Zum Buch von Julia Schramm

Julia Schramm, Beisitzerin im sechs­köp­figen Piraten-Bundesvorstand, hat ein Buch über ihr Leben im Internet geschrieben. Titel: „Klick mich”. Die Rezensionen der großen Medien fallen einhellig aus: vernich­tend. Und das ist auch nicht erstaun­lich, der Sprachstil ist unge­fähr auf einer Ebene mit „Lassiter”-Schundromanen von Bastei-Lübbe anzu­sie­deln. Aber darum geht es mir hier nicht (auch wenn das Lesen mir Schmerzen bereitet hat), wer fundierte Rezensionen lesen will, wende sich vertrau­ens­voll an „silent­tiffy” (sehr negativ) oder an Felix Neumann (positiv). (Felix kenne und schätze ich persön­lich, kann seine Meinung in diesem Fall aber so gar nicht teilen.) Wer sich für die sexu­elle Ebene inter­es­siert, wird bei Julia Seeliger bestens bedient — hier sind auch die Kommentare lesens­wert. (Auch Julia kenne und schätze ich.)

Mich inter­es­siert viel mehr die Wirkung des Buchs auf die Öffent­lich­keit. Man muss wissen, dass Julia Schramm immer wieder die Öffent­lich­keit gesucht und gefunden und ihre Meinung auf diesem Weg immer wieder radikal geän­dert hat. Hierzu ist insbe­son­dere ein Blog-Beitrag von Malte Welding einschlägig, der sich auf einen FAZ-Artikel bezieht, ihn aber mit weiteren Informationen anrei­chert und konge­nial kombi­niert. In einem Troll-Workshop erklärte Schramm von sich selbst sinn­gemäß, dass sie nicht nur Troll-Opfer sei, sondern auch gerne selbst trolle. Insofern ist es erstaun­lich, dass Schramm externe, aber eben auch KritikerInnen aus ihrer eigenen Partei mit einem lapi­daten „jetzt krakeelt eben wieder der Mob” abtut.

Woran entzün­dete sich die Kritik? Mehrere Ebenen sind zu beobachten:

  1. Viele Piraten sind dem Urheberrecht gegen­über sehr kritisch einge­stellt, viele wollen es komplett abschaffen, auch wenn das keine Mehrheitsmeinung in der Piratenpartei ist.
  2. Schramm hat nach Informationen der FAZ ein hohes Honorar für ihr Erstlingswerk erhalten, angeb­lich waren es 100.000 Euro.
  3. Das Buch wurde nicht einfach so im Internet veröf­fent­licht, sondern in einem großen Verlag.
  4. Gerade Schramm hat in der Vergangenheit scharf gegen den Begriff „Geistiges Eigentum” pole­mi­siert und brachte ihre Über­zeu­gung zum Ausdruck, dass KünstlerInnen im Grunde genommen kein Geld mit ihrer Kunst verdienen sollten.
  5. Nach der Veröffentlichung stellte ein mutmaß­li­cher Kritiker der Piratenpartei das PDF des Buchs anonym online und erklärte seine Beweggründe danach so:

    Mit der Veröffentlichung des Buches von Julia Schramm auf dieser Seite, sollte gezeigt werden, wie der Autor durch den unten zitierten Absatz aus dem Piratenprogramm bevor­mundet wird. Das Urheberrecht in seiner jetzigen Form ermög­licht dem Autor beides: Er kann für seine Arbeit Geld verlangen, er kann sie aber auch kostenlos verteilen. Viele Autoren tun das bereits. Und am Ende, kann nur er selbst darüber entscheiden, welchen Weg er gehen möchte.

    Quelle: http://klickmichdownload.tumblr.com/

  6. Diese öffent­lich verfüg­bare Version ihres Buchs ließ Schramm respek­tive ihr Verlag vom Netz nehmen — kein Problem, schließ­lich ist das Internet kein rechts­freier Raum, auch wenn das viele Leute noch immer glauben.

Soweit die Vorgeschichte. Auf Twitter und in Blogs folgten herbe Anschuldigungen, der „Welt” hat Schramm dann ein erstes Interview nach der großen Erregung gegeben (mit der „Bild” spricht Schramm übri­gens nach eigener Aussage nicht). Dort sagt sie:

Ich bin froh, dass mein Verlag und ich uns dazu entschieden haben, nicht gleich eine hohe Strafzahlung zu fordern, sondern zunächst eine nicht kosten­pflich­tige „Gelbe Karte” zu vergeben. Das ist ein konstruk­tiver Vorschlag, wie es in der fest­ge­fah­renen Urheberrechtsdebatte weiter­gehen kann. So könnte auch eine poli­ti­sche Forderung aussehen.

Das heißt: Schramm hat sich gemeinsam mit ihrem Verlag dafür entschieden, ihr Buch von den Dropbox-Servern entfernen zu lassen, so dass dort jetzt zu lesen ist:

This file is no longer avail­able due to a take­down request under the Digital Millennium Copyright Act by Julia Schramm Autorin der Verlagsgruppe Random House. Learn more about Dropbox’s copy­right policy.

