist also zu tun? Die Piraten sollten sich ehrlich machen und zugeben, dass sie sich im Bereich Urheberrecht schlicht und ergreifend verrannt haben. Die professionellen Verwerterungsstrukturen erbringen den Künstlerinnen und Künstlern nach wie vor die besten Chancen, ihre Werke gewinnbringend zu verkaufen.

Abmahnmissbrauch darf nicht zum Anlass genommen werden, unsere Kulturlandschaft empfindlich zu schwächen und KünstlerInnen zu BittstellerInnen zu machen.

Gezielte Reformen im Bereich Urheberrecht sind im Einzelfall zu bewerten – aber es ist eben nicht so einfach, wie man so glaubt. Auch intern ist sich die Piratenpartei ja alles andere als einig, aktuell liegen drei verschiedene Papiere mit unterschiedlichen Schwerpunkten (Kramm/Lauer/NRW) vor.

(Und bitte: Kommt mir jetzt nicht mit eurem BGE.)

Autor: Christian Soeder

Christian Soeder ist Herausgeber von ROTSTEHTUNSGUT und besonders an netzpolitischen Zusammenhängen interessiert.

2 Gedanken zu „Urheberrecht: Die Lebenslüge der Piraten“

  1. Hallo Christian,

    So ist es aber nicht. Neue Dienste und Angebote wie „Spotify”, iTunes, Amazon-MP3 etc. pp. haben gezeigt, dass das existierende Urheberrecht Raum für Innovation bietet

    Richtig! Würde das ganze noch um KDP (die self-publishing-Plattform für Buchautoren von Amazon) ergänzen.

    Möglichkeiten gibt es schon jetzt genug, man muss sie ja nur ergreifen.

  2. als könnten urheber nicht auch ohne das urheberrecht mit den klassischen modellen geld verdienen. pirate bay ist ja eine realität, die umsätze der medienindustrie steigen trotzdem an. daher is die argumentation vieler piraten dass man ja stattdesssen werke zb auch crowdfunden lassen oder urheber ja vom bge leben könnten tatsächlich ziemlich naiv und wenig selbstbewusst – mit so einer argumentation überzeugt man niemanden. wenn dann stellen solche vergütungsmodelle ergänzungen dar, nicht einen ersatz.

    das eigentliche problem is aber dass urheber nicht mehr nur die großen medienkonzerne mit ihren eingekauften kreativen sind, sondern jeder der aktiv im internet unterwegs ist inzwischen einer ist. fotos, musikstücke, code usw lassen sich nur weiterverändern wenn eine entsprechende lizenz angegeben wurde (was praktisch niemand in der breiten masse macht, und wenn dann in den allermeisten fällen nur zu nichtkommerziellen zwecken) oder deals ausgehandelt werden, was sich nur ganz selten lohnt. daher sollte man das urheberrecht abschaffen und durch ein verwertungsrecht ersetzen in das man sich durch eine gebühr einkaufen kann. die gebühr sollte sehr niedrig sein, kann aber progessiv ansteigen umso länger ein monopolverwertungsrecht in anspruch genommen werden will. wichtig is dass die ganzen trivialschöpfungen allen als public domain zur verfügung stehen, solange der schöpfer da nichts dagegen hat. diesen kulturschatz nicht zu nutzen halte ich für grob fahrlässig. das eingenommene geld könnte man gut dafür nutzen zb künstler zu fördern.

    auch kann ich mir sehr gut vorstellen dass man den verwertungsgesellschaften mehr geld durch höhere gebühren in die hand gibt um da nen ausgleich herzustellen, wenn das nötig ist. muss ja nich so organisiert sein wie die gema.

    und dass die abmahnpraxis ein unding – da sinwa uns ehe einig.

    so long

Kommentare sind geschlossen.