Damit konnte niemand rechnen

Wer konnte damit rechnen, dass die Grünen einen Mitgliederboom erleben würden, wenn sie die Spitzenpositionen zur Bundestagswahl in einer Urwahl entscheiden?

Das ist ja wirk­lich eine Über­ra­schung: Menschen treten in Parteien ein, wenn sie wirk­lich etwas entscheiden können, wenn sie schnell und unkom­pli­ziert substan­ziell mitreden können. Das sind brand­neue Erkenntnisse, die Politikwissenschaft muss neu geschrieben werden — dachte man doch bisher, dass Menschen sich jahre­lang Schritt für Schritt bewähren wollen, um dann irgend­wann viel­leicht zum erlauchten Kreis derer zu gehören, die dann die schon vorher bestimmten Persönlichkeiten auf einem Parteitag offi­ziell nominieren.

Jenseits der Satire, weil mir das Thema wichtig ist: Es ist eigent­lich banal. Die Menschen wollen heute mitent­scheiden — wenn sie das können, wenn sie ernst­ge­nommen werden, dann machen sie auch mit. Sie bringen sich ein, sie beleben die Partei.

Deshalb ist es so unglaub­lich depri­mie­rend und ein so großer Schaden für die SPD, dass es nach Lage der Dinge keinen Mitgliederentscheid über die Spitzenkandidatur geben wird. Nachvollziehbar ist die ableh­nende Haltung der Spitzensozis nicht — was haben sie denn zu verlieren? Wer keine Chance an der Parteibasis hat, wird auch bei den allge­meinen Wahlen keine Chance haben. Eine Wahlsieg-Garantie ist eine Urwahl natür­lich nicht (siehe Scharping), aber was haben wir zu verlieren? So toll sind unsere Umfragewerte gerade nicht.

Die SPD vergibt eine tolle Chance, obwohl wir das vorige Jahr lang und breit über die Parteireform debat­tiert und abge­stimmt haben.

Über Christian Soeder

Christian Soeder ist Herausgeber von ROTSTEHTUNSGUT und besonders an netzpolitischen Zusammenhängen interessiert.

2 Kommentare zu “Damit konnte niemand rechnen

  1. Hm, ich bin mir sicher, würde Thilo Sarazin sich zur Wahl des SPD Spitzenkandidaten stellen gäbe es eine ähnliche Eintrittswelle. ;-)

    Die bishe­rigen Kandidaten für den Spitzenkandidaten der SPD sind — im Gegensatz zu denen der Grünen — nämlich nicht gerade aufregend.