Quelle: http://dl.dropbox.com/u/106065903/julia_schramm_klick_mich.pdf

Nun ist das natür­lich völlig legal, dass eine Autorin und ihr Verlag gegen unrecht­mä­ßige Kopien vorgehen — schließ­lich wollen die vielen MitarbeiterInnen eines Verlags und die Künstlerin ange­messen bezahlt werden. Das Problem ist, dass die Piratenpartei in ihrem Parteiprogramm ein anderes Ideal pflegt:

Daher fordern wir, das nicht­kom­mer­zi­elle Kopieren, Zugänglichmachen, Speichern und Nutzen von Werken nicht nur zu lega­li­sieren, sondern explizit zu fördern, um die allge­meine Verfügbarkeit von Information, Wissen und Kultur zu verbes­sern, denn dies stellt eine essen­ti­elle Grundvoraussetzung für die soziale, tech­ni­sche und wirt­schaft­liche Weiterentwicklung unserer Gesellschaft dar.

Wir erin­nern uns: Schramm hat gemeinsam mit ihrem Verlag entschieden, eine „Gelbe Karte” zu verteilen (auf die dann logi­scher­weise die „Rote Karte” folgen muss, also die kosten­pflich­tige Abmahnung).

Was aber bespricht die Pressegruppe der Piratenpartei und der Parteivorsitzender auf der halb-öffentlichen Mailingliste?

> Am 12.09.18 20:53, schrieb Bernd Schlömer:
>
> > Bitte die Arbeiten an einer PM zum Thema „Klick mich” einstellen. Ich
> > werde in jedem Fall ein Veto einlegen.
> >
> > Ich werde mich — falls Bedarf von Seiten der Öffent­lich­keit besteht -
> > münd­lich äußern. Ich habe dazu ein mögli­ches Statement mit Julia
> > abge­stimmt.
> >
> > liebe Grüße
> > Bernd

Zweierlei ist bemer­kens­wert: Zum einen behält sich der Parteivorsitzende der „basis­de­mo­kra­ti­schen” Piratenpartei ein Vetorecht in dieser Frage vor (was ich völlig okay finde, was aber nicht zu einer basis­de­mo­kra­ti­schen Partei passt), zum anderen sagt Schlömer: Schramm und er hätten ein Statement abgestimmt.

Das liest sich dann so:

Hallo Gefion,

hier das Statement von Bernd, dass ich bei Presseanfragen herausgebe:

„Die Diskussion um die Veröffentlichung des Buches „Klick mich” zeigt
in eindrucks­voller Weise die Notwendigkeit auf, über neue Lösungen im
Urheberrecht nach­zu­denken. Die hilf­lose Agieren des Verlages „Random
House” bei der Begegnung von gele­akten Versionen im Netz offen­bart den
Kontrollverlust, den Verlage und Verwerter ange­sichts der Realien des
Informationszeitalters erleiden. Es ist jetzt an der Zeit, über
Reformen des Urheberrechts zu disku­tieren. Ein besseres Beispiel hätte
uns Julia Schramm mit der Veröffentlichung ihres Werkes nicht liefern
können.”

Könnt Ihr gerne auch inter­na­tional verwenden.

Liebe Grüße
Anita

Sie haben es bemerkt? Im Interview mit der „Welt” erklärt Schramm, sie und der Verlag hätten sich gemeinsam auf die „Gelbe Karte” geei­nigt, in dem mit Schlömer abge­stimmten Statement ist auf einmal nur noch von „Die [sic!] hilf­lose Agieren des Verlages ‚Random House’ bei der Begegnung von gele­akten Versionen” die Rede.

Das passt nicht zusammen. Entweder Schramm trägt die „Gelbe Karte” mit, dann kann sie nicht solche Statements mit Schlömer verein­baren — oder sie sagt klipp und klar, dass sie kein Mitspracherecht hat, inwie­weit der Verlag gegen ille­gale Downloads vorgeht.

So oder so, letzt­end­lich ist die ganze Causa Schrammbuch ein riesiger Imageschaden für die Piratenpartei. Man ist schon gewillt, der Verschwörungstheorie des Don Alphonso zu folgen, der mal flott die These aufstellt, Bertelsmann habe die 100.000 Euro gerne springen lassen, um die junge und uner­fah­rene Partei über den Jordan gehen zu lassen.

Über Christian Soeder

Christian Soeder ist Herausgeber von ROTSTEHTUNSGUT und besonders an netzpolitischen Zusammenhängen interessiert.

6 Kommentare zu “Zum Buch von Julia Schramm

  1. Nu ja,

    diesen Urheberrechtsfocus finde ich albern. So krass ist der Verlag nun nicht vorge­gangen. Schaut doch mal auf die Inhalte in diesem Buch, da gibts genug zu kriti­sieren. Kulturpessimismus und Trash-Denken.

    Schönen Abend,
    Julia S

    • Ich finde das poli­tisch nicht so span­nend, was im Buch steht. Die Meta-Ebene finde ich momentan interessanter.

      • aber gewiss ist die aktu­elle Debatte span­nend, das einzig span­nende an diesem Arztroman. Das stimmt schon. Ohne die Debatte wäre der leere Inhalt nichts. Dennoch muss man sich dem Inhalt widmen, und das wird aktuell leider zu wenig getan.

    • Okay, Du hast da einen Punkt — viel­leicht inspi­riert mich das PolitCamp. :-)