Die Stimmen sind mal wieder gezählt; es ist vieles gesagt und geschrieben worden über die letzte Landtagswahl in diesem Jahr. Jetzt möchte auch ich meine Meinung noch loswerden.
Das Ergebnis war im Großen und Ganzen so, wie die Meinungsforscher es vorhergesagt haben, mit nur einer Ausnahme: Die CDU hat deutlich schlechter abgeschnitten als vorhergesagt, die FDP deutlich besser. Wobei auch diese Entwicklung absehbar war: Die FDP segelte nach Schleswig-Holstein mit Rückenwind, während sich die CDU nach Veröffentlichung der letzten Umfragen noch einige Schnitzer leistete.
Bevor ich ins Detail gehe: Auch wenn ich diesen Satz später noch relativieren werde; dies war ein fantastischer Wahlsieg für die SPD NRW und insbesondere für Hannelore Kraft. Noch vor wenigen Monaten hätte ich nicht mit einem solch deutlichen Sieg gerechnet. So einen deutlichen Vorsprung vor der CDU gab es das letzte Mal 1990. Auch drei Viertel der Direktmandate sprechen eine deutliche Sprache.
Nun aber die Einzelanalyse:
1. Die CDU, Röttgen und die Kanzlerin
Über Norbert Röttgen ist schon viel geschrieben worden, vor Allem, weil er den Landesvorsitz gleich niederlegte und anschließend nicht einmal mehr an der Düsseldorfer Runde teilnahm. Ich halte es für zu früh, einen politischen Abgesang auf Röttgen zu schreiben. Merkel kann Unruhe in ihrer Regierung in Zeiten der Euro-Krise nicht brauchen und wird Röttgen auf seinem Posten belassen, wohlwissend, dass ein weiterer Rivale erledigt ist. Ich glaube, dass seine Karriere sich fortsetzen wird (auch Norbert Blüm durfte nach einer krachenden Niederlage in NRW Minister bleiben), jedoch wird man ihn wohl kaum nach diesem Rohrkrepiererwahlkampf in eine bundesweite Führungsposition lassen. Eine zweite Chance auf ein Spitzenamt würde er wohl nur bekommen, wenn die CDU in eine Situation käme wie die SPD 2009, nämlich dass ihr schlicht und ergreifend die Sieger ausgehen und man sich auf die Verlierer verlassen muss (ja genau, Sigmar, Peer und Frank-Walter, ich meine euch!).
Angela Merkel wird das alles nicht anfechten; die machtpolitische Situation im Bund wird nicht verändert. Ein eventueller Schub für die SPD wird bis nächstes Jahr wieder verblasst sein; ihre Strategie, bloß alle klaren Abgrenzungen zur SPD zu vermeiden, ist bestätigt worden.
Kleine Sache am Rande: Im traditionell katholischen Köln, der Heimatstadt von Konrad Adenauer, ist die CDU auf den dritten Platz verwiesen worden.
2. Die SPD
Die SPD hat bewiesen, dass sie gewinnt, wenn sie bürgernah ist, zuhören kann und solide Wirtschaftspolitik und sozialen Ausgleich vereinigt. Die SPD ist in NRW wieder Volkspartei, sie schneidet nicht nur im Ruhrgebiet gut ab, sondern holt auch im ländlichen Teil des Landes überall mindestens 30 %. Nichtsdestotrotz ist eine Relativierung angebracht. Die 39% sind nur 2 % mehr als die Niederlage von Peer Steinbrück, die 2005 bundespolitische Erschütterungen auslöste, welche zu Neuwahlen führten. Bei der Bundestagswahl 2005, die Gerhard Schröders Kanzlerschaft beendeten, erreichte die SPD in NRW sogar mehr, nämlich 40 %. Ein Zeichen für einen Machtwechsel für den Bund geht von dem Ergebnis nicht aus. Die Machtarchitektur in der SPD wird sich mittelfristig wohl verändern; die SPD hat mittlerweile wieder eine Reihe von Siegern, wird aber mit einem Verlierer in die Bundestagswahl ziehen. Wenn dieser Anlauf scheitert, wird an den Siegern (insbesondere Kraft und Scholz) fürs übernächste Mal kein Weg vorbeiführen.
Übrigens: Die SPD-Anhänger in NRW wollen Steinbrück als Kanzlerkandidaten. Gabriel ist mit ernüchternden 9 % Letzter. Auch wenn NRW Steinbrücks Heimatland ist: Kein gutes Omen für Gabriels Chancen bei der Bundestagswahl.
3. Die Grünen
Kurz gesagt: Die drei Landtagswahlen in diesem Jahr haben gezeigt, dass der grüne Höhenflug vorbei ist und sie sich wieder auf dem Niveau von 2009 einpendeln. Das mindert die Aussichten auf eine rot-grüne Mehrheit im Bund natürlich enorm. Mindestens eine von beiden Parteien müsste einen Höhenflug hinlegen, wenn es 2013 klappen soll. Ich sehe im Moment nichts Derartiges.
4. Die FDP
„Hurra, wir leben noch!“ So muss die Stimmung bei der FDP sein. Der Abwärtstrend wurde in zwei wichtigen Bundesländern gestoppt. Auch wenn die Erfolge wohl hauptsächlich auf die Person der Spitzenkandidaten zurückzuführen sind, so glaube ich doch, dass sich dieser Erfolg stabilisierend auf die Bundesregierung auswirkt und damit auch Philipp Röslers Situation entschärft. Ich persönlich glaube nicht, dass ein Putsch gegen den Vorsitzenden vor der Bundestagswahl 2013 stattfinden wird.
Eine Ampel im Bund oder irgendeinem Land? Keine Option. Die FDP macht, ähnlich wie die CDU, Wahlkampf gezielt gegen die SPD.
5. Linke und Piraten
Die Linke und die Piraten führe ich in einer Kategorie auf, weil der Aufstieg der Piraten mit dem Niedergang der Linken im Westen eng korreliert. Ich bin immer noch der Meinung, dass die meisten Wähler, die heute die Piraten wählen, 2011 noch zu den Grünen und nicht zu Linken, SPD oder (schon gar nicht) FDP tendierten. Jedoch graben sie der Linken in ihrer wichtigsten Wählersparte das Wasser ab: den Protestwählern. Zwei Drittel der Piratenwähler wählen sie hauptsächlich aus Protest.
Bei der Linken gilt es jetzt abzuwarten, was passiert. Gibt es im Westen eine außerparlamentarische Radikalisierung? Oder gewinnen die Pragmatiker im Osten wieder an Einfluss, jetzt, da Etablierung der Linken langsam wieder schwindet? Wird Oskar Lafontaine die Linke jetzt auf einen harten Anti-SPD-Kurs bringen oder bereitet Dietmar Bartsch sie auf Rot-Grün-Rot vor? Ich weiß es nicht. Jedenfalls kann anders als bei den Piraten als gesichert gelten, dass die Linke im nächsten Bundestag sitzen wird. Als die PDS an der 5%-Hürde scheiterte, hatte sie 1% im Westen. Selbst wenn sie 2013 nur 3% in den alten Bundesländern bekäme, würde das bundesweit immer noch reichen. Außerdem hat sie drei sichere Wahlkreise in Ostberlin.
Was ist zu tun in Bezug auf die Piraten? Sofern sie bis Anfang nächsten Jahres nicht wieder out sind, müssen wir sie so schnell wie möglich „erziehen“ und einbinden; sonst haben wir auf längere Zeit keine Option, den Kanzler zu stellen.
6. Die Sonstigen
Ich habe nie geglaubt, dass Deutschland immun gegenüber Versuchungen von rechts wäre. Weitgehend unbemerkt hat Pro NRW 1,5% geholt. Wenn man bedenkt, dass mindestens 5% der Wähler (zwei Drittel der Piratenwähler von Sonntag) hauptsächlich Protestwähler sind, ist das Potential, über die Sperrklausel zu kommen, da. Vor allen Dingen, wenn sie irgendwann mediale Aufmerksamkeit bekommen. Bisher sind sie, außer bei der bizarren Auseinandersetzung mit den Salafisten, weitgehend ignoriert worden. Nadelstreifen-Rechte sind viel gefährlicher für unser politisches System als Glatzen.
Die SPD gewinnt, weil die anderen Parteien ihre Wähler noch mehr vergrätzen als sie. Wenn man mal nicht auf die Prozentzahlen bei den gültigen Stimmen schaut, sondern auf die Zahlen bei den Wahlberechtigten, dann sieht das so aus:
1990 35,63%
1995 29,26%
2000 24,06%
2005 23,12%
2010 22,46%
2012 23,00%
Ja, ein bisschen besser als das letzte Mal. Aber wirklich beeindruckend ist es meines Erachtens nicht. Bei den anderen Parteien sieht das noch schlechter aus, aber es kann prinzipiell nicht gut sein, wenn die beiden „Volks”-parteien zusammen weniger Stimmen haben als die Nichtwähler.
Wer glaubt, nicht zur Wahl gehen zu müssen, soll das tun. Entscheidend sind die, die etwas tun. Und nicht die, die sich noch nicht einmal dazu aufraffen, am Sonntag zwei Kreuzchen zu machen.
Wenn die einfach nur faul oder dumm oder beides wären, könnte ich Dir zustimmen.
Wenn die Menge der Nichtwähler einen ähnlichen Aufbau hätte wie die Menge der Wähler, könnte ich Dir vielleicht auch noch zustimmen.
Das hier
http://blog.markus-ritter.de/2010/07/20/volksentscheid-in-hamburg/
hatte zwar eine andere Intention, aber es würde mich interessieren, ob es das auch für die Landtagswahl gibt.
Gerade Euch als Sozialdemokraten sollte doch daran gelegen sein, dass Eure Klientel wählen geht, bzw. zu ergründen, warum sie das nicht tut